(Nach-)Kriegsgesellschaften 1938-1948. Zeitzeugenschaft und mündliche Erinnerung

Ort
Münster
Veranstalter
Matthias Frese / Julia Paulus, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte
Datum
23.06.2015
Von
Sebastian Werner Frolik / Anna-Lena Többen, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

„(Nach-)Kriegsgesellschaften 1938-1948. Zeitzeugenschaft und mündliche Erinnerung“ hieß das Thema, zu dem das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte am 23. Juni 2015 zu einem Workshop in Münster einlud. Organisiert wurde die Tagung von Matthias Frese und Julia Paulus, die in einem gemeinsamen Projekt auf der Grundlage von Ego-Dokumenten und aus der Mikroperspektive verschiedener westfälischer Städte und Gemeinden die Lebensverhältnisse und die Wahrnehmung des NS-Regimes von der unmittelbaren Vorkriegs- bis in die Nachkriegszeit untersuchen.

MATTHIAS FRESE und JULIA PAULUS (beide Münster) führten in das Thema ein. In ihrer Eröffnung des Workshops skizzierten sie die Probleme der Überlieferung und Aufbewahrung von Oral-History-Interviews in Form von Audio- und/oder Textdokumenten insbesondere in kleineren Archiven und bei privaten Institutionen wie Heimatvereinen und Geschichtsinitiativen. Diese Quellen wurden seit den 1980er Jahren häufig im Rahmen von runden Jahrestagen und Gedenkveranstaltungen zum Kriegsende durchgeführt. Der Quellenwert dieser teils vor Jahrzehnten geführten Interviews sei für heutige Forschungen jedoch strittig, nicht zuletzt, da nicht selten Angaben zum Entstehungs- und zum Forschungskontext fehlen. Zudem seien häufig rechtliche Fragen zur Nutzung solcher Interviews nicht geklärt, sodass die Weitergabe an andere Forscher/innen mitunter von den aufbewahrenden Archiven nicht genehmigt würde. Vor diesem Hintergrund, so Frese und Paulus, stelle sich die Frage, welche Form der Überlieferungsbildung – speziell von Oral-History-Interviews – in Archiven möglich sei und welche methodische Herangehensweise für eine geschichtswissenschaftliche Sekundäranalyse von Oral-History-Quellen sinnvoll sei. In den beiden anschließenden Sektionen wurden diese Impulse aufgenommen unter den Fragestellungen: Wie gehen Archive mit der Zweitauswertung von Zeitzeug/inneneninterviews um? Und: Unter welchen Voraussetzungen lässt sich eine Weiterverwendung von Interviews in Museums-, Geschichts- und sozialwissenschaftlichen Projekten thematisierten?

Die erste Sektion wurde eingeleitet von LINDE APEL (Hamburg). In ihrem Vortrag „Mündliche Quellen: erheben, archivieren, zweitauswerten“ stellte sie als Beispiel für ein Archiv zunächst das von ihr geleitete Oral-History-Archiv „Werkstatt der Erinnerung“ der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg vor, das sowohl Interviews sammelt als auch in eigener Regie selbst Interviews durchführt. Im Archiv werden diese Quellen gesichert, verzeichnet und für die weitere Nutzung durch Dritte aufbereitet. Anschließend widmete Apel sich der Frage, was zusätzlich zur Audio- und transkribierten Quelle archiviert werden sollte, wenn ein Interview ins Archiv gelangt. Grundsätzlich, so Apel, seien jegliche Kontextinformationen und Metadaten, wie beispielsweise Hintergrundwissen zum jeweiligen Projekt, unerlässlich für eine Analyse durch Dritte. In diesem Zusammenhang sprach sie auch die Probleme an, die eine durchgängige Anonymisierung mit sich brächte. So könnten etwa Auslassungen oder die Veränderung wichtiger Informationen, wie beispielsweise des Interviewortes oder des Berufs der/des Interviewten, zu Verständnisproblemen führen. In der anschließenden Diskussion stand vor allem die nähere Definition des Kontextbegriffs im Mittelpunkt. Dabei wurde deutlich, dass man bei der Analyse von Interviews neben der Quelle selbst sowohl die Kontextgebundenheit der Interviews im Blick haben, als auch von dem Vorwissen des/der Interviewenden ausgehen müsse, was das Interview in hohem Maße vorstrukturiere.

Auch der Vortrag von PHILIPP KOCH (Minden) nahm diese Fragen auf, wie es bereits der Titel ankündigte: „Chancen und Risiken historischer Forschung im Tonarchiv des Mindener Museums“. Ausgehend von der Leitfrage seines Beitrages: „Biografische Zeitzeugeninterviews – authentisches Erfahrungskapital oder wertloses Geschichtskonstrukt?“ ging Koch zunächst auf die Genese der auf Oral History basierenden Forschung ein. So hätten sich in der Anfangszeit viele unterschiedliche Kombinationen von methodischen Herangehensweisen zu Vorbereitung, Personenauswahl, Durchführung und Analyse von Zeitzeug/innenbefragungen entwickelt. Für die Sekundäranalyse sei deshalb die Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte der Quellen unverzichtbar. Koch unterstrich, dass Sekundäranalysen von Interviews immer doppelte Konstruktion und Interpretation darstellen. Auf der einen Seite würden sie auf der Wahrnehmung und Deutung der Differenz zwischen dem Erlebten und der Vorstellung des Erlebten in der Gegenwart des ursprünglichen Interviews beruhen. Auf der anderen Seite aber würden sie in der heutigen Gegenwart unter einer neuen Fragestellung neu konstruiert. Gerade in der Distanz zur befragten Person lägen allerdings auch die Chancen der Sekundäranalyse. Grundsätzlich, so Koch, hinge der Wert eines Interviews von zahlreichen Faktoren ab, etwa der Entstehungsgeschichte, den methodischen und sozialen Kompetenzen der/des Interviewenden oder der konkreten Fragestellung. Für die Analyse entscheidend seien aber auch die quellenkritischen, interpretatorischen und sozialen Kompetenzen der/des Zweitforschenden. Nachdem zuvor die Definition des Kontext-Begriffs im Mittelpunkt der Diskussion gestanden hatte, drehte sich nun die anschließende Aussprache generell um den Wert von Interviews als Quellen der Zeitgeschichte. Dabei wurde erneut betont, dass die faktenorientierte Bewertung der Oral History nur eines von vielen Kriterien sei, da es eben nicht nur um Faktenwissen, sondern vor allem um die subjektive Deutung von Geschehnissen ginge und das Forschungsinteresse deswegen auch auf Aspekten wie der subjektiven Verarbeitung von Geschehnissen liegen müsse.

Die zweite Sektion wurde von DAGMAR KIFT und OLAF SCHMIDT-RUTSCH (beide Dortmund) eröffnet. In ihrem Vortrag „Tonband – Vitrine – Digitalisat. Das Erinnerungsarchiv des LWL-Industriemuseums“ widmeten sie sich praxisnah dem Thema der Sektion und berichteten aus der über sechsunddreißigjährigen Erfahrung des Museums mit der (Weiter-)Verwendung von Interviews. Gestützt wurden ihre Ausführungen dabei durch Videosequenzen von Zeitzeug/innenberichten und Bilddokumenten vergangener Ausstellungen. Anhand dieser Beispiele konnten Kift und Schmidt-Rutsch anschaulich aufzeigen, wie das seit der Gründung des Museums gewonnene Material unter vielen Gesichtspunkten jenseits des Interesses des ursprünglichen Forschungsprojekts neubefragt werden und so in Ausstellungen und Publikationen einfließen konnte. Methodisch ginge es bei der musealen Arbeit mit Interviews darum, die persönliche Erinnerung als Teil einer multiperspektivischen Darstellung einzubeziehen: als Quelle, Kommentar oder Medieninstallation, für sich oder zusammen mit lebensgeschichtlichen Objekten. Didaktisch würden die Interviews genutzt, um Geschichte zumindest teilweise konkret und nachvollziehbar zu machen. Gerade in Bezug auf technische Abläufe und Exponate könnten Zeitzeug/innenaussagen einen plastischen und verständlichen Zugang bieten. Aktuell steht das Industriemuseum mit seinen acht Standorten vor der Herausforderung, das vorhandene Erinnerungsarchiv mit insgesamt über 1.600 Einheiten systematisch zu erschließen, zu digitalisieren und zu indizieren. Diese Arbeit findet zudem im Kontext eines Generationenwechsels der Museumsmitarbeiter/innen statt, der einen Wissenstransfer erforderlich mache. In der anschließenden Diskussion wurde vertiefend auf die Potentiale von Zeitzeug/innenberichten eingegangen. Viele Erkenntnisse, wie die Milieugebundenheit der gesamten Ruhrgebietsregion oder die ‚inoffizielle’ Geschichte, die nicht in den amtlichen Quellen festgehalten wurde, könnten nur über Interviews erschlossen werden. Kift und Schmidt-Rutsch betonten jedoch auch, dass das LWL-Industriemuseum Interviews nur als ein Mittel neben anderen zur Vermittlung von Geschichte begreife. In Bezug auf die Erfassung der vorhandenen Bestände wurde angeregt, neben den Basisdaten auch die Erinnerungen der Interviewer/innen mit Kurzbiographien, Projektbeschreibungen und Ergebnissen der Forschungsarbeit festzuhalten.

Im zweiten Beitrag dieser Sektion beschäftigte sich BRIGITTE HALBMAYR (Wien) mit den „Chancen und Problemen der Sekundäranalyse von Zeitzeugeninterviews in der historischen Forschung“, wobei sie den Schwerpunkt ihrer Ausführungen auf die besondere Bedeutung der dialogischen Struktur von Interviews legte, die sich einerseits im Erfahrungshorizont der interviewten Person, andererseits in der Beeinflussung des Gesprächs durch die interviewende Person zeige. Halbmayr nannte mit Bezug auf Libby Bishop drei Ebenen von praktikablen Mindestanforderungen an den Kontext: Conversation, Situation und Institutional/Project.[1] Für hermeneutische Analyseverfahren seien deswegen die Marker bedeutsam, die das Gespräch strukturieren, wie zum Beispiel Hörersignale oder direkte Reaktionen, aber auch die nicht lautlich gekennzeichneten Beiträge wie Nicken oder der Gesichtsausdruck. Halbmayr betonte, dass Kontextwissen die Analyse erleichtere bzw. vertiefe. Kontextwissen bedeutet hier Wissen über den privaten und sozialen Hintergrund von Interviewer/in und Interviewtem/r, die persönliche Situation, den kulturellen Hintergrund oder den Zeitpunkt des Interviews. Weiterhin sei es problematisch, dass auf die Primärquelle aus verschiedenen Gründen oft nicht zurückgegriffen werden könne. Die anschließende Diskussion richtete sich vor allem auf die äußeren Umstände von Interviews. Hier wurde der Vorteil von video- und audiobasierten Aufnahmen eines Gesprächs für die Sekundäranalyse hervorgehoben. Ferner wurde der Umgang mit Fehlern, etwa mit im Interview fälschlich genannten Daten, angesprochen. Halbmayr warf ein, dass Korrekturen im Gespräch, ebenso wie anschließend im Transkript, möglich seien, diese hier allerdings, auch zu Analysezwecken, festgehalten bzw. gekennzeichnet werden müssten. Problematisch sei schließlich die mögliche Verfälschung von Erinnerung, etwa durch Vermischung mit Filmbildern.

Der fünfte Vortrag des Tages kam von SABINE BECKMANN (Bremen), die sich aus soziologischer Perspektive mit den Möglichkeiten und Grenzen einer Sekundäranalyse qualitativer historischer Daten am Beispiel einer „qualitativen Sekundäranalyse“ (QSA) auseinandersetzte. Zunächst nannte sie die Vorbehalte gegen ältere Daten, die oft in ihrem historischen Kontext betrachtet werden müssten, die bereits genutzt worden seien und deren Design zumeist vorbestimmt sei. Bei der methodischen Herangehensweise zur Analyse alter Daten mit einer neuen Fragestellung empfahl Beckmann, eine möglichst offene Erhebungsmethode zu wählen, da sich hierdurch die Chance einer ertragreichen Sekundäranalyse erhöhe. Generell betonte auch sie die Sichtung von Kontext- und Metadaten; darüber hinaus sei oftmals ein Probeinterview unerlässlich, um das Primärmaterial angemessen analysieren zu können. Eine anspruchsvolle Vorarbeit sei deswegen der beste Garant für das Gelingen einer QSA. Die anschließende Diskussion richtete sich zunächst auf die Nähe von Zeitgeschichte und Soziologie sowie auf qualitative und quantitative Erhebungen von Interviews. Des Weiteren ergaben sich forschungspraktische Fragen, etwa wie man als Historiker/in auf sozialwissenschaftliche Daten zugreifen könne.

Im letzten Vortrag des Workshops stellte THOMAS SCHÜRMANN (Münster) Interviews aus den Beständen des Archivs der Volkskundlichen Kommission für Westfalen vor, an deren Beispiel er – diesmal aus volkskundlicher Sicht – Probleme und Chancen der Sekundäranalyse untersuchte. Die Interviews, die mit besonderem Fokus auf Kindheit und Jugend der Befragten geführt worden waren, entstanden im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Universität Münster zum Thema „Lebensgeschichten im Industriezeitalter“. Neu gelesen werden sollten die 34 Niederschriften unterschiedlichen Umfangs im Hinblick auf ihren Aussagenwert zur NS- und Nachkriegszeit. Da die Interviews zum Zeitpunkt ihrer Erhebung jedoch nicht für die Forschung freigegeben wurden und sich eine Wiedergabe, die Rückschlüsse auf die befragte Person ermöglicht, somit verbietet, unternahm Schürmann eine Fragmentierung der Interviews: Passagen zu einzelnen Sachthemen (Marienerscheinung im Emsland, Reichspogromnacht und Judenverfolgung, Hamsterfahrten) wurden aus dem Zusammenhang der Interviews gelöst und auf diese Weise anonymisiert. Nach dieser Dekontextualisierung wurden die Passagen zu den Sachthemen entsprechenden Gruppen zusammengestellt. Auf diese Weise konnte Schürmann Erzählmotive nachweisen, die sich in mehreren Interviewsequenzen fanden. In der anschließenden Diskussion des Vortrages wurde hauptsächlich der Frage nachgegangen, ob eine Fragmentierung, wie sie vom Referierenden vorgestellt wurde, nicht zur Entstellung der Interviews führe und ob nicht biographische und persönliche Daten ebenso wie Kontextangaben zwingend zur Auswertung nötig seien. Einigkeit bestand darin, dass das vorgeschlagene Verfahren unbedingt verfeinert und weiter erprobt werden müsse.

Als Fazit der Tagung hielten Matthias Frese und Julia Paulus fest, dass viele der Vortragenden und der rund 40 Teilnehmer/innen aus verschiedenen Oral-History-Projekten durch gleiche Probleme verbunden seien: Es liege eine große Menge von Quellen vor, die wichtige Aussagen zum historischen Geschehen und dessen Erleben enthielten und nicht noch einmal erhoben werden könnten, die aber in wissenschaftlicher Hinsicht nur mit großen Schwierigkeiten auszuwerten sind. Gerade das Fehlen von angemessenen Dokumentationen sowie wichtigen Angaben wie dem Kontext, der Herkunft und Biographie der Interviewten, mangelhafte Transkription und die dezentrale Lagerung von Zeitzeug/innenberichten in öffentlichen und in Privatarchiven zeigten sich in allen mit diesen Zeugnissen befassten Disziplinen. In der Abschlussdiskussion wurden nochmals Fragen der Anonymisierung und des Datenschutzes, der Überlieferung und der Konservierung aufgenommen. Zuspruch erfuhr die Feststellung, dass Transparenz im Umgang gerade mit Zeitzeug/innenberichten, deren Kontext nicht oder nur mangelhaft erfasst ist, am wichtigsten sei. Die Beiträge des Workshops werden in überarbeiteter Form abgedruckt in den ‚Westfälischen Forschungen‘ Band 65 (2015).

Konferenzübersicht:

Matthias Frese/Julia Paulus (LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster), Begrüßung und Einführung

Sektion I: Zeitzeugen in Interviews – Oral-History-Forschung

Linde Apel (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg), Mündliche Quellen: erheben, archivieren, zweitauswerten

Philipp Koch (Mindener Museum), Biographische Zeitzeugeninterviews – authentisches Erfahrungskapital oder wertloses Geschichtskonstrukt? Chancen und Risiken historischer Forschung im Tonarchiv des Mindener Museums

Sektion II: Die Weiterverwendung von Interviews in Museums-, Geschichts- und sozialwissenschaftlichen Projekten

Dagmar Kift/Olaf Schmidt-Rutsch (LWL-Industriemuseum, Dortmund), Tonband – Vitrine – Digitalisat. Das Erinnerungsarchiv des LWL-Industriemuseums

Brigitte Halbmayr (Institut für Konfliktforschung, Wien), Chancen und Probleme der Sekundäranalyse von Zeitzeugeninterviews in der historischen Forschung

Sabine Beckmann (Institut für Psychologie und Transfer, Universität Bremen), Möglichkeiten und Grenzen einer Sekundäranalyse qualitativer historischer Daten – am Beispiel einer genealogischen „qualitativen Sekundäranalyse“ (QSA)

Thomas Schürmann (Volkskundliche Kommission für Westfalen, Münster), Neugelesen. Interview-Transkripte bei der Volkskundlichen Kommission für Westfalen und ihre Aussagekraft zu NS- und Nachkriegszeit

Anmerkung:
[1] Vgl. Libby Bishop, A Proposal for Archiving Context for Secondary Analysis, in: Methodological Innovations Online, Vol. 1 (2) (2006), S. 10-20.

Zitation
Tagungsbericht: (Nach-)Kriegsgesellschaften 1938-1948. Zeitzeugenschaft und mündliche Erinnerung, 23.06.2015 Münster, in: H-Soz-Kult, 15.10.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6205>.
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Veröffentlicht am
15.10.2015
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