Städtische Interaktion – Interaktion in der Stadt

Ort
Köln
Veranstalter
Historisches Institut, Universität zu Köln
Datum
17.10.2015
Von
Katharina Jeckel, Graduiertenschule Humanities, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Am 17. Oktober lud die Abteilung für Mittelalterliche Geschichte (Spätmittelalter) der Universität zu Köln zum Workshop "Städtische Interaktion – Interaktion in der Stadt" ein. Im Zentrum des Workshops standen die vielfältigen Beziehungen spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Städte zu Herrschaftsträgern und anderen Akteuren. Olivier Richard stellte einleitend heraus, dass sich diese Beziehungen innerhalb ganz unterschiedlicher Räume – städtischer Topographien, sozialer Räume und Handlungsspielräume –, auf diversen Ebenen und zwischen ganz verschiedenen Personengruppen, wie den offiziellen Ratskontakten oder familiäreren und geschäftlichen Kontakten von Einzelpersonen, abspielten.

COLIN ARNAUD (Berlin) untersuchte die Topographien Bolognas und Straßburgs um 1400 hinsichtlich ihrer Zentralität. Aus der Perspektive des Zentralmarktviertels wurden Wechselwirkungen zwischen der Wohn- und Arbeitstopographie, der Marktstruktur und den politischen Räumen betrachtet und diese in das Schema einer vertikalen, hierarchisierenden bzw. einer horizontalen, inkludierenden Zentralität eingeordnet. Arnaud stellte heraus, dass in Bologna eher von einer vertikalen Zentralität auszugehen ist: Im Zentralmarktbereich wohnte nahezu ausschließlich die reiche Elite, die gewerblichen Märkte waren weit außerhalb dieses Zentrums angelegt und sowohl die politischen Gebäude wie auch Rituale inszenierten die Unterwerfung der Bologneser Bürger und des Stadtumlands. In Straßburg werde dagegen eher eine horizontale Zentralität angenommen: Im Zentralmarkviertel wohnten und arbeiteten ganz unterschiedliche Bevölkerungsschichten, Korn-, Holzmarkt und Hafen waren in das Zentrum integriert und die politischen Bauten stärkten den Gemeinsinn auf ähnliche Weise wie die dokumentierten religiösen Rituale.

Im zweiten Vortrag fragte CLAUDIA ESCH (Bamberg) nach den Konfliktpotentialen, die die inneren Verhältnisse der Stadt Bamberg boten: Topographisch eng verzahnt, war Bamberg rechtlich und herrschaftlich durch die Immunitäten, das Stadtgericht und das Domkapitel stark fragmentiert. Esch konnte zeigen, dass diese Fragmentierung die Handlungsspielräume der Bürger nicht zwingend negativ beeinflussen musste. Vielmehr kooperierten im 13. und 14. Jahrhundert die verschiedenen Herrschaftsbereiche miteinander: Es gab ein freies Umzugsrecht, einen gesamtstädtischen Wirtschaftsraum und ein gemeinsames Bürgerrecht. Auch der steuerliche Sonderstatus der Immunitäten, der nicht auf einer generellen Steuerbefreiung sondern auf einem Steuerbewilligungsrecht des Domkapitels beruhte, führte über die zwei Jahrhunderte zu keinen nennenswerten Konflikten. Der "Immunitätenstreit" brach erst bei der Einführung einer städtischen Vermögenssteuer Ende des 14. Jahrhunderts aus und eskalierte 1430 bei einem Angriff durch hussitische Truppen. Esch arbeitete heraus, dass die Gründe für diesen Streit, der 1440 beigelegt wurde, weniger in der Konkurrenz der stadtherrschaftlichen Bereiche zueinander, sondern eher in der engen Vernetzung der Stadtgemeinde bei einer obrigkeitlichen Trennung zu suchen sind.

GEORG WENDT (Tübingen) widmete sich in seinem Vortrag dem Aufstieg und Fall des Weilheimer Amtmanns Samuel Schultheiss. Das Faschingsfest 1574 wurde diesem aufgrund der Eskapaden seiner Tochter zum Verhängnis und sein laxer Umgang mit der skandalösen Situation zog eine Schmutzkampagne durch den Weilheimer Pfarrer, Kirchheimer Obervorgt und Adelberger Prälaten nach sich und setzte eine Visitationsmaschinerie in Gang, die dazu diente, den Amtmann zu demontieren. Anhand dieses Fallbeispiels zeigte Wendt die Funktionsweise kommunaler Herrschaft im Verwaltungsbezirk Kirchheim unter Teck: Der Herzog hatte durch die "kontrollierte Selbstverwaltung" lediglich anhand der Werkzeuge Visitation und Supervision Zugriff auf die Amts- und Ortsebene und konnte hier nur eingeschränkt Einfluss auf die lokalen Herrschaftsträger nehmen. Dadurch hatten die Schultheißen und Amtleute relativ viel Freiraum und konnten in ihren Kommunen eigene Herrschaftssysteme, die durch persönliche Abhängigkeitsstrukturen gefestigt wurden, implementieren. Die Absetzung eines solchen "Dorffürsten" konnte nur durch eine breite Koalition über die verschiedenen Amtsebenen hinweg gelingen.

ANDREAS WEBER (Trier) setzte sich ebenfalls mit den politischen Handlungsspielräumen verschiedener städtischer Gruppen auseinander und analysierte am Beispiel der Nürnberger Juden deren Möglichkeiten und Ressourcen als aktiv handelnde Gruppe in ihrer Interaktion mit christlichen Akteuren. Weber stellte als wichtigstes und bewährtes diplomatisches Instrument seit den Übergriffen im Kontext der Kreuzzugsbewegungen das Geschenk heraus, das vor allem in Form von Geld, in einigen Fällen aber auch in einer ritualisierten Geste in materieller Gestalt überreicht wurde. Dieses zeugte einerseits von Geschick in einer sorgfältig codierten sozialen Interaktion und wies andererseits auf eine Ökonomisierung der politisch-rechtlichen Beziehung zwischen Juden und Christen hin, die sich mit jeder neuen Krise verschärfen konnte. Die Finanzierung dieser Geschenke wurde in Nürnberg auf die einzelnen Mitglieder der jüdischen Gemeinde umgelegt und sorgte für eine starke Abhängigkeit zwischen finanzkräftigeren und –schwächeren Personen und begünstigte die Herausbildung einer politischen Elite innerhalb dieser Gruppe.

Das Verkehrsmittel "Pferd" und seine Rolle in der spätmittelalterlichen, zwischenstädtischen Kommunikation war das Thema des folgenden Vortrags von FABIENNE MEIERS (Luxemburg), die sich unter dieser Perspektive mit dem Luxemburger Boten- und Gesandtschaftswesen sowie den Nachrichten vermittelnden Kleinfunktionären wie z. B. Förstern auseinandersetzte. Meiers untersuchte den Einfluss des zunehmenden interurbanen Reitverkehrs auf das städtische Kommunikationsverhalten und arbeitete heraus, dass die Etablierung des Reitwesens eine massive Ausweitung des Mobilitätsraumes und eine Beschleunigung und Steigerung des Nachrichtenverkehrs zur Folge hatte. Im zweiten Teil des Vortrags widmete sich Meiers dem Zusammenleben von Mensch und Tier in der Stadt und problematisierte die Haltung der Tiere sowie deren Versorgung mit Wasser und der Abfallbeseitigung und beschrieb die Entstehung pferdespezifischer Berufsgruppen.

Im letzten Vortrag des Workshops stellte SIMON LIENING (Köln) sein Gemeinschaftsprojekt mit ANDREAS WEBER (Trier) vor, das sich mit den Risiken des Gesandtendaseins beschäftigt. Ausgehend von einem Fallbeispiel, das die Entführung dreier Gesandter skizzierte, wurde analysiert, inwiefern das Gefährdungspotential Gesandter persönlicher Natur war oder doch in den Bereich der städtischen Verantwortung fiel. Im Jahr 1395 wurden drei Straßburger Gesandte während einer diplomatischen Mission zu König Wenzel von den Herren von Schwanberg gefangen gesetzt. Mithilfe dieser Aktion sollte die Rückzahlung einer höheren Geldsumme durch König Wenzel erpresst werden. Weder die Gesandten noch die Stadt Straßburg waren vor dieser Entführung Teil des die Verschleppung auslösenden Konflikts und der Straßburger Rat weigerte sich dementsprechend, das geforderte Lösegeld zu bezahlen und appellierte stattdessen an den König und erinnerte diesen an seine Rolle in dieser Streitfrage und an seine Verpflichtungen zum Schutz diplomatischer Funktionsträger. Als sich keine Lösung abzuzeichnen schien und die Gesandten zunehmend in Mitleidenschaft gezogen wurden, aktivierten sie ihr persönliches Netzwerk und beschafften sich das Lösegeld privat.
Liening und Weber zeigten, dass sich – wie in vielen Feldern des spätmittelalterlichen, reichsstädtischen Gesandtschaftswesens – auch in diplomatischen Ausnahmesituationen private und öffentlich-offizielle Handlungsfelder vermischten, was dazu führte, dass Gesandte selbst in Entführungsfällen im Rahmen offizieller Missionen im Zweifelsfall mit ihrem Privatvermögen haften mussten. Eine Unterscheidung der Rollen des Gesandten als städtischer Emissär und als Privatperson wurde nicht vorgenommen.

Für die Abschlussdiskussion fasste SABINE VON HEUSINGER (TRIER) die zentralen Themen des Workshops zusammen: Die Referent/innen boten sowohl ein breites Panorama von unterschiedlichen Akteuren in der Stadt und deren Handlungsspielräumen als auch von diversen Raumkonzepten und Interaktionssettings im urbanen Gefüge. Die Vorträge streiften Fragen nach der Bestimmung und Spezifizierung von Stadtzentren, von Stadt- und Herrschaftskonzepten und der Grenze zwischen einer privaten und einer öffentlichen Sphäre. Die Diskutant/innen zeigten in der Schlussdiskussion, dass in der spätmittelalterlichen Stadt kaum eine Trennung von Innen und Außen, von offiziellen Funktionen und persönlichem Engagement vorgenommen werden kann. Diese Vorstellung von einer Rollenunterscheidung kann der spätmittelalterlichen Denkweise auch in keiner Weise gerecht werden. Vielmehr vermischten sich im städtischen Raum polyfunktionale Aspekte der Interaktion; es gab konkurrierende und voneinander abhängige Sphären, die in ihren vielen Einzelaspekten von den Teilnehmer/innen des Workshops beleuchtet und in vielen fruchtbaren Diskussionen ergänzt und kritisch hinterfragt wurden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Olivier Richard (Mulhouse/Köln)

1. Sektion
Moderation: Olivier Richard (Mulhouse/Köln)

Colin Arnaud (Berlin): Vertikale vs. horizontale Zentralität. Wirtschaft, Alltag und Politik im Stadtzentrum von Bologna und von Straßburg um 1400

Claudia Esch (Bamberg): Grenzkonflikte oder grenzenlose Kooperation? Das Verhältnis von Stadt und Immunitäten am Beispiel Bambergs

2. Sektion
Moderation: Nina Kühnle (Köln)

Geord Wendt (Tübingen): Aufstieg und Fall des Amtmanns Samuel Schultheiss: Herrschaft und öffentliche Meinung in Weilheim/Teck 1574

Andreas Weber (Trier): Die Nürnberger Juden im Spätmittelalter. Über Handlungsspielräume und Aktionsfelder einer städtischen Gruppe

3. Sektion
Moderation: Kristina Odenweller (Köln)

Fabienne Meiers (Luxemburg): Städtische Funktionäre im Sattel Interurbane Kommunikation im Spiegel der spätmittelalterlichen Rechnungsbücher der Stadt Luxemburg (1388–1500)

Simon Liening (Köln) / Andreas Weber (Trier): Gesandte in Gefahr. Interaktionsprozesse in einer Ausnahmesituation städtischer Diplomatie

Abschlussdiskussion
Leitung: Sabine von Heusinger (Köln)

Zitation
Tagungsbericht: Städtische Interaktion – Interaktion in der Stadt, 17.10.2015 Köln, in: H-Soz-Kult, 23.01.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6347>.