Epochenjahr 1815 – Das Rheinland auf dem Weg nach Preußen

Ort
Bonn
Veranstalter
Abteilung für rheinische Landesgeschichte der Universität Bonn; Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande; LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte; Historische Kommission zu Berlin e.V.; Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn
Datum
21.09.2015 - 22.09.2015
Von
Keywan Klaus Münster, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte

Das Epochenjahr 1815 bildete den Ausgangspunkt der diesjährigen Herbsttagung der Abteilung für rheinische Landesgeschichte der Universität Bonn und des Vereins für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande am 21./22. September 2015, die gemeinsam mit dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, der Historischen Kommission zu Berlin e.V. sowie dem Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn ausgerichtet wurde. Im Mittelpunkt standen das bislang unter französischer Herrschaft stehende Rheinland „auf seinem Weg nach Preußen“ und die damit einhergehenden Entwicklungen in Verwaltung, Bildung und Wirtschaft.

Bereits in seiner Begrüßung und Einführung in die Tagung verwies HELMUT RÖNZ (Bonn) auf das schwierige – teils eigenwillige – Verhältnis von Preußen und Rheinländern, die laut dem bedeutenden Bankier Abraham Schaaffhausen nun „ävver en en ärm Famillich“ heiraten mussten. Insofern habe das Jahr 1815 nicht nur den Weg des Rheinlandes nach Preußen beginnen lassen, sondern auch Preußens Weg in seinen „schwierigen Westen“.

Die erste Sektion, moderiert von JOACHIM SCHOLTYSECK (Bonn), nahm den Wiener Kongress und die Stadt Wien als Entscheidungsort in den Blick. Im ersten Vortrag beschäftigte sich DOMINIK GEPPERT (Bonn) mit der Rezeptionsgeschichte des Wiener Kongresses. Dabei stellte er eine Neujustierung der Erinnerung an das Jahrhundertereignis fest. Neuere Tendenzen der Forschung zeichneten ein sehr viel positiveres Bild des Kongresses, der laut Wolf D. Gruner ein maßgeblicher „Beitrag für den Weg Europas von einer Konflikt- zu einer Friedensgesellschaft“ gewesen sei. THOMAS JUST (Wien) lenkte das Interesse auf das Zentrum der Verhandlungen – die Stadt Wien. Anhand zahlreicher Aktenstücke des österreichischen Haus-, Hof- und Staatsarchivs entwarf er eine zeitgenössische Kollage des städtischen Lebens, die sich insbesondere an der Stimmung der Bevölkerung und den immensen Kosten des Kongresses orientierte. STEPHAN LAUX (Trier) schlug schließlich die Brücke ins Rheinland, indem er die Verhandlungen über dessen Übergang an Preußen skizzierte. Dabei beschäftigte er sich nicht nur mit der Frage, wie die Übertragung der Länder am Rhein an Preußen politisch vollzogen wurde. Vielmehr fragte er auch nach den (ökonomischen, demographischen und politischen) Kriterien, die auf dem Kongress eine Rolle spielten. Letztlich hatte die Bewertungsarithmetik auf dem Kongress eine einseitig numerische Dimension. Die Verhandlungspartner zählten nur die Köpfe und nahmen qualitative Kriterien, wie etwa Bodenschätze, kaum wahr.

Die anschließend von TORSTEN RIOTTE (Frankfurt am Main / Bonn) moderierte Sektion beschäftigte sich unter dem Titel „Staat, Kommunen und Akteure“ mit dem Verwaltungsapparat und den mit dem Umbruch einhergehenden Veränderungen und Kontinuitäten. MARTIN SCHLEMMER (Duisburg) entwarf eine Skizze der kommunalen und staatlichen Verwaltung im „Übergang vom Empire français zum Königreich Preußen“. Der Zuschnitt der Verwaltungseinheiten und das Personal wurden zunächst weitestgehend beibehalten, was den Preußen einen verwaltungstechnisch „leichten Start“ am Rhein ermöglichte. Ferner sei die Verwaltungspolitik weder als „antirheinisch“, noch als „antipreußisch“ (vor 1815) zu charakterisieren. Auch konfessionelle Faktoren spielten nach Schlemmer eine untergeordnete Rolle. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte WALTER RUMMEL (Speyer), der die preußische Herrschaft im ländlichen Raum vor allem von Kontinuitäten zur französischen Verwaltungspraxis geprägt sah, aber auch von einem Modernisierungskonflikt der teilweise mit seinen Wurzeln noch bis ins Ancien Régime reichte. Den Antagonismus zwischen staatlichem (preußischem) Verwaltungsmonopol und der überkommenen Vorstellung von Selbstverwaltung in den Kommunen (z.B. schwarze Kassen), verdeutlichte Rummel mit Hilfe eines Beispiels aus der Landgemeinde Lutzerath. Diese Konflikte zogen sich bis weit in das 19. Jahrhundert und darüber hinaus. In der Revolution von 1848/49 spielten die alten Forderungen des ländlichen Raumes nochmals eine bedeutende Rolle. Im Gegensatz zu Schlemmer und Rummel wählte MARGRET WENSKY (Bonn) einen biographischen Zugang. Das Porträt des Oberpräsidenten Johann August Sack (1764-1831) stehe nach Wensky beispielhaft für eine Generation preußischer Verwaltungsbeamter, die weniger durch ihre Ansichten und visionären Ideen, als mit Hilfe ihres außerordentlichen Verwaltungstalentes große Wirkmacht entfaltet hätten. Dennoch sei die Forschungslage zu Sack (trotz der recht breiten Quellenlage) weiterhin mangelhaft. Letztlich habe er seine Fähigkeiten im Rheinland zeitlich (1814-1816) nur sehr bedingt zur Geltung bringen können; ganz im Gegensatz zu seiner Tätigkeit in Pommern. Möglicherweise, so Wenskys Vermutung, erkläre diese Tatsache die mangelnde Anerkennung seiner Leistungen im Rheinland.

Das Ende des ersten Tages leitete der Abendvortrag von WOLFRAM SIEMANN (München) ein. Siemann behandelte in einem ersten Teil die rheinischen Wurzeln des Geschlechts der Metternichs. Durch die Kombination kaiserlicher Macht, kirchlicher Einbindung und einer „speziellen Familienstärke“ sei es gelungen, das materielle und politische Familiengut kontinuierlich zu erweitern und zu festigen. Die Revolutionserfahrungen des in Koblenz geborenen Klemens Wenzel Lothar von Metternich bildeten den zweiten Abschnitt. Insbesondere die flächendeckende Lektüre der zeitgenössischen Publizistik und das für Metternich abschreckende „jacobinische“ Beispiel seines einstigen Hauslehrers Johann Friedrich Simon hätten sein eigenes Engagement und seinen weiteren Werdegang maßgeblich geprägt. Im Gegensatz zur recht lavierenden Tätigkeit im Vorfeld des Epochenjahres habe sich seine Verhandlungs- und Politikstrategie als Staatsmann im unmittelbaren Vorlauf und während des Wiener Kongresses grundlegend verändert. Seine Politik lasse sich insgesamt am ehesten als Politik der umbauenden Konstruktion, nicht aber als Restauration beschreiben.

Dominik Geppert begrüßte die Anwesenden des zweiten Tagungstages und leitete in die von ihm moderierte dritte Sektion (Die rheinische Hochschule) ein. THOMAS BECKER (Bonn) thematisierte in seinem Vortrag die Entwicklung der Universität Bonn vom „Indianerdorf“ zur „Prinzenuniversität“. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. habe sich nur mit Mühe überreden lassen, die Gründungsurkunde der Preußischen Rhein-Universität (gegründet 1818) zu unterschreiben. Das Verhältnis zwischen dem Haus Hohenzollern und der neugegründeten Universität war anfangs durchaus gespannt, gar „frostig“, gewesen, wenngleich sich die Universität erfolgreich entwickelte. Erst ab den 1830er-Jahren schrieben sich Studenten anderer fürstlicher Häuser, ab 1843 auch Hohenzollern ein, was den Ruf als „Prinzenuniversität“ schließlich begründete. JÜRGEN KLOOSTERHUIS (Berlin) knüpfte an Beckers Vortrag an und präsentierte das Universitäts- und Studentenbild in Akten des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz. In einem ersten Abschnitt untersuchte Kloosterhuis den Quellenbestand ausgehend von der Universität Duisburg – die direkte Vorgängerin der Bonner Universität. Anschließend wurden Bonns „entzückte Musensöhne“ in den Blick genommen, wobei der Schwerpunkt auf den Jahrzehnten der „Demagogenverfolgung“ lag, die sich in Bonn sehr viel sanfter äußerte als in anderen Universitätsstädten. INGEBORG SCHNELLING-REINICKE (Berlin) führte das Gesagte chronologisch fort und verwies in ihrem Vortrag auf den Neuaufbruch der Wissenschaftspolitik an der Universität Bonn durch die strukturelle Kooperation von Wissenschaft, Wirtschaft („Großwissenschaft“) und Staat im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Die von Helmut Rönz moderierte vierte Sektion beschäftigte sich mit der Wirtschaft und den Finanzmärkten. ERICH WEIß (Bonn) schilderte die wechselvolle Geschichte des Landwirtschaftlichen Institutes in Bonn, das zunächst an der Philosophischen Fakultät der Preußischen Rhein-Universität gegründet wurde, mit dem Tod des ersten Lehrstuhlinhabers Karl Christoph Gottlieb Sturms jedoch den Betrieb einstellte. Kurz vor dem Scheitern gestanden habe auch der zweite Versuch, eine höhere landwirtschaftliche Lehranstalt (später Akademie) außerhalb der Universität zu etablieren. Dessen Existenz sei schließlich erst durch die Öffnung der rheinischen Landwirtschaft für Agrarreformen gesichert, und durch die Konsolidierung der Wissenschaft an der Poppelsdorfer Akademie bestätigt worden. Nicht unberücksichtigt blieben daneben auch die ideengeschichtlichen und agrarrechtlichen Rahmenbedingungen dieser Entwicklungen. SUSANNE HILGER (Frankfurt am Main) zeichnete ein grundlegendes Bild der wirtschaftlichen Veränderungen des Rheinlandes zwischen Frankreich und Preußen. Besondere Erwähnung fand dabei die prominente Unternehmerpersönlichkeit Gustav von Mevissen. Er habe zu einer regionalen Wirtschaftselite gezählt, welche die Motoren des wirtschaftlichen Transformationsprozesses gebildet hätten. Und das – so Hilger – auch im Konflikt mit den jeweiligen politischen Machthabern, womit sie klare Stellung gegen die These „unpolitischer Unternehmer“ bezog. Der letzte Vortrag wurde von BORIS GEHLEN (Bonn) übernommen. Gehlen nahm Richard Tillys These, die preußische Politik nach 1815 habe für die Wirtschaftsentwicklung und die Finanzmärkte vornehmlich hemmend gewirkt, zum Anlass, die Folgen des Epochenjahres erneut zu untersuchen. So sei die behutsame, auf die Bedürfnisse der Staatsfinanzierung und des agrarischen (Groß-)Grundbesitzes zugeschnittene, preußische Politik mit dem aufsteigenden rheinischen Wirtschaftsbürgertum sowie dessen dynamischen Kreditbedürfnissen kollidiert. Letztlich habe dieser Grundkonflikt jedoch ein stark ausdifferenziertes Geflecht von privaten, staatlichen und genossenschaftlichen Kreditgebern entstehen lassen, das den Kreditmarkt auch der breiten Öffentlichkeit öffnete. Insofern reduzierten die preußischen Maßnahmen auch das Risiko in den Finanzmärkten, schützten vor Überinvestitionen und Spekulationsblasen. Damit sei der rheinische Industrialisierungsprozess zwar adynamisch, dafür jedoch stabiler und nachhaltiger, verlaufen.

In der Abschlussdiskussion wurden nochmals zwei Fragen eruiert, die das ganze Programm durchzogen hatten: Erstens die Frage nach der Diskrepanz von Selbst- und Fremdwahrnehmung des Rheinlandes und Preußens beim gemeinsamen großen Integrationsprozess nach 1815 und zweitens die Frage nach der Integrationskraft einzelner Faktoren wie Bildung, Ökonomie, Kultur und konkreter Universität und Verwaltung. Beide Fragen konnten nicht abschließend beantwortet werden und regen auch nach 2015 zu weiterem Nachdenken an.

Konferenzübersicht

Helmut Rönz (Bonn), Begrüßung und Einführung

1. Sektion: Der Wiener Kongress
Moderation: Joachim Scholtyseck (Bonn)

Dominik Geppert (Bonn), 1815 und die europäische Staatenwelt

Thomas Just (Wien), Die Stadt Wien und der Wiener Kongress

Stephan Laux (Trier), Der Übergang des ‚Rheinlandes‘ an Preußen auf dem Wiener Kongress

2. Sektion: Staat, Kommunen und Akteure
Moderation: Torsten Riotte, Frankfurt

Martin Schlemmer (Duisburg), „… beynahe gänzliche Vernachlässigung der Einländer“? Kommunale und staatliche Verwaltung im Übergang vom Empire français zum Königreich Preußen

Walter Rummel (Speyer), Bürokratische Herrschaft im ländlichen Raum. Ein französisch-deutsches Projekt, 1798-1850

Margret Wensky (Bonn), Johann August Sack (1764-1831), Oberpräsident an Rhein und Oder – eine preußische Beamtenkarriere in Zeiten des Umbruchs

Jahreshauptversammlung des Vereins für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande

Öffentlicher Abendvortrag
Wolfram Siemann (München), „Der Rhein fließt in meinen Adern“ – Metternich, das Rheinland und der Wiener Kongress.

3. Sektion: Die rheinische Hochschule
Moderation: Dominik Geppert (Bonn)

Thomas Becker (Bonn), Vom Indianerdorf zur Prinzenuniversität – Die Universität Bonn und die Hohenzollern

Jürgen Kloosterhuis (Berlin), Bonns „entzückte Musensöhne“ in Akten des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz

Ingeborg Schnelling-Reinicke (Berlin), In der vordersten Linie – die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn vor der Wende zum 20. Jahrhundert

4. Sektion: Wirtschaft, Landwirtschaft und Finanzen im Wandel
Moderation: Helmut Rönz (Bonn)

Erich Weiß (Bonn), Entwicklungen zur Landwirtschaftlichen Hochschule Bonn - Poppelsdorf im agrarstrukturellen Wandel der Preußischen Rheinprovinz seit 1815

Susanne Hilger (Frankfurt am Main), Institutionen, Unternehmer und mobiles Kapital: Veränderungen in der rheinischen Wirtschaft ab 1815

Boris Gehlen (Bonn), Kreditwirtschaft und Finanzen im Rheinland vor und nach 1815

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Epochenjahr 1815 – Das Rheinland auf dem Weg nach Preußen, 21.09.2015 – 22.09.2015 Bonn, in: H-Soz-Kult, 10.12.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6274>.