Das Kriegsende in Sachsen. Militärische Gewalt – Vertreibung – Neubeginn

Ort
Chemnitz
Veranstalter
Professur für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Technische Universität Chemnitz
Datum
10.07.2015
Von
Matthias Bittner, Chemnitz

Im Jahr 2015 jährte sich das Kriegsende zum 70. Mal. Aus diesem Anlass realisierte die Professur für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der Technischen Universität Chemnitz in Kooperation mit dem Schlossbergmuseum Chemnitz eine wissenschaftliche Konferenz, welche die vielfältigen Facetten von Krieg und Gewalt, Vertreibung und Neubeginn in Sachsen beleuchtete.

In seinem Eröffnungsvortrag wies HENDRIK THOSS (Chemnitz) auf neue Facetten in der Erinnerungskultur zum Kriegsende 1945 hin. Er konstatierte den Bedeutungswandel des Befreiungsbegriffes und verwies auf das Ziel der Konferenz, neben den verschiedenen Vorgehensweisen der Amerikaner und Russen bei der Eroberung Sachsens die differenzierte wissenschaftliche Betrachtungsweise des Begriffs der „Befreiung” auf regionaler Perspektive herauszuarbeiten.

Die Wichtigkeit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg aufgrund der Präsenz im aktuellen tagespolitischen Diskurs betonte JENS BAUMANN (Dresden). Er verwies auf den zentralen Aspekt der Integration der zahlreichen Vertriebenen nach 1945 in Sachsen und stellte sogleich den Bezug zur gegenwärtigen Flüchtlingspolitik und -problematik her.

Einem forschungsgeschichtlichen Desiderat widmete sich DIRK REITZ (Dresden) mit der Betrachtung der militärischen Operationen und den Rahmenbedingungen des Kriegsendes in Mitteldeutschland respektive Sachsen. Ausgehend vom Zusammenbruch der deutschen Fronten 1943/44 und der zunehmenden Durchdringung der Wehrmacht durch die Nationalsozialisten schilderte Reitz kurz und prägnant den alliierten Vormarsch, die Bildung des Volkssturmes und auch die Standgerichte, welche die deutsche Zivilbevölkerung in das Kriegsgeschehen unmittelbar miteinbezogen. Reitz rekonstruierte ebenfalls die grundlegend verschiedenen Behandlungsweisen der deutschen Zivilbevölkerung durch die Russen einerseits, welche durch permanente Gewalterfahrung geprägt war und durch die Amerikaner andererseits. Sachsen, so Reitz bildete in den alliierten Planungen nur einen Nebenkriegsschauplatz, wo es partiell, wie um Bautzen, zu heftigen Kampfhandlungen kam. Mit Ausnahme von Ostsachsen wurde der spätere Freistaat nicht erobert, sondern hauptsächlich besetzt.

Eingehender mit der Besetzung und Eroberung Sachsens beschäftigte sich MARIO H. MÜLLER (Chemnitz). Den Schwerpunkt der Analyse bildete die Frage nach den unterschiedlichen Formen der Besetzung Sachsens und die differenzierte Anwendung des Befreiungsbegriffes. Von der Bevölkerung in West- und Mittelsachsen wurden die Amerikaner vielfach als Befreier von Krieg und Diktatur begrüßt. Im Gegensatz dazu verliefen die Kämpfe der Roten Armee oft zäher und brutaler, was zu zahlreichen Verlusten auf beiden Seiten führte. In Ostsachsen kam es zu Gewaltexzessen gegen die Zivilbevölkerung wie auch gegen Kriegsgefangene. Müller nannte diesbezüglich zahlreiche Verbrechen von sowjetischer wie auch von deutscher Seite und ordnete jene Taten in den Gesamtkomplex des Vernichtungskrieges ein. Abschließend behandelte Müller den Mythos von der vermeintlichen Freien Republik Schwarzenberg, einem bis Juni 1945 unbesetztem Gebiet im Erzgebirge. Letztlich ist der Begriff der „Befreiung” für Sachsen nicht pauschal anwendbar: im Westen sei eine Befreiung durch die Amerikaner durchaus zutreffend gewesen, im Osten allerdings wurde eine Diktatur durch eine andere ersetzt.

Der Leiter des Chemnitzer Schlossbergmuseums, UWE FIEDLER (Chemnitz), referierte über das Schicksal von Kindern im Luftkrieg um Mitteldeutschland 1944/45. Neben den persönlichen Schicksalen bettete er jene Erlebnisse in den Gesamtzusammenhang des Luftkrieges ein und erläuterte die strategischen Ziele der Angriffe, welchen allein in Chemnitz über 675 Kinder zum Opfer fielen. Arthur Harris, Oberbefehlshaber der britischen Royal Air Force, wollte seine Bomberflotten nicht nur gegen wirtschaftliche und militärische Ziele richten, sondern direkt gegen die Moral der Zivilbevölkerung und deren Durchhaltewillen. Sachsen wurde ab 1944 Ziel von Luftangriffen, die primär die Industrie und Infrastruktur zerstören und die Bodenoffensiven der eigenen Truppen unterstützen sollten. Gleichzeitig richteten sich die Luftschläge explizit gegen die Zivilbevölkerung.

GERD NAUMANN (Plauen), stellvertretender Direktor des Vogtlandmuseums in Plauen, nahm Bezug auf die Thematiken Luftkrieg und Besetzung Sachsens und widmete sich den regionalen Beispielen Plauen und dem Vogtland. Er schilderte die Besonderheiten in der Schlussphase des Krieges, wozu die schweren Zerstörungen und die hohe Zahl an zivilen Opfern einerseits gehörten, andererseits die verschiedenen Phasen der Besetzung durch die Amerikaner im April und Mai 1945.

Zu den unmittelbaren Folgen des Krieges zählten nicht nur Eroberung, Zerstörung und Besetzung, sondern auch die Vertreibung von vielen Millionen Menschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße. Über die Ankunft und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg referierte UTA BRETSCHNEIDER (Dresden). Mehr als eine Millionen Flüchtlinge, die in der SBZ euphemistisch als „Umsiedler” bezeichnet wurden, kamen seit 1945 nach Sachsen und hatten mit traumatischen Erlebnissen zu kämpfen, da sie zum Teil von den eigenen Landsleuten als Fremde abgelehnt und sozial deklassiert wurden. Gleichzeitig kam es auch zu Unterstützung und Solidarität in der neuen Heimat. Die tatsächliche Integration der Vertriebenen war ein langwieriger Prozess – erst die zweite Generation wurde vollständig in der DDR sozialisiert, auch, weil das Thema der Flucht in der Öffentlichkeit tabuisiert wurde. Mit der Vereinigung 1990 eröffneten sich für die Betroffenen neue Möglichkeiten der Erinnerung. Erst jetzt wurde ihnen die Dimension des Heimatverlustes vollständig bewusst.

Den Abschluss der Konferenz bildete ein Ausblick auf die politischen Weichenstellungen in Sachsen respektive der SBZ / DDR nach 1945. MIKE SCHMEITZNER (Dresden) widmete sich in seinem Vortrag der Frage der Demokratisierung und der Diktaturdurchsetzung in Sachsen. Er konstatierte einerseits ein Anknüpfen an die Politik der Weimarer Zeit, wofür etwa die Etablierung von Parteien, einer direkten und repräsentativen Demokratie sowie die Verabschiedung einer Verfassung 1947 mit der Aufnahme von Grundrechten sprechen. Konterkariert wurde diese, durchaus demokratische Vorgehensweise, andererseits durch die Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED und deren sukzessivem Ausbau zur Hegemonial- und Staatspartei. Folgende Entwicklungen wie die sogenannte Bodenreform, die Säuberungen der Verwaltung und der Aufbau der staatlichen Planwirtschaft müssen als Machtsicherung der Kommunisten betrachtet werden. Stalins Vorgehensweise lässt sich in dieser Hinsicht nur unter dem Gesichtspunkt nachvollziehen, dass er davon ausging, Deutschland als „Ganzes” zu betrachten und womöglich in seinen Machtbereich zu integrieren und mit einer sofortigen vollständigen Sowjetisierung seiner Besatzungszone die Westmächte nicht zu brüskieren.

Resümierend bleibt festzuhalten, dass die Tagung Einblicke in neue Facetten der Erinnerungskultur an das Kriegsende in Sachsen 1945 geboten hat. Vor allem wurde der Begriff der „Befreiung” unter der Berücksichtigung der Vorgehensweise der US-Amerikaner und Sowjets in Sachsen neu verortet. Aber nicht nur die kriegerischen Ereignisse standen im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern ebenfalls die unmittelbaren Folgen für die Bevölkerung. Neben der zweigleisigen Etablierung der kommunistischen Diktatur in Sachsen wurde mit der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen ein Desiderat auf landesgeschichtlicher Ebene analysiert.

Konferenzübersicht:

Hendrik Thoß (Chemnitz), Begrüßung und Eröffnung. Sachsen 1945-2015. Das Kriegsende in der Erinnerung an militärischer Gewalt, Vertreibung und Neubeginn.

Jens Baumann (Dresden), Grußwort

Dirk Reitz (Dresden), Operationsgeschichtliche Aspekte des Kriegsendes 1944/45 – Krieg innerhalb der Landesgrenzen.

Mario H. Müller (Chemnitz), Die territoriale Besetzung Sachsens 1945. Zerrissenes Land: Vertreibung und Flucht im Osten – ungewisse Zukunft im Westen.

Uwe Fiedler (Chemnitz), Kinder im Luftkrieg. Eine Chemnitzer Fallstudie.

Gerd Naumann (Plauen), Finale fernab der Metropolen – Das Kriegsende in Plauen und dem Vogtland.

Uta Bretschneider (Dresden), „Zufallsheimat” Sachsen. Ankunft und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mike Schmeitzner (Dresden), Demokratisierung oder Diktaturdurchsetzung? Zur Systemtransformation in der SBZ / DDR 1945-1950.

Zitation
Tagungsbericht: Das Kriegsende in Sachsen. Militärische Gewalt – Vertreibung – Neubeginn, 10.07.2015 Chemnitz, in: H-Soz-Kult, 15.09.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6160>.