Ort
Bonn
Veranstalter
Open History e.V.
Datum
27.11.2015 - 28.11.2015
Von
Tobias Jakobi, Internationale Geschichte, Universität Trier; Tobias Kühne, Archiv der sozialen Demokratie, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn

Am 27./28. November 2015 fand in der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Bonn das erste Barcamp für alle statt, die an und mit Geschichte arbeiten: das histocamp (<http://histocamp.hypotheses.org>). Organisiert wurde das histocamp vom Verein Open History e. V., neben dem Archiv der sozialen Demokratie der FES gehörten die Max Weber Stiftung und die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu den Kooperationspartnern.

In dem als „Unkonferenz“ oder „Ad-hoc-Nicht-Konferenz“ konzipierten histocamp gab es kein Tagungsprogramm, keine vorab ausgewählten Referent_innen und keine inhaltliche Schwerpunktsetzung, die 25 Sessions wurden an beiden Veranstaltungstagen von den rund 150 Teilnehmer_innen bestimmt. Die Sessions fanden als Vorträge, Gruppendiskussionen oder Präsentationen statt. Dieses unorthodoxe Format zeigt schon an, dass das histocamp auch als eine produktive Herausforderung der traditionellen Geschichtswissenschaft und Geschichtsvermittlung verstanden werden kann. Die kritische Selbstreflexion und Standortbestimmung eines nicht hierarchisch organisierten Milieus innerhalb des geschichtswissenschaftlichen Feldes kam schon durch die Raumbenennung zum Ausdruck: Zur überflüssigen Fußnote, Zum nichtssagenden Kommentar, Zum ungelesenen Sammelband, Raum der monotonen Vorträge und Raum der nicht zitierten Quellen.

Neben dem analogen Teil des histocamps bestand die zweite Säule der Veranstaltung in der digitalen Begleitung und Kommentierung in sozialen Netzwerken. Für jede Session wurde bei Twitter ein separater Hashtag eingerichtet, was von den Teilnehmer_innen ausgiebig genutzt wurde. Dabei zeigte sich die Spannweite der Möglichkeiten, welche diese Form der digitalen Kommunikation ermöglicht: Während einige Teilnehmer_innen Twitter als eine Art öffentliches Notizbuch nutzten, wurden einige Inhalte der Sessions auch online diskutiert. Dabei löste sich das Thema von der Raum- und Zeitbindung der Sessions – Gespräche auf Twitter fanden zwischen Teilnehmer_innen in verschiedenen Sessions statt und wurden über das Ende der eigentlichen Sessions hinaus fortgeführt. Einige Sessions wurden per Livestream übertragen und sind als Videos unter <http://bundesstadt.com/veranstaltungen/die-histocamp-protokolle> einsehbar. Unter diesem Link sind auch Protokolle der übrigen Sessions zu finden. Darüber hinaus wurde in zahlreichen sozialen Netzwerken (<http://histocamp.hypotheses.org/nachlese-2015>) Bilanz gezogen und die Zukunft des Formats – nicht nur in der Geschichtswissenschaft – erörtert.

Trotz der nicht koordinierten Themensetzung bildeten sich während des histocamps Schwerpunkte heraus, die aktuelle Herausforderungen der Geschichtswissenschaft und insbesondere einer Public History widerspiegeln.

In mehreren Sessions setzten sich die Teilnehmer_innen mit Möglichkeiten und Grenzen digitaler Geschichtsvermittlung auseinander. Mitglieder der Online-Redaktion der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik stellten digitale Präsentationsmöglichkeiten von Museen vor. Die Digitalisierung des „Lexicon Abbreviaturarum“ und den damit verbundenen Mehrwert für die Forschung erläuterte ERIK HASSELBERG (Münster). BENJAMIN HEINZ (Eichstädt) und TOBIAS ARENDT (Eichstädt) zeigten anhand des multimedialen Museumsguides mGuide <http://mguide.institut-für-digitales-lernen.de/> das Potenzial von Apps in der Museumspädagogik. „Gamification“ als Form der Geschichtsvermittlung war das Thema einer von CHRISTIAN GÜNTHER (Bonn) angebotenen Session. Über die Herausforderungen von Public History im digitalen Zeitalter diskutierten die Teilnehmer_innen einer von ETTA GROTRIAN (Berlin), STEFANIE EISENHUTH (Berlin), und TIM KÖHLER (Berlin), angebotenen Session. MARTHA WILCZYNSKI (Köln) stellte Geschichtsprojekte beim WDR Funkhaus Europa vor. Wie Historiker_innen Podcasting zur Wissensvermittlung nutzen können, erläuterte DANIEL MEßNER (Wien / Berlin). Über die Praxis digitaler Editorik informierten MAX GRÜNTGENS (Mainz) und DOMINIK KASPER (Frankfurt am Main). Einen praxisbezogenen Workshop zum Lesen von Handschriften bot GESA FÜßLE (Hamburg) an. Bei den unterschiedlichen Sessions wurde deutlich, dass die Möglichkeiten digitaler Geschichtsvermittlung längst nicht ausgeschöpft sind und eine der Herausforderungen auch darin bestehen wird, technische Instrumente noch stärker mit didaktischen Methoden und inhaltlichen Qualitätsstandards zu verbinden.

Weitere Sessions behandelten die Frage nach dem Selbstverständnis und den zukunftsträchtigen Arbeitsfeldern von Historiker_innen. „Ist der Geschichtsverein tot?“ lautete die Frage von CHRISTIAN HILLEN (Köln). Beantworten wollte er die Frage nicht, aber es wurde deutlich, dass sich Geschichtsvereine im 21. Jahrhundert neu definieren und organisieren müssen. MAX GRÜNTGENS, DOMINIK KASPER und NADINE JENKE (Nordhausen) stellten die Publikationsprojekte <http://www.skriptum-geschichte.de/aktuelle-ausgabe.html> und <http://www.soziologieblog.hypotheses.org> als Möglichkeit für Nachwuchswissenschaftler_innen vor, auch jenseits von Printmedien zu publizieren. KONSTANTIN MANTHEY (Berlin) berichtete darüber, wie er bei seinem Promotionsverfahren von der Einrichtung eines Blogs profitierte. Über die Arbeit freier Historiker_innen, ihre beruflichen Möglichkeiten und Tätigkeitsfelder diskutierte NORMAN LIPPERT (Göttingen) mit den Teilnehmer_innen seiner Session. JOËLLE WEIS (Wien) und JOHANNES WALSCHÜTZ (Freiburg) warfen die Frage auf, welche Relevanz die Geschichtswissenschaft in der heutigen Gesellschaft hat oder haben sollte. Dass historisches Wissen auch jenseits der Wissenschaft oder der Geschichtsvermittlung von Nutzen sein kann, verdeutlichten MATHIAS LYNDERS (Bonn) am Beispiel der historischen Unternehmensberatung und ANNI ROOLF (Düsseldorf) hinsichtlich der Rolle und der Aufgaben von Historikern_innen in der globalen Migrationsgesellschaft. Die Digitalisierung, so kann man die hier vorgestellten Sessions zusammenfassen, stellt die Historiker_innenzunft nicht nur vor technische und didaktische, sondern auch mentale und habituelle Herausforderungen.

Neben anwendungsorientierten und übergreifenden Fragestellungen wurden auch Sessions zu engeren geschichtswissenschaftlichen Themen angeboten. ANDREAS FROESE-KAROW (Gardelegen) stellte den Umgang mit dem Massaker von Gardelegen nach 1945 vor. Am Beispiel von Diskursen über Homosexualität in amerikanischen Zeitungen zeigte TOBIAS JAKOBI (Trier) das Potenzial einer kombinierten quantitativen und qualitativen Textanalyse auf. ANDREAS JOB (Bonn) diskutierte neue Perspektiven der Ahnenforschung und das Feld der Computergenealogie. TOBIAS KÜHNE (Bonn) und JOHANNES PLATZ (Bonn) stellten neue Aspekte und Fragestellungen der Labour History vor. Mit historischen Bezügen in der Popkultur beschäftigten sich ANGELIKA SCHODER (Hamburg), PETRA TABARELLI (Ockenheim) und MAXI PLATZ (Duisburg). STEFANIE EISENHUTH und TIM KÖHLER diskutierten in ihrer Session das Phänomen „HisTourismus“ und die zunehmende Musealisierung deutscher Städte am Beispiel Berlin. Mit der Wahrnehmung von Dieselabgasemissionen in Deutschland und den USA von 1970–2005 stellte CHRISTOPHER NEUMAIER (Potsdam) ein Forschungsfeld vor, das jüngst an Aktualität gewonnen hat. Die höfische Kultur im Mittelalter am Beispiel von Kleidung war das Thema einer von ANITA SAUCKEL (Greifswald) und ALISSA THEIß (Marburg) angebotenen Session. Wer zum Ende des histocamps schließlich zu erschöpft von den vielen Sessions war, konnte die Veranstaltung beim amüsanten Histobingo von MORITZ HOFFMANN (Heidelberg) und CHARLOTTE JAHNZ (Bonn) ausklingen lassen.

In der abschließenden Feedbacksession diskutierten die Teilnehmer_innen ihre Eindrücke aus den zwei Veranstaltungstagen mit dem Organisationsteam von Open History e.V. Dabei erhielten die Organisator_innen viele positive Rückmeldungen und hilfreiche Vorschläge für das nächste histocamp.

Als Rahmenprogramm hatte das Bonner Haus der Geschichte zum Abschluss des ersten Tages des histocamp zu einem „Schwarm-Tweetup“ eingeladen. In diesem von RUTH ROSENBERGER (Bonn) mitkonzipierten Format wurden interessierte Teilnehmer_innen in verschiedenen Gruppen auf unterschiedlichen Wegen durch die Dauerausstellung des Hauses geleitet. Die Museumsführer_innen besprachen dabei die Dauerausstellung nicht auf einer inhaltlichen, sondern auf einer konzeptionellen Ebene, welche sich in Gruppennamen wie „Zeitzeugen“, „(Räumliche) Gestaltung“ oder „Medien“ niederschlug.

Insgesamt zeigte sich beim histocamp, dass neue Veranstaltungsformate, multimediale technische Anwendungen und ungewöhnliche inhaltliche Zugänge die Geschichtswissenschaft und die Geschichtsvermittlung bereichern können. Hervorzuheben ist hier zum Beispiel die Zusammensetzung der Teilnehmer_innen. Neben zahlreichen Studierenden waren Promovierende und Postdocs ebenso vertreten wie Archivar_innen und historisch Interessierte. Die dem Format immanente Hierarchieferne ermöglichte ein hohes Maß an Vernetzung der Beteiligten – nicht nur digital, sondern ebenso face-to-face. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Außenreichweite über die sozialen Netzwerke: @histocamp sprach innerhalb weniger Monate 680 Follower an. Zum Vergleich: @historikertag erreicht seit 2010 1.063 Follower (Stand: 14. Dezember 2015). Ein Format wie das histocamp wird traditionelle Veranstaltungsformate nicht ersetzen können – allerdings ist dies auch nicht der Ansatz der Organisator_innen gewesen. Da der Gedanke der Vernetzung und Kommunikation zu den Wesensmerkmalen des histocamps gehörte, soll das Fazit an dieser Stelle einem Blogbeitrag von Lucas Garske überlassen bleiben: „Das histocamp ist kein Gegenentwurf zu konventionellen Konferenzen, sondern in erster Linie ein anderes Format. Es dient anderen Zwecken als herkömmliche Tagungen und wird sicher auch in Zukunft nicht alle Menschen, die an und mit Geschichte arbeiten, ansprechen. Auch wenn es zuweilen wünschenswert wäre, am Elfenbeinturm zu sägen, ist es eher der Versuch, an einem anderen Ort eine Gemeinschaftswerkstatt aufzubauen. Es ist ein Experiment, aber es ist keine Spielerei, sondern der ernst gemeinte Versuch, die Fachkommunikation vor Ort anders zu gestalten: kreativer, streitbarer und offener. Nicht bloß im Rahmen des histocamps, sondern auch auf anderen Konferenzen, die daran interessiert sind den Austausch und die gemeinsame Arbeit zwischen Historiker*innen voranzubringen.“ (<http://histocamp.hypotheses.org/736>)

Konferenzübersicht:

Sessions I

Christian Hillen: Ist der Geschichtsverein tot?

Andreas Froese-Karow: Der Massenmord von nebenan

Erik Hasselberg: Abkürzungen digital – Von heutigen Interaktionsmöglichkeiten und Zukunfts-Usability

Stiftung Haus der Geschichte: Museumsobjekte im digitalen Raum

Max Grüntgens / Nadine Jenke / Dominik Kasper: Studentisches Publizieren

Sessions II

Gesa Füßle: Handschriften lesen – Kurrent Sütterlin

Tobias Arendt / Benjamin Heinz: mGuide – der multimediale Museumsguide

Konstantin Manthey: Kirchenbau + Blog = Erfolg?

Tobias Jakobi: Qualitative und quantitative Textanalysen verbinden

Andreas Job: Ahnenforschung mit NS-Zeit und ohne

Sessions III

Christian Günther: Gamification & multiperspektivische Darstellung

Stefanie Eisenhuth / Etta Grotrian / Tim Köhler: Digitale Geschichtsvermittlung – Public History

Martha Wilczynski: Geschichte in jungen Medienformaten

Daniel Meßner: Podcasting #histopod

Norman Lippert: Arbeit als freier Historiker

Sessions IV

Matthias Lynders: Historische Unternehmensberatung

Joëlle Weis / Johannes Walschütz: Wie kommen Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit aus der Relevanzfalle?

Tobias Kühne / Johannes Platz: New Labour History

Anni Roolf: Die Rolle von Historikern in der globalen Migrationsgesellschaft

Maxi Platz / Angelika Schoder / Petra Tabarelli: Popkultur: Star Wars, Star Trek, Dr. Who

Sessions V

Moritz Hoffmann / Charlotte Jahnz: Histo-Bingo – Spontane Narratologie in der Geschichtswissenschaft

Stefanie Eisenhut / Tim Köhler: Berlin – ein „Disneyland“ der Zeitgeschichte? HisTourismus und die Musealisierung der Städte

Max Grüntgens / Dominik Kasper: Digitale Editorik

Christopher Neumaier: Qualm um nichts: #dieselgate

Anita Sauckel / Alissa Theiß: Höfische Kultur im Mittelalter

Zitation
Tagungsbericht: histocamp, 27.11.2015 – 28.11.2015 Bonn, in: H-Soz-Kult, 09.03.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6421>.
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Veröffentlicht am
09.03.2016
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