Internationale Konferenz für Bildungsforschung zum Holocaust

Ort
Luzern
Veranstalter
Pädagogische Hochschule Luzern (PHLU)
Datum
15.02.2016 - 16.02.2016
Von
Markus Furrer, Zentrum für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, Pädagogische Hochschule Luzern

Am 15. und 16. Februar 2016 fand in Luzern eine Tagung für Bildungsforschung zum Thema Holocaust der „International Holocaust Remembrance Alliance“ (IHRA) statt. Ein wichtiges Anliegen der IHRA ist es, in den 31 Mitgliedstaaten die Forschung und Bildung in Bezug auf den Holocaust zu fördern sowie die Erinnerung an die Opfer durch Gedenkfeiern und -stätten wachzuhalten. Zu den institutionellen Partnern dieser zwischenstaatlichen Organisation gehören die UNO, der Europarat, das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte der OSZE und die UNESCO. [1]

Rund 150 Personen aus gegen 40 Ländern nahmen an der Konferenz teil. Neben Keynote-Referaten entwickelte sich ein intensiver Austausch zwischen Forschenden aus der Bildungswissenschaft, der Geschichtsdidaktik, Bildungsverantwortlichen, Museumspädagogen, Kuratoren, Vertretern von NGOs sowie weiteren Konferenzteilnehmenden in den parallel angelegten Workshops. Die Konferenz endete mit zwei Podiumsdiskussionen, an denen über die Forschungsfinanzierung sowie über die aktuellen Forschungsergebnisse diskutiert wurde.

Unter der Leitung von MONIQUE ECKMANN (Genf) trug ein international zusammengesetztes Team Projekte zusammen, was einen Überblick über den heutigen Forschungsstand ermöglichte und gleichzeitig im Rahmen der Konferenz zu einem interkulturellen wie auch internationalen Dialog und Wissenstransfer anregte. Verwiesen wurde auf die rasch wachsende Forschungstätigkeit im Gebiet der Holocaust-Vermittlung. Die vergleichende Untersuchung von 635 Publikationen, die sich auf 375 unterschiedliche Studien aus den ermittelten deutschen, skandinavischen, französischen, polnischen hebräischen, englischen sowie allgemeinen romanischen und slawischen „Sprachregionen“ bezieht, akzentuiert den breiten Zugang wie auch die regional unterschiedlichen Gewichtungen. DOYLE STEVICK (Columbia) zog dazu den treffenden Vergleich von 650 Puzzleteilen aus 40 einzelnen Puzzles, die miteinander zu einem großen Ganzen zusammenzufügen seien. So wurde denn auch immer wieder auf die verschiedenen Zugänge in den jeweiligen Staaten mit ihren unterschiedlichen Bildungstraditionen aufmerksam gemacht. Wie die Ausführungen von OSCAR ÖSTERBERG (Stockholm) und CECILIE STOKHOLM BANKE (Kopenhagen) zeigen, ist nicht zuletzt auf Grund der unterschiedlichen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg in den von außen oft als weit homogener eingeschätzten skandinavischen Staaten die Holocaust-Vermittlung äußerst unterschiedlich geprägt.

Gewisse Trends und Entwicklungen lassen sich dennoch generalisieren: In verschiedenen Beiträgen wurde darauf aufmerksam gemacht, dass Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonen an der Thematik großes Interesse zeigen würden. Studierende wie Lehrpersonen erfahren den Holocaust als deutlich unterschiedlich von anderen historischen Themen. Ferner dürfte Holocaust-Bildung, so eine weitere Erkenntnis, zur Verbesserung des historischen Verstehens, zur politischen Toleranz wie auch zu einem moralischen Denken beitragen. Stereotypen und Vorurteile gegenüber Juden und anderen Minderheiten werden abgebaut und gleichzeitig das Mitgefühl gestärkt wie auch das Interesse, mehr über den Holocaust zu erfahren, gefördert. Solch positiven Erkenntnissen standen zahlreiche skeptische Befunde gegenüber. Mehrfach diskutiert wurde das Spannungsfeld von Moralerziehung und Geschichtsvermittlung, was zur Frage führte, ob zu viel Moral und zu wenig Geschichte vermittelt werde. Für den Unterricht, so eine weitere Sicht, eröffneten sich Chancen der Vermittlung auf kognitiver wie emotionaler Ebene mit geschichtswissenschaftlich orientierten wie auch erinnerungskulturellen Bezügen. Grundsätzlich mussten sich die Teilnehmenden nicht zuletzt in den Gesprächen am Rande der Tagung die Frage stellen, ob und wie der Unterricht über den Holocaust dazu beitragen könne, künftige Genozide zu verhindern. Eingebracht wurde auch, dass Wissen noch keine Haltungen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern verändere. Dennoch, so eine weitere Erkenntnis aus den Diskussionen, hebt sich die Holocaust-Thematik von anderen historischen Themen, wie etwa der Französischen Revolution oder dem Kalten Krieg, deutlich ab. Die Thematik des Holocausts erweist sich so aus fachdidaktischer Sicht als fruchtbarer Ansatz, zumal sich in diesem komplexen Themenfeld verschiedenste Problemkreise der Aufarbeitung und Vermittlung kristallisieren.

An den beiden Konferenztagen, wie auch an der angefügten halbtägigen Postkonferenz, wurde in breit und dicht referiert und diskutiert: SIMONE SCHWEBER (Madison) sprach darüber, wie der Holocaust in den USA in Schulen gelehrt wird und wie dessen Vermittlung besser strukturiert werden könnte. Sie sprach sich für ein interaktives Classroom-Setting aus, in dem Schülerinnen und Schüler Fragen und Antworten selber entwickeln und sich die Lehrerrolle auf das Strukturieren und Moderieren von Schülerdiskussionen beschränkt. Allerdings, so ihre Einschätzung, lasse dies die gegenwärtige Schulrealität in den USA mit ihren standardisierten Testverfahren wie auch mangelhaft ausgebildeten Lehrpersonen kaum zu. Hoffnung setzte sie jedoch in neue elektronische Lernwelten, die das Thema vermitteln und Schulen zu einem Ort für „authentisches Lernen“ werden lassen. Zu diesem Aspekt wurde an der Konferenz auch ein Forschungsprojekt vorgestellt. PETER GAUTSCHI (Luzern) und WERNER DREYER (Bregenz) informierten über erste Ergebnisse des Projekts „Shoah im schulischen Alltag – Historisches Lernen mit Video-Interviews von Überlebenden in einer Tablet basierten Lernumgebung“. Hier zeigte sich, dass mit neuen Medien der Umgang mit dem Holocaust in den Schulen substanziell angereichert werden kann. Dies scheine umso notwendiger, so die Referenten, da immer weniger Zeitzeugen in der Lage sind, persönlich über ihre Erfahrungen zu berichten.

BARBARA KIRSHENBLATT-GIMBLETT (Warschau) veranschaulichte am POLIN Museum in Warschau, wie die Geschichte der polnischen Juden dargestellt wird. Das Konzept orientiert sich an den sieben von Leon Wieseltier formulierten und im Holocaust Memorial Museum in den USA umgesetzten pädagogischen Prinzipien. POLIN, obwohl auf dem Boden des früheren Warschauer Ghettos gegenüber dem Denkmal für die Helden des Ghettos erstellt, ist jedoch kein eigentliches Holocaust Museum im engeren Sinne, sondern es präsentiert die rund tausendjährige Geschichte der Juden und Jüdinnen in Polen. Der Holocaust ist Teil davon. Das Ausstellungskonzept orientiert sich folglich an einem offenen Narrativ. Das Museum soll so zu einer Zone des Vertrauens werden, in der sich die Besucherinnen und Besucher engagiert mit den unterschiedlichen Vergangenheiten und einer Geschichte mit Konflikten auseinandersetzen – dies in einem Land wie Polen, das zum Epizentrum der Shoa wurde.

MICHALINOS ZEMBYLAS (Nikosia) und ZVI BEKERMAN (Jerusalem) präsentierten Fallstudien aus Zypern und Israel und zeigten auf, wie sich in Konfliktnarrativen Emotionen und Traumatisierungen widerspiegeln und im Unterricht manifestierten. Sie plädierten dafür, dass Pädagogen nicht Traumata und Emotionen an erster Stelle einbringen, sondern dass sie mit einem kritischen pädagogischen Ansatz auf Versöhnung und Frieden setzen sollen.

Wie sich an der Tagung zeigte, hat sich die Bildungsforschung zum Holocaust zu einem dynamischen und wachsenden Forschungsgebiet entwickelt, was sich insbesondere an der wachsenden Zahl von Forschenden wie auch an den unterschiedlichen Zugängen bzw. Forschungsansätzen sowie Methoden veranschaulichen lässt. BODO VON BORRIES (Hamburg) machte in seinem Schlussvotum darauf aufmerksam, dass die Stockholmer Erklärung des Internationalen Forums über den Holocaust vom 28. Januar 2000 noch immer stark auf Europa und Nordamerika fokussiert sei, was sich auch in der Zusammensetzung der Teilnehmenden widerspiegle. Er rief ferner zur Bescheidenheit auf mit Blick auf die Beschränktheit der Aussagekraft empirischer Studien und das wirkliche Verstehen der Shoa und die Trauer um die Opfer.

Konferenzübersicht:

Welcome and introduction: Swiss Authorities and IHRA Chair

Monique Eckmann, Switzerland: Introdcution

Monique Eckmann, Switzerland & Doyle Stevick, USA: Lecture - The IHRA Education Research Project – aims, challenges and finding

5 parallel presentations of the IHRA Education Research Project: Regional trends and thematic trends in Research on Education about the Holocaust

1. Magda Gross, USA / Eyal Kaminka, Israel / Jolanta Ambrosewicz-Jacobs, Poland / Zehavit Gross, Israel

2. Oscar Österberg, Sweden / Cecilie Stokholm Banke, Denmark

3. Marta Simò, Spain / Deborah Dwork, USA

4. Doyle Stevick, USA / Paul Salmons, UK

5. Mikhail Tyaglyy, Ukraine / Wolf Kaiser, Germany

Simone Schweber, USA: Keynote lecture 1: “Educational Research on Teaching and Learning about the Holocaust”

Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Poland: Keynote lecture 2: "Difficult Pasts and Conflicted Histories - Museums as Sites of Experiential Learning"

Michalinos Zembylas, Cyprus & Zvi Bekerman, Israel: Keynote lecture 3: “Conflicting narratives, education and emotions relating to traumatic experiences”

4 parallel thematic research-panels (each 3 Inputs) focusing on recent research initiatives

A. Classroom didactics/methods and interactions: 1. Sabrina Moisan, Canada / 2. Niklas Ammert, Sweden / 3. Matthias Proske, Germany

B. Comparative and transnational studies: 1. Werner Dreier, Austria & Peter Gautschi, Switzerland / 2. Peter Carrier, GEI / 3. Stanislas Hommet, France

C. Multicultural classroom/ competing memories: Michal Bilewicz, Poland / 2. Elke Gryglewski, Germany / 3. Andrea Szonyi, Hungary & Aletta Forrás-Biró, Hungary

D. Student’s knowledge and attitudes: 1. Jolanta Ambrosewicz-Jacobs, Poland / 2. Alice Pettigrew & Paul Salmons, United Kingdom / 3. Paula Cowan, United Kingdom

Floriane Hohenberg, Germany & Paul Salmons, UK: Introduction to the round tables

Round table 1: Funders conclusions, view on the research, recommendations: Dominique Trimbur, France / Zvi Inbar, Israel / Ralf Possekel, Germany / Hannah Rosenbaum, USA / Pavel Tychtl, EU / Moderator: Debòrah Dwork / USA

Round table 2: Educational Policy and Curriculum Makers: Inputs from Research and Perspectives for Educational Policies: Bernard Wicht, Switzerland; Martina Masche, Austria / Ellen Lange, Norway / Mare Oja, Estonia / Loranda Miletic, Croatia / Orna Katz Attar, Israel / Moderator: Cecilie Stokholm Banke, Denmark

Retrospect and Prospect: Bodo von Borries, Germany

Anmerkung:
[1] Zur Entstehung der IHRA siehe: https://www.holocaustremembrance.com/about-us (zuletzt eingesehen, 14.03.2016)

Zitation
Tagungsbericht: Internationale Konferenz für Bildungsforschung zum Holocaust, 15.02.2016 – 16.02.2016 Luzern, in: H-Soz-Kult, 07.05.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6516>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.05.2016
Beiträger