Kontinuitäten und Brüche. (Religiöse) Kultur und Lebensweise vor und nach 1945 in Mittel- und Ostmitteleuropa

Ort
Freising
Veranstalter
Instituts für Kirchen und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa e.V., Regensburg
Datum
27.07.2015 - 30.07.2015
Von
Marco Bogade, Akademie Mitteleuropa e.V., Bad Kissingen

Das Jahr 1945 brachte ganz Mittel- und Ostmitteleuropa immense politische und wirtschaftliche Veränderungen und bedeutete eine Zäsur im kirchlichen, kulturellen, künstlerischen und sozialen Leben und Miteinander. Kontinuitäten und Brüche sind nicht nur Erfahrungen, die Migrierte bzw. Vertriebene (persönlich oder als soziale Gruppe verstanden) in Folge der politischen Neujustierungen machten und die häufig traumatische Erlebnisse miteinschlossen, sondern bis heute auch gleichermaßen das soziale Gefüge in den verlassenen, wie auch in den Aufnahme-Regionen prägen.

Die international besetzte Konferenz des „Instituts für Kirchen und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa e.V.“ (ehemals „Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte“, Regensburg) untersuchte multidisziplinär die vielfältigen Wechselbeziehungen von (populärer) Frömmigkeit und Liturgie im Zusammenhang mit Kriegs-, Migrations- und Vertreibungserfahrungen. Dabei ging man davon aus, dass sich die Orientierungssuche in neuen geografischen, politischen und sozialen Kontexten sowie der Neuaufbau von kultureller Umgebung im Spannungsfeld von Kontinuität, Tradition und Brüchen auch nachhaltig auf die materielle wie die immaterielle Kultur, zum Beispiel die Musik auswirkte. Leitend waren die Fragen nach der Rezeption oder Ablehnung vorgefundener bzw. migrierter religiöser Kultur, deren Intensität und Wechselwirkungen. Im Sinne der Netzwerkforschung waren die Transfer-, Vermittlungs- und Rezeptionsprozesse für die (trans-) regionale Kulturgeschichte von Interesse. Die Themenschwerpunkte waren „Musik und Transfer“ (z.B. Liedgut, Migration von Musikern etc.), „Religiöse Praxis“ (z.B. Wallfahrten, religiöse Vereinigungen, Liturgie etc.) und „Materielle Kultur und Museum“ (z.B. Kunst- und Architekturgeschichte, Musealisierung von Kulturgut etc.)

Im Zusammenhang mit dem Jahr 1945 sind Kontinuitäten und Brüche kein deutsches, kein polnisches, kein tschechisches, sondern ein transregionales, gesamteuropäisches Phänomen. Das Neu- bzw. Zusammenfinden geschah nach der Zäsur von 1945 auf deutscher Seite auf verschiedenen Ebenen, manifestierte sich in der Gründung nicht nur kirchlicher Verbände und Gemeinschaften (zum Beispiel der Ackermann-Gemeinde), sondern auch im Aufbau von Landsmannschaften und materialisiert sich bis heute in der Gründung und Betreuung spezifischer Regionalmuseen – ELISABETH FENDL (München) gab hierzu einen Einblick in die Konzeption des Sudetendeutschen Museums, das gerade in München entsteht. Die ideellen Grundlagen dafür sind jedoch bis in das 19. Jahrhundert zurückzuverfolgen, wie CORNELIA EISLER (Kiel/ Göttingen) ihrem Vortag zur Rolle kirchlicher Verbände bei der „Betreuung“ von Flüchtlingen und Vertriebenen darlegte.

Der Neuanfang bzw. die Neufindung manifestiert sich aber auch im Aufgreifen von und Anknüpfen an kultische(n) und liturgische(n) Traditionen. STEFAN SAMERSKI (Berlin) erläuterte den deutlich von „Vertriebenenkreisen“ geprägten Heiligenkult und Kanonisationsprozess der im Jahre 1976 heiliggesprochenen Dorothea von Montau. Die Verehrung Dorotheas fand ihren Niederschlag nicht nur in einer spezifischen materiellen Kultur, sondern auch in der Gründung „kultischer“ Vereinigungen (Dorotheenbund, Dorotheengesellschaft), wie MARCO BOGADE (Bamberg/ Bad Kissingen) in seinen Vortrag zeigte. Hedwig von Schlesien nahm in der Nachkriegszeit die führende Rolle als „Vertriebenenheilige“ ein. Als Transferphänomen, das bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht, ist auch die Vielzahl der Hedwigspatrozinien zu verstehen, die sich in der Bundesrepublik vor allem im Kirchenbau der 1950er bis 1970er niederschlägt, wie MARTIN KIRCHBICHLER (Münsing am See) erläuterte. Migration, Heimatverlust und Vertreibung konnte in der bildenden Kunst zum Ausdruck und zur Anklage gebracht werden, war jedoch nicht ausschließlicher künstlerischer Motivator. LYDIA BENDEL-MAIDL (Tübingen) machte deutlich, dass das Werk „Der Traum von Pickau“ des in Mährisch-Schlesien geborenen Malers Erich Schickling (1924–2012) als künstlerische Verarbeitung des „Heimatverlusts“ interpretiert werden muss – ein Thema dass nur in wenigen Werken des Künstlers in derart eindringlicher Form zutage tritt. Das sakrale, zumeist abstrakte und sehr farbige Oeuvre seines Zeitgenossen, des im böhmischen Kaltenbach/ Nové Hutě geborenen Malers und Bildhauers Otto Herbert Hajek (1927–2005), ist, so CHRIS GERBING (Karlsruhe), motiviert von einer tiefgehenden Gottesgewissheit; seine Werke sollen als „Wetzsteine für Toleranz“ die interkulturelle Kommunikation und den Dialog fördern. Migration und Vertreibung konnte jedoch auch das Erliegen schöpferischer Kraft und ein „nicht mehr ankommen“ bedeuten, wie HELMUT SCHEUNCHEN (Esslingen) am Beispiel deutschbaltischer Komponisten verdeutlichte. Eine andere Art von Zäsur ergab sich für die seit ihrer Gründung 1877 äußerst erfolgreichen schlesischen Orgelbaufirma „Berschdorf“ mit der Auswanderung des Firmenerben Norbert Berschdorf im Jahre 1949 in die USA, der dort zwar als Musikinstrumentenbauer tätig war, jedoch bei weitem nicht mehr die frühere Bedeutung erreichte, wie GRZEGORZ POŹNIAK (Oppeln/ Opole) in seinem Vortrag aufzeigte.

Das zum Teil bis heute sehr emotionsgeladene Spannungsfeld von Integration und Assimilation wurde am Beispiel der Notkirchen und der Siedlungsgründungen der 1950er Jahre (ROBERT SCHÄFER, Hirschaid) oder der Frage nach der Pflege des schlesischen Liedguts in der Liturgie, die MICHAEL HIRSCHFELD (Vechta) am Beispiel der vier nordwestdeutschen (Erz-) Diözesen Hildesheim, Osnabrück, Münster und Paderborn illustrierte, deutlich. Die Anpassung an neue soziale und konfessionelle Gegebenheiten war und ist auch bei der Situation der schlesischen Kirchen nach 1945 von großer Relevanz. Zur Adaption der protestantischen Kirchen in Polen nach 1945, das heißt in der Regel zur Umnutzung als katholische Kirche, berichtete MARTA KALUCH-TABISZ (Breslau/ Wrocław). BARBARA ANDRUSZKIEWICZ (Breslau/ Wrocław) lieferte hierzu einen ergänzenden Werkstattbericht zum Projekt „Kanzelaltäre in Schlesien“ der Universität Breslau. Dabei wurde wieder einmal deutlich, dass die Erforschung, Aufklärung und Vermittlung ein Desiderat ist und dass die Perspektive des vom 2010 verstorbenen Denkmalpfleger Andrzej Tomaszewski formulierten „gemeinsamen kulturellen Erbes“ von Deutschen, Polen und Tschechen sehr erstrebenswert wäre.

Die Fachvorträge wurden ergänzt von einer halbtägigen Exkursion nach München, bei der das Projekt „Sudetendeutsches Museum“ (Elisabeth Fendl, München) und die Ackermann-Gemeinde – Geschichte und Wirken (Matthias Dörr, München) – vorgestellt wurden. Ein Besuch der inhaltlich die Konferenz ergänzenden Ausstellung „Mitgenommen: Verlorene Heimat in Dingen“ im HdO München rundete die Exkursion ab.

Konferenzübersicht:

Rainer Bendel (Tübingen)/Marco Bogade (Bamberg): Einführung in die Tagung

Robert Schäfer (Hirschaid): Aus der Not geboren. Die Regnitzau-Siedlung in Hirschaid und die St. Johanniskirche als bauliche Zeugnisse von Flucht und Vertreibung

Michael Hirschfeld (Vechta): Schlesische Komponenten in Liturgie und Liedgut

Stefan Samerski (Berlin): Heiligenkult und Kaleidoskop. Dorothea von Montau vor und nach 1945

Marco Bogade (Bamberg): Dorothea von Montau – materielle Zeichen ihrer Verehrung in Deutschland und Polen

Chris Gerbing (Karlsruhe): Otto Herbert Hajek (1927–2005): Raum – Farbe – Form. Arbeiten für die katholische Kirche

Marta Kaluch-Tabisz (Breslau/Wrocław): Adaption der protestantischen Kirchen und ihre Ausstattung nach 1945 in Schlesien

Grzegorz Poźniak (Oppeln/Opole): Das Schicksal der Orgelbaufirma „Berschdorf“ aus Neisse in den Kriegsjahren und in der Nachkriegszeit

Lydia Bendel-Maidl (Tübingen): „Der Traum von Pickau“. Heimatverlust und Mystik in den Werken Erich Schicklings (1924–2012)

Marta Kaluch-Tabisz (Breslau/Wrocław) und Barbara Andruszkiewicz (Breslau/Wrocław): Projektvorstellung: Kanzelaltäre in Schlesien. Geschichte, Erhaltungszustand. Konservatorische Bedürfnisse

Martin Kirchbichler (Münsing am See): Hedwigskirchen in Deutschland nach 1945

Helmut Scheunchen (Esslingen): Deutschbaltische Komponisten – Umgesiedelt und nicht mehr angekommen

Cornelia Eisler (Kiel/Göttingen): Von Grenz- und Auslandsdeutschen zu Flüchtlingen und Vertriebenen. Materielle Kultur und die Rolle kirchlicher Verbände

Zitation
Tagungsbericht: Kontinuitäten und Brüche. (Religiöse) Kultur und Lebensweise vor und nach 1945 in Mittel- und Ostmitteleuropa, 27.07.2015 – 30.07.2015 Freising, in: H-Soz-Kult, 04.11.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6228>.
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Veröffentlicht am
04.11.2015
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