18. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung

Ort
Schwerte
Veranstalter
Schwerter Arbeitskreis Katholizismusforschung
Datum
12.11.2004 - 14.11.2004
Von
Joachim Schmiedl, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar

Zur nunmehr 18. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung versammelten sich vom 12. bis 14. November 2004 ca. 40 Historikerinnen und Historiker aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und Frankreich. In bewährter Kooperation mit der Katholischen Akademie Schwerte (Dr. Johannes Horstmann und Dr. des. Markus Leniger) stand die Tagung unter der Leitung von Dr. Gisela Fleckenstein (Brühl) und Prof. Dr. Joachim Schmiedl (Vallendar).

Der Eröffnungsvortrag von Dr. Johannes Altenberend (Bielefeld) widmete sich den zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründeten Bibelgesellschaften als frühen Formen katholischer Vereinsbildung. Nach dem Vorbild der Basler Christentumsgesellschaft und der Londoner British and Foreign Bible Society (BFBS) verbreiteten die katholischen Geistlichen Leander van Eß, Georg Michael Wittmann und Johannes Evangelista Goßner ihre Bibelübersetzungen in massenhafter Auflage. Nach dem Scheitern institutioneller Anbindungen gelang es allein van Eß, zwischen 1807 und 1826 insgesamt 583.000 Exemplare seiner Übersetzung des Neuen Testaments zu verbreiten. Doch die päpstliche Restaurationspolitik verbot nach 1814 das freie Bibellesen für Katholiken und indizierte die van Eß-Übersetzung in partieller Übereinstimmung mit staatlichen Behörden. Letztlich waren es wohl, so Altenberend, soziale Faktoren (das wohlhabende Wirtschaftsbürgertum konnte nicht gewonnen werden) und ökonomische Probleme, die zum Scheitern der Bibelgesellschaften im Vormärz führten.

Drei Vorträge gaben einen Einblick in laufende Forschungen zur Integration katholischer Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg. Sabine Vosskamp (Essen) untersucht in ihrer Dissertation die Integration der 45 % katholischen unter ca. 12 Millionen Vertriebenen. Neben der Verschiebung der lokalen und regionalen Konfessionsstruktur stellten die unterschiedlichen Frömmigkeitskulturen ein Problem dar. Die Bischöfe verfolgten zunächst eine Strategie der Deeskalation und der Organisation der Heimatvertriebenen in Interessenverbänden. Die Pflege eigener Geschichtsbilder und Mythen kulminierte im Rekurs auf das christliche Abendland und supranationalen Europakonzeptionen. Die veränderte Ostpolitik von bundesdeutschen Politikern und Bischöfen führte die Vertriebenenvertreter, die bis in die 1970er Jahre an der Spitze eine deutliche Kontinuität aufwiesen, in Isolation. Exemplarisch steht dafür die Diskussion im "Arbeitskreis für Ostfragen" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Die Forschungen von Ulrike Winterstein (Leipzig/Bonn) konzentrieren sich auf den vertriebenen Klerus im Bistum Meißen und Erzbischöflichen Amt Görlitz. Eigene Vertriebenenorganisationen gab es in der DDR nicht. Die katholische Kirche gewann durch die Vertriebenen zwar beträchtlich an Mitgliedern (in den untersuchten Gebieten innerhalb von zwei Jahren mehr als dreimal so viele), doch entwickelte sie unter dem Diktaturdruck eine Nischenexistenz. Von 2200 vertriebenen Priestern kamen etwa 500 in die SBZ/DDR. In Görlitz blieben sie im abgetrennten Gebiet des alten Erzbistums Breslau und damit in ihrem Heimatbistum, während sie in Meißen lange Jahre nur Hilfsseelsorgestellen übernehmen konnten. Priorität besaß immer die Herausbildung intakter Gemeindestrukturen.

Die Ergebnisse seiner Magisterarbeit über das "Hedwigswerk" im Erzbistum Paderborn stellte Gunnar Grüttner (Paderborn) vor. 1947 von Erzbischof Jaeger als Kulturwerk für die geistige Beheimatung gegründet, erfasste das Hedwigswerk mit seinen 320-330 lokalen Hedwigskreisen etwa ein Drittel der im Erzbistum ansässigen Heimatvertriebenen. Eine Identitätsfindung gelang über die mittelalterliche Herzogin Hedwig, die als "Schutzfrau des deutschen Ostens" angerufen wurde. So konnte sie Teil eines ideologischen Bollwerks gegen östlichen "Bolschewismus" und westlichen "Unglauben" werden. Nach 1965 wurde sie jedoch stärker als Brückheilige zwischen Deutschland und Polen gesehen. Das jeweilige Hedwigsbild wurde über die Vereinszeitschrift "Heimat und Glaube" transportiert. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wurde in den Vertriebenenwallfahrten nach Werl gestärkt, die aber auch eine politische Komponente besaßen, wie sich besonders an der mit 65.000 Teilnehmern größten Schlesier-Wallfahrt 1953 zeigte, die im Vorfeld der Bundestagswahl zu einer massiven Wahlhilfeveranstaltung für Konrad Adenauer wurde.

Die französische Historikerin Dr. Marie-Emmanuelle Reytier (Lyon) resümierte die Ergebnisse ihrer Dissertation über die Katholikentage während der Weimarer Republik. Eine Analyse dieser Versammlungen des deutschen Laienkatholizismus zeigt, dass Organisatoren und Redner zwei a priori unvereinbare Ziele verfolgten, die die Spaltung noch vertieften und den politischen Katholizismus schwächten. Sie entwarfen ein Programm, das das katholische Lager vor der Existenzkrise, in der sich viele Zeitgenossen befanden, schützen sollte. Die römisch-katholische Kirche wurde als einzige Kraft dargestellt, die in der Lage wäre die verlorene Einheit wiederherzustellen. Außerdem versuchten sie die katholische Minderheit in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, indem sie Prinzipien verteidigten, die über die politischen, sozialen und religiösen Spaltungen hinweg die Katholiken in einer auf den christlichen Werten basierenden Volksgemeinschaft zusammenführen sollten. Diese Dichotomie lässt sich sowohl in der Organisation und der zeremoniellen Ausgestaltung als auch in den auf den Katholikentagen gehaltenen Vorträgen feststellen.

Der Bielefelder Privatdozent Dr. Benjamin Ziemann beleuchtete in seinem Vortrag die Rückwirkung von Öffentlichkeit auf den bundesdeutschen Katholizismus zwischen dem Essener Katholikentag vom September 1968 und dem Ende der Gemeinsamen Synode der Bistümer 1975. Den öffentlich vorgetragenen Forderungen nach einer Pastoralsynode konnten Bischöfe und Laiengremien nicht widerstehen. Die Vorbereitung wurde von Karl Forster, Sekretär der Bischofskonferenz, mit einer in dieser Form einmaligen Totalbefragung aller deutschen Katholiken (21 Millionen Fragebögen) verbunden. Strittig waren neben der Formulierung einzelner Themen (etwa Kirchenbild als "Amtskirche" oder "Volk Gottes") auch die Aufnahme oder das Verschweigen "heißer Eisen". Missverständliche oder verklausulierte Fragen provozierten Widerstände. Typisch für den innerkatholischen Diskurs über den Stellenwert von Öffentlichkeit waren die Gegensätze zwischen Tabuisierung und Aufklärung, zwischen Manipulation und Plebiszit. Das durch die Umfrage öffentlich symbolisierte Versprechen von Partizipation und Repräsentanz half mit, auf der Würzburger Synode die Gegensätze und Erwartungen zu entdramatisieren.

Vier Vorträge beschäftigten sich mit dem Thema der diesjährigen Generaldebatte. "Körperlichkeit und Körpererfahrungen im katholisch-konfessionellen Diskurs" wurden dabei zunächst von Prof. Dr. Dietmar Klenke (Paderborn) im Rahmen der Geschichte des Paderborner Männergesangvereins beleuchtet. Gesangsvereine waren im 19. Jahrhundert ein Sprachrohr des liberalen Bürgertums und der Nationalbewegung. Die vaterländische Gesinnung und Denkwelt wurde den männlichen Mitgliedern über Gefühl und Gemüt nahegebracht. Der Gesang galt als Medium göttlicher Offenbarung in national-religiöser Gewandung, sittlicher Veredelung und sinnlich-körperlicher Gemeinschaftserfahrung. Diese Motive illustrierte Klenke am Beispiel der 1838 gegründeten Paderborner "Liedertafel" und einiger dort gesungener nationaler Lieder mit religiösen Konnotationen.

Die Tübinger Kirchenhistorikerin Dr. Ines Weber ging den Luxus-, Moral- und Modedebatten im deutschen Katholizismus während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts nach. Auf dem Hintergrund einer radikalen Veränderung der weiblichen Mode wurde in Zeitschriften und Publikationen der Erbauungsliteratur vor der Anpassung an den Zeitgeist gewarnt: Kleidung sei notwendig als Folge der Sünde, Mode müsse dem Schutz von Anstand und Sitte dienen, die Art der Kleidung sei ein Spiegel der menschlichen Seele. Der Katholische Deutsche Frauenbund ging zwar mit diesen von Männern und Frauen theoretisch vertretenen Prinzipien konform, doch zu deren Einhaltung mussten auch praktische Schritte ergriffen werden. So gab es in der Zwischenkriegszeit Ausstellungen, Kurse, Vorträge und praktische Hilfen durch einen in katholischen Tageszeitungen verbreiteten Schnittmusterdienst, um eine "katholische Mode" durchzusetzen. Die Anpassung auch der kirchlich engagierten Frauen an den gesellschaftlichen Mainstream konnten diese Initiativen jedoch nicht verhindern.

An Weber anknüpfen konnte Mirjam Künzler (Freiburg/Schweiz), die von den Ergebnissen ihrer Lizentiatsarbeit berichtete. An Hand von drei deutschschweizerischen katholischen Frauen- und Familienzeitschriften konstatierte sie den Wandel der Sexualmoral zwischen 1945 und 1990. Standen die unmittelbaren Nachkriegsjahre noch im Zeichen konfessioneller Geschlossenheit gegen eine "verdorbene Zeit", so trat in den 1950er Jahren zunehmend der Konflikt zwischen Sittlichkeit und zeitgemäßem Verhalten hervor. Nach der Einführung der Anti-Baby-Pille wurde in den katholischen Zeitschriften über Geburtenregelung und Probeehe diskutiert. Künzler charakterisierte diese Periode als "befreite Sinnlichkeit". Kirchliche Normen traten nach 1975 zu Gunsten einer emanzipierten weiblichen Sexualethik fast vollständig zurück.

Von der sexuellen Revolution der 1960er und 1970er Jahre und dem damit einhergehenden Abbruch in der Tradierung religiösen Lebens ging der Vortrag des Münsteraner Privatdozenten Dr. Thomas Großbölting aus. Dabei markierte er "1968" als den Zeitpunkt, an dem ein längerer Transformationsprozess der Sexualethik und des Sexualverhaltens an die Öffentlichkeit trat und die Sexualität aus der religiösen Bindung löste. Die Entkirchlichung des Ehelebens hatte zwar schon in den 1950er Jahren eingesetzt. Die in der kirchlichen Jugendarbeit vermittelten Leitbilder orientierten sich jedoch noch an den kirchlichen Normen und ihren Sanktionen. Die Integration in die Institutionen staatlicher Jugendarbeit und -förderung führte aber bald zu einer Infragestellung der inhaltlichen Differenzen. Kirchliche Jugendarbeit wurde vergesellschaftet, wollte einen pädagogischen Entwicklungsraum bereitstellen, wodurch sich auch die Art der Vermittlung sexueller Normen und Werte veränderte. Was sich in den USA heute in der öffentlichen Dichotomie von "Sex and the City" und evangelikaler Erweckung und Konversion darstellt, hat sich in der deutschen Gesellschaft auf die Ebene persönlicher Wertvorstellungen als Produktionsinstanz einer neuen Moral verlagert.

In seinem Kommentar ging der Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung, Prof. Dr. Robert Jütte (Stuttgart), auf die einzelnen Vorträge der Generaldebatte ein. So wies er auf den Wettbewerbscharakter des Singens hin, die sinnlich-körperliche Seite in Verbindung mit der Disziplinierung des Gesangs, und fragte konfessionelle Unterschiede in den Männergesangvereinen an. Nationale Elemente, mögliche Unterschiede zwischen beschriebener und realer Kleidung sowie die Rolle des Ersten Weltkriegs als Veränderung in der Repräsentation des weiblichen Körpers wurden als Problemfelder benannt. Für die Zeitschriftenanalyse wurde auf das Problem der Abgrenzung allgemeiner Sittlichkeit vom Sexualitätsdiskurs hingewiesen, der auch auf dem Hintergrund konfessioneller Differenzen sowie zeitspezifischen Jugendkulturen reflektiert werden müsste. Für alle Zeitperioden stellen Umfrageergebnisse ein Interpretationsproblem dar. Vermutlich müssen die Zeit des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik sowie die 1950er Jahre gegenüber dem Symboljahr "1968" stärker akzentuiert werden, was das konkrete Sexualverhalten und die Selektion von Normen angehe. Insgesamt bedarf das Thema der Körperlichkeit noch stärker komparativer Studien. Auch sollten die für das Mittelalter erarbeiteten Fragestellungen auf die Zeitgeschichte angewendet werden. Als Thesen formulierte Jütte, dass der Faktor Konfession offensichtlich nur eine marginale Bedeutung für die Körperpraxis habe und dass eine neue Sexualmoral eine Schnittmenge bilde aus christlicher und säkularer Weltanschauung.

Wissenschaftliche Fachtagungen sind aber mehr als das Anhören und Diskutieren von Vorträgen. Das brachte Prof. Dr. Dietmar Klenke in Erinnerung, der in einer Abendveranstaltung in kreativ-humorvoller Weise das musikalische Genie Wolfgang Amadeus Mozart mit dem liberalen Katholizismus einer westfälischen Bischofsstadt des Vormärz zu verbinden wusste.

Die nächste Jahrestagung des SAK vom 11.-13. November 2005 in der Katholischen Akademie in Schwerte wird sich im Rahmen der Generaldebatte mit dem Thema "Konstruktion katholischer Identität durch Bilder über andere" beschäftigen. Dazu sind Beiträge ebenso willkommen wie für die Präsentation laufender Projekte zur Katholizismusforschung.

Kontakt

Kontaktadressen:

Dr. Gisela Fleckenstein
Auguste-Victoria-Str. 27
50321 Brühl
Tel.: 0172-8541469
E-Mail: gfl@wtal.de

Prof. Dr. Joachim Schmiedl
Philosophisch-Theologische Hochschule
Postfach 1406
56174 Vallendar
Tel.: 0261-6402261
Fax: 0261-6402300
E-Mail: jschmiedl@pthv.de

Zitation
Tagungsbericht: 18. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung, 12.11.2004 – 14.11.2004 Schwerte, in: H-Soz-Kult, 08.12.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-646>.
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Veröffentlicht am
08.12.2004