Ort
Heidelberg
Veranstalter
Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften, Universität Heidelberg
Datum
03.07.2015
Von
Lukas Fuchsgruber, Forum Kunst und Markt Berlin, Technische Universität Berlin

Zu einem interdisziplinären Workshop unter Beteiligung von Geschichtswissenschaft, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte lud das Heidelberger Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften am 3. Juli 2015 ein. Die Veranstaltung unter dem Titel „Markt Macht Kultur“ bildete dabei den Auftakt für weitere geplante Forschungsprojekte mit dem Ziel aus kulturwissenschaftlicher Sicht Märkte zu untersuchen, mit besonderer Berücksichtigung von Kulturmärkten und dem europäischen Kontext.

Nach Grußworten und Einführung durch Katja Patzel-Mattern und Cord Arendes widmete sich die erste Sektion der Frage von „Markt als historischem und kulturellem Phänomen“ und eröffnete damit das aus sechs Vorträgen bestehende Programm des Tages. CLEMENS WISCHERMANN (Konstanz) plädierte im ersten Vortrag für ein Verständnis der sozialen Konstruktion von Märkten als kulturelle Institutionen mit entsprechender Einbettung und damit für andere Geburtsvorstellungen als das raum- und zeitlose „in the beginning there were markets“ oder idealisierter Marktvorstellungen als soziale und gerechte Strukturen. Der Fokus lag bei ihm auf dem europäischen Sonderweg in eine Marktgesellschaft. Es ging also um Märkte als an Raum und Zeit gebundene historische Schöpfungen. Die von Clemens Wischermann begonnene Kritik an ökonomischen Theorien setzte sich dann, unter anderem, in dem anschließenden zweiteiligen Vortrag von GREGOR STIEBERT und SUSAN RICHTER (beide Heidelberg) zu Kulturmärkten und Wirtschaftsverständnis im 18. Jahrhundert fort, sie rückten damit das Augenmerk auf das höfische Netzwerk als Orte und Institutionen des historischen Kulturmarkts, durch eine Spurensuche nach frühneuzeitlichen Definitionen des Marktbegriffs.

Die nächste Sektion widmete sich der Wahrnehmung von Kulturmärkten bezogen auf Malerei und Musik. AXEL BEER (Mainz) stellte der von ihm als „Eintrittskarte in den quellenfreien Raum“ kritisierten Begrifflichkeit des frei tätigen Komponisten und des autonomen Kunstwerks die Geschichte von Vorstellungen wie „Autonomie“ durch Analyse von Veröffentlichungen von Musik und Musikkritik gegenüber. Die im darauf folgenden Vortrag als Fallbeispiel dienende bildliche Darstellung des Kunstmarkts, in der von Konrad Witz ausgeführten Szene des Marienaltars in Straßburg mit Katharina und Maria Magdalena, war nicht endgültig zu entschlüsseln. An den Strategien des Zeigens und Verhüllens, sowie der Darstellung eines Künstlerladens im Hintergrund machte GERHARD WEILANDT (Greifswald) die Entwicklung der Zeit hin zu einem kennerschaftlichen Publikum, das diese Bildstrategien verstehen konnte, deutlich.

In der dritten und letzten Sektion wurden die Künstler als Akteure in den Mittelpunkt gerückt. Anhand von Ego-Quellen des Komponisten zeigte SUSANNE SCHAAL-GOTTHARD (Frankfurt am Main) vom Hindemith Institut Frankfurt die Positionierung von Paul Hindemith gegenüber dem Markt. Sein Ziel Musik wieder sozial zu fundieren, kreuzte sich mit ökonomischen Hintergründen, wie Druckmaterialengpässen und daher kleineren Partituren. Wie im Vortrag von Axel Beer stellte sich auch hier die Frage nach den Produktionsbedingungen des Werks. Gegenüber der Frage des Markts als Kontext wurde dann im letzten Vortrag des Tages von ULRICH BLANCHÉ (Heidelberg) der Kunstmarkt zum eigentlichen Bezugspunkt in einer Arbeit von Damien Hirst, da dieser unter dem Titel „Beautiful Inside My Head Forever“ eine Auktion performativ gestaltete und schließlich museal verwertete.

Im Ineinandergreifen der Vorträge über Fächergrenzen hinweg war es ein sehr dichter Workshoptag zu einem jungen Forschungsfeld, das momentan sowohl in Deutschland als auch international große Beachtung erfährt.[1] Eine Nachbereitung der Veranstaltung ist auf dem Blog marktkult.hypotheses.org geplant.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: Markt als historisches und kulturelles Phänomen
Moderation: Henry Keazor (Heidelberg)

Clemens Wischermann (Konstanz): Märkte als kulturelle Institutionen: Kulturwissenschaftliche Zugänge zu einem ökonomischen Konzept

Susan Richter/Gregor Stiebert (beide Heidelberg): Kulturmärkte und ökonomische Theorie im späten 18. Jahrhundert

Sektion 2: Kulturmärkte und ihre Wahrnehmung
Moderation: Dorothea Redepenning (Heidelberg)

Axel Beer (Mainz): Wo sich die Geister scheiden: Musik zwischen Markt und Ästhetik

Gerhard Weilandt (Greifswald): Der Maler Konrad Witz und die Anfänge von Kunstmarkt und Kennerschaft im 15. Jahrhundert

Sektion 3: Kulturmärkte und ihre Akteure
Moderation: Cord Arendes (Heidelberg)

Susanne Schaal-Gotthardt (Frankfurt/Main): „Der Komponist in seiner Welt“: Paul Hindemith und das Hindemith Institut Frankfurt

Ulrich Blanché (Heidelberg): The Golden Calf – Damien Hirst performt eine Kunstmarktauktion

Anmerkung:
[1] Beispielsweise bei den historischen oder kunsthistorischen Plattformen Groupe de recherche sur le marché de l'art (Paris), Collecting and display (London) und Forum Kunst und Markt (Berlin), sowie in Projekten der ökonomischen Analyse, wie in der Duke Art, Law & Markets Initiative (Durham).

Zitation
Tagungsbericht: Markt Macht Kultur, 03.07.2015 Heidelberg, in: H-Soz-Kult, 19.10.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6211>.