Männer mit Makel. Geschlechtsidentitäten und Gesellschaftsordnung in Deutschland und Europa nach 1945

Ort
München
Veranstalter
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin
Datum
25.06.2015 - 26.06.2015
Von
Julia Maclachlan, University of Manchester

Während in der gendergeschichtlich orientierten Zeitgeschichtsforschung Identitätskonstruktionen, gesellschaftliche Rollenerwartungen und Sebstbehauptungspraktiken von bzw. an Frauen ein etabliertes Untersuchungsfeld darstellt, werden Männer im deutschsprachigen Forschungsraum selten zum Gegenstand gemacht. Und so stehen differenzierten Erkenntnissen über die Restriktionen und Entfaltungsräume weiblicher Selbstentwürfe die vergleichsweise pauschalen Thesen einer „Remaskulinisierung“ der Bundesrepublik nach 1945 oder einer „Affirmation traditioneller Geschlechterrollen“ in den 1950er und 1960er Jahren gegenüber. Dazu nahm der von Bernhard Gotto und Elke Seefried organisierte Workshop eine Gegenperspektive ein: Gestützt auf das Konzept „hegemonialer“ bzw. „marginalisierter“ Männlichkeiten (Raewyn Connell) stellte er Männer ins Zentrum, die dem Idealbild des hart arbeitender Familienvaters und Ehemannes nicht entsprachen. Aus dieser Perspektive beleuchteten die Beiträge das Wechselverhältnis zwischen Selbstentwurf und sozialer Ordnung, um sich der von BERNHARD GOTTO (München) in seiner Einführung aufgeworfenen Frage zu nähern, in welcher Weise die Auseinandersetzung mit alternativen Männlichkeitsentwürfen Prozesse der „Fundamentalliberalisierung“ (Ulrich Herbert) befördere, also Individualisierung, Pluralisierung und die Entstandardisierung von Lebensentwürfen.

Das erste Panel mit dem Titel „Disziplinierung schwieriger Männer‘“, eröffnete FRIEDERIKE BRÜHÖFENER (McAllen/Texas), deren Vortrag zu Soldaten mit Makel im militärpolitischen Diskurs während der Aufbauphase der Bundeswehr vor allem die zentrale Rolle des Soldaten in gesamtgesellschaftlichen Moraldiskursen hervorhob. Bedenken, dass eine Wiedereinführung der Wehrpflicht zu einer Verwilderung und Verrohung junger Männer führen könne, spiegelten allgemeingesellschaftliche Sorgen um Delinquenz und non-konformes Sexualverhalten junger Männer wider und beeinflussten die Diskussion um die Rolle der Bundeswehr als „Schule der Nation“ maßgeblich. Verteidigungsministerium und Bundeswehrführung erachteten die Eindämmung von problematisch wahrgenommenen Sexual- und Sozialverhaltensweisen junger Soldaten als zentrale Voraussetzung für die gesellschaftliche Akzeptanz und das Funktionieren des Militärs. STEFANIE COCHÉ (Köln) verglich in ihrem Vortrag die Konstruktion von Männlichkeit anhand von Patientenakten aus psychiatrischer Anstalten im Deutschen Reich, der Bundesrepublik und der DDR zwischen 1941 und 1963. War Gewalttätigkeit im Rahmen der Einweisungspraxis in allen politischen Regimen ein schichtübergreifender Bestandteil von Männlichkeitskonstruktionen, so zeigen sich systemspezifische Unterschiede in der Bedeutung von Arbeits- und Leistungsfähigkeit für die Selbstzuschreibung von Männlichkeit. Anders als im NS-Regime und in der Bundesrepublik sei in der DDR das Nachlassen der Arbeitsfähigkeit kein zentrales gender- und schichtunabhängiges Kriterium für die Selbstzuschreibung von Krankheit gewesen. Coché erklärte diesen Befund mit der Diskrepanz zwischen normativer Überhöhung und ernüchternder Alltagserfahrung von bzw. mit Erwerbsarbeit in der DDR, und schlussfolgerte, dass für die Konstruktion von Männlichkeit nicht nur vom politischen System hervorgebrachte Wertvorstellungen ausschlaggebend seien, sondern vor allem die konkreten Lebensumstände und Erfahrungen der Akteure.

NADINE RECKTENWALD (München) eröffnete das zweite Panel über „Männer ohne Arbeit“ mit einem Vortrag zu männlichen „Gammlern“ im München der 1960er Jahre. Die Jugendlichen würden durch ein non-konformes Erscheinungsbild die Geschlechterdifferenz aufheben und invertierten durch Arbeits-, Konsum- und Kriegsdienstverweigerung sowie sexueller Promiskuität die Kriterien hegemonialer Männlichkeit. Die Gammler erhoben durch ihre an männlichen Obdachlosen orientierte Selbstinszenierung eine vermeintlich marginalisierte Männlichkeit zur Protestform gegen gesellschaftliche Normen. Der Vortrag von BRITTA-MARIE SCHENK (Kiel) beschäftigte sich mit Geschlechterkonstruktionen von Hamburger Obdachlosen in den 1950er bis 1960er Jahren am Beispiel der Hamburger Obdachlosenunterkunft Pik As. Besonders eindrücklich zeigte Schenk die Wirkmächtigkeit des hegemonialen Männlichkeitsmodells für die Identitätskonstruktionen der Obdachlosen und Prozesse der Binnenhierarchisierung auf. So sähen Hafenarbeiter, die das Pik As als günstige Übernachtungsmöglichkeit nutzten, auf erwerbslose Obdachlose herab. Im Konflikt mit dem Betreuungspersonal hätten die Obdachlosen zudem Strategien der Selbstbehauptung entwickelt, um der ihnen zugewiesenen Randständigkeit eigene Männlichkeitskonzepte entgegenzuhalten. Dabei argumentierten sie, so Schenk, auch mit Elementen traditioneller hegemonialer Männlichkeit. Daher plädierte Schenk dafür, Männlichkeiten nicht statisch als marginal oder hegemonial zu definieren, sondern als relationale Zuschreibung bzw. Identitätskonstruktion zu verstehen.

Der öffentliche Abendvortrag von TILL VAN RAHDEN (Montreal) behandelte die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Demokratie und Autorität in der jungen Bundesrepublik, welche sich zentral in Debatten um die gesellschaftliche Rolle der Vaterschaft manifestierte. Van Rahden zeigte, dass sogar konservative und religiöse Stimmen für ein neues Leitbild einer sanfteren und verständnisvollen Vaterschaft eintraten. Diese Debatten um neue Formen der Vaterschaft seien für die Bürger der Bundesrepublik zentral gewesen, um sich emotional von militarisierten Männlichkeitsidealen zu verabschieden und um sich über das Wesen der Autorität in der neuen Demokratie zu verständigen.

Panel III beschäftigte sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Männlichkeitsvorstellungen und Kriegsversehrung. Der erste Vortag von NOYAN DINÇKAL (Paderborn) und SABINE SCHLEIERMACHER (Berlin) analysierte den sozialstaatlichen Umgang mit Kriegsversehrten in der frühen BRD. Das Bundesversorgungsgesetz von 1950 war der wichtigste Schritt einer Politik der sozialen Rehabilitierung und finanziellen Besserstellung ehemaliger Kriegsbeteiligter, welche ihnen ermöglichte, die gender-spezifische Rollenzuweisung als Ernährer zu erfüllen. Durch die starke Betonung der Kategorien Arbeit und Leistung fixierte das Versorgungssystem gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen der patriarchalen Familie. Dinçkal führte davon ausgehend aus, dass Prothetik eine zentrale Maßnahme in der Rehabilitation von Arbeitsfähigkeit und somit in der „Wiedervermännlichung“ darstellte. Dabei erschien die Prothese als ein Instrument zur Remaskulinisierung durch Technik, weil sie männliche Leistungsbereitschaft und Arbeitsfähigkeit wiederherstellen konnte. SEBASTIAN SCHLUND (Kiel) beleuchtete, wie kriegsversehrte Männer zwischen 1950 und 1968 die ihnen zugeschriebene defizitäre Männlichkeit durch organisierten Sport zu überwinden suchten. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit bot dieser Kriegsversehrten einen Schutzraum, um ihren körperlichen Makel zu überwinden und sich der hegemonialen Männlichkeit Nichtbehinderter anzunähern. Innerhalb dieses homosozialen Raumes entstand eine dreistufige soziale Hierarchie, in der sich die Kriegsversehrten Nichtbehinderten unterlegen fühlten, zugleich aber Zivilgeschädigte marginalisierten. Schlund argumentierte, dass durch das Selbstbild des „Edelgeschädigten“, der aufgrund seines Einsatzes für das Vaterland beeinträchtigt worden war, Versatzstücke militärischer Männlichkeit wie etwa das Kameradschaftsideal perpetuiert wurde.

Panel IV stellte Erfahrungen und Lebenswelten homosexueller Männer ins Zentrum. Zunächst entwarf MICHAEL SCHWARTZ (Berlin) das Forschungsprogramm für eine verflechtungsgeschichtliche Analyse der Homosexualität im geteilten Berlin von 1949 bis 1969. Als Hauptuntersuchungsfelder machte er Verfolgungsintensität und Freiräume aus, die Vernetzung der homosexuellen Subkulturen über die Stadtgrenze hinweg (insbesondere nach dem Bau der Mauer) sowie die Frage nach spezifischen Merkmalen der Schwulengemeinschaften in Ost- und Westberlin hinsichtlich Identitätsmuster, Selbstbehauptungsstrategien und Inszenierungsformen. BRUNO GAMMERL (München) diskutierte den Kampf um Anerkennung homosexueller Männer im Umgang mit Diskriminierung in den 1950er und 1960er Jahren. Eine wichtige Strategie habe das Verbergen der eigenen non-konformen Sexualität dargestellt, welche sich in den zahlreichen Narrativen des „Doppellebens“ in den Erinnerungen homosexueller Männer widerspiegelt. Dabei hätten sie ihr gleichgeschlechtliches Begehren sowohl räumlich wie auch emotional abgegrenzt, und zwar durch die Ablehnung gewisser Zuneigungspraktiken, welche heterosexuellen Paaren vorbehalten war, von der heterosexuellen Fassade. Diese Einhegung der eigenen Sexualität habe jedoch zugleich Fluchträume eröffnet, die es Männern erlaubten, gleichgeschlechtliche Gefühle weiterzuentwickeln, ohne dass sie sich als homosexuell outen mussten oder in den offenen Konflikt mit vorherrschenden Normen traten. Gegen die pejorative Sexualisierung gleichgeschlechtlichen Begehrens habe die Homophilenbewegung Gefühle in das Zentrum gleichgeschlechtlicher Liebe gestellt und nähere sich damit emotionalen Normen heterosexueller Partnerschaft an. Dieses egalitäre Beziehungsidealhabe einen wichtigen Ausgangspunkt für identitätspolitische Diskurse geboten, welche die Gleichheit für eine diskriminierte Minderheit einforderten.

Der Workshop stellte eindrücklich dar, dass eine Verschränkung von Zeit- und Geschlechtergeschichte eine Vielzahl von neuen Sichtweisen auf Männlichkeitskonstruktionen und den institutionellen und gesellschaftlichen Wandel der deutschen Nachkriegsdekaden ermöglicht. Die „Männer mit Makel“ standen im Zentrum neuer Fragenkomplexe, die die Interaktionen von Fremd- und Selbstzuschreibungen marginalisierter Männlichkeit in den Mittelpunkt rückten und kritisch beleuchteten, in wieweit makelhafte Männlichkeit als „Tugend“ oder „Chance“ einen Antrieb für soziokulturellen Veränderungsdruck darstellte. So thematisierten zahlreiche Vorträge, dass marginalisierte Männlichkeiten innerhalb gesellschaftlicher und institutioneller Transformationsprozesse eine zentrale Rolle spielten, anhand welcher neue Moral- und Sozialvorstellungen und Normalitäten ausgehandelt wurden. Besonders positiv ist auch anzumerken, dass die Geschichte marginalisierter Männlichkeiten nicht auf Opfernarrative reduziert wurde. Stattdessen zeigten Diskussionen um Bewältigungsstrategien, Prozesse der Binnenhierarchisierung und der Umdeutung hegemonialer Männlichkeit den Aktionsrahmen und die selbstbestimmte Widerständigkeit der Männer auf. Besonders gewinnbringend waren Vorträge, welche die Geschlechtergeschichte beider deutschen Staaten vergleichend und verflechtungsgeschichtlich betrachten und somit eine Analyse systemspezifischer Genderkonstruktionen, wie auch die Wirkmächtigkeit des gemeinsamen historischen Erbes im Hinblick auf Männlichkeitsideale ermöglichten. Von mehreren Seiten wurde gefordert, den Begriff des „Makels“ kritisch zu hinterfragen, um nicht pejorative Zuschreibungen zu perpetuieren, und seine zeitgenössische Anwendung sowie die Selbstbezeichnungen der Männer zu überprüfen. Dennoch bot gerade der weitgefasste Begriff des Makels Anstöße, um eine Vielzahl von alternativen Männlichkeitsentwürfen in die Betrachtung einzubeziehen.

Konferenzübersicht

Begrüßung und Einführung (Andreas Wirsching; Elke Seefried; Bernhard Gotto)

Panel I: Disziplinierung „schwieriger Männer“
Chair: Annelie Ramsbrock (Potsdam)

Friederike Brühöfener (McAllen/Texas), Soldaten mit Makel: „Schwierige“ junge Männer im militärpolitischen Diskurs während der Aufbauphase der Bundeswehr

Stefanie Coché (Köln), Zur Konstruktion von Männlichkeit an der Schwelle zur Anstalt (1941-1963)

Panel II: Männer ohne Arbeit
Chair: Thomas Schlemmer (München)

Nadine Recktenwald (München), Der Makel als Protestform. Männliche Gammler in München

Britta-Marie Schenk (Kiel), Männer von der Straße. Geschlechterkonstruktionen in Hamburger Obdachlosenberichten in den 1950er bis 1960er Jahren

Till van Rahden (Montreal), Wie Vati die Demokratie lernte. Familie, Männlichkeit und die Frage der Autorität in der politischen Kultur der Bundesrepublik

Panel III: Kriegsversehrte
Chair: Svenja Goltermann (Zürich)

Noyan Dinçkal (Paderborn); Sabine Schleiermacher (Berlin), Restauration von Männlichkeit? Zum Umgang mit Kriegsversehrten in der frühen BRD

Sebastian Schlund (Kiel), Der organisierte Sport kriegsversehrter Männer in der Bundesrepublik Deutschland 1950-1968

Panel IV: Homosexuelle
Chair: Moritz Föllmer (Amsterdam)

Michael Schwartz (Berlin), Homosexuelle im geteilten Berlin der langen 1950er Jahre

Benno Gammerl (Berlin), Eine makellose Liebe? Emotionale Praktiken und der homophile Kampf um Anerkennung

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Männer mit Makel. Geschlechtsidentitäten und Gesellschaftsordnung in Deutschland und Europa nach 1945, 25.06.2015 – 26.06.2015 München, in: H-Soz-Kult, 26.09.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6179>.
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Veröffentlicht am
26.09.2015
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