Workshop für Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei

Ort
Kobylí
Veranstalter
Werkstatt für Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei; Collegium Carolinum, München; Graduate School for East and Southeast European Studies, München; Herder-Institut für Ostmitteleuropaforschung, Marburg; Historical Geography Research Centre, Prag
Datum
05.06.2015 - 07.06.2015
Von
Jana Piňosová, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Umweltgeschichte wird von ihren Befürwortern nicht selten als „Überdisziplin“ gefeiert. Allerdings handelt es sich dabei nicht um einen Versuch, ein neues master narrative der Geschichtsschreibung zu entwerfen. Umweltgeschichte ist zuvorderst eine Reaktion auf das Bedürfnis, die natürliche Umwelt in den Reflexionsrahmen der Gesellschaft einzubeziehen. Dass diese Aufgabe ein Zusammenspiel verschiedener Disziplinen erfordert, scheint unbestritten. Doch offen bleibt die Frage, in welchem Verhältnis die beteiligten Disziplinen jeweils zueinander stehen. Ist Umweltgeschichte inter-, multi-, trans- oder gar „crossdisziplinär“?[1]

Um diese Frage zu diskutieren, lud die Werkstatt für Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei zu einem Workshop, der vom 5. bis zum 7. Juni 2015 im südmährischen Kobylí stattfand. Der Workshop wurde in Kooperation mit dem Collegium Carolinum (München), der Graduate School for East and Southeast European Studies (München), dem Herder-Institut (Marburg) und dem Historical Geography Research Centre (Prag) organisiert. Der Austragungsort wurde bewusst gewählt. Die hiesige vom Weinanbau geprägte Kulturlandschaft bietet eine Reihe anschaulicher Beispiele von Veränderungen der Landschaft als Folge unterschiedlicher Nutzungen. Eine geführte Exkursion in die Umgebung von Kobylí gehörte daher zum Programm des Workshops.

Einleitend stellte PAVLA ŠIMKOVÁ (München) die Ziele der Tagung vor. Zugleich erinnerte sie an den ersten Workshop, der ein Jahr zuvor in Brünn stattfand und den provokativen Titel „Why Is There So Little Green in Czech and Slovak History?“ trug. Die Ziele des diesjährigen Workshops seien es gewesen, die in Brünn begonnene Diskussion fortzuführen, dem umwelthistorischen Netzwerk eine Plattform zu geben und die Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit zu beleuchten. Die hohe Zahl der Anmeldungen zeige, so Šimková, dass es ein reges Interesse an Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei gibt. Eine besondere, wenn auch erfreuliche Herausforderung stellte für die OrganisatorInnen die Vielzahl der beteiligten Disziplinen. Um den Austausch zwischen den Geistes- und Naturwissenschaftlern zu erleichtern und die Vielzahl der Theorien und Methoden verschiedener Disziplinen zu präsentieren sowie zugleich allen Teilnehmenden die Gelegenheit zu bieten, ihre umwelthistorischen Forschungsvorhaben oder abgeschlossene Projekte vorzustellen, setzten die OrganisatorInnen auf das Format des Workshops und die Implementierung interaktiver Elemente.

In der Keynote verglich JIŘÍ JANÁČ (Prag) die differente Entwicklung der Umweltgeschichte in den USA, Deutschland und Tschechien. Während die US-amerikanische und deutsche Umweltgeschichte seit vielen Jahren ein an Bedeutung gewinnender Ansatz der Historiographie sei, meide die tschechische Historiographie den umwelthistorischen Zugang. Umweltgeschichte werde in Tschechien vielmehr als ein Thema wahrgenommen, das allenfalls in die Sphäre der Naturwissenschaften gehört. Das zeige auch eine Analyse der Themen und Methoden der tschechischen Geschichtswissenschaft seit den 1980er-Jahren bis heute. Die mangelnde Attraktivität des umwelthistorischen Ansatzes für die tschechische Historiographie umschrieb Janáč provokativ als „Ängste und Befürchtungen“. Die Mutlosigkeit der Historiker, sich auf Themen der Umwelt einzulassen, sieht er in der Befürchtung vor Marginalisierung, Ideologisierung und den Herausforderungen der Interdisziplinarität begründet.

Welche wissenschaftlichen Disziplinen sind für umwelthistorische Themen prädestiniert und welche Anknüpfungspunkte für einen Austausch mit anderen Disziplinen bieten sie überhaupt? Allein die fünfundzwanzig in Kobylí versammelten WissenschaftlerInnen vertraten mindestens sechs unterschiedliche Disziplinen. Um den TeilnehmerInnen das Kennenlernen von anderen Disziplinen zu ermöglichen, stellten im Rahmen eines World Cafés ExpertInnen der umwelthistorischen Archäologie (Filip Havlíček), der Geographie (Pavel Chromý), der historischen Klimatologie (Jarmila Burianová) und der Geschichte (Ľudovít Hallon) die jeweiligen Fächer sowie ihre Methoden vor. Anschließend wurde lebhaft über die Vorteile des umwelthistorischen Ansatzes diskutiert. Insbesondere die historischen Geographen haben die Frage aufgeworfen, inwieweit sich der Gegenstand und die Methoden der Umweltgeschichte von denjenigen der historischen Geographie unterscheiden. Andere Einwürfe betrafen den Sinn von disziplinären Grenzen und folglich auch die Frage, ob Interdisziplinarität ein Aufbrechen der Grenzen bedeute. Die kontroverse Diskussion zeigte einerseits, wie unterschiedlich Umweltgeschichte interpretiert werden kann und war andererseits der beste Beleg dafür, wie notwendig es für umwelthistorische Projekte ist, die unterschiedlichen Perspektiven sowie die Herangehensweisen der jeweils anderen Disziplinen zu kennen.

PETER CHRASTINA (Nitra) widmete sich in seinem Vortrag zunächst der Lage der Umweltgeschichte in der Slowakei und stellte dann am Beispiel der Region Batschka (heute zwischen Serbien und Ungarn aufgeteilt) eine seiner Arbeiten zur historischen Rekonstruktion einer Landschaft vor. Umwelthistorische Ansätze, die Chrastina treffend mit „Envirohistória“ umschrieb, wurden in der Slowakei in den 1970er-Jahren im Rahmen der Landschaftsökologie verfolgt. Daran knüpften die Naturwissenschaften an, die in den letzten Jahren diesen Ansatz integrierten. Die Geisteswissenschaften hingegen hätten laut Chrastina den neuen Ansatz nicht reflektiert. Möglicherweise trug die Tatsache dazu bei, dass das Thema der Umwelt nach wie vor als ein naturwissenschaftliches Thema wahrgenommen wird. Ähnlich wie in Tschechien fehle es in der slowakischen Wissenschaft an institutionalisierten Strukturen, die das Aufgreifen umwelthistorischer Fragestellungen sowie eine methodologische Diskussion fördern würden. Doch anders als Janáč sieht Chrastina die Politik in der Verantwortung. Seiner Ansicht nach gab es seitens der HistorikerInnen etliche Versuche, Umweltgeschichte zu institutionalisieren. Doch ohne eine grundlegende Änderung der Wissenschaftspolitik würde die Umweltgeschichte in der Slowakei ein Nischendasein fristen müssen, so seine Schlussfolgerung.

Die anschließende Poster-Session bot die Gelegenheit, Einsicht in insgesamt sechszehn laufende oder abgeschlossene Forschungsprojekte zu bekommen. Entsprechend der Vielzahl der beteiligten Disziplinen war auch das Spektrum der Forschungsrichtungen weit. Es reichte von dem klassischen Thema des Natur- und Umweltschutzes über Themen der in Tschechien traditionell starken land-use-Forschung, die historische Klimatologie, die Kulturgeschichte der Umwelt bis hin zum Feld der umwelthistorischen Archäologie. Zur Illustration des weiten Spektrums seien einige Arbeiten genannt: JAN DOSTALÍK (Brünn) stellte seine abgeschlossene Dissertation zum Faktor der Nachhaltigkeit im tschechoslowakischen Urbanismus und der Flächennutzungsplanung zwischen 1918 und 1968 vor. KAROL HOLLÝ (Bratislava) bearbeitet zurzeit die Geschichte der Planungen und des Scheiterns vom Projekt des tschechoslowakisch-polnischen Nationalparks in der Hohen Tatra in der Zwischenkriegszeit. MARKÉTA ŠANTRŮČKOVÁ (Průhonice) stellte ihr Projekt zum Denkmalschutz von Schlossgärten und -parks vor. Andere Themen der Poster waren unter anderem das Abfallmanagement von Jäger- und Sammler-Gemeinschaften, oder die Wahrnehmung von Naturkatastrophen und die daraus folgende Entwicklung von Vorsorgestrategien. Alle Abstracts sowie die einzelnen Poster werden auf der Homepage der Werkstatt für Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei veröffentlicht.[2]

Zum Abschluss des Tagungsteils fasste ARNOŠT ŠTANZEL (München) die Punkte zusammen, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Workshop zogen. Es ging primär um die Frage: Welchen Mehrwert bietet der umwelthistorische Ansatz und welche Spezifika legitimieren eine ostmitteleuropäische Umweltgeschichte? Es kamen zwei historische Kontexte – die Habsburger Monarchie und das sozialistische Regime – in Betracht, die unter Umständen das Potenzial zur Grenzziehung der Umweltgeschichte Ostmitteleuropas aufweisen. Von besonderem Interesse schien der Punkt zu sein, der eine grundsätzliche Differenz im Umgang mit Umwelt der beiden Nachkriegssysteme voraussetzt und eine Besonderheit der postsozialistischen Erfahrung impliziert. Das zweite Anliegen in der Abschlussdiskussion bestand in der Frage, wie sich das Netzwerk der tschechischen und slowakischen UmwelthistorikerInnen künftig organisieren will und welche anderen Formate des Austauschs zur Verfügung stehen. Die Teilnehmenden sprachen sich dafür aus, sich neben einem alljährlichen Arbeitstreffen für die Austragung von Konferenzen einzusetzen. Vereinbart wurde, der ESEH (European Society for Environmental History) die Austragung der internationalen Summer School im Jahr 2016 vorzuschlagen.

Am letzten Tag des Workshops führte der Biologe RADIM HÉDL die Teilnehmenden in das Biosphärenreservat Pálava. Die Exkursion führte zunächst durch den Wald Děvín, der jahrhundertelang als Niederwald bewirtschaftet wurde. Diese Form der Forstwirtschaft wurde seit dem 14. Jahrhundert bis in die 1950er-Jahre in der gesamten Region betrieben und das heutige Aussehen und Zusammensetzung des Waldes ist immer noch von ihr geprägt. Mit dem sich hier bietenden Bild des bewirtschafteten Waldes kontrastrierte die zweite Station der Exkursion deutlich. Das Naturschutzgebiet Křivé jezero (Schiefer See) umfasst den See, der aus einem Altarm des Flusses Dyje entstand und die umliegenden Auwälder.

War zu Beginn der Tagung die Frage nach den Möglichkeiten der Zusammenarbeit der geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen im Sinne der Umweltgeschichte mit einem großen Fragezeichen versehen, herrschte am Ende des Workshops die Einmütigkeit darüber vor, dass ebensolche Zusammenarbeit möglich und bereichernd sein kann. Wie die Diskussionen und die Exkursion zeigten, gehört im tschechischen und slowakischen wissenschaftlichen Diskurs das Konstrukt der Landschaft eindeutig zu den Feldern, in dem sich beide Richtungen begegnen können. Disziplinäre Grenzen aufzubrechen, ohne das methodologische Grundgerüst der jeweiligen Disziplinen umzustürzen, war das resümierende Anliegen eines Teilnehmers. Die Entscheidung, ob die Zusammenarbeit inter-, multi-, trans- oder „crossdisziplinär“ gestaltet wird, soll dann abhängig von der jeweiligen Forschungsfrage gefällt werden.

Konferenzübersicht:

Pavla Šimková (München), Begrüßung und Einführung in den Workshop

Jiří Janáč (Prag), Die Gemeinde der Historiker und die Umweltgeschichte in Tschechien. „Die Grenzen des Wachstums“

Jana Piňosová (Bonn), Moderation: Was kann Umweltgeschichte den einzelnen Disziplinen bieten? – Umwelthistorische Perspektiven – Anwendungsbeispiele im Rahmen verschiedener Disziplinen: Archäologie, Historische Klimatologie, Geschichtswissenschaft, Geographie

Peter Chrastina (Nitra), Umweltgeschichte in der Slowakei: Vergangenheit, Gegenwart und Perspektiven

Poster Session: Vorstellung von 16 umwelthistorischen Projekten im Rahmen der tschechischen und der slowakischen Geschichte

Arnošt Štanzel (München), Und weiter? Abschlussdiskussion zu thematischen und organisatorischen Perspektiven für die Umweltgeschichte in Tschechien und der Slowakei

Radim Hédl, Exkursion im Naturschutzgebiet Pálava: Wald Děvín und Křivé jezero

Anmerkungen:
[1] Die Herausforderung, eine Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen an umwelthistorischen Fragestellungen zu beteiligen, war unlängst Thema eines in der Reihe „Perspectives“ erschienenen Bandes des Rachel Carson Center in München: vgl. Robert Emmet / Frank Zelko (Hrsg.), Minding the Gap. Working Across Disciplines in Environmental Studies (RCC Perspectives 2014/2), München 2014.
[2] Alle Abstracts sowie die einzelnen Poster werden am 1.8.2015 auf der Homepage der Werkstatt für Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei veröffentlicht <http://environmentalni-dejiny.org/>.

Zitation
Tagungsbericht: Workshop für Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei, 05.06.2015 – 07.06.2015 Kobylí, in: H-Soz-Kult, 05.08.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6111>.