Theoderich der Große und das gotische Königreich in Italien

Ort
München
Veranstalter
Hans-Ulrich Wiemer, Department Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Datum
18.02.2016 - 20.02.2016
Von
Henning Börm, Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz

Die sechs Jahrzehnte währende Herrschaft ostgotischer reges über Italien (493 bis 553) wird heute zumeist zur Antike gezählt, wobei nicht wenige Phänomene bereits auf das Mittelalter vorausweisen und über die Rechtsstellung Theoderichs und seiner Nachfolger nach wie vor keine Einigkeit besteht. Daran allerdings, dass die Ostgoten nicht zuletzt deshalb besondere Beachtung verdienen, weil die Amaler nicht wie andere reges an der Peripherie agierten, sondern vielmehr die Kontrolle über das (einstige) Kernland des Imperium Romanum, über den Senat in Rom, über den comitatus in Ravenna und über den Rumpf der weströmischen Zentralregierung übernommen hatten und daher fraglos unter eigentümlichen Bedingungen agierten, kann kaum ein Zweifel bestehen. Das Ziel der von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten internationalen Tagung im Historischen Kolleg München war es daher, sich dem Charakter der gotischen Herrschaft über Italien systematisch anzunähern, indem insbesondere Wirtschaft, ‚Innenpolitik‘ und Gesellschaft des Reiches in den Blick genommen wurden.

In seinen einleitenden Bemerkungen skizzierte HANS-ULRICH WIEMER (Erlangen-Nürnberg / München) zunächst den thematischen Rahmen der Konferenz und ordnete sie zugleich in die aktuelle Forschungsdebatte ein. Wiemer betonte, dass im Zentrum der interdisziplinären Tagung weder die Person Theoderichs noch seine Außenpolitik, sondern vielmehr Sozialgeschichte und Siedlungsarchäologie sowie Identitäten und Erinnerungskulturen im spätantiken Italien des 5. und 6. Jahrhunderts stünden. Die Tagung solle dabei an die fortdauernde Debatte über den Charakter des Wandels der spätantik-frühmittelalterlichen Welt anschließen. Wiemer hob hervor, dass gerade das Ostgotenreich ein gutes Fallbeispiel sei, um sich diesem Problem anzunähern. So gelte heute zwar erst das Jahr 568 als das „Ende der Antike“ in Italien, es sei aber mittlerweile umstritten, ob das Land unter Theoderich wirklich eine Blüte erlebte, wie aufgrund der literarischen Überlieferung gemeinhin angenommen wurde; hier verspreche nicht zuletzt die Archäologie erhebliche Erkenntnisgewinne. Eine Analyse der für Theoderichs Herrschaft charakteristischen binären Codierung von „Goten“ und „Römern“ wiederum könne Aufschluss zur Frage nach der Bedeutung von Fremd- und Selbstzuschreibungen sowie der Thematisierung von Diversität bzw. dem Verschweigen von Differenzen bieten: Wer waren die Römer, wieso akzeptierten sie die Herrschaft des an Zahl weit unterlegenen exercitus Gothorum, welche Rolle spielten dabei sozioökonomische Distinktionen und die arianische bzw. homöische Konfession, die unter Theoderich offenbar einen ethnischen Charakter erhielt (lex Gothica)? Dabei ordne sich die Frage, wer Theoderichs „Goten“ waren und wie ihr Verband organisiert und entstanden war, prominent in die Diskussion über „Ethnogenese“ und Ethnizität als soziales Konstrukt ein.

Im Zentrum des Vortrags von PETER EICH (Freiburg i. Br.) stand die senatorische Elite Italiens, die nach verbreiteter Ansicht um 500 einen „dritten Frühling“ erlebt habe, wobei Eich zunächst den problematischen Charakter der Überlieferung betonte, die nicht nur insgesamt das oberste Stratum des ordo senatorius, die viri illustres, sondern überdies auch noch einzelne Familien wie die Decii stark privilegiere, während clarissimi ohne Hofämter und Senatssitz in der Regel schwerer greifbar seien. Dennoch ließen die Quellen den Schluss zu, dass die Senatoren keineswegs eine einheitliche Akzeptanzgruppe gebildet hätten. Skepsis äußerte Eich allerdings gegenüber Versuchen der älteren Forschung, die italische Elite in Dichotomien wie „stadtrömisch/norditalisch“, „alter Adel/Aufsteiger“, „militärnah/militärfern“ oder „Anicii/die anderen“ fassen zu wollen. Unter Rückgriff auf die von Michael Mann beschriebenen vier Typen sozialer Macht – politisch, ideologisch, ökonomisch und militärisch – identifizierte er vielmehr insbesondere ideologische Macht als wesentliche Grundlage der Stellung aller Senatoren und untersuchte im Anschluss, inwieweit diese versuchten, durch die Übernahme von Positionen im Umfeld des gotischen rex und am Hof auch politische Macht zu erlangen. Als Beispiel diente ihm das Amt des praefectus praetorio Italiae, das unter Theoderich sowohl von Männern wie Liberius oder Cassiodor, die zwar keine regelrechten Außenseiter, aber auch keine Mitglieder der alten stadtrömischen Familien gewesen seien, als auch von Angehörigen dieser gentes bekleidet worden sei. Eine ähnliche Mischung lasse sich auch bei der Stadtpräfektur beobachten, während die Finanzcomites offenbar in der Regel nicht den alten Geschlechtern entstammten. Unter der Prämisse, dass die vorliegenden prosopographischen Daten genügten, um Theoderichs Personalpolitik einschätzen zu können, lege diese nahe, dass es im Senat und bei Hof mehr als nur zwei Parteiungen gab; allerdings seien zuletzt offenbar Aufsteiger als Amtsträger bevorzugt worden, was ein Indiz für Spannungen zwischen dem rex und der stadtrömischen Elite sein könne. Eindeutige Aussagen aber lasse das Material nicht zu.

KARL UBL (Köln) stellte anschließend das Edictum Theoderici in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Die fehlende Systematik dieser Gesetzessammlung, hinter der Ubl gemäß der communis opinio den Amaler Theoderich (und nicht den Westgoten Theoderich II.) annahm, sei bereits früh erkannt worden und schränke den praktischen Nutzwert erheblich ein. Das Edictum werde oft als Versuch gewertet, Anarchie einzudämmen, doch nicht jedes Verbrechen, das oft erwähnt werde, müsse auch häufig gewesen sein. Vielmehr betonte UBL die symbolische Funktion der Gesetzessammlung: Diese habe die universale Sorge Theoderichs für das römische Recht dokumentieren und auf diese Weise die Rechtmäßigkeit der amalischen Herrschaft über Italien unterstreichen sollen. Die auffällige Anzahl an Gesetzen, die sich auf agrarische Kontexte beziehen, wertete Ubl dabei als Zeichen dafür, dass sich der rex auch gegenüber der Landbevölkerung als legitimer Herrscher habe inszenieren wollen. Abschließend forderte Ubl, den Charakter der „barbarischen“ Gesetzessammlungen als „Demonstrationen monarchischer Herrschaft in Gestalt des Rechts“ künftig durch den Vergleich mit den Kodifikationen anderer reges systematisch zu beleuchten.

Die beiden folgenden Vorträge hatten sodann die religiösen Verhältnisse zum Gegenstand: Zunächst befasste sich JAN-MARKUS KÖTTER (Düsseldorf) mit den vieldiskutierten Beziehungen zwischen Theoderich und der katholischen Geistlichkeit. Dabei werde die Bedeutung des Akakianischen Schismas (484–519) oftmals überschätzt, vielmehr machte Kötter vor allem pragmatische Überlegungen für die friedliche Koexistenz des Homöers Theoderich mit den Katholiken verantwortlich: Der katholische Klerus Italiens habe nicht zuletzt durch Armenfürsorge eine hohe soziale Autorität besessen – die Rolle der Bischöfe innerhalb der lokalen Gemeinden schätzte Kötter dabei als sehr stark und prominent ein –, und durch den ökumenischen Zusammenhalt der Katholiken habe sich der Amaler ihrer insbesondere als Diplomaten bedienen können. Überdies habe die katholische Geistlichkeit bereits früh die Seiten gewechselt und Theoderich gegen Odoaker unterstützt. Da die Kirche wiederum von der Stabilität profitiert habe, die die Gotenherrschaft Italien brachte, und die Homöer überdies nicht missioniert hätten, habe sich der katholische Klerus zumeist loyal verhalten, während umgekehrt der rex keinen Anlass gehabt habe, gegen die Kirche vorzugehen.

Im Anschluss behandelte HANNS CHRISTOF BRENNECKE (Erlangen-Nürnberg) den unterschiedlichen Status von Homöern und Juden als religiösen Minderheiten im Ostgotenreich. Laut Brennecke wurden die Ostgoten erst nach dem Zusammenbruch das Attilareichs im Zusammenhang mit ihrer Ansiedlung in Pannonien arianische Christen. Zudem hob er hervor, dass das Bild der Arianer vielfach von Polemik und Missverständnissen geprägt sei – viele Homöer hätten die Lehren des Arius abgelehnt, und auch die Vorstellung einer besonderen germanischen Affinität zum Arianismus beruhe auf falschen Prämissen. Vielmehr hätten insbesondere oströmische Homöer vielfach Zuflucht bei den foederati gesucht, die von der Verpflichtung auf das katholische Bekenntnis seit 381 ausgenommen waren, was auch für bestimmte Besonderheiten der lex Gothica (kein Zölibat, kein Mönchtum und die Häretikertaufe) mitverantwortlich gewesen sei. Dabei habe vor allem katholische Polemik die Nähe zwischen Homöern und Juden zwar stark übertrieben; es sei aber deutlich, dass die letzteren die amalische Herrschaft der kaiserlichen in der Tat vorgezogen hätten. Als Grund hierfür machte Brennecke den demonstrativen Willen Theoderichs aus, den Juden Rechtsschutz und Toleranz zu gewähren; dies sei ein Ausdruck des Anspruchs gewesen, sich damit in eine ältere kaiserliche Tradition einzuordnen, die von den oströmischen Augusti, die seit dem 4. Jahrhundert zunehmend repressiv gegen alle Nichtchristen vorgingen, durchbrochen worden sei – eine anschließend kontrovers diskutierte Hypothese.

Mit den folgenden Vorträgen rückte vor allem die materielle Kultur in den Fokus. Zunächst befasste sich NEIL CHRISTIE (Leicester) mit der Frage, wie sichtbar die ostgotische Präsenz in Italien im archäologischen Befund sei. In Ravenna falle diese Nachweis leicht; viel schwieriger sei er hingegen in ländlichen Regionen, auch wegen der bekannten Schwierigkeiten, die mit der ethnischen Interpretation etwa von Grabfunden verbunden seien. Christie folgte Forschern wie Volker Bierbrauer in der Annahme, dass eine Zuweisung grundsätzlich möglich sei, und konstatierte, die mit Abstand meisten „gotischen“ Funde ließen sich in Nord- und Mittelitalien machen. Insgesamt unterscheide sich der Norden, wo im 5. Jahrhundert vielfach Festungen und Stadtmauern errichtet worden seien, klar vom Süden. In chronologischer Hinsicht lasse sich die ostgotische Zeit dabei grob in drei Phasen unterteilen: Bis etwa 510 sei es um eine militärische Sicherung der gotischen Herrschaft gegangen, in den folgenden 20 Jahren eher um den Aufbau einer „zivilen“ Infrastruktur und während der justinianischen Gotenkriege dann wieder primär um Defensivmaßnahmen. Diese Periodisierung entspreche dabei zwar einem aus den Schriftquellen zu gewinnenden Verlaufsschema, könne aber nicht aus den archäologischen Befunden selbst gewonnen werden, weil diese nicht hinreichend genau datiert werden könnten. Abschließend betonte Christie, dass vor allem diese Kämpfe gerade in Norditalien massive Verwüstungen mit sich gebracht hätten, ohne dass damit allerdings alle Kontinuitätslinien abgerissen wären.

Das Problem von Kontinuität und Diskontinuität stand auch im Mittelpunkt des Vortrags von CHRISTIAN WITSCHEL (Heidelberg), der sich ausgehend vom epigraphischen Befund insbesondere der Frage zuwandte, ob es unter Theoderich zu einer Renaissance der Städte Italiens gekommen sei. Die literarischen Quellen betonten vielfach die Förderung der civitates durch die Amaler, gerade die Variae Cassiodors böten aber auch Hinweise auf Umbrüche. Um diese widersprüchlichen Aussagen besser bewerten zu können, wählte Witschel zunächst Venetia et Histria und Tuscia et Umbria als Beispiele aus. Während im erstgenannten Fall die meisten kaiserzeitlichen civitates mindestens bis 600 überdauert und um 500 teils sogar eine erkennbare Blüte erlebt hätten, falle der Befund im zweiten Fall differenzierter aus; allerdings sei der Prozess des Scheiterns einiger Städte auch hier langwierig und uneinheitlich gewesen. Grabinschriften belegten vielerorts den Fortbestand einer urbanen Elite, deren Angehörige sich zudem als Euergeten am „Kirchenbauboom“ des 5./6. Jahrhunderts beteiligt hätten. Insgesamt hätten honorati und possessores die spätantiken Städte Italiens dominiert, wobei die Bischöfe eine deutlich kleinere Rolle als etwa in Gallien gespielt hätten und es überdies unklar sei, wie weit verbreitet das neue Amt des comes civitatis tatsächlich war. Alles in allem lasse sich bislang nicht erkennen, dass sich für die civitates mit der Gotenherrschaft eine Zäsur verbunden habe: Die langfristigen Transformationsprozesse hätten bereits vorher eingesetzt und seien von den Amalern offenbar weder aufgehalten noch beschleunigt worden.

Im Anschluss bot EMANUELE VACCARO (Siena) in einer eindrucksvollen tour de force einen Überblick über aktuelle archäologische Feldforschungen zum spätantiken Sizilien. Dabei ergab sich ein sehr komplexes Bild mit großen Unterschieden auf der lokalen Ebene; so seien gerade abseits der urbanen Zentren manche Siedlungen aufgegeben worden, während andere gewachsen seien und sich nicht selten Villen in Dörfer verwandelt hätten, die nun immer mehr zu Zentren der ländlichen Besiedlung geworden seien. Die Civitas-Hauptorte seien aber nach wie vor sowohl für die Finanzadministration als auch als Bühne der lokalen Eliten relevant geblieben. Vaccaro betonte ungeachtet der erheblichen regionalen Differenzen insbesondere zwei Befunde: Zum einen sei Sizilien im 5. und 6. Jahrhundert insgesamt ökonomisch durchaus vital geblieben, zum anderen ließen sich auf der Insel ungeachtet der in literarischen Quellen bezeugten militärischen Bedrohung bislang überraschenderweise keine Investitionen in Festungen oder Stadtbefestigungen nachweisen – eine eklatante Differenz zu Norditalien, die auch die vermeintlich beständige Bedrohung Siziliens durch die Vandalen in ein anderes Licht rücken könnte.

PHILIPP VON RUMMEL (Berlin) kehrte noch einmal zur kontroversen Frage der ethnischen Interpretation archäologischer Befunde zurück. Nach einigen einleitenden grundsätzlichen Bemerkungen, in denen er die Produktivität der Debatte zwischen „Optimisten“ und „Skeptikern“ betonte und unterstrich, dass auch diskursiv konstruierte Differenzen real genug seien, um unter Umständen – aber nicht immer – auch in der materiellen Kultur sichtbar zu werden, wandte sich von Rummel konkret den Ostgoten zu. Charakteristisch für Theoderichs Kriegerverband sei sein militärischer Charakter gewesen; aber genau dieser sei materiell unspezifisch gewesen, weshalb sich die archäologische Forschung in der Regel auf die in Grabfunden gut greifbare weibliche Tracht konzentriert und dabei insbesondere Gewandfibeln eine zentrale Rolle zugesprochen habe. Die lange gängige Erklärung der Fibeltypen und der sie zusammenhaltenden Gewänder als Teile einer germanischen Tracht sei dabei nicht mehr überzeugend. Sie seien aber als Bestandteil der Totenkleidung neu auf italischem Boden und in ihrer Mischung aus traditionellen und neuen Elemente ein aussagekräftiges Element in der Diskussion um gotische Repräsentationen. Von Rummel zeigte dies besonders am Beispiel der sogenannten „Adlerfibeln“ und gelangte zu dem Fazit, dass die unter Theoderichs Goten verbreitete Mode daher zwar nicht traditionell gotisch oder germanisch gewesen sei, aber durchaus als Distinktionsmerkmal einer neuen militärischen Elite gedient habe, die in Italien als „gotisch“ angesprochen und wahrgenommen worden sei.

Im Anschluss an diese archäologischen Beiträge stellte MASSIMILIANO VITIELLO (Kansas City) in seinem Vortrag wieder die literarische Überlieferung in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Vitiello betonte dabei zunächst, dass stilistische Parallelen zu den Variae und dem Edictum Theoderici den Schluss nahelegten, dass Jordanes’ Getica stärker von Cassiodor abhingen, als man aufgrund der Selbstaussagen des Textes vermuten könnte. Zwar sei Cassiodors Historia Gothorum nur schwer rekonstruierbar, höchstwahrscheinlich aber hätten die Amaler im Zentrum des Werkes gestanden. Vitiello verwies nun auf die jüngst publizierten Wiener Fragmente, die Dexippos zugewiesen werden und in denen nach Ansicht der Herausgeber Gunther Martin und Jana Grusková ein gotischer „Archon“ namens „Ostrogotha“ erscheint. Sei diese Lesung korrekt, so erlaube sie Rückschlüsse auf Cassiodors Arbeitsweise – dieser hätte einen eponymen ostgotischen Anführer dieses Namens dann nicht, wie bislang vielfach angenommen wurde, frei erfunden, sondern vielmehr auf ein reales Vorbild aus dem 3. Jahrhundert zurückgegriffen. Ostrogotha sei aber entweder von Cassiodor oder bereits von einer Zwischenquelle von einem Rivalen Knivas zu einem Verwandten und von einem „Archon“ zu einem rex gemacht worden. Da der Vergleich mit Ammian zeige, dass Cassiodor auch die Ermanerich-Geschichte in seinem Sinne modifiziert habe, könne man, so Vitiello, eine vergleichbare Arbeitsweise auch für Ostrogotha vermuten.

Ebenfalls um Cassiodor ging es im Beitrag von IGNAZIO TANTILLO (Cassino), der die derzeit im Entstehen begriffene sechsbändige kommentierte Edition und Übersetzung der Variae vorstellte. Tantillo wies darauf hin, dass Cassiodor in Italien bis vor wenigen Jahren als Kollaborateur einer germanischen Fremdherrschaft gegolten habe; erst im 21. Jahrhundert habe sich diese Einschätzung gewandelt, wie sich nicht zuletzt an einer großen Zahl neuer italienischer Publikationen zum Ostgotenreich ablesen lasse. In diesen Zusammenhang gehöre auch die neue Edition der Variae, die zudem die erste vollständige Übersetzung in eine moderne Sprache biete. Anschließend erläuterte Tantillo detailliert die der neuen Cassiodor-Ausgabe zugrunde liegenden Prinzipien.

Der Abendvortrag von PETER HEATHER (London) hatte die Binnendifferenzierung sowohl der italischen Senatoren als auch der ostgotischen Krieger zum Gegenstand. In einem ersten Abschnitt diskutierte Heather ähnlich wie zuvor Eich die insbesondere auf Arnoldo Momigliano zurückgehende Vorstellung einer grundsätzlichen Dichotomie von ravennatischen und stadtrömischen Senatoren und verwarf diese als „Fiktion“: Da seit Valentinian III. nur noch illustres ein Anrecht auf die Teilnahme an Senatssitzungen gehabt und höchstes Prestige genossen hätten, dieser Rang aber an die Bekleidung hoher Ämter gebunden war, hätten sich auch Angehörige der stadtrömischen Nobilität um Nähe zum comitatus in Ravenna bemühen müssen. Rom und Ravenna seien daher keine getrennten Welten gewesen. Dies zeige auch ein Blick auf Symmachus und Boethius – Heather vermutete, dass ihr Schicksal eng mit der Nachfolge Theoderichs verbunden gewesen sei: Zunächst habe Boethius von der Annäherung an den Kaiser profitiert; nachdem aber die 519 mit Konstantinopel getroffene Vereinbarung durch den frühen Tod Eutharichs hinfällig geworden sei, sei er im Kontext der anschließenden Sukzessionskrise in Ungnade gefallen: Kaiser Justin I. habe versucht, die Gelegenheit zu nutzen, um die Union von West- und Ostgotenreich aufzulösen, und Boethius und Symmachus seien in diesem Konflikt auf die falsche Seite geraten. Im zweiten Teil seines Vortrags wies Heather sodann darauf hin, dass auch der ostgotische Kriegerverband in sich nicht homogen, sondern eine Art Zweiklassengesellschaft gewesen sei, in der es neben der Elite auch eine große Gruppe minderberechtigter, aber waffentragender liberti gegeben habe. Diese Trennung habe keine römischen Vorbilder gehabt und verweise möglicherweise auf germanische Traditionen; überdies sei sie ein Beleg dafür, dass Identität sich zwar wandeln, aber nicht individuell frei gewählt werden könne: Gerade als nach 493 die Beute verteilt worden sei, sei fraglos sehr rigide darüber geurteilt worden, wer ein „richtiger“ Gote und wer bloß ein libertus war. Diese Unterscheidung, die wohl schon bei der Aufnahme in den Verband festgestellt worden sei, sei noch in den justinianischen Gotenkriegen zu beobachten. In der anschließenden Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass liberi und liberti zwar im burgundischen Liber Constitutionum, nicht aber im Edictum Theoderici begegneten.

FLORIAN KRAGL (Erlangen-Nürnberg) stellte Theoderichs Fortleben in der Diedrichsage in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Er betonte zunächst, dass die altgermanistische Forschung die in den Geschichtswissenschaften geführte Diskussion über Ethnizität kaum zur Kenntnis genommen habe und daher zumeist an traditionellen Vorstellungen von wandernden germanischen „Völkern“ festhalte, und stellte sodann die Frage, wie man vor dem Hintergrund der Ergebnisse der historischen Forschung erklären könne, dass Theoderich offenbar in das kulturelle Gedächtnis eingehen konnte. Kragl konstatierte, dass Diedrich von Bern in der Heldensage im Gegensatz zur griechisch-lateinischen Überlieferung niemals als „Gote“ charakterisiert werde. Diese Heldenerzählung sei dabei typisch für den gesamten germanischen Sprachraum, wo sich zu Theoderich/Diedrich ein eigentümlich vielstimmiger Diskurs, ein „Stimmengewimmel“ beobachten lasse, während es umgekehrt offenbar kaum Kontakte mit nichtgermanischen Sprachen oder gegenseitige Beeinflussungen gegeben habe: Die Rede über Diedrich sei anscheinend bereits seit dem 6./7. Jahrhundert exklusiv an germanische Sprachen gebunden gewesen und habe sich mithin bereits vor der Zweiten Lautverschiebung verbreitet, als sich die Sprecher der meisten germanischen Dialekte noch miteinander hätten verständigen können. Ausgehend von diesen Beobachtungen formulierte Kragl vorsichtig die Hypothese, der Diedrichstoff könne vielleicht zur Stiftung oder Stabilisierung der gemeinsamen Identität einer germanischsprachigen Trägerschicht, einer „frühen Diskursgemeinschaft“, gedient haben.

Das Problem der Ethnizität griff auch WALTER POHL (Wien) wieder auf, der den exemplarischen Charakter gerade der Goten und der „gotischen Identität“ im Rahmen der Forschungen zur „Völkerwanderung“ betonte. Er fasste dabei zunächst die Diskussion über die Positionen der „Wiener Schule“ zusammen, wobei er einräumte, dass gerade Herwig Wolfram seine Methoden und Prämissen anfangs nicht systematisch dargelegt und dadurch Missverständnisse provoziert habe; zu diesen Missverständnissen zählte Pohl auch den insbesondere von Walter Goffart geäußerten Vorwurf, es gehe der „Wiener Schule“ in Wahrheit darum, eine Kontinuität zwischen Germanen und Deutschen zu behaupten. Den ursprünglich der Ethnologie entlehnten Begriff der „Ethnogenese“ hätten Wolfram und seine Schüler überdies inzwischen aufgegeben; vielmehr stehe die Frage im Mittelpunkt, wieso in den spätantiken und frühmittelalterlichen Quellen politische Geschichte so erzählt werde, dass gentes und nationes als Akteure erscheinen. Pohl betonte, die ethnische Ordnung der poströmischen Welt sei nicht durch gentile Bindungen vorgegeben gewesen, sondern erst in der Auseinandersetzung mit Rom und dem Christentum entstanden. Unter „Ethnizität“ verstand Pohl dabei das „Prinzip der Unterscheidung nach Völkernamen“ statt beispielsweise nach Landschaften; diese sei das Ergebnis von Kommunikationsprozessen und Selbstrepräsentation, aber nicht beliebig. So sei gerade die ostgotische Identität nicht unumstritten gewesen, habe sich aber aus einem ausdifferenzierten Repertoire an Identifikationsformen gespeist, weshalb der Gotenname auch nach der raschen Auflösung des Verbandes nach dem Wegfall der politischen Strukturen für die Späteren attraktiv geblieben sei.

In seinem Vortrag befasste sich TIMO STICKLER (Jena) schließlich ein weiteres Mal mit der weströmischen Senatsaristokratie, wobei er die sich der Frage nach einer „ethnischen“ römischen Gruppenidentität vor allem im Kontext des Verhaltens während der justinianischen Gotenkriege annäherte. Unter Rückgriff auf Fredrik Barth betonte Stickler dabei zunächst, dass sich ethnische Identität stets nur in Abgrenzung und Interaktion mit anderen Gruppen konstituieren könne und daher einen situativen, fließenden Charakter habe: Individuen seien stets Mitglieder mehrerer Gruppen (Multikollektivität), und es sei kontextabhängig, ob die ethnische Identität dabei als zentral oder als nebensächlich gelte. Beziehe man diese Überlegungen nun auf das spätantike Italien, so lasse sich konstatieren, dass es durchaus Kollektive gab, zu denen sowohl „Goten“ als auch „Römer“ zählten; dass die ethnische Zuordnung nicht handlungsleitend gewesen sei, zeige sich daran, dass einige Senatoren nach 535 zu den Oströmern überliefen, andere aber auf gotischer Seite blieben. Vor allem in der zweiten Kriegsphase nach 540 habe dann Totila viele Senatoren als Feinde behandelt, während diese ihrerseits auch mit den Graeculi aus Ostrom gefremdelt hätten. Doch folge man Prokop, so zeige sich, dass das ethnische Argument für die Senatoren nach wie vor nicht entscheidend gewesen sei, da man sie primär als ein „Kollektiv potentieller Amtsträger“ ansprechen könne – ob man sich dabei eher an den Hof in Ravenna oder an jenen in Konstantinopel anlehnte, sei, wie etwa das Beispiel des Petronius Nicomachus Cethegus (cos. 504) lehre, situativ unterschiedlich gewesen. Erst mit der Abschaffung des weströmischen comitatus im Jahr 554 sei diese Gruppenidentität für die italische Elite obsolet geworden.

Insgesamt bot die Tagung ein sehr facettenreiches Panorama des ostgotischen Italien, wobei sich insbesondere die Frage nach Charakter, Identität, Funktion und Stellung der Eliten – exercitus Gothorum, ordo senatorius, Curialen und Kleriker – wie ein Leitmotiv durch viele der Vorträge zog. Darin, dass die amalische Herrschaft auf den meisten betrachteten Gebieten keine bedeutende Zäsur für das spätantike Italien darstellte, sondern sich zumeist Entwicklungen beobachten ließen, die bereits vor 493 (bzw. 476) eingesetzt hätten, waren sich die meisten Beiträger einig. Vor allem in den Diskussionen zeigte sich allerdings immer wieder, dass auch langlebige Probleme wie jenes der „Ethnizität“ keineswegs abschließend geklärt sind. Und so demonstrierte die Tagung zum einen auf eindrückliche Weise, wie lohnend es nach wie vor ist, gerade in Hinsicht auf eine Übergangsepoche wie die Spätantike scheinbare Gewissheiten immer wieder neu in Frage zu stellen; zum anderen war nicht zuletzt die Vorstellung und Diskussion neu entdeckten oder bislang vernachlässigten Materials geeignet, den Historiker Demut zu lehren, was die Endgültigkeit seines Urteils betrifft. Die Publikation der Beiträge wird im Rahmen der „Schriften des Historischen Kollegs“ erfolgen.

Konferenzübersicht:

Hans-Ulrich Wiemer (Erlangen-Nürnberg/München): Begrüßung und Einführung

Sektion I: Soziale Strukturen und Praktiken, Moderation: Stefan Esders (Berlin) und Mischa Meier (Tübingen)

Peter Eich (Freiburg i. Br.): Senatoren, welche Senatoren? Rechtliche und soziologische Präzisierungen einer politischen Chiffre im gotischen Italien

Karl Ubl (Köln): Funktionen der Gesetzgebung in den gotischen Königreichen. Eurich, Alarich II. und Theoderich

Jan-Markus Kötter (Düsseldorf): Katholische Geistliche, homöischer König – ein paradoxes Verhältnis?

Hanns Christof Brennecke (Erlangen-Nürnberg): Ipse haereticus favens Iudaeis. Homöer und Juden als religiöse Minderheiten im Ostgotenreich

Sektion II: Wirtschafts- und Siedlungsformen, Moderation: Rudolf Haensch (DAI, München) und Rajko Bratož (Ljubljana)

Neil Christie (Leicester): Rural settlements in Northern and Central Italy AD 450–600

Christian Witschel (Heidelberg): Die Städte Italiens ca. 400–600 n. Chr.

Emanuele Vaccaro (Siena): Landscapes and Townscapes in Sicily AD 400–600

Ralf Behrwald (Bayreuth): Die Stadt Rom unter der Herrschaft gotischer Könige (entfallen)

Philipp von Rummel (DAI, Berlin): Objekte und Erinnerungen. Sachkultur im gotischen Italien und die gotische Geschichte

Sektion III: Repräsentationen und Identitäten, Moderation: Darius Brodka (Krakau) und Kostas Buraselis (Athen)

Massimiliano Vitiello (Kansas City): “Anthologizing their successes”: Visions of the Past in Gothic Italy

Ignazio Tantillo (Cassino): Ostrogothic Italy in recent Italian scholarship, with special reference to Cassiodorus’ Variae

Peter Heather (London): Poor Goths and Rich Romans: Identity, Status and Politics in the Ostrogothic Kingdom

Florian Kragl (Erlangen-Nürnberg): (K)Ein Gote? Theoderich und die Heldensage der Germanen

Walter Pohl (Wien): Gotische Identität(en) im gotischen Italien

Timo Stickler (Jena): Römische Identität(en) im gotischen Italien

Zitation
Tagungsbericht: Theoderich der Große und das gotische Königreich in Italien, 18.02.2016 – 20.02.2016 München, in: H-Soz-Kult, 14.03.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6446>.