Abkehr von der Gewalt? Der Umgang der westdeutschen Gesellschaft mit alten und neuen Formen gewaltsamen Handelns

Ort
Potsdam
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Datum
12.11.2015 - 13.11.2015
Von
Franziska Rehlinghaus, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Es gehört zur Perfidie der Geschichte, dass am 13. November 2015, dem Tag der Terroranschläge von Paris, am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam eine zweitägige Konferenz zu Ende ging, die sich der „Abkehr von der Gewalt“ seit 1945 widmete. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie aus einer Gesellschaft, die durch die massenhafte Ausübung, Erfahrung und Beobachtung von Gewalt im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg geprägt wurde, die weitgehend friedfertige Gesellschaft der BRD werden konnte, in der der Einsatz von Gewalt in einem breiten gesellschaftlichen Kontext delegitimiert und als Atavismus, als Rückfall ins Mittelalter oder in die Barbarei betrachtet wurde und wird. Freilich wurde die vermeintliche „Abkehr von der Gewalt“ schon im Tagungstitel mit einem Fragezeichen versehen. Und so konnte es nicht überraschen, dass die Konferenz sich besonders gewaltaffinen Untersuchungsgebieten zuwendete, in denen sich ein mutmaßlicher Wandel am deutlichsten ablesen lässt. Neben Militär, Polizei, Strafvollzug, Schule und Heimen, die die Wirkbereiche der staatlichen potestas exemplifizierten, traten Untersuchungen zu Kirche, Medien, Sport und dem politischen Terrorismus, deren Umgang mit der violentia untersucht wurde.

TERESA KOLOMA BECK (Berlin) eröffnete die Tagung mit einem Vortrag zur Neuausrichtung der soziologischen Gewaltforschung seit den späten 1990er-Jahren und zeigte mögliche Untersuchungsperspektiven auf, die für die erkenntnisleitende Fragestellung der Konferenz instruktive Anregungen gab. Sie sprach von der Gewalt als einem zentralen Problem und Moment sozialer Ordnungsbildung und verwies somit die Vorstellung von der generellen Andersartigkeit der Gewalt in der Moderne ins Reich neuzeitlicher Mythen. Neben dem Interesse für körperliche, emotionale und situative Dynamiken im Gewaltakt lenkte Koloma Beck den Blick auch auf die kommunikative Dimension von Gewalt, die immer auf einen potentiellen Beobachter zielt. Die daraus resultierende triadische Konstellation (Täter, Opfer, Beobachter) wurde dann im Laufe der Tagung immer wieder kritisch diskutiert.

Das erste Panel widmete sich der Funktionsänderung des Militärs in einer pazifizierten Gesellschaft. In ihren Beiträgen zur Neustrukturierung der Bundeswehr und zum Umgang mit Deserteuren zeigten ANGELIKA DÖRFLER-DIERKEN (Potsdam) und CLAUDIA BADE (Hamburg), dass die Auseinandersetzung mit militärischer Gewalt in Westdeutschland unterschiedliche Narrative produzierte: Im einen Fall führte die Gewalterfahrung des Zweiten Weltkriegs zum Konzept der Inneren Führung in der Bundeswehr, das bereits in den 1950er-Jahren zumindest theoretisch die Grenzen von Befehl und Gehorsam des Bürgers in Uniform definierte. Dörfler-Dierken zeigte jedoch auch, dass das Konzept in der praktischen Umsetzung immer dann unterminiert wurde, wenn politisch-militärische Interessen gegen die Friedenswünsche der Gesellschaft durchgesetzt werden sollten. Im anderen Fall bedurfte es eines fundamentalen Wertewandels, der eigentlich erst ab den späten 1970er-Jahren dazu führte, dass die Deserteure des Zweiten Weltkrieges von Verrätern zunächst zu Opfern und dann als Helden rehabilitiert wurden. THOMAS SCHAARSCHMIDT (Potsdam) warf in seinem Kommentar die Frage auf, ob diese verzögerte Entwicklung einer unausgesprochenen Wertetradition zwischen Bundeswehr und Wehrmacht geschuldet war.

DANIEL GERSTER (Münster) konnte in seinem Vortrag zur Friedensbotschaft der christlichen Kirchen deutlich machen, dass das kirchliche Verhältnis zur Gewalt in der BRD maßgeblich durch internationale Faktoren geprägt wurde, wie die Bedrohungslage des Kalten Krieges oder die revolutionären Erhebungen in Lateinamerika. In der Geschichte der Bundesrepublik wurde die Ausübung staatlicher Gewalt so sukzessive delegitimiert, während im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung gruppenspezifische oder individuelle Gewaltausübung auch mit theologischen Argumenten als „Recht auf Widerstand“ gerechtfertigt werden konnte.

Schule, Heimerziehung und der Strafvollzug waren die drei „totalen Institutionen“ (Erving Goffman), deren Gewaltgeschichten in der zweiten Sektion thematisiert wurden. Die Vorträge von TILL KÖSSLER (Bochum), WILFRIED RUDLOFF (Kassel) und ANNELIE RAMSBROCK (Potsdam) zeigten übereinstimmend, dass sich 1945 zunächst nur die Zielrichtung von Gewalt als Mittel der Gewalteinhegung veränderte, was der Gewaltausübung selbst jedoch keinen Abbruch tat. Kössler wies darauf hin, dass es bereits vor 1945 eine Diskrepanz zwischen Gewaltpropagierung und tatsächlicher Gewaltausübung in den Schulen gegeben habe, so dass die Erziehung zur Zivilität nach dem Krieg maßgeblich mit Prügel durchgesetzt wurde. Auch in der Heimerziehung und im Strafvollzug kann von einem Paradigmenwechsel des Gewaltverständnisses frühestens in den langen 1960er-Jahren die Rede sein, durch den die „strukturelle Gewalt“ in den Institutionen als Funktionslogik von Anstaltsregimen skandalisiert wurde. Die Kinder, Jugendlichen und Inhaftierten wurden so, anstatt als potentielle und tatsächliche Gewalttäter, als Opfer einer repressiven Gesellschaftsordnung erkannt. Die darauffolgenden Reformen gingen mit einer Ausweitung des Gewaltbegriffs einher und wurden von veränderten Expertenkulturen getragen. Der Wandel ließe sich mit Schlagworten wie „Von der Strafe zur Therapie“ oder „Von der Züchtigung zur Persönlichkeitsentwicklung“ trefflich beschreiben. WINFRIED SÜSS (Potsdam) wies in seinem Kommentar darauf hin, dass die Durchsetzung des Resozialisierungsparadigmas als die verspätete Reaktion einer Gesellschaft gewertet werden könnte, die, nach den Gewaltexzessen im NS, in den 1950er- und 1960er-Jahren ja selbst eine Gesellschaft unter alliiertem Resozialisierungsvorbehalt war.

Suggeriert dieser Prozessverlauf insgesamt eine institutionelle Abkehr von der Gewalt, so wurde in den Vorträgen und der Diskussion sehr deutlich, dass sich ein Wandel der konkreten Gewaltpraktiken entweder viel später vollzog oder sich einfach in andere Kontexte verlagerte. Für das Feld der Erziehung wurde auf die langlebige häusliche Gewalt gegen Kinder in den Familien hingewiesen. Und Ramsbrock gab zu bedenken, dass Gewalt unter den Gefangenen die wohl gravierenste Form der Verletzung physischer und psychischer Integrität darstellt, aber aus Mangel an Quellen historisch kaum zu fassen sei.

Auch in der folgenden Sektion demonstrierten ANDREAS KLOSE (Potsdam) und ARMIN PFAHL-TRAUGHBER (Brühl) am Beispiel des deutschen Fußballs und der Geschichte des Rechtsterrorismus in der BRD, dass die Einhegung der Gewalt nach 1945 eher gesellschaftliches Wunschdenken als tatsächliche alltägliche Realität gewesen ist. Andreas Klose stellte für den Fußball eine Ausdifferenzierung der Akteure, der Ausformungen von Gewaltanwendungen und ihrer Verortungen fest, die aus einer lokalen, überschaubaren Konfliktkultur im Laufe der Zeit unübersichtliche internationale Auseinandersetzungen werden ließ. Die These, dass der Fußball so als Ausdruck kriegerischer Ersatzhandlungen interpretierbar ist, wurde jedoch kritisch gesehen, weil der Konnex von Gewalt und Spaß stärker beachtet werden müsse.

CHRISTOPH CLASSEN (Potsdam) deutete in seinem Beitrag die teils hochemotionalen Debatten über Gewaltdarstellungen in den Medien als Kontingenzverarbeitungsstrategien eines als krisenhaft empfundenen Gesellschaftswandels. Die Darstellung von meist moderater Gewalt wurde als Wert- und Kontrollverlust diskutiert, bei dem der populäre Diskurs, der eine einfache Kausalverbindung zwischen Darstellung und Ausübung von Gewalt konstatierte, sich vom Expertendiskurs entkoppelte.

Die letzte Sektion analysierte neue Formen politischer Gewalt. PETRA TERHOEVEN (Göttingen) zeigte anhand des eigenwilligen „Nachrufs“ auf Siegfried Buback des Göttinger Mescalero das gespaltene Verhältnis der außerparlamentarischen Linken zur Gewaltanwendung der RAF im deutschen Herbst. Hier wurden Gewaltkonzepte gegeneinander aufgewogen, die zwischen einer Selbstviktimisierung der Linken als Opfer eines „terroristischen“ Staates und der Ablehnung der mörderischen Brutalität der RAF schwankten. PATRICK WAGNER (Halle) präsentierte die Gewaltgeschichte der Polizei bei Demonstrationen nur mit Einschränkungen als eine Entwicklung von Repressions- zu Deeskalationsstrategien. Er betonte dabei die Diskrepanz zwischen polizeilicher Rhetorik und der Zunahme von Gewaltandrohung durch verbesserte Waffen. Zudem gab er zu bedenken, dass die Polizei in der deutschen Gesellschaft selbst lange Zeit die Deutungshoheit über den Gewaltbegriff und die Registrierung von Gewalttaten besaß, bis in jüngster Zeit das Gewaltmonopol des Staates durch den Einsatz privater Sicherheitsfirmen fragmentiert, wenn nicht sogar unterminiert wurde.

Eine Abkehr von der Gewalt, so konnte die Konferenz zeigen, hat nach 1945 nur bedingt stattgefunden. Vielmehr vollzog sich zunächst eine Transformation der Gewaltziele. Dabei spielte die bewusste Auseinandersetzung mit der exzessiven Gewalt der Jahrhundertmitte eine ebenso große Rolle wie die jeweils aktuelle innen- und außenpolitische Bedrohungslage durch Atomkrieg und Terrorismus und die beharrliche Funktionslogik von Anstaltsregimen. Während die staatliche und institutionelle Gewalt im Zuge der linksgerichteten Bürgerrechtsbewegungen nicht nur in ihren Ausprägungen sondern auch in ihren Zielen skandalisiert, delegitimiert und schließlich reformiert wurde, führte die damit einhergehende Ausweitung des Gewaltverständnisses andererseits zu einer Ausdifferenzierung potentieller Gewaltfelder, Gewaltakteure und Gewaltpraktiken. Die Gewalterfahrungen des NS verloren danach an Bedeutung. Zu klären bleibt, ob diese bundesdeutsche Gewaltgeschichte paradigmatisch für Prozesse der Liberalisierung und Demokratisierung steht, wie MARY FULBROOK (London) im Schlusskommentar anmerkte.

Trotz der Fülle der Theorieangebote und Fallbeispiele sollten einige zentrale Kategorien in der historischen Deutung der westdeutschen Gewaltgeschichte künftig näher betrachtet werden: So müsste die soziale Binnendifferenzierung von Gewaltakteuren nach Generation, Ethnie und Geschlecht stärker berücksichtigt werden. Gewalt wurde in sämtlichen Beiträgen unausgesprochen als Gewalt weißer Männer analysiert, wohingegen Frauen als Gewaltopfer, Gewalttäter und Gewaltbeobachter nur in der Schlussdiskussion kurz Erwähnung fanden. Dabei könnte eine geschlechtergeschichtliche Perspektive die Transformationsprozesse gesellschaftlicher Gewalt nach 1945 entscheidend bereichern, denkt man beispielsweise an den kriegsbedingten Frauenüberschuss, die dominante Rolle von Frauen in der Kindeserziehung oder an den hohen Anteil weiblicher Mitglieder der RAF. Die Untersuchungen zum Wandel staatlicher Gewalt müssten sich zusätzlich dem Outsourcing von Gewalt widmen, und zwar innen- wie außenpolitisch. Was bedeutet es für die Gewalt in einer Gesellschaft, wenn das staatliche Gewaltmonopol an private Akteure (z. B. Sicherheitsfirmen) abgetreten oder in Gebiete jenseits nationaler Grenzen (in Kriegseinsätzen) ausgelagert wird? Und welche Auswirkungen hat das Outsourcing auf die Akzeptanz und Verarbeitung von Gewalt in einer von Gewalt entwöhnten Gesellschaft? Durch die Konzentration auf Institutionen und Organisationen geriet die situative Bedingtheit von Gewalt, auf die die Soziologie immer wieder hinweist, in den meisten Vorträgen eher in den Hintergrund. Zudem konnten so diejenigen Faktoren, die als Gewaltsubstitut in der westdeutschen Gesellschaft in Frage kommen (wie z. B. Konsum, Medien), nicht systematisch analysiert werden. Zu Recht kam in den Diskussionen deshalb die Frage auf, ob man die „Abkehr von der Gewalt“ nicht nur dann erfassen könne, wenn man den Blick auf die gewaltfreien Bereiche lenkt, die die westdeutsche Gesellschaft nach 1945 dominierten. Dass sich die Bedingungen von und die Diskurse über Gewalt historisieren lassen, haben die Vorträge der Tagung mehr als deutlich erwiesen. ULRICH HERBERT (Freiburg) bezweifelte jedoch in der Schlussdiskussion, dass der Gewaltakt selbst tatsächlich historisierbar ist. Angesichts der jüngsten Gewalteskalation von Paris ist diese Scheu vor der wissenschaftlichen Sezierung des unmittelbaren Schreckens verständlich.

Konferenzübersicht:

Eröffnungsvortrag

Teresa Koloma Beck (Centre Marc Bloch Berlin): Die Neuausrichtung der soziologischen Gewaltforschung

Sektion I: Krieg … war früher. Militär in der pazifizierten Gesellschaft

Angelika Dörfler-Dierken (ZMSBw Potsdam): Die Bedeutung der Inneren Führung für die Ausrichtung der Bundeswehr

Claudia Bade (Hamburg): Deserteure als Helden. Zum Wandel militärischer Leitbilder nach dem Zweiten Weltkrieg

Daniel Gerster (Universität Münster): Apostel der Gewaltfreiheit? Die Friedensbotschaft der christlichen Kirchen und die bundesdeutsche Gesellschaft

Kommentar: Thomas Schaarschmidt (ZZF Potsdam)

Sektion II: Abkehr von der Gewalt als gesellschaftliches Projekt I

Till Kössler (Ruhr-Universität Bochum): Prügelstrafe, Friedenserziehung und Mobbing. Schulen als Lernorte des Friedens … und der Gewalt

Wilfried Rudloff (Universität Kassel): Extra und intra muros. Familiäre Gewalt und Gewalt in geschlossenen Einrichtungen

Annelie Ramsbrock (ZZF Potsdam): Schlagstock und Sozialtherapie. Gewalt hinter Gittern

Kommentar: Winfried Süß (ZZF Potsdam)

Sektion III: Abkehr von der Gewalt als gesellschaftliches Projekt II

Christoph Classen (ZZF Potsdam): Ventilfunktion oder Brandbeschleuniger. Debatten um die Wirkung von Gewaltdarstellungen in alten und neuen Medien

Andreas Klose (Fachhochschule Potsdam): Krieg ohne Waffen? Sport in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft

Armin Pfahl-Traughber (FH des Bundes für öffentliche Verwaltung Brühl): Von der OV bis zum NSU. Rechtsterrorismus und die Reaktionen darauf von Gesellschaft und Staat

Kommentar: Uta Gerhardt (Berlin)

Sektion IV: Der Umgang der bundesdeutschen Gesellschaft mit neuen Formen politischer Gewalt

Petra Terhoeven (Universität Göttingen): Terrorismus und Gewaltdiskurse in der außerparlamentarischen Linken

Patrick Wagner (Universität Halle): Vom Granatwerfer zum Deeskalationstraining. Die Polizei als Repräsentant des staatlichen Gewaltmonopols nach Innen

Kommentar: Klaus Weinhauer (Universität Bielefeld)

Abschlussdiskussion

Schlusskommentar: Mary Fulbrook (University College London)

Schlusskommentar: Ulrich Herbert (Universität Freiburg)

Zitation
Tagungsbericht: Abkehr von der Gewalt? Der Umgang der westdeutschen Gesellschaft mit alten und neuen Formen gewaltsamen Handelns, 12.11.2015 – 13.11.2015 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 21.01.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6338>.
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Veröffentlicht am
21.01.2016