The Intervention and its Consequences

Place
Bonn
Host/Organizer
Barbara Schmidt-Haberkamp, Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie, Universität Bonn / Elisabeth Bähr, Kuratorin indigener australischer Kunst aus Speyer; Gesellschaft für Australienstudien (GASt)
Date
09.10.2015 - 10.10.2015
By
Miriam Gertzen / Carolin Hoffmann, Universität Bonn

Die internationale, interdisziplinäre Konferenz „The Intervention and its Consequences” fand vom 9. bis 10. Oktober 2015 im Bonner Universitätsforum statt. Organisiert wurde die Veranstaltung von zwei Mitgliedern der Gesellschaft für Australienstudien (GASt), Barbara Schmidt-Haberkamp vom Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie der Universität Bonn, und Elisabeth Bähr, Kuratorin indigener australischer Kunst aus Speyer.

Der Begriff „Intervention“ wird umgangssprachlich als Bezeichnung für die “Northern Territory National Emergency Response” (NTER) verwendet, die kurz vor der Bundeswahl 2007 von der australischen Bundesregierung unter John Howard erlassen wurde. Offiziell galten diese Notstandsgesetze als Reaktion auf einen Bericht der Landesregierung des Northern Territory über den angeblichen sexuellen Missbrauch und die Vernachlässigung von indigenen Kindern, und berechtigten die australische Regierung zu drastischen Eingriffen in die Selbstbestimmung der indigenen Communities. Maßnahmen umfassten unter anderem einen massiven Einsatz von Polizei und Militär in den betroffenen Communities, die Aussetzung des Racial Discrimination Act von 1975, die Aufhebung des Rechts auf Bestimmung über den Zugang von Nicht-Community-Mitgliedern zu Gebieten, die im Rahmen des Aboriginal Land Rights (Northern Territory) Act 1976 an indigene Communities gegeben wurden, die Abschaffung der Berücksichtigung von indigenem Gewohnheitsrecht („customary law“), die Zweckbindung von Sozialleistungen, das Verbot von Alkohol und pornografischem Material, sowie die verpflichtende medizinische Untersuchung aller Kinder in den betroffenen Gebieten.

Obwohl die Intervention und die ihr nachfolgenden politischen Maßnahmen sofort zu hitzigen Kontroversen führten und die australische Nation bis heute spalten, stand das Thema bisher weder in Australien noch in anderen Ländern im Fokus einer wissenschaftlichen Konferenz. Somit kann die Konferenz in Bonn als ein Ausgangspunkt sowohl für die interdisziplinäre, als auch für die internationale Diskussion dieser kontroversen Gesetzgebung angesehen werden. Bereits im Vorfeld erregte die Tagung großes Interesse, beispielsweise bei Vertretern der australischen Medien und bei Menschenrechtsorganisationen, und zu den Gästen zählten Teilnehmer und Sprecher aus zahlreichen Ländern sowie Vertreter verschiedener Organisationen und Institutionen. Die große Vielfalt der Teilnehmer zeigte einmal mehr die Notwendigkeit, eine Plattform für die Diskussion eines Themas zu schaffen, das nicht nur die Beziehung zwischen der indigenen und nicht-indigenen Bevölkerung, sondern auch die Beziehung zwischen einigen urbanen Aborigines und den „remote communities“ in spärlich besiedelten Gebieten Australiens seit Jahren belastet, und das das Trauma der Vergangenheit wiederaufleben lässt, wodurch dem Versöhnungsprozess erheblicher Schaden zugefügt worden ist.

Barbara Schmidt-Haberkamp, Elisabeth Bähr und Amelie Bernzen, Vorsitzende der GASt, begrüßten die Konferenzteilnehmer am Freitagmorgen im Universitätsforum und formulierten noch einmal gemeinsam das Ziel der Tagung, die Intervention aus den verschiedenen Perspektiven unterschiedlicher wissenschaftlicher Fachrichtungen zu beleuchten.

Die erste Sektion, moderiert von Inge Erhardt (Bonn), widmete sich dem bürokratischen Rahmen der Intervention-Gesetzgebung. Eröffnet wurde sie von LINDSAY FROST (Speyer) mit seinem Vortrag „The Intervention: The Truth, the Whole Truth and Nothing but the Truth?“ – ein Titel, der bereits erahnen lässt, wie kontrovers selbst vermeintlich objektive Fakten zur Intervention zu betrachten sind. Er präsentierte unter anderem eine Zeittafel der Ereignisse, sowie Informationen zu politischen Schlüsselfiguren, zentralen öffentlichen Kommentaren und Statistiken. KATRIN ALTHANS (Köln) folgte mit dem Vortrag „Stories of the NT Intervention: The Narrative Power of the Law“, in dem sie untersuchte, wie juristische Dokumente das Narrativ der Intervention mitgestaltet haben und wie andere Narrative als Alternative oder Gegenentwurf auftreten können. Ihre Analyse beschäftigte sich auch mit Fragen der (Mit-)Sprache und Sprachlosigkeit im Angesicht des Gesetzes und der Interpretation von Menschenrechten.

Die zweite Sektion wurde von Katrin Althans moderiert und setzte sich aus drei Vorträgen von Sprechern aus Australien und Deutschland zusammen. STEFANIE AFFELDT (Lüneburg) ging in ihrem Vortrag „‘Who are the Aborigines?’ The Western Image of Indigenous Australians“ der im Titel enthaltenen Frage nach der Identität der Aborigines nach und stellte heraus, dass europäische Sichtweisen dieser Identität im Laufe der Geschichte zwar großen Veränderungen unterlagen, vielen Antworten auf diese Frage aber weiterhin diskriminierende Vorstellungen zugrunde liegen. VICTORIA GRIEVES (Sydney) widmete sich „Aboriginal Australians and the State of Exception: Camps, Refugees, Biopolitics and the Northern Territory Emergency Response“. In ihrem Vortrag untersuchte sie unter Zuhilfenahme analytischer Konzepte von Giorgio Agamben und Achille Mbembe die Benachteiligung indigener Australier, die sich gegenüber der modernen australischen Siedler-Demokratie dauerhaft in einem Ausnahmezustand befinden. Die Sektion endete mit einem Vortrag von REGINA GANTER (Brisbane) mit dem Titel „A Brief Transnational History of Northern Australia, 1421–1976“, der nicht-europäische Kulturkontakte des nördlichen Australiens beleuchtete, beispielsweise die traditionellen Handelsrouten zwischen Australien und dem asiatischen Kontinent.

Der erste Konferenztag endete mit einer Sektion, die diskutierte, auf welche Weise die Intervention koloniale Diskurse und Machtgefüge widerspiegelt. Moderiert wurde sie von Carolin Hoffmann (Bonn). ALEXANDER BRÄUERS (Rostock) Vortrag mit dem Titel „The Protector of Aborigines: Origins of the Intervention in pre-convict Western Australia“ zeigte auf, dass die Intervention auf bereits etablierte Diskurse der Einmischung zurückgreifen konnte, die bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zurückreichen, vor allem auf die Implementierung des „Protector of Natives“ in der Swan River-Kolonie. SABRINA VETTER (Frankfurt) sprach über „Sexualities in Aboriginal Australian Cultures and the Ban on Pornography“ und verglich in ihrem Vortrag die Gesetze der Intervention mit den Übergriffen, die infolge des Erstkontakts in Bezug auf Sexualität, Gewalt und Landraub auf die Kultur australischer Aborigines verübt wurden. Abgeschlossen wurde der erste Konferenztag mit einem informellen Konferenzdinner.

Am Samstagvormittag wurde die Konferenz mit zwei weiteren Sektionen fortgeführt. Die erste Sektion, moderiert von Miriam Gertzen (Bonn), beschäftigte sich mit literarischen Auseinandersetzungen mit der Intervention. In ihrem Vortrag „Negotiating the Intervention: First Australian Stories of Reconciliation” ging HANNE BIRK (Bonn) der Frage nach, inwieweit kulturspezifische narrative Strategien potenziell zur Verhandlung kultureller Identitäten oder transkultureller Versöhnungsprozesse beitragen können. Ihre Analyse konzentrierte sich auf Prä-Intervention-Texte von Bruce Pascoe sowie auf Beispiele aus dem von Rosie Scott und Anita Heiss herausgegebenen Band The Intervention: An Anthology. Im zweiten Vortrag dieser Sektion, „The Intervention in Indigenous Literature – Alexis Wright’s The Swan Book“, untersuchte DOROTHEE KLEIN (Freiburg), wie literarische Repräsentation vorherrschende Diskurse von Normalität sowie die Pathologisierung von Individuen und ganzen Communities hinterfragen kann.

Die letzte Sektion dieser Konferenz, moderiert von Hanne Birk, war der visuellen Kunst gewidmet. VICTORIA HERCHE (Köln) sprach über „Reassessing Aboriginal Self-determination in Rolf de Heer’s Charlie’s Country“. Anhand mehrerer kurzer Filmausschnitte zeigte sie, wie die zyklische Struktur des Films sowohl die negativen Konsequenzen der Intervention in „remote communities“ als auch das Scheitern einer Rückkehr zu einer traditionellen Lebensweise hinterfragt und dadurch auf das universale Menschenrecht auf Selbstbestimmung in seiner Ambivalenz und Komplexität verweist. Zu guter Letzt sprach ELISABETH BÄHR (Speyer) über „‚An Australian Government Initiative: Criminal‘ – Die Intervention in australischer Kunst“ und zeigte zur Veranschaulichung mehrere Werke indigener und nicht-indigener australischer Künstler. Diese können als politischer Kommentar zur Intervention betrachtet werden, weisen aus kuratorischer Perspektive aber auch Ähnlichkeiten zu Werken aus anderen Kontexten auf und unterstreichen dadurch die Intervention als eine Weiterführung bereits vorangegangener Repression durch die Regierung.

Die Konferenz schloss mit einer lebhaften Diskussion, in der mehrere übergreifende Themen, die in den zwei Tagen angesprochen worden waren, miteinander verbunden wurden, wie zum Beispiel Menschenrechte und Selbstbestimmung der Aborigines, Staatsvertrag vs. Souveränität und die Macht von Narrativen. Die Diskussion der Intervention in Deutschland könnte dazu beitragen, internationale Aufmerksamkeit auf eine nationale, scheinbar festgefahrene Situation zu lenken. Solch ein internationaler und interdisziplinärer Austausch erwies sich als besonders fruchtbar und ergiebig, nicht nur im Rahmen der Abschlussdiskussion sondern auch in eher informellen Gesprächen, für die die Konferenz in den Kaffee- und Mittagspausen und beim Konferenzdinner genügend Raum bot, so dass die Teilnehmer die Möglichkeit hatten, Erfahrungen auszutauschen und sich zu vernetzen. Im Foyer des Universitätsforums waren außerdem Bücher und weiteres Informationsmaterial ausgelegt, zum Beispiel von der Organisation Concerned Australians.

Konferenzübersicht:

Sektion I

Lindsay Frost (Speyer): The “Intervention”: The Truth, the Whole Truth and Nothing but the Truth? Facts, Dates, and Reference

Katrin Althans (Köln): Stories of the NT "Intervention": The Narrative Power of the Law

Sektion II

Stefanie Affeldt (Lüneburg): “Who are the Aborigines?”– The Western Image of Indigenous Australians

Victoria Grieves (Sydney): Aboriginal Australians and the State of Exception: Camps, Refugees, Biopolitics and the Northern Territory Emergency Response

Regina Ganter (Brisbane): A Brief Transnational History of Northern Australia, 1421-1976

Sektion III

Alexander Bräuer (Rostock): The Protector of Aborigines: Origins of the "Intervention" in pre-convict Western Australia

Sabrina Vetter (Frankfurt): Sexualities in Aboriginal Australian Cultures and the Ban on Pornography

Sektion IV

Hanne Birk (Bonn): Negotiating the “Intervention”: First Australian Stories of Reconciliation

Dorothee Klein (Freiburg): The "Intervention" in Indigenous Literature – Alexis Wright's 'The Swan Book'

Sektion V

Victoria Herche (Köln): Reassessing Aboriginal Self-determination in Rolf de Heer’s 'Charlie’s Country' (2014)

Elisabeth Bähr (Speyer): “An Australian Government Initiative: Criminal” - Die “Intervention” und australische Kunst

Citation
Tagungsbericht: The Intervention and its Consequences, 09.10.2015 – 10.10.2015 Bonn, in: H-Soz-Kult, 08.03.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6418>.
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Published on
08.03.2016
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