Politikstile und die Sichtbarkeit von Politik in der Frühen Neuzeit

Ort
München
Veranstalter
Zentralinstitut für Kunstgeschichte; Ludwig-Maximilians-Universität München: Technische Universität München
Datum
10.06.2015 - 12.06.2015
Von
Isabella Cramer, Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München

Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte, die Ludwig-Maximilians-Universität München sowie die Technische Universität München luden vom 10.–12. Juni 2015 zu der internationalen und interdisziplinär ausgerichteten Tagung „Politikstile und die Sichtbarkeit von Politik in der Frühen Neuzeit“ in die Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München ein. Drei Tage lang diskutierten TagungsteilnehmerInnen und ReferentInnen aus der Kunst- und Architekturgeschichte, den Geschichtswissenschaften sowie der Musikwissenschaft über die ästhetische Dimension des Politischen in der Frühen Neuzeit. Die Fragen nach herrschaftlicher Repräsentation und Kommunikation mit ästhetischen Mitteln standen dabei ebenso im Zentrum des Interesses wie die Politisierung von Kunstwerken. Darüber hinaus waren der oftmals vernachlässigte Dialog zwischen Kunst- und Geschichtswissenschaften sowie die Forcierung einer Kunstgeschichte des Politischen zentrale Anliegen der Tagung, auf die DIETRICH ERBEN (München), neben Christine Tauber (München), Barbara Stollberg-Rilinger (Münster) und Gerrit Walther (Wuppertal) einer der Organisatoren, einleitend aufmerksam machte. Methodisch bewegte sich die Tagung zwischen politischer Ikonographie und herrschaftsgeschichtlicher Historiographie.

Die erste Sektion über Politik- und Stilbegriffe in der Frühen Neuzeit eröffnete BARBARA STOLLBERG-RILINGER (Münster). Ausgehend von der Feststellung, dass „Politikstil“ gegenwärtig zwar ein häufig verwendeter, aber wissenschaftlich ungeklärter Begriff sei, stellte sie die Frage, ob „Stil“ heute überhaupt kategorientauglich sei. Ihr Vortrag beleuchtete den Stilbegriff aus historischer Perspektive. Trotz dessen inflationärer Verwendung (Nationalstil, Epochenstil, Gattungsstil, Verhaltensstil) in der Zeit um 1900 sei gemeinsames Merkmal aller „Stilbewegungen“ deren Suche nach einem sich in der Kunst manifestierenden Zeitgeist gewesen. Zudem verlange der Terminus immer nach der Verbindung einer individuellen Form mit einem allgemeinen Symbolsystem – so auch der Politikstil.

Erben wies bereits in seiner Einleitung auf einen Zusammenhang von Stilbegrifflichkeit der Kunstgeschichte und der Sehnsucht nach einem umfassenden Lebensstil um 1900 hin. Die Kunstgeschichte reformalisierte in der Folge jedoch den Stilbegriff, weshalb er in den Geisteswissenschaften im Allgemeinen heute aus der Mode gekommen sei. Stil lässt sich nicht nur als formale Eigenschaft, sondern ebenso als Kommunikationsmedium verstehen. Dementsprechend erklärte Erben die „Ästhetisierung der Politik“ (Walter Benjamin), die Ausdehnung ästhetisch orientierter zu Lasten instrumenteller Praktiken, zum Untersuchungsgegenstand der Tagung. Stollberg-Rilinger unterstrich diese Interpretation des Stilbegriffs: Stil sei keine substantielle Eigenschaft, sondern Ergebnis eines Kommunikationsprozesses zwischen den Akteuren. Der Stilbegriff der Tagungsveranstalter wurde in der Folge verwendet, um nach der ästhetischen Inszenierung von Herrschaftsträgern und deren Interaktionen mit dem Volk und / oder anderen Herrschern zu fragen. Somit eignet sich der Begriff offenbar zur hermeneutischen Analyse. Stollberg-Rilinger brachte dialektisch angelegte Kategorien zur analytischen Erfassung des Phänomens in Vorschlag, wie hoher versus niedriger Stil oder aristokratischer versus bürgerlicher Stil, auf die in der Folge mehrere TagungsteilnehmerInnen Bezug nahmen.

WOLFGANG E. J. WEBER (Augsburg) ergänzte die theoretischen Ausführungen zu Stilbegriff und Politikstil, indem er Politiktheorien des 16. und 17. Jahrhunderts nach Aussagen über die ästhetische Dimension des Politischen durchsuchte. Dabei stellte er die zunehmende Differenzierung des politischen Systems heraus. In Traktaten ab dem 16. Jahrhundert sei eine Operationalisierung von Schönheit / Ästhetik zum Herrscherlob und der Herrschererziehung zu konstatieren. Ausprägungen wie der Lipsianismus oder die durch ihn eröffneten neuaristotelischen Ansätze integrierten bereits in der frühneuzeitlichen Politiktheorie ästhetische Aspekte. Erben ergänzte, dass Architekturtheorien dieser Zeit auch politische Funktionszuschreibungen beinhalteten.

Es folgten mehrere Beiträge, die anhand von Architektur, Bildhauerei, Malerei und Musik die Relationen sowie Interdependenzen von Kunst und Politik, Künstler und Herrscher, Politikstil und Herrschaftspraxis untersuchten.

ULRICH PFISTERER (München) präsentierte mit Oskar Garvens Zeichnung „Der Bildhauer Deutschlands“, die Adolf Hitler bei der bildhauerischen Tätigkeit zeigt und 1933 in dem Satiremagazin Kladderadatsch (86. Jg., Nr. 49, 3.12.1933) erschien, ein Beispiel für eine perfekte Entsprechung von Politik und Kunst als Schaffung von neuen Formen auf einer tabula rasa. Die bei dieser Zeichnung festzustellende Analogisierung von Politik- und Kunststil ist in der Kunst bis ins 18. Jahrhundert selten anzutreffen, auch wenn sie heute selbstverständlich erscheint. Im weiteren Verlauf legte Pfisterer dar, warum die Büste Peters des Großen von Bartolomeo Carlo Rastrelli (1723–29) eine entscheidende Zäsur in dieser Entwicklung bedeuten könnte, wenn man der Frage nachgeht, ab wann in der Darstellung künstlerisch tätiger Herrscher Politik- und Kunststil als gegenseitige Verweissysteme verwendet wurden. Pfisterer argumentierte, dass eine Darstellung auf dem Brustpanzer der Büste Peter als Bildhauer des neuen Russlands zeige. Peter identifiziert sich somit mit dem neuen Russland, welches er selber bildhauerisch, schöpferisch hervorbringt. Pfisterer unterstrich, dass es dabei nicht lediglich um das Motiv eines malenden oder bildhauernden Herrschers ginge, das schon früher bekannt ist, wie die Darstellung Cosimos I. de’ Medici von Giorgio Vasari in der Sala dei Cinquecento im Palazzo Vecchio belegt, die den Fürsten bei der Planung der Einnahme von Siena darstellt, sondern um die konkrete Umsetzung eines bestimmten und individuell ausgerichteten Politikstils.

Anschließend dienten die Innenausmalung sowie die Architektur des Palazzo del Te in Mantua CHRISTINE TAUBER (München) als Fallstudie, um das Herrschaftskonzept Federico Gonzagas anhand von Strukturgeneralisierungen herauszuarbeiten. Im Rahmen einer neuartigen Patronagebeziehung gestand Federico seinem Hofkünstler Giulio Romano eigenmächtige künstlerische Hervorbringungen zu, da nur der Künstler über das von ihm benötigte autonome Symbolisierungspotential verfügte. Romano erhielt im Gegenzug eine entsprechende Alimentierung. Zwischen dem Herrscher und dem Künstler bestand damit ein reziprokes Abhängigkeitsverhältnis. Durch eine strukturelle Habituskongruenz kann gewährleistet werden, dass das Kunstwerk den Repräsentationsbedürfnissen des Herrschers entspricht, ohne dass er in die konkrete Werkgenese eingreift. Der Sprache als Kommunikationsmittel bedarf es in diesem Fall weitgehender Kongruenz von künstlerischem Stil und Politikstil kaum noch.

Tauber deutete Fresken wie den Polyphem oder Jupiter und Olympias in der Camera di Psiche als Rollenporträts Gonzagas, die einen selbstironischen Spielraum eröffnen. Die durch Spott gebrochenen Darstellungen fungieren zugleich als subtilisiertes Herrscherlob. In einer sehr spezifischen Form der Stilisierung von Privatheit und otium in dem peripher gelegenen Palazzo, der ihm und seiner Geliebten als Lustschloss diente, bediente sich Federico einer Selbstdarstellung, die es nicht nötig hat, sich als machtvoll zu repräsentieren.

Der Palazzo del Te verwehrt seinen Besuchern eine klare Deutung des Dargestellten, somit auch den Einblick in die Regierungskünste Gonzagas; er allein durchschaute die Arcana Imperii. Der Betrachter sollte der Übermacht dieser künstlerischen Welt, die unter anderem durch verschiedene Raumdispositionen, Materialkontraste, wechselnde Raumgrößen, Farbigkeiten und Maßstabssprünge erzeugt wurde, ausgeliefert sein. Ästhetische Prinzipien wie variatio und bizarrie waren darauf ausgerichtet, den Betrachter zu fordern, wenn nicht zu überfordern. Dadurch entstand eine Ästhetik der Überwältigung, die bis in die perzeptive Krise reichen konnte.

Giulio Romano spielte seine künstlerische Autonomie demonstrativ aus, indem er beispielsweise in der Sala dei Giganti die Architektur als in ihrem Zusammenbruch befindlich und in ihrer Scheinhaftigkeit darstellte. Tauber interpretierte das im Kontext der Patronagebeziehung mit Giulios Selbstverständnis, weder sich noch seine Kunst und Architektur instrumentalisieren zu lassen. Er schuf damit einen autonomen Raum, eröffnete seinem Auftraggeber aber auch eine fiktionale Sicht auf seine Herrschaft, indem er Jupiter als dessen Double zentral an der Decke der Sala dei Giganti platzierte.

MARTIN WARNKE (Hamburg) nahm in seinem Abendvortrag das Rahmenwerk frühneuzeitlicher Herrschaftsdarstellungen in den Blick. Ein Stich von Enea Vico, der das Bildnis Karls V. in einer aufwendigen Rahmung aus Architektur und sieben Allegorien zeigt, beschrieb Warnke als Beispiel eines neuen Bildnistyps, bei dem der Herrscher von Tugenden und symbolischen Figuren umgeben ist, wobei diese nicht als Rollenmodelle, sondern als Anforderungsprofil an den Herrscher zu interpretieren sind. Abschließend betonte Warnke, dass es für die politische Ikonographie im Gegensatz zur christlichen nicht immer evident sei, dass Kunst belehren solle oder als belehrend rezipiert werde. Als Beispiel dafür führte er die Überreichung eines von Hans Fugger angefertigten Schreibtischs an Ferdinand II. im Jahr 1587 an, bei der Fugger die angebrachten Elemente im Hinblick darauf erläuterte, wie sich der Herrscher zu verhalten habe; diese wurden also nicht panegyrisch, sondern didaktisch eingesetzt.

ULRICH HEINEN (Wuppertal) konzentrierte sich zu Beginn des zweiten Tagungstages bei der Diskussion verschiedener Rubens-Gemälde auf die sichtbare Argumentation durch das Kunstwerk als ein Charakteristikum des Politikstils im 17. Jahrhundert. Dabei lag sein Fokus auf der Handlung, die er als Aushandeln und nicht als Deklarieren von Status definierte. Er zeigte mit Bildern wie „Venus, Mars und Amor“ (London, Dulwich Picture Gallery, um 1630) oder des von Charles I. in Auftrag gegebenen „Krieg und Frieden (Allegorie des Friedens)“ (London, National Gallery, ca. 1629–30), dass Politik Bilder als dynamische Agenten im diplomatischen Verkehr nutzte. Heinen führte weiter aus, dass in „Venus, Mars und Amor“ ein performativer Vorgang der Bildentwicklung aufgezeigt wird, der das diplomatische Geschehen der Zeit mit der Entkleidung von Mars als Abrüstungshinweis spiegelte. Anhand von „Krieg und Frieden“ konnte Heinen eine neue Form von Stilpolitik aufzeigen, die mittels Allegorien, Personifikationen und Emblemata im Vorfeld des politischen Handelns zum Einsatz kam.

DIETRICH ERBEN (München) betonte in seinem Vortrag, dass Kunst und Architektur nicht allein Symbolisierungen eines Herrschaftsanspruchs darstellten, sondern ebenso Arbeit an und mit der Wirklichkeit. In diesem Kontext wies er auf den fiktionalen Charakter von Politik hin: Politik bedürfe nicht nur der Bilder als kommunikativer Mittel, sondern sei darüber hinaus selbst ein Bild, eine Fiktion. Die Architektur der Florentiner Uffizien und die des Mercato Nuovo interpretierte Erben als Medium ihrer politischen Funktionen, der Bürokratie. Die Uffizien versammelten alle 13 Magistrate der Stadt an diesem locus conspectus, wodurch die Bürger von der Autorität des Gesetzes überzeugt und zum „guten“ Handeln angeleitet werden sollten. Die Stilpolitik Cosimos I. de’ Medici drückte sich in weiteren architektonischen Maßnahmen aus, wie etwa in der Umgestaltung von mittelalterlichen Kirchen. Den Tridentinischen Vorgaben folgend, wurden die Lettner entfernt, die Familienkapellen abgerissen und mit Altären in einer einheitlichen Ädikularahmung ausgestattet. Der Abriss des Lettners ermöglichte einen freien Blick auf den Hauptaltar und ist insofern ebenfalls als bürokratische Maßnahme zu verstehen, weil damit eine Disziplinierung der Glaubensausübung (durch Sichtbarkeit) verbunden war.

EVA KREMS (Münster) untersuchte in ihrem, die Sektion „Staatsgewalt und konkurrierende Zeichensysteme“ abschließenden Vortrag die Ästhetisierung des Stadtraums im frühen 18. Jahrhundert. Wie Krems am Beispiel der Wittelsbacher in München zeigte, lässt sich dieser Prozess einer zunehmenden und polyvalenten Ästhetisierung von der Mariensäule auf dem Marienplatz bis in das Miniaturenkabinett in der Münchner Residenz aufzeigen. Die Fassade der Residenz bestimmte Krems als medial inszenierten Schwellenort. Die als zu schlicht und uniform empfundene Gestaltung der Residenzfassade wurde von den Zeitgenossen vielfach kritisiert. Das mit dieser Formgebung verbundene politische Ziel war die Demonstration religiöser Tugendhaftigkeit. Die Residenzgalerie als Außen und Innen verbindendes Element diente der medialen Inszenierung des wittelsbacherischen Selbstverständnisses. Die Innenarchitektur der Zimmer aus verschiedenen Entstehungszeiten wurde hierbei nicht vereinheitlicht, sondern als Ausdruck von Traditionsverbundenheit beibehalten. So kulminierte die Sakralität des Stadtraums im Inneren der Residenz im visuellen Spektakel luxuriöser Prachtentfaltung von Spiegel- und Miniaturenkabinett, die jedoch nur noch den „Hausherren“ selbst zugänglich waren, die dort reine dynastische Selbstbespiegelung betrieben.

PHILIPPE BORDES (Lyon / Paris) diskutierte in seinem Beitrag Interaktionen zwischen Stil und Politik im französischen Rokoko. Seine Ausgangsfrage war, wie das Rokoko als primär dekorativer Stil überhaupt politisch sein konnte. Insbesondere in den 1740er- und 1750er-Jahren zog es durch seine neuen, bizarren Formen vielfach Kritik auf sich und fiel in Frankreich ab Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend in Ungnade, da es als Ausdruck der Dekadenz der französischen Monarchie seit Ludwig XIV galt. 1794 fragte dann Jean-Joseph Espercieux, wie man die Kunst republikanisieren könne, und warf den Künsten der vergangenen Dekaden Prostitution vor. Die Französische Revolution forderte einen männlichen Stil der wahrhaftigen, republikanischen Kunst. Im Gegensatz dazu war das Rokoko feminin konnotiert und sowohl mit Luxus als auch mit dem Ancien Regime verknüpft; seine farbikonographische Ausprägung fand dies in der Modefarbe Rosa. Abschließend zeigte Bordes mit der Darstellung einer Virtus in einer Rokoko-Rahmung, dass die Französische Revolution sowohl dem Rokoko, das mit Natur assoziiert wurde, als auch dem Classicisme, welcher ausschließlich artifiziell konnotiert war, ein Ende bereitete.

WOLFGANG HARDTWIG (Berlin / München) beschloss die Tagung mit einem weit ausgreifenden Vortrag, der den Wandel von Politikstilen von 1800 bis 1945 in den Blick nahm. Den Begriff „Politikstil“ wollte er nur tentativ handhaben, das Konzept aber mit seinen Überlegungen „testen“; er begab sich auf die Suche nach einem Entwicklungsprinzip von Politikstilen in der Moderne. Die Repräsentation des Politischen in stilmäßig erfassbaren künstlerischen Ausdrucksformen spiegle die teils revolutionäre, teils evolutionäre Transformation von der ständischen zur industriellen Gesellschaft, vom monarchischen Obrigkeitsstaat zu Demokratie bzw. faschistischer Herrschaft sowie vom alteuropäisch-geistbestimmten zum modern auf materiellen Bedürfnissen und Triebstrukturen basierenden Menschenbild und seiner Zielperspektive eines „neuen Menschen“.

Reformstaat, bürgerlich-industrielle Gesellschaft und bürgerliche Öffentlichkeit führten zum Ende des Schlossbaus. An dessen Stelle trat das an einem bildungsbürgerlichen Schönheitsideal orientierte Museum als Symbol eines politischen Ausgleichs zwischen Monarchie und bürgerlichem Partizipationsanspruch. Mit dem Aufstieg der sozial „unteren Welten“ in der Industrialisierung entstand auch ein neuer Blick auf die „unteren Welten“ der Menschennatur in Gestalt der Triebe und deren Domestizierung. Spätestens mit den Radierungen Max Klingers in den 1880er-Jahren werden antizivilisatorische Durchbrüche in Angstvisionen und Gewalttaten darstellungswürdig. Das implizit politische Pathos einer neuen Freiheit von Körper und Sexualität floss in Gewaltphantasien ein, die auch die Kriegsbegeisterung von 1914 inspirierten. Dagegen artikulierte sich in den veristischen und / oder symbolisch verdichteten Darstellungen von Krieg und dessen Opfern ein letztlich gewaltkritischer „politischer Stil“, auf den dann wiederum das faschistische Körperideal des „NS-Stils“ reagierte. Die Abgrenzung, was hier politisch oder nicht-politisch sei, bereite, so Hardtwig, Schwierigkeiten. Seit der Einsicht Napoleons, dass Politik das Schicksal aller sei, könne sich aber kein Wirklichkeitsbereich mehr einer politischen Perspektivierung entziehen.

Der durch diese interdisziplinär ausgerichtete Tagung initiierte Dialog zwischen Kunst- und Geschichtswissenschaften resultierte in vielfältigen Perspektiven und teils kontroversen Diskussionen über die ästhetische Dimension des Politischen in der Frühen Neuzeit. Dabei leisteten alle Referate in ihrer Dis­pa­ri­tät dezidiert einen Beitrag zu einer Kunstgeschichte des Politischen und kamen somit dem Anliegen der Veranstalter nach einer Forcierung der Kunstgeschichte des Politischen nach. Es konnte insgesamt gezeigt werden, dass Politik und Herrschaft sowie Ästhetik in der Frühen Neuzeit oftmals untrennbar miteinander verbunden sind, und nur unter Berücksichtigung dieses wechselseitig wirkenden Gefüges angemessen analysiert und interpretiert werden können. Darüber hinaus zeigte sich in den Tagungsbeiträgen weitestgehend eine Kongruenz methodischer Rahmenbedingungen. Jedoch differierten diese nicht nur im Hinblick auf die spezifischen Untersuchungsgegenstände, sondern auch in ihrer Verwendung und Definition von „Politikstil“. Diese verschiedenen Herangehensweisen der TagungsteilnehmerInnen an den Begriff „Politikstil“ verdeutlichen, dass vor allem ein fächerübergreifender Diskurs zwar von begrifflichen Unschärfen und Unklarheiten begleitet sein kann; aber genau dieses Diskutieren von verschiedenen Ansätzen, Begriffen und Perspektiven ermöglicht wiederum das Entstehen von vielschichtigen, neuen und/oder modifizierten Forschungsansätzen sowie -fragen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung durch die Organisatoren

Sektion I: Politik- und Stilbegriffe in der Frühen Neuzeit
Moderation: Gerrit Walther (Wuppertal)

Barbara Stollberg-Rilinger (Münster), Einführung: Politikstile und symbolische Kommunikation

Wolfgang E. J. Weber (Augsburg), Ästhetisierung versus Pragmatik: Bemerkungen zur Wahrnehmung und Aneignung von ‚Kunst‘ in der politischen Theorie der Frühen Neuzeit

Ulrich Pfisterer (München), Der Fürst als Künstler seines Reiches: Malende und bildhauernde Potentaten

Christine Tauber (München), Künstlerisch den Raum beherrschen: Malerische und politische Dominanz im Palazzo del Te in Mantua

Mark Hengerer (München), Zum Wandel von Politik- und Repräsentationsstilen in der Zeit Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. im europäischen Vergleich

Abendvortrag
Martin Warnke (Hamburg),
Herrschaft und Partizipation: Regimentale Kunst und der Einfluss der Adressaten

Sektion II: Antikenrezeption und Stiltransfer
Moderation: Christine Tauber (München)

Ulrich Heinen (Wuppertal), Sichtbare Argumentation als Beitrag zum Politikstil im 17. Jahrhundert

Gerrit Walther (Wuppertal), Adlige Politikstile der Frühen Neuzeit

Klaus Pietschmann (Mainz), Die Hochzeitsopern der 1660er-Jahre als Auslöser konkurrierender höfischer Opernproduktion in Europa

Sektion III: Staatsgewalt und konkurrierende Zeichensysteme
Moderation: Dietrich Erben (München)

Godehard Janzing (Paris), Griff zur Macht. Der Kommandostab im Herrscherbild der Frühen Neuzeit

Etienne Jollet (New York / Paris), Zum Fundament der Macht: Die Pariser Königsdenkmäler

Dietrich Erben (München), Die Fiktion der Politik und die Schönheit der Bürokratie – Baupolitik unter Cosimo I de’ Medici

Eva Krems (Münster),
Konkurrenz oder Koexistenz? Differierende Raumkonzepte bei den Wittelsbachern im frühen 18. Jahrhundert

Sektion IV: Politikstile seit der Aufklärung
Moderation: Barbara Stollberg-Rilinger (Münster)

Wolfgang Brückle (Bern), Die Aufgeklärten. Politischer Umgang und Umgang mit „Stil“ im späten 18. Jahrhundert

Philippe Bordes (Lyon / Paris), Political Aspects of the Rococo in France

Wolfgang Hardtwig (Berlin / München), Politikstile 1870–1939

Zitation
Tagungsbericht: Politikstile und die Sichtbarkeit von Politik in der Frühen Neuzeit, 10.06.2015 – 12.06.2015 München, in: H-Soz-Kult, 11.08.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6122>.