Niedersächsische Erinnerungsorte

Ort
Hannover
Veranstalter
Arbeitskreis für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhundert der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen
Datum
25.04.2015
Von
Wolfgang Brandes, Stadtarchiv Bad Fallingbostel

Mittlerweile liegt eine ganze Reihe von Bänden vor, die sich mit einer konventionellen Struktur dem Thema „Erinnerungsorte“ annähern. Bei diesem „Boomthema“ ist davon auszugehen, dass es irgendwann mit Niedersachsen und Bremen in Zusammenhang gebracht wird. Wie Detlef Schmiechen-Ackermann in seiner Einführung betonte, sei es Anliegen des Arbeitskreises, der sich seit einem Jahr mit dem Thema beschäftigt, dies in einer reflektieren, kritischen Auseinandersetzung zu tun.

CHRISTIANE SCHRÖDER (Hannover) leitete die wissenschaftliche Aussprache mit der „Präsentation der Ergebnisse der Delphi-Umfrage zu den niedersächsischen Erinnerungsorten“ ein. Sie betonte das besondere Erkenntnisinteresse des Arbeitskreises an den Aushandlungsprozessen, die Erinnerungsorte überhaupt erst konstituierten. Es sei zu fragen, welche individuellen und institutionellen Akteurinnen und Akteure warum und in welcher Weise Erinnerung bearbeiteten und wie sich der Wandel von Diskursen und Narrativen im historischen Verlauf darstelle. Bei der Beschäftigung mit Erinnerungsorten sei die Auswahl eine häufig kontrovers diskutierte Frage. Der Arbeitskreis habe den Weg über eine an der Delphi-Methode angelehnte Umfrage gewählt. Bei der Delphi-Methode handele es sich um ein anonymisiertes, mehrstufiges, schriftliches Auswahlverfahren. Es seien 99 Personen ausgewählt worden, wobei darauf geachtet worden sei, je niedersächsischem Landkreis und in den Städten Bremen und Bremerhaven mindestens eine Person anzuschreiben. Ein Querschnitt durch verschiedene Tätigkeitsfelder im Bereich der Geschichtsforschung und der angewandten Geschichte sei ebenso angestrebt worden wie eine Berücksichtigung verschiedener Altersgruppen.

Im ersten Schritt seien von den Expertinnen und Experten jeweils fünf topografische oder virtuelle Erinnerungsorte, die sich auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsen bzw. Bremens verorten ließen, benannt worden. Die besondere Bedeutung der Orte und der mit ihnen verknüpften Aushandlungsprozesse sollte mit maximal 300 Zeichen skizziert werden. Die insgesamt genannten 150 Erinnerungsorte seien dann mit den Begründungen in Listenform den Teilnehmern des ersten Schrittes mit der Bitte zugesandt worden, jeweils 20 Erinnerungsorte anzukreuzen, die in einer nach wissenschaftlichen Kriterien erarbeiteten Darstellung von Erinnerungsorten in Niedersachsen und Bremen unbedingt enthalten sein sollten.

Die Vorstellung von auf diese Weise ausgewählten 21 Erinnerungsorten führte zu einer lebhaften Diskussion. Schließlich verständigte man sich darauf, eine Ausweitung auf jene 34 Erinnerungsorte vorzunehmen, die mindestens acht Stimmen in der zweiten Umfragerunde erhalten haben. Diese Liste reicht unter anderem von der Gedenkstätte Ahlem über den Grenzübergang Helmstedt/ Marienborn, Lessing und die Toleranz, die Niederdeutsche Sprache und die Varusschlacht bis zum Upstalsboom bei Aurich. Auch die im weiteren Verlauf der Tagung thematisierten Erinnerungsorte finden sich auf ihr.

THOMAS VOGTHERR (Osnabrück) stellte seine Ausführungen unter den Titel „,sturmfest und erdverwachsen‘? Die Entstehung und Rezeption des Niedersachsenliedes.“ Er berichtete, dass das Lied von dem 1885 in Hohegeiß geborenen Hermann Grote stamme. Vom Hilfslehrer an Volksschulen habe er es bis zum Gesangslehrer an einer Aufbauschule gebracht. Grote, der seit 1919 Leiter des Volkschores Braunschweig im Deutschen Arbeiter Sängerbund war und 1929/30 der SPD angehörte, trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei. Er leitete nun Chöre, die von der nationalsozialistischen Kulturpolitik gesteuert wurden. 1945 wurde er vom Schuldienst suspendiert, 1948 aber als Mitläufer entnazifiziert und kurz darauf in den Ruhestand geschickt. Grote starb 1971 in Hohegeiß.

Grote berichtete 1946, dass die Entstehung des Liedes auf das Jahr 1924 zurückgehe, in dem er Hermann Löns Erzählung „Die rote Beeke“ gelesen habe. Wie Löns wirft er in Strophe 3 dem „Franken“ Karl dem Großen vor „auf blühend roter Heide starben einst vieltausend Mann“. Strophe 2 stellte für Grote die geschichtliche Parallele dar, die Unterwerfung der germanischen Stämme durch die Römer und deren Ende im Teutoburger Wald, Strophe 1 die geographische Einleitung und Strophe 4 den Abgesang. Grote erklärte, zur Sicherung seines Eigentumsrechts habe er sein schnell Verbreitung findendes Lied 1934 zum Druck gegeben. Er behauptete, dass der Inhalt des Liedes zu den Gedanken der NSDAP in keinerlei Beziehung bestehe.

Auch wenn das Niedersachsenlied 1935 bei der Einweihung des Sachsenhains in Verden gesungen worden sei, habe laut Vogtherr eine eigentliche Rezeption dessen, was als Narrativ im Lied geliefert werde, während des Nationalsozialismus nicht stattgefunden. Nur eine kuriose Ausnahme habe es im Zusammenhang mit der Olympiade 1936 gegeben. Das Propagandaministerium habe angewiesen, beim „Hannoverschen Heimatabend“ auf das Absingen des Niedersachsenliedes zu verzichten. Denn dessen gegen die „römischen Schergen“ gerichtete Passage hätte der an der Olympiade teilnehmende Staatsgast Benito Mussolini auf sich beziehen können.

Lea Rosh, von 1991 bis 1997 Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hannover, ordnete an, das Lied wegen seines „faschistoiden Inhaltes“ nicht mit dem Text im Rundfunk zu spielen. Dies habe zu einer lebhaften, bis in den Landtag hineinreichenden Diskussion geführt. Es habe auch Bemühungen gegeben, das Lied durch Umdichtungen bis hin zur Formulierung „Wir sind die Niedersachsen, offen und weltverwachsen mit allen Menschen verwandt“ politisch erträglich zu machen.

Abschließend ging Vogtherr auf Parallelen zu vergleichbaren aus politischem Anlass geschaffenen Identifikationstexten in anderen Bundesländern ein und zeigte am Beispiel des Oldenburg-Liedes auf, wie die Anpassungen an unterschiedliche politische und gesellschaftliche Systeme erfolgten. Auch das Niedersachsenlied habe Veränderungen erfahren. „Von der Ems bis an die Elbe“ laute der Text heute auf der Homepage der Staatskanzlei, womit die mit der Entstehungsgeschichte des Liedes und die Biografie Grotes einhergehende Beschränkung auf die sich „von der Weser bis zur Elbe“ erstreckenden welfischen Territorien Hannover und Braunschweig aufgehoben werde.

JOSEFINE PUPPE (Hannover) ging der Frage nach „Versammlungsort – Erinnerungsort – Streitort? Der Bückeberg bei Hameln“. Sie bezeichnete den Bückeberg mit den Reichserntedankfesten der Jahre 1933 und 1937 als Veranstaltungs-, Versammlungs-, Kult- und auch Indoktrinationsort. In der Nachkriegszeit sei er zu einem bewusst vergessenen Ort in Form eines mit Gras bewachsenen Hangs, auf dem Schafe weiden, geworden. Erst Ende der 1990er-Jahre sei der Bückeberg durch die Initiative von Bernhard Gelderblom zum Diskussionsort geworden, der die Gemüter besonders der Lokalpolitiker sowie einiger Anwohner erregt habe. Diese hätten sich gesorgt, dass eine kritische Aufarbeitung des Streitortes erneut Anhänger rechten Gedankenguts anziehen würde und damit ein Wallfahrtsort entstünde. In den 2000er Jahren hätten Wissenschaftler begonnen, in ihm einen Denkmalort zu sehen. Dieser Position gegenüber habe die Gemeinde Emmerthal gestanden, die die landschaftlich ansprechende Fläche als Bauland für Wohnzwecke ausgewiesen habe, wodurch der Bückeberg zum Wohnort werden sollte.

Vom zuständigen Landesamt für Denkmalpflege sei der auch als „Täterort“ bezeichnete Bückeberg 2011 unter Denkmalschutz gestellt worden. Vor Ort sei jedoch nichts passiert. Das ehemalige Festgelände auf dem Bückeberg sei unkommentiert und für Außenstehende unsichtbar geblieben. Zwei Jahre später sei der Bückeberg Drehort der filmischen Dokumentation „Der Bückeberg – Ein unbequemes Denkmal“ gewesen. Im September 2013 habe die Uraufführung des von vier Studierenden an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) gestalteten und mittlerweile auf YouTube hoch geladenen Films stattgefunden. Der Bückeberg sei hiermit zum Begegnungsort geworden. Gleichzeitig sei der Diskussionsprozess über den weiteren Umgang ins Rollen gebracht worden, was den Bückeberg zum „NS-Dokumentations- und Lernort“ gemacht habe.

MARCEL GLASER (Kassel) untersuchte „Wolfsburg und das Problem der eigenen Identität 1945-1963“ anhand der Entwicklung „Von der ‚Nationalsozialistischen Musterstadt‘ zur ‚Wirtschaftswunderstadt‘.“ Das Bild der Stadt Wolfsburg sei heute so sehr mit dem Unternehmen Volkswagen verknüpft, dass eine Beschreibung der Siedlung am Mittellandkanal ohne den Automobilhersteller unvorstellbar erscheine. Das sei nicht immer so gewesen. Der am 1. Juli 1938 gegründeten „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ habe es in der Nachkriegszeit zunächst an Vorbildern und Traditionen gefehlt, an denen sich eine städtische Identität hätte entwickeln können. Als „nationalsozialistische Musterstadt“ geplant, sei die Stadt auch nach 1945 ideologisch belastet gewesen. Schon ihre Umbenennung in Wolfsburg sei ein Zeichen der Distanzierung von der NS-Vergangenheit und Beweis für eine Sehnsucht nach geschichtlicher Tradition gewesen. Doch der Wahlsieg der rechtsextremen „Deutschen Rechts-Partei“ im November 1948 habe die Stadt schwer belastet. Erst mit dem Aufstieg des Volkswagenwerks zum größten Automobilhersteller Europas in den 1950er Jahren habe sich auch die Identität der Stadt gewandelt. Wolfsburg sei zur „Wirtschaftswunderstadt“ und „Goldgräbermetropole“ geworden.

Vor diesem Hintergrund habe sich ein „Wolfsburg-Mythos“ entwickelt, der identitätsstiftend gewirkt und der jungen Stadt ein neues Selbstbewusstsein gegeben habe. Mit seinem Roman „Die Autostadt“ habe der junge Schriftsteller Horst Mönnich 1951 erstmals eine Verschriftlichung dieser identitätsbildenden Erzählung geschaffen, an der sich in der Folge Politiker und Vertreter des Volkswagenwerks orientiert hätten. Als Basis dieser sinnstiftenden Narration habe die NS-Vergangenheit des Wolfsburg-Komplexes fungiert, die nicht vergessen, sondern relativierend umgedeutet worden sei. Dieser Mythos habe zum einen der Legitimation real-existierender Machtverhältnisse gedient, indem er den VW-Generaldirektor Heinrich Nordhoff als Vollender der Idee des „genialen Konstrukteurs“ Ferdinand Porsche darstellte. Andererseits habe er Orientierung beim Übergang des einstigen NS-Projekts in die junge Demokratie geboten, indem er die Geschichte des Ortes von der nationalsozialistischen Ideologie loslöste. Eine wichtige Basis habe dabei das Opfernarrativ eingenommen, der in Wolfsburg, dessen Bevölkerung nach 1945 zum Großteil aus Heimatvertriebenen und ehemaligen Soldaten der deutschen Wehrmacht bestanden habe, großen Anklang gefunden habe. Die damit proklamierte Beteiligung der Wolfsburger Bevölkerung an dem sich gleichzeitig vollziehenden Aufbau der Stadt habe zur Herausbildung eines neuen Selbstvertrauens und einer eigenen Identität geführt.

MEIK WOYKE (Bonn) berichtete über „Erinnerungsorte der deutschen Sozialdemokratie. Konzeption und didaktisches Profil einer Internetseite für die historisch-politische Bildung“. Wichtig seien für die in der Friedrich-Ebert-Stiftung gebildete Projektgruppe, die sich an der von Pierre Nora und von Hagen Schule und Etienne François gegebenen Definition von Erinnerungsorten orientiert hätten, die Aushandlungsprozesse gewesen. Erinnerungsorte seien stets konstruiert. Sie seien spezifischen Symbolgehalten unterworfen und würden zeitgebundenen Bedeutungszuschreibungen folgen. Erinnerungsorte könnten verschiedene übereinander gelagerte Erinnerungsschichten enthalten. Daraus ließen sich drei Kriterien ableiten, die Erinnerungsorte idealiter erfüllen sollten: Erinnerungsorte müssten einer möglichst großen sozialen Basis bekannt sein, es sollte eine emotionale Bindung an die Erinnerungsorte möglich sein und die Erinnerungsorte sollten eine gewisse Aktualität besitzen.

Nach Sammlung von Einfällen der Projektgruppe, einem Expertenworkshop und der Einbindung von Historikern seien jene Erinnerungsorte benannt worden, die dann in eine Internetpräsentation überführt worden seien. Die Internetpräsentation eröffne über die Menüpunkte „Zeitreise“ und „Landkarte“ zwei Zugänge, die eine Hierarchisierung vermieden. Der 3.000 bis 4.000 Zeichen umfassende Erinnerungsort-Artikel habe eine Bildleiste, die ein Ereignis oder die Erinnerung an ein Ereignis beziehungsweise die Aneignungsprozesse dokumentiere. Unter dem Artikel fänden sich Literaturhinweise und weiterführende Links sowie Audio- oder Videodateien. Vorteil einer Internetpräsentation sei die Möglichkeit, die Erinnerungsorte zu ergänzen. Es gebe auch die Funktion „Mein Erinnerungsort“. Nutzerinnen und Nutzer könnten hier – redaktionell betreut – ihre eigenen Erinnerungsorte einstellen. Abgerundet werde das Angebot durch ein Quiz.

Die sehr lebhafte Diskussion in der Arbeitskreissitzung belegte, das gerade in der Auseinandersetzung mit Erinnerungsorten – gleich ob auf der konkreten oder der methodischen Ebene – viele Fragen aufkommen. So ergab die Auswertung der Umfrage, dass etwa zwei Drittel der Vorschläge nur jeweils wenige Stimmen erhielten – was zur Frage führt, ob Definition und „Wertigkeit“ eines Erinnerungsortes höchstgradig individuell sind. Nur vergleichsweise wenige Vorschläge erhielten viele Stimmen, so dass zu untersuchen wäre, ob es unabhängig von individuell bedeutsamen Erinnerungsorten einen Kanon gemeinsamer Erinnerungsorte gibt. In diesem Sinne kann der Arbeitskreis sicherlich auch bei seiner weiteren Beschäftigung mit diesem Thema nachhaltige Impulse geben.

Konferenzübersicht:

Detlef Schmiechen-Ackermann (Hannover): Einführung

Christiane Schröder (Hannover): Präsentation der Ergebnisse der Delphi-Umfrage zu den niedersächsischen Erinnerungsorten

Thomas Vogtherr (Osnabrück): „sturmfest und erdverwachsen“? Die Entstehung und Rezeption des Niedersachsenliedes

Josefine Puppe (Hannover): Versammlungsort – Erinnerungsort – Streitort? Der Bückeberg bei Hameln

Marcel Glaser (Kassel): Von der „Nationalsozialistischen Musterstadt“ zur „Wirtschaftswunderstadt“. Wolfsburg und das Problem der eigenen Identität 1945-1963

Meik Woyke (Bonn): Erinnerungsorte der deutschen Sozialdemokratie. Konzeption und didaktisches Profil einer Internetseite für die historisch-politische Bildung

Zitation
Tagungsbericht: Niedersächsische Erinnerungsorte, 25.04.2015 Hannover, in: H-Soz-Kult, 20.10.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6212>.
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Veröffentlicht am
20.10.2015