Die Lehren des 20. Jahrhunderts: Erinnerung an den Totalitarismus in Museen, an Erinnerungsstätten, Archiven und modernen Medien in Russland und Deutschland

Ort
Moskau / Perm
Veranstalter
Friedrich-Ebert-Stiftung Moskau; Petersburger Dialog; Russisches Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte (RGASPI); Memorial Perm; Staatliches Museum zur Geschichte des Gulag Moskau
Datum
07.09.2015 - 12.09.2015
Von
Enrico Heitzer, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten / Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen; Julia Landau, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora / Gedenkstätte Buchenwald

Seit drei Jahren organisieren die Friedrich-Ebert-Stiftung Moskau, der Petersburger Dialog, das Russische Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte (RGASPI), die Gesellschaft Memorial – und neuerdings das Staatliche Museum zur Geschichte des Gulag in Moskau – ein Forum für Nachwuchswissenschaftler. Es führte in diesem Jahr in Moskau und Perm über 20 Menschen zusammen, die sich als Promovierende, Studierende oder auch Aktivisten oder Künstler mit historischen Themen beschäftigen. Das Konzept beinhaltet auch den Besuch von Gedenkstätten, Museen und NGOs.

Die Tagung begann im neuen Gulag-Museum im Herzen Moskaus, das am 30. Oktober 2015, dem Tag der Opfer der politischen Repression in Russland, eröffnet wird. Einführend beschrieben die Veranstalter den langen Weg, den die Aufarbeitung der Diktatur bereits zurückgelegt hat. So verwies Archivdirektor ANDREJ SOROKIN (Moskau) auf die in internationaler Herausgeberschaft veröffentlichten Dokumentenbände als Resultate der „Archivrevolution“ der 1990er-Jahre. Wie der Stellvertreter von Michail Fedotov, Menschenrechtsbeauftragter beim russischen Präsidenten, erläuterte, erforschen seit den 1990er-Jahren regionale Bürgerorganisationen die Lokalgeschichte der Repressionen – allerdings bislang ohne staatlichen Auftrag oder gesetzliche Grundlage. Dies solle das am 15. August 2015 von der Regierung beschlossene „Konzept der staatlichen Politik zur Verewigung des Andenkens der Opfer der politischen Repressalien“ ändern.[1] Im Anschluss führte der Museumsleiter Roman Romanov durch die noch leeren Ausstellungsräume. Das von der Stadt Moskau finanzierte Haus versteht sich offenkundig als Zentral- und Leitinstitution der Gulag-Musealisierung sowie der Bildung und Forschung. Gespannt darf man auf die angekündigten „Klanglandschaften“ und Videointerviews sein, die die Ausstellungsräume zum Leben erwecken sollen. Hinter dem Gebäude entsteht ein „Garten der Erinnerung“ mit Pflanzen und Steinen aus verschiedenen Lagerkomplexen. Ein Pavillon dient als Raum für Sonderausstellungen und Unterkunft für Künstler, die dort leben, arbeiten und ausstellen. Das Museum soll zu einem Freiwilligenzentrum werden: Junge Menschen helfen bereits jetzt ehemaligen Repressierten im Haushalt, beim Gang zum Arzt oder mit juristischer Information.

Romanov präsentierte anschließend das Projekt „Moskau, die erinnernde Stadt“, das Orte stalinistischer Repression didaktisch miteinander verbinden soll: etwa das Gebäude des Militärkollegs des Obersten Gerichtshofes der UdSSR, den Hinrichtungsort Kommunarka und die Ljubjanka mit dem 1990 aufgestellten Gedenkstein von den Solowezker Inseln. Aktionen, wie das Verlesen der Namen von Erschossenen am 30. Oktober werden ergänzt durch Ausstellungen im öffentlichen Raum. Das Museum koordiniert auch den laufenden Wettbewerb für ein Zentraldenkmal für die Opfer der Repressionen[2] und lässt ehemalige Lagerstandorte aufwändig digitalisieren und erfassen.[3]

GESA TROJAN (Berlin) moderierte ein Panel zur Bildungsarbeit. Sie stellte zwei deutsche NS-Gedenkstätten sowie das Projekt „Geschichtomat“ und ihre unterschiedlichen Herausforderungen an die Vermittlungsarbeit vor. Die Schwierigkeit läge darin, mit den gestiegenen Ansprüchen der Politik an die Gedenkstätten dennoch Orte historisch-kritischer Reflexion beizubehalten. Anschließend verdeutlichte JULIA LANDAU (Weimar) die Herausforderungen der Vermittlungsarbeit am Beispiel des sowjetischen Speziallagers Buchenwald 1945-50. Man dürfe weder die stalinistische Willkür und inhumane Behandlung durch die sowjetische Besatzungsmacht bagatellisieren, noch die Mitverantwortung der Vielen bei den arbeitsteilig organisierten NS-Verbrechen verharmlosen. Bei den Internierungen ließe sich neben den überwiegend summarischen Inhaftnahmen auch zum Teil der Wille zur Ahndung von Verbrechen erkennen. Sie plädierte dafür, scheinbar eindeutige Bilder kritisch zu hinterfragen. LESZEK SZUSTER (Oświęcim) schilderte die von ihm geleitete Jugendbegegnungsstätte als internationalen Bildungsort, an dem auch aktuelle Probleme diskutiert werden. MICHAIL MELNIČENKO (Moskau) stellte das Internetportal „Prozhito.org“ („Gelebt“) vor, eine Datenbank von zum Teil auch faksimilierten Tagebüchern aus der Sowjetzeit.

IRINA ŠČERBAKOVA (Moskau) führte durch die Räume der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ sowie die Sonderausstellung „Das Recht auf Briefwechsel“.[4] Die Teilnehmer diskutierten mit den Vorstandsmitgliedern ARSENIJ ROGINSKIJ und ELENA ŽEMKOVA (beide Moskau) über das genannte erinnerungspolitische Regierungskonzept. Als einer der ursprünglichen Autoren äußerte sich Roginskij verhalten positiv. Er sprach von einem „deklarativen Dokument“, das ein „Instrument in den Händen der Gesellschaft“ darstelle, auch wenn es kein föderales Programm mit einer Finanzierung enthalte. Er wünsche sich, dass es nun zu einer offiziellen juristischen Einschätzung des Sowjetterrors kommt. Die Gesellschaft verhalte sich ambivalent: Zwar sei sie sich einig im Mitleid mit den Opfern, man frage jedoch nicht nach den Verantwortlichen. Besonders schwierig sei es, den Stalinterror aus der vorherrschenden nationalpatriotischen Sicht heraus zu beschreiben, etwa die staatskritische Dissidententätigkeit von Angehörigen antisowjetischer Nationalbewegungen. Problematisch sei insbesondere die sowjetische Tradition der musealen „Heldenerzählung“. Es steckten derartige „stalinistische Konzepte“ noch in den Köpfen.

Es folgte ein Besuch in Butovo, eine der Haupthinrichtungsstätten des Großen Terrors. Zwischen August 1937 und Oktober 1938 wurden in dem 7 ha großen Areal über 20.000 Menschen erschossen und in Sammelgräbern beerdigt. Das Areal wurde nach öffentlichen Auseinandersetzungen 1995 der orthodoxen Kirchengemeinde übergeben, die es in ihrem Sinne umgestaltet und sich die Erinnerungen an die Opfer angeeignet hat. 70 Jahre nach dem Beginn des Großen Terrors brachten Geistliche 2007 in einem öffentlichen Akt des Erinnerns ein Kreuz von den Solowezker Inseln über von Häftlingen erbaute Kanäle nach Butovo.

Bei Perm, nahe dem Dorf Kučino, besuchten die Teilnehmer die Gedenkstätte „Perm 36“. Sie entstand in den 1990er-Jahren durch bürgerschaftliches Engagement am historischen Ort eines ehemaligen Arbeitslagers des Gulag (1946-53) sowie später für Angehörige der Miliz und des KGB (1953-72) wie auch für überwiegend politische Gefangene (1972-87). 2014 wurde die Gedenkstätte verstaatlicht, die alte NGO-Gedenkstättenleitung herausgeworfen und seither mit Gerichtsprozessen überzogen. Der Ort hat sich im Laufe von wenigen Monaten negativ verändert: Neue Installationen, etwa ein medizinisches Untersuchungszimmer, ein Umkleideraum und eine Lagerbibliothek erweckten den Eindruck passabler Haftbedingungen. Keines dieser „begehbaren Bilder“ gab über die Provenienz der Realien oder den dargestellten Zeitraum Auskunft. Befremdlich wirkten die im Gelände aufgestellten Plakatwände mit Propaganda aus der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges, wie auch eine neue Ausstellung über den Beitrag der Permer Zwangsarbeit in der Holzindustrie für den Sieg.

Bei der darauf folgenden Diskussion war neben der Menschenrechtsbeauftragten des Permer Gebietes, TATJANA MARGOLINA (Perm) und Vertretern der ehemaligen Gedenkstättenleitung auch ein hoher Vertreter der Administration des Gouverneurs anwesend. Fedotov lobte das Konzept der Regierung als Schritt in die richtige Richtung; er sei überzeugt, dass sich das Museum in seinem Kontext weiterentwickeln werde. Sorokin gab zu bedenken, dass von einem bürgerschaftlich getragenen zu einem staatlichen Museum noch ein langer Weg zu gehen sei, der hoffentlich ohne „Katastrophen“ konstruktiv gegangen werden könne. Eine für die westlichen Besucher unerwartete Wendung nahm die Veranstaltung, als der Regionalleiter von „Memorial“, ALEKSANDR KALIČ (Moskau) aufforderte, im Gedenken an den vor 30 Jahren im Permer Lager umgekommenen ukrainischen Dichter Vasyl' Stus aufzustehen. Er beschrieb die Auseinandersetzung um die Erinnerung auch als öffentlich ausgetragenen Kulturkampf, in der man die „Uniform des Patrioten“ tragen müsse, um nicht als „Volksfeind“ zu gelten. Anschließend stellte ANKE GIESEN (Magdeburg) ihr Dissertationsprojekt zum Konflikt um „Perm 36“ vor. Sie legte seine Genese dar, stellte Akteure und Phasen vor – die im auffallenden zeitlichen Kontext zur Eskalation der Auseinandersetzungen mit der Ukraine standen. Bei den folgenden Debatten fiel die wichtige Äußerung von Margolina, alle Gerichtsverhandlungen gegen die NGO begleiten und auf Rechtsverstöße von Beamten achten zu wollen.

Der nächste Tag begann mit einem Panel zu Erinnerungskonflikten. ENRICO HEITZER (Oranienburg) näherte sich aktuellen Deutungskonflikten um die europäische Erinnerung. Statt einer normativen, politisch instrumentalisierten Gedächtnispolitik sei die wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit historischen Kontexten wichtig. ISABEL PANEK (Berlin) zeigte am Beispiel des Tempelhofer Felds in Berlin, wie sich unterschiedliche zivilgesellschaftliche Akteure über die ambivalente Geschichte eines Ortes auseinandersetzen und damit auch die heutige städtische und privatwirtschaftliche Nutzung mit bestimmten. Die Zeitschichten des „Dritten Reiches“ (Flughafen, Konzentrationslager „Columbia“ und ein Zwangsarbeiterlager) drohten durch die spätere Überformung als „Platz der Luftbrücke“ und Symbol der Freiheit in Vergessenheit zu geraten. DARJA BUTEJKO (Berlin) sprach über die „Verräumlichung“ von Kommunismuserinnerungen an den Beispielen des Solovki-Komplexes und der Gedenkstätte Berliner Mauer. In beiden Orten spielte die Kirche eine zentrale Rolle bei der Ausgestaltung des Gedächtnisortes; während die Erinnerung im einen Fall jedoch monopolisiert werde, bleibe sie im zweiten eher deutungsoffen.

NILS WEIGT (Potsdam) sprach über Entortungsprozesse der Holocausterinnerung, die vor allem im deutschen Kontext zur Entkontextualisierung, Entpolitisierung und zum Verschwimmen der Täter-Opfer-Beziehung beigetragen hätten. ALEXANDER KUZMIN (Wologda) sprach über Friedhöfe in den Regionen Wologda und Archangelsk, in denen ausländische Kriegsgefangene, zum größten Teil Deutsche, begraben liegen. Während die Gräber bis zum Ende der 1940er-Jahre nicht angetastet worden waren, wurden sie später zum Teil exhumiert und aufgelassen.

Einen Einblick in die Oral-History-Forschung zu Akteuren des Zwangsarbeitssystems lieferte ALEKSANDR KONOVALOV (Kemerovo). Die lokalen Betriebsleiter – mit engen Beziehungen zum Moskauer Machtzentrum – hätten die Zwangsverpflichteten in erster Linie als Arbeitskräftereservoir gesehen. Wie Selbstaussagen der örtlichen Nomenklatura verdeutlichten, wurde die spätstalinistische antisemitische Kampagne des „Ärzteprozesses“ vor Ort bewusst mitgetragen. Es überraschte, dass die Trauer um repressierte Angehörige durchaus mit einer Leitungstätigkeit für das Innenministerium einhergehen konnte. NATALIA RAZDINA (Moskau) stellte eine quantitative Textauswertung der Zeitung „Za industrializaciju“ 1930-37 vor, deren Erkenntniswert in der Diskussion bezweifelt wurde.

JELISAVETA SAVOLAJNEN (Moskau), beschäftigte sich mit dem Schicksal der unter Stalin ethnisch verfolgen „Ingermanland“-Finnen, die nach ihrer Umsiedlung den Bezug zur Sprache und ihrem angestammten Territorium verloren hatten. Eine sozialhistorische Gruppenanalyse des stalinistischen Terrors im Altajgebiet stellte EKATERINA MORŠINA (Moskau) vor: Bei den 1937/38 Verurteilten habe es sich größtenteils um Männer zwischen 31 und 50 Jahren gehandelt. Häufig seien Analphabeten verurteilt worden, in vielen Fällen lasse sich in den Unterlagen der Nachweis für eine Denunziation finden – mit dem augenscheinlichen Motiv, dadurch etwa eine Wohnung zu bekommen.

Memorial-Mitarbeiter berichteten von ihrer Arbeit an der regionalen Erinnerungskultur, etwa der Organisation von Expeditionen zu ehemaligen Lagerstandorten. Auch in Perm werden die in Russland verbreiteten Tafeln angebracht, die die „letzte Adresse“ eines Opfers politischer Verfolgung kennzeichnen.[5] Die Jugendorganisation kümmert sich seit einiger Zeit – unterstützt durch die Stiftung EVZ – neben den Kommunismusopfern auch um jene nationalsozialistischer Verfolgung. Dabei war Überzeugungsarbeit zu leisten: So waren erstere häufig skeptisch gegenüber den NS-Verfolgten, die sich stärker mit dem Sowjetstaat und auch Stalin identifizieren.

Am 10. September bot JULIJA KANTOR (St. Petersburg) einen Überblick über russische Gulag-Ausstellungen. Sie stellte heraus, dass es mit dem Museum für politische Geschichte in St. Petersburg nur ein staatliches Museum gebe, in dem der Gulag als Staatsverbrechen benannt werde. In diesem Zusammenhang kritisierte sie das Moskauer Gulag-Museum, wo wenig von den Akteuren des Terrors die Rede sein werde. Scharf kritisierte sie Museen wie jenes in Kemerovo, wo man Lageressen oder Lagerkleidung probieren kann. Das Verstehen historischer Kontexte werde durch einen Kleidungswechsel nicht befördert.

GALINA SUŠEK (Perm) trug aus einem Forschungsprojekt über die Ikonographie der Konzeptkunst „SozArt“ vor, die sich Mitte der 1970er-Jahre mit einer Mischung aus SozRealismus und Pop Art von staatsoffizieller Kunst abzusetzen versuchte. SozArt habe „Simulacren“ angeboten, leere Hüllen, die urbanen Intellektuellen eine neue Beziehung zur Vergangenheit der Stalinischen Repressionen ermöglichten. VERA FABER (Wien) referierte über die „Belomorexpedition", an der 1933 namhafte Autoren teilnahmen, um den Schrecken der sowjetischen Zwangsarbeitsstätten für eine international verbreitete Publikation zu ästhetisieren und zu banalisieren. Sie zeigte auf, dass Propagandaprojekte wie dieses bis heute in der biografischen und musealen Aufarbeitung weitgehend unreflektiert blieben, weshalb sie für eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle von Kunst als Propaganda plädierte. In der Diskussion wurde teilweise die Ansicht vertreten, dass sowjetischen Künstlern keine andere Wahl blieb, als für das System zu agitieren. Julija Kantor brachte es auf die Formel: Im stalinistischen System habe man vor dem unmenschlichen Dilemma gestanden, ob man als Schriftsteller oder als Häftling in ein Lager fahre. Das Panel beschloss LOTTE THAA (Berlin), die über die DDR-Erinnerungslandschaft in Berlin sprach, die stark vom „Diktaturgedächtnis“ dominiert sei. Sie fragte nach Ansätzen abseits davon und stellte das Märkische Museum und die Brecht-Weigel-Gedenkstätte ins Zentrum ihrer Betrachtungen. Vor allem letztere stehe für die Bewahrung eines „Fortschrittsgedächtnisses“, das die DDR vom Anfang her denke.

Am Nachmittag analysierte MARIJA TUROVEC (St. Petersburg) das russische Gedächtnis als „Erinnerung der Sieger“ in der Tradition des Breschnew-Diskurses. Im Zentrum stehe ein ritualisierter Wortgebrauch, Erinnerung sei hingegen weitgehend Privatsache. Zudem sei die Zivilgesellschaft als Trägerin von Erinnerung schwach. Diese Thesen führte sie anhand von sechs Beispielorten aus, die deutlich machten, wie prekär es gerade außerhalb der Metropolen um das Gedenken an die Opfer politischer Repression bestellt ist.

EGOR ISAEV (Moskau) analysierte, wie die Stalinzeit in dem inzwischen eingestellten Public-History-Magazin „Diletant“ dargestellt wurde. DMITRIJ ASTAŠKIN (Novgorod) stellte den Diskurs der „Personalisierung des Sieges“ auf Stalin vor, der inzwischen in mindestens drei Stalin-Diskurse zerfallen sei: Stalin vor dem Krieg als Verursacher des Terrors, Stalin im Krieg als Bezwinger des Faschismus und Stalin nach dem Krieg als Bauherr des Wiederaufbaus. Die Diskussion kulminierte in der Frage, warum es gegen den Archetypus des starken und übermächtigen Vaters, für den Stalin offenkundig noch immer stehe, keine Auflehnung gebe. OLEG LEJBOVIČ (Perm) diagnostizierte das Bedürfnis nach einem „Stalin light“. Stalin könne in dieser Sicht der Putin von gestern sein. Er stellte eine kulturelle Kluft in der gebildeten Community Russlands fest. Die „coolsten Stalinisten“ fände man unter den Politikwissenschaftsstudenten.

Die Abschlussveranstaltung fragte nach den „Traumata“ der Jahre 1937 und 1991. ALEKSANDR REZNIK (Perm) vertrat die These, dass Ende der 1990er-Jahre der Stalinismus praktisch neu erfunden worden sei. ALEXEJ GILEV (Perm) stellte die Heterogenität der postsozialistischen Gesellschaften auch innerhalb Russlands heraus. Kalič brachte den Begriff des „Traumas der Nation“ vor; heute erleide man ein zweites Trauma durch die Machtlosigkeit im Widerstand gegen die Stalinisten und ihre Nachfolger. GALINA JANKOVSKAJA (Perm) bemerkte eine öffentliche Sprachlosigkeit, für die das Fehlen eines postkolonialen Diskurses in der Öffentlichkeit verantwortlich sei. Es kam zu einer kontroversen Diskussion, in deren Verlauf der Trauma-Begriff in Frage gestellt wurde. Turovec formulierte eine harsche Kritik an der Fragestellung des Panels, die mit den Jahren 1937 und 1991 zwei Ereignisse zusammenbrächte, die einfach nicht zusammengehörten. Lejbovič hob hervor, dass das Trauma von 1991 eher mit 1917 und dem Zerfall des Staates vergleichbar sei und 1937 für die Angst vor dem Staat stehe. Zudem sei die Phase von 1941–1945 im allgemeinen Bewusstsein wichtiger. Ohne die gewaltigen Verluste dieser Jahre wäre der Blick auf 1937 wahrscheinlich ein anderer.

Konferenzübersicht:

Gulag-Museum, Moskau, Begrüßung

Vertreter des Vorsitzenden des Rats des Präsidenten der Russischen Föderation für die Entwicklung der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte / Vera Dubina, Referentin für Zivilgesellschaft und Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau / Andrej Sorokin, Leiter des Russischen Staatsarchives für sozio-politische Geschichte / Botschaft der Bundesrepublik Deutschland

Panel „Museen und Ausstellungen. Materielle Erinnerung an den Totalitarismus“.

Roman Romanov (Direktor des Staatlichen Gulag-Museums): Einführung in das Museumskonzept

Panel „Bildungspolitische und pädagogische Arbeit an Gedenkstätten“

Moderation und Impuls: Gesa Trojan (Technische Universität Berlin)

Julia Landau (Gedenkstätte Buchenwald): Der Umgang mit dem Nationalsozialismus durch den sowjetischen Geheimdienst am lokalen Beispiel: das sowjetische Speziallager Buchenwald 1945-50 und die Herausforderungen an die Vermittlung

Leszek Szuster (Internationale Jugendbegegnungsstätte): Auschwitz als Lernort

Gespräch mit dem Vorstand von „Memorial International“

Besuch der Hinrichtungsstätte Butovo

Besuch Gedenkstätte „Perm-36“

Diskussion „Die Veränderungen in Museum Perm 36“ mit Michail Fedotov, Oleg Lejbovič, Tatjana Kursina, Aleksandr Kalič

Runder Tisch: Die Gedenkstätte „Perm 36“: Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart. Impulsvortrag: Anke Giesen (Universität Magdeburg)

Panel III Erinnerungskonflikte

Moderation und Impulsvortrag Enrico Heitzer (Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen): Deutungskämpfe. Zu aktuellen Auseinandersetzungen im Spannungsfeld von Wissenschaft, Gedenkstättenarbeit und Gedächtnispolitik

Isabel Panek (Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin): Das Tempelhofer Feld: ein Ort demokratische Gedächtniskultur?

Darja Butejko (Humboldt-Universität Berlin): Ein heiliger Ort, ein Museum oder eine Wiese? Spatialisation der Kommunismus-Erinnerungen in der Gedenkstätte Berliner Mauer und der Solowki-Inseln

Nils Weigt (Universität Potsdam) Prozesse einer Entortung der Holocausterinnerung

Alexander Kuzmin (Institut für Recht und Wirtschaft des Bundesstrafvollzugdienstes, Wologda) Die Beerdigung ausländischer Kriegsgefangener des Zweiten Weltkriegs in den Regionen Archangelsk und Wologda

Präsentation einer thematischen Ausgabe „Politik der Erinnerung“ des Journal of Social Policy №3 / 2015

Panel Historische Quellen über das „Sowjetische“
Moderator: Oleg Lejbovič

Alexander Konovalov (Staatliche Universität Kemerovo): Interviews mit sowjetischen Bürokraten: Methoden und Perspektiven der Musealisierung

Natalia Razdina (Staatliche Lomonossov-Universität Moskau) Die Zeitung „Industrialisierung“ als Quelle für die Erforschung der Industriepolitik des Sowjetstaates in seinen ersten fünf Jahren

Panel V Erniedrigte und Beleidigte: Randgruppen innerhalb einer totalitären Gesellschaft
Moderatorin: Vera Dubina

Jelizaveta Savolajnen (Russische Technische Mendeleev-Universität) Gedenkpraktiken der ingermanländischen Finnen in der Sowjetunion

Jekaterina Mišina (Staatliche Lomonossov-Universität Moskau) Archivuntersuchungen als Basis für ein soziales Porträt der Repressierten

Darstellung von Projekten Memorial Perm

Panel VI Kunst und Totalitarismus (Vera Dubina)

Julija Kantor (Eremitage, St. Petersburg) Das Thema Gulag in Ausstellungen der Museen des postsowjetischen Russlands: Trends und Traditionen

Galina Sušek (Staatliche Akademie für Kunst und Kultur, Perm) Die Ikonographie Stalins in der modernen Kunst der UdSSR

Vera Faber (Universität Wien): Kanonisierung des Terrors – Sowjetische Schriftstellerreisen und die Ästhetisierung des ,Lageralltags’ im Dienste der Propaganda

Lotte Thaa (Humboldt Universität Berlin): Jenseits von Unrechtsstaat und Trabitour. Pluralistische und partikulare Erinnerungspraktiken in der DDR Erinnerungslandschaft Berlins am Beispiel des Märkischen Museums und des Bertolt-Brecht-Hauses

Erinnerung an den Stalinismus und die stalinistische Politik (Oleg Leibovič)

Maria Turovec (Ab Imperio) Die Verdrängung der Erinnerung an den Totalitarismus als praktisches Problem

Egor Isaev (High School of Economics, Moskau): Public History und der Totalitarismus: das Bild der Epoche Stalins in der Zeitschrift „Diletant“

Dmitrij Astaškin (Universität Novgorod): Privatisierung des Sieges – zum Zusammenhang zwischen dem Personenkult um Stalin und der Erinnerung an den Krieg

Runder Tisch Das Trauma von 1991 gegen das Trauma von 1937? „Der Stalinismus“ im modernen Diskurs

Einführung: Alexander Reznik (Zentrum für vergleichende Geschichts- und Politikwissenschaft Perm)

Alexey Gilev (Direktor des ZSIPI), Galina Jankovskaja (Universität und Museum für moderne Kunst Perm), Aleksandr Kalič (Memorial), Andrej Suslov (PGGPU)

Anmerkungen:
[1] Deutsche Übersetzung des „Konzeptes der staatlichen Politik zur Verewigung des Andenkens der Opfer der politischen Repressalien“: https://clck.ru/9abtw.
[2] Website des Wettbewerbs: http://konkurs.gmig.ru, Video: http://y2u.be/T4A0PriAuso.
[3] Beispiele: TchAUNLAG in Čukotka und Magadan unter http://aerocrane.pro/?page_id=517 und http://aerocrane.pro/airphoto/nadim/ sowie http://aerocrane.pro/airphoto/vtour/tour.html.
[4]http://www.memo.ru/d/216877.html [aufgerufen am 30.09.2015].
[5]http://www.poslednyadres.ru/about/ [aufgerufen am 30.09.2015].

Zitation
Tagungsbericht: Die Lehren des 20. Jahrhunderts: Erinnerung an den Totalitarismus in Museen, an Erinnerungsstätten, Archiven und modernen Medien in Russland und Deutschland, 07.09.2015 – 12.09.2015 Moskau / Perm, in: H-Soz-Kult, 02.12.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6262>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.12.2015