Archäologie und Krieg II

Ort
Halle
Veranstalter
Deutsches Archäologisches Institut Cluster 5 “Geschichte der Archäologie”; Neuere und Neueste Geschichte, Universität Trier; NIOD Institute for War, Holocaust and Genocide Studies; Landesmuseum für Vorgeschichte Halle
Datum
26.11.2015 - 27.11.2015
Von
Martijn Eickhoff, NIOD Institute for War, Holocaust and Genocide Studies; Svend Hansen, Deutsches Archäologisches Institut, Eurasien-Abteilung; Christian Jansen, Neuere und Neueste Geschichte, Universität Trier

Am 26. und 27. November 2015 fand in Halle (Saale) die zweite Tagung „Archäologie und Krieg“ statt. Sie war die Fortsetzung einer gleichnamigen Tagung ein Jahr zuvor im Karl Marx-Haus in Trier. In Trier wurde das Thema Archäologie und Krieg in dreifacher Weise behandelt. Erstens sollte die Archäologie des Krieges thematisiert werden, wie die Dokumentation von neuzeitlichen Schlachtfeldern, Stellungen, Lagern, aber auch von Massengräbern zur Aufgabe der Archäologie geworden ist. Zweitens sollte die Rolle der Archäologen im Krieg als Bewahrer der Kulturgüter oder als ihre Plünderer und Zerstörer behandelt werden. Drittens sollten diese Fragen mit dem rasant wachsenden Interesse in der Archäologie am Krieg in vor- und frühgeschichtlicher Zeit verknüpft werden.

Die damaligen Organisatoren, Christian Jansen (Neuere Geschichte, Uni Trier) und Svend Hansen (Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, Berlin) hatten sich für die Folgetagung mit Martijn Eickhoff (NIOD Institute for War, Holocaust and Genocide Studies, Amsterdam) internationale Verstärkung geholt. Die Tagung wurde gemeinsam vom Forschungscluster 5 „Geschichte der Archäologie“ des Deutschen Archäologischen Instituts und dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt veranstaltet. Passend zum Thema fand die Tagung anlässlich der Ausstellung „KRIEG. Eine archäologische Spurensuche“ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle statt.

Am ersten Tag, der sich mit dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) und seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg beschäftigte, fielen beide Vorträge, die sich mit der Geschichte der Römisch-Germanischen Kommission des DAI (RGK) beschäftigen sollten, Erkrankungen zum Opfer. Anstelle von Katharina Becker und Sissy Weyrich, sprang kurzfristig ein Mitglied des Beirats von Cluster 5, der pensionierte frühere Direktor der RGK SIEGMAR VON SCHNURBEIN (Frankfurt am Main) ein und beleuchtete die wichtigsten Forscher der RGK und ihre Verwicklung in die gleichgeschaltete Wissenschaftskultur sowohl im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg. Auch am Nachmittag, der der bis heute kontroversen Geschichte der Abteilung Athen des DAI im Dritten Reich gewidmet war, gab es einen krankheitsbedingten Ausfall (Raik Stolzenberg). ALEXANDRA KANKELEIT (Berlin), eine kulturelle Mittlerin zwischen Griechenland und Deutschland, die sich in den aktuellen europäischen Krisen einmal mehr misstrauisch begegnen, hielt einen Überblicksvortrag über die Abteilung Athen des DAI während des Dritten Reichs und insbesondere während der italienischen und dann deutschen Besatzung Griechenlands (1940–1944). Wegen des großen Interesses Adolf Hitlers, der sich regelmäßig über den Germanenkult seiner völkischen Parteigenossen (allen voran Himmler und Rosenberg) mokierte, an der griechischen Antike und wegen der NS-Propaganda anlässlich der Olympischen Spiele in Berlin war die Zeit des Nationalsozialismus eine Hochzeit der deutsch-griechischen Beziehungen in der Archäologie, die nach dem deutschen Einmarsch vielfach in Zerstörung und Kulturraub umschlug. Eine systematische Aufarbeitung der Geschichte der Abteilung Athen ist ein Desiderat der Forschung, das eine rationale Grundlage für manche aufgeregte Debatte über die Folgen der deutschen Besatzung schaffen könnte.

Der zweite Teil der Tagung war Archäologen als Teil der deutschen Besatzungsmacht gewidmet. Die letzten Jahrzehnte haben zu diesem Thema viele neue Erkenntnisse gebracht, vor Allem zu den Biografien der Protagonisten, den beteiligten Institutionen, den unter Kriegsbedingungen durchgeführten Ausgrabungen (vielfach Raubgrabungen), zur kulturellen Propaganda und auch zur wissenschaftlichen Auswertung der Grabungsfunde. Gerade weil es hier um Wissenschaft(ler) als Teil der Besatzungspolitik geht, wobei die Archäologie sowohl zur Germanisierung als auch zur Entnationalisierung der besetzten Länder beitragen sollte, wird die moralische Dimension dieser archäologischen Aktivitäten immer wieder und mit Recht diskutiert – so auch einmal mehr sehr engagiert und teilweise kontrovers auf der Hallenser Tagung. Wie genau war die Archäologie verknüpft mit dem NS-Terror in den besetzten Gebieten? Welche Formen archäologischer Kollaboration gab es?

Die vier Beiträge der Sektion sprachen diese Themen und Fragen an, wobei sich die Diskussion insbesondere darauf fokussierte, wie Raub und Zwangsarbeit im Rahmen damaliger Grabungen zu definieren und zu bewerten seien, welche Restitutionsansprüche sich daraus bis heute ergeben. Während auch Hubert Fehr abgesagen musste, besprach DANA SCHLEGELMILCH (Marburg) in ihrem Vortrag „Nach Hamburg und Wewelsburg habe ich eine Menge Beutematerial aus Kiew und Dnjepro gebracht...“ die weithin unbekannte Rolle des SS-Archäologen Wilhelm Jordan beim Kulturgutraub in der Ukraine. Jordan war seit 1935 als Prähistoriker auf der Wewelsburg und seit 1938 auch als Staatlicher Bodendenkmalpfleger für Lippe und das Paderborner Land tätig sowie während seines Kriegseinsatzes seit Februar 1942 als SS-Wehrgeologe in der Ukraine, wo er an den Plünderungen von Museen, insbesondere auf der Krim, beteiligt war. Auf der Wewelsburg ließ er KZ-Häftlinge für sich arbeiten.

Der Vortrag „Eine verlässliche Waffe im Volkstumskampf“ von MICHAEL WEDEKIND (Wien) galt der Archäologie und Frühgeschichtsforschung im Alpen-Adria-Raum zwischen 1939 und 1945 und ihrer Rolle als Legitimationswissenschaften nationalsozialistischer Besatzungs- und Expansionspolitik im Alpen-Adria-Raum. Wedekind ging besonders auf die Handlungsspielräume und Zielsetzungen sowie die Ausprägung der deutschen Okkupationsherrschaft ein. In ihrem Referat „Nationalsozialistische Archäologie in den besetzten Westgebieten (Frankreich, BeNeLux)“ berichtete REENA PERSCHKE (München) über ihr Forschungsprojekt zur archäologischen Provenienzforschung in den ehemals besetzten Westgebieten. Sie beschrieb das noch wenig bekannte Wirken archäologisch geschulter Wehrmachtsangehöriger zwischen 1940 und 1944, insbesondere in Frankreich. Weder vor der Sprengung von Menhiren, noch dem Einbau von Bunkern des Atlantikwalls in Megalithgräber schreckten sie zurück.

JUDITH SCHACHTMANN (Dresden) fokussierte in ihrem Vortrag Zwangsarbeiter auf archäologischen Ausgrabungen und in Museen während des Zweiten Weltkriegs einen noch kaum erforschten Aspekt des Themas „Archäologie und Kireg“: den Einsatz von Zwangsarbeitern in der Prähistorischen Archäologie. Zu diesen Formen der Verwicklung von Archäologen in NS-Verbrechen gibt es kaum Material. Relativ gut dokumentiert ist der Einsatz von Zwangsarbeitern aus dem österreichischen KZ Gusen: Häftlinge – zum Beispiel französische Kriegsgefangene – übernahmen die Bergung, Sortierung und Restaurierung von Fundstücken. Die Rolle der Archäologen bei diesen Einsätzen ist schwer zu ermitteln: ging die Initiative von ihnen aus oder nutzten sie „nur“ die im Dritten Reich gegebenen Möglichkeiten?

Die dritte und letzte Sektion der Tagung thematisierte einen neuen Zweig der archäologischen Forschung, die „Lagerarchäologie“, die Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager des 20. Jahrhunderts durch Grabungen erforscht und dokumentiert und ihre erinnerungspolitische Bedeutung. Den Anfang machte HARALD STADLER (Innsbruck), der über die „Kosakentragödie“ in Lienz 1945 berichtete – Truppenverbände, die auf deutscher Seite im Krieg gegen die Sowjetunion gekämpft hatten, von den Briten interniert und trotz heftiger Proteste in die Sowjetunion „repatriiert“ wurden, wo ihnen die Deportation in den GULag bevorstand. BARBARA HAUSMAIR (Konstanz) stellte die Frage „Den Terror ergraben. Was soll, kann und darf eine Archäologie des nationalsozialistischen Lagersystems?“ am Beispiel eines erfolgreichen Ausstellungsprojekts in Mauthausen, RONALD HIRTE (Buchenwald) faszinierte die Zuhörer mit Überlegungen zur „Ding-Pädagogik“, die sich mit Gegenständen verbindet, die bis heute zufällig oder nach systematischen Grabungen auf dem Gelände des KZ und der folgenden sowjetischen Lagers „Buchenwald“ bei Weimar gefunden werden.

Der Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte, HARALD MELLER (Halle an der Saale) führte alle TagungsteilnehmerInnen durch die fulminante von ihm konzipierte Ausstellung „KRIEG. Eine archäologische Spurensuche“. In deren Mittelpunkt steht die Dokumentation sowie die anthropologische und archäologische Analyse eines Massengrabs mit 47 Toten aus der Schlacht bei Lützen (1632). Im zweiten Teil der Ausstellung werden Gewalt und Krieg in neolithischen und bronzezeitlichen Gesellschaften thematisiert.

Die anregenden Beiträge, die auf den beiden Tagungen „Archäologie und Krieg“ vorgestellt wurden, sollen auch in einem Sammelband dokumentiert werden. Sie stecken ein neues Forschungsgebiet für die Archäologie ab, dessen Aktualität eine traurige Realität ist.

Konferenzübersicht:

Christian Jansen/Svend Hansen/Martijn Eickhoff: Begrüßung und Einleitung

Siegmar von Schnurbein: Die Römisch-Germanische Kommission im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Alexandra Kankeleit: Die Abteilung Athen des DAI

Dana Schlegelmilch: Nach Hamburg und Wewelsburg habe ich eine Menge Beutematerial aus Kiew und Dnjepro gebracht... Der SS-Archäologe Wilhelm Jordan und seine Rolle beim Kulturgutraub

Michael Wedekind: Eine verlässliche Waffe im Volkstumskampf: Zur Archäologie und Frühgeschichtsforschung im Alpen-Adria-Raum zwischen 1939 und 1945

Reena Perschke: Nationalsozialistische Archäologie in den besetzten Westgebieten (Frankreich, BeNeLux)

Judith Schachtmann: Zwangsarbeiter auf archäologischen Ausgrabungen und in Museen während des Zweiten Weltkriegs

Harald Stadler: Die Kosakentragödie in Lienz. Eine Zwangsrepatriierung im archäologischen Befund.

Barbara Hausmair: Den Terror ergraben. Was soll, kann und darf eine Archäologie des nationalsozialistischen Lagersystems?

Ronald Hirte: Archäologie, Dingpädagogik und Gedenkstättenarbeit

Zitation
Tagungsbericht: Archäologie und Krieg II, 26.11.2015 – 27.11.2015 Halle, in: H-Soz-Kult, 30.04.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6507>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.04.2016
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