Aufschreibesysteme 1985/2015

Ort
Bonn
Veranstalter
Jens Schröter / Till A. Heilmann, Abteilung Medienwissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Datum
11.12.2015
Von
Matthias Koch, Leuphana Universität Lüneburg; Christian Köhler, Universität Paderborn

Jens Schröter und Till A. Heilmann hatten für den 11. Dezember 2015 in die Alte Sternwarte geladen, den Sitz der Abteilung Medienwissenschaft der Universität Bonn. Die Kurztagung „Aufschreibesysteme 1985/2015“[1] war ganz Friedrich A. Kittlers Habilitationsschrift „Aufschreibesysteme 1800/1900“ gewidmet und nahm deren 30. Jubiläum zum Anlass, so die Gastgeber in der Veranstaltungsankündigung, „die medienwissenschaftlichen ‚Aufräumarbeiten‘ im Gefolge Kittlers ihrerseits als Aufschreibesysteme zu befragen. Welchen Regeln gehorchte Friedrich Kittlers Umschalten vom Geist auf Geräte in den 1980er-Jahren?“ Auf dem Programm stand also eine historisch-kritische Einordnung und Diskussion des wirkmächtigen, von allerlei bekannten und – mit Blick auf die Institutionalisierung der Medienwissenschaft – identitätsstiftenden Legenden umrankten Buches. In ihrer Einführung zur Kurztagung unterstrichen die beiden Gastgeber die Absichten der Veranstaltung.

JENS SCHRÖTER (Bonn) hob hervor, dass es zugleich um die inaugurierende Funktion der „Aufschreibesysteme 1800/1900“ für die Medienwissenschaft und die Frage nach der heutigen Aktualität des Buches bzw. seiner Untersuchungen gehen müsste. Zur Diskussion stünde das Aufschreibesystem Medienwissenschaft und damit die historische Möglichkeit der unter diesem Namen firmierenden Ansätze, die in den 1980er-Jahren immer deutlichere Konturen annehmen. Dabei sei eine kritische Distanz unerlässlich, wenn neue Wege von Kittler ausgehend ermittelt werden sollen. Eine im Prinzip ahistorische Imitation von Kittlers Medienarchäologie sei dementsprechend nicht angezeigt. Von besonderem Interesse wäre es vielmehr, „Aufschreibesysteme 1800/1900“ metamethodologische Anstöße zur Historisierung von Medienwissenschaft zu entnehmen. Zu bedenken sei auch, dass Kittler zweifellos eine wichtige, aber bei Weitem nicht die einzige oder früheste Intervention in die geisteswissenschaftliche Lage der Zeit vorgenommen hätte, aus der sich dann Medienwissenschaft entwickelte. Die Ansätze von Literaturwissenschaftlern wie Helmut Schanze oder Helmut Kreuzer etwa, die in vergleichbarer Absicht schon in den 1960er-Jahren Vorstöße gewagt hätten, würden heute eher wenig beachtet.

TILL A. HEILMANN (Bonn) bemerkte bezüglich der zur Diskussion stehenden Aktualität, dass „Aufschreibesysteme 1800/1900“ häufig eher referenziert statt studiert würde und der Begriff ‚Aufschreibesystem‘ mittlerweile zu einem geflügelten Wort und Lemma in Nachschlagewerken geworden sei – sämtlich Aspekte, die eine Normalisierung der mit Kittler assoziierten Verfahren anzeigen. Eine medienwissenschaftsgeschichtliche Sicht auf das Buch müsste auch seinen disziplinären Status reflektieren: Immerhin handle es sich um einen Beitrag zur Literaturwissenschaft, der ex post nur allzu leicht als medienwissenschaftlich bezeichnet werden könne. „Aufschreibesysteme 1800/1900“ zu historisieren, bedeute darüber hinaus auch, nach methodischen Differenzen in Relation zu anderen Arbeiten Kittlers zu suchen. Dabei würde deutlich, dass es sich bei der Habilitationsschrift um eine methodische Singularität handle: So ließen sich an der Stelle einer vergleichenden Diskursanalyse deutlich unterschiedene Prämissen finden, etwa ein universaler, quasi-teleologischer Entwurf von Mediengeschichte. Hinsichtlich der kanonbildenden Funktion, die manche Texte für Medienwissenschaft erhalten haben, sei einerseits festzustellen, wie früh einige davon zum Repertoire gegenseitiger Versicherung geworden seien. Andererseits seien einige Texte, etwa „Protected Mode“, aktueller als zur Zeit ihrer Entstehung. Auch diesen Sinn also kann ‚Historisierung‘ mithin haben.

MICHAEL WETZEL (Bonn) hob in seinem Vortrag den Germanisten Kittler hervor und konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf Überlegungen zum Aufschreibesystem 1800 bzw. zum ersten Teil von Kittlers Habilitationsschrift. Dabei unterstrich er besonders die zentrale Rolle der Referenz Goethe, dessen Werk Kittler in seiner ganzen Breite berücksichtige und dessen literaturhistorischer Rang seiner Vorliebe für Kolossalisches entspräche. Das Aufschreibesystem 1800 sei letztlich das Aufschreibesystem Goethe und die eröffnende Faust-Szene lasse sich als Urszene der Entfaltung aller Elemente des Aufschreibesystems 1800 auffassen. Während in der Gelehrtenrepublik namenlose Texte zirkuliert seien, würden nun Autoren als Gottschöpfer und Leser als Adressaten eingesetzt, für welche die Magie der Zeichen sinnliche Zustände freisetze. Wie repräsentativ Goethe für diesen funktionalen Zusammenhang sei, ließe sich auch daran erkennen, dass er der erste sei, der sich im Aufschreibesystem 1800 gewissermaßen ein Denkmal gesetzt habe: und zwar in Form des Netzwerks Weimar, das jener Verbreitung und Geltung von Goethes literarischer Produktion Vorschub geleistet habe, die ihn erst zu jener zentralen Instanz hätten werden lassen. Beamtentum, Archiv und Autorschaft – als drei wesentlichen Elementen des Aufschreibesystems 1800 – konvergierten in Goethe. Als entscheidendes Symptom des Aufschreibesystems 1800 identifiziere Kittler die Mutter. Sie positioniere er als Gegengewicht zum Namen des Vaters: Ihre hypnagoge Stimme mache Autoren, die sich gegen die Autorität der Väter erhöben und sie kastrierten. Kittler bezöge so Stellung gegen die Lacan’sche psychoanalytische Privilegierung des Namens des Vaters; eine bemerkenswerte Akzentverschiebung, wenn man bedenke, welch zentrale Rolle Lacan für das Theoriedesign von „Aufschreibesysteme 1800/1900“ spielt, und ein Indiz, so Wetzel, für Kittlers Antrieb und Verfahren, alles anders zu sagen. Entsprechend habe das Aufschreibesystem 1800 eine anti-ödipale Struktur, es funktioniere wie eine Wunschmaschine nach dem Vorbild von Deleuze/Guattari.

MAREN HAFFKE (Bochum) untersuchte Kittlers Musik: Thema war das für ein Verständnis seiner Musikschriften zentrale Verhältnis zwischen den operativen Verfahren musikalischer Produktion und der Beschreibbarkeit von Musik als Klangereignis (sowie nicht zuletzt der Musikalität seiner Texte: Schon viele seien seinem treibend rhythmischen Sirenengesang verfallen, der sich dem Konflikt zwischen apollinischer Ordnung und dionysischer Entgrenzung verdanke.) Kittlers Soundtrack fungiere als Indiz: Die Verfahren von Wagner, Mahler, Hendrix oder Pink Floyd thematisierten sich selbst als Teil der Akustik und stellten ihre Nichterfassbarkeit durch Literatur aus. Der Einfluss Kittlerscher Thesen auf die Sound Studies läge darin, dass die Konstituierung von Klang als adressierbarem epistemischem Objekt bzw. von Sound als Reellem, das der Schrift entgeht, die Autorität der schriftförmigen Partitur hinter sich gelassen und die institutionellen Grenzen der im Aufschreibesystem 1800 verwurzelten Musikwissenschaft sowie deren Scheitern gegenüber eben diesem Objekt aufgezeigt habe. Sound, so Haffke mit Kittler, treibe das Wissen von Musik, dessen Medium die Schrift ist, an seine Grenze und existiere im Ideal der Maschinen und Körper. Kittlers Herausstellung des Konnex von Musik und Mathematik habe entscheidenden Anteil an dieser Relativierung der Musikwissenschaft; ein Konnex, der im Aufschreibesystem 1900 und unter heutigen hochtechnischen Medienbedingungen wieder hervorträte und zeige, dass Sound gleichermaßen zum Bereich des Realen wie des mathematischen Reellen gehöre und alle Musik ein Ausschnitt aus dem Rauschen sei. Diese Reaktualisierung und Kittlers Rückgang zu den Griechen zeigten seinen Hegelianismus; ein Rückgang, motiviert, so Haffke, durch das Pathos seiner Proklamation des medientechnischen Endes der Geschichte. Biete diese narrative Strategie gewissermaßen einen Ausweg aus dem perpetuierten Ende, so verkörpere das im Realen und Reellen verwurzelte Objekt Sound selbst das eschatologische Versprechen eines überdauernden Rests. Und insofern Sound nicht nur als maschinelles, sondern eben auch als körperliches Ideal existiere, der menschliche Körper natürlichen Ursprungs sei und nicht der Eskalationslogik des Digitalen unterliege, so bestünde für Kittler die Hoffnung, dass dieser Körper am Rand der Maschinen als Rauschen bestehen bleiben könnte. Kittlers „Musik und Mathematik“ sei vor diesem Hintergrund zugleich als Ontologie und (heteronormative) Erotik aufzufassen, die mit der Liebe den eigentlichen Kontrast zum ansonsten so prominenten Krieg setze. Sexualität ermögliche Synergien jenseits anderer Strukturen des Begehrens und Kittlers Konzeption von Technik ziele daher letztlich auf Intimität, Präsenz und Unmittelbarkeit.

RUPERT GADERER (Bochum) erkundete in seinem Vortrag, ob eine Perspektive auf den historischen Diskurs des Querulanten für das Aufschreibesystem 1900 brauchbar wäre. Nähme man Briefwechsel zwischen Siegmund Freud, Sándor Ferenczi und Karl Abraham hinzu, in denen diese sich mit Geschwätzigkeit als Symptom von Paranoia und als Problem für die ‚talking cure‘ auseinandersetzen, würde nämlich deutlich, dass es sich beim für Kittlers Beschreibung zentralen klinischen Fall Daniel Paul Schrebers um den Fall eines Querulanten im Aufschreibesystem 1900 handelt. Kittler habe darauf hingewiesen, dass in Schrebers Nervenkrankheit die Einführung neuer Medientechniken ihren Niederschlag fand und aus Seelen Nerveninformationssysteme wurden. Griffe man nun die zwischen den Psychoanalytikern geführte Diskussion auf, würden Schrebers Aufzeichnungen als komplexe Theorie der querulatorischen Rede im Zeitalter elektronischer Kommunikation sichtbar. Schrebers Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken seien aber nicht bloß ein literarisches Simulakrum des Wahnsinns, als das Kittler es lese, sondern auch eine dezidiert juristische Kritik an Einschließungspraktiken der Psychiatrie. Durch den erfolgreich geführten Prozess um seine Mündigkeit würde entgegen Kittlers Einschätzung keine Ausschließung des Wahnsinns betrieben, die dazu diene, dessen Systemplatz zu verheimlichen. Vielmehr würde der an die Ränder der Gesellschaft gedrängte Wahn durch Schreber und andere vergleichbare Prozesse erfolgreich in die Mitte der Gesellschaft re-importiert.

SYBILLE KRÄMER (Berlin) lenkte die Aufmerksamkeit auf eine beachtenswerte Auslassung in Aufschreibesysteme 1800/1900: Lady Ada of Lovelace. Einen Tag nach deren 200sten Geburtstag rief sie die visionäre Leistung der Tochter Lord Byrons in Erinnerung. In einem Kommentar zu Charles Babbages zu Lebzeiten ungebauter Analytical Engine, einer mechanischen Rechenmaschine, erkannte Lovelace, dass es sich bei dieser um eine symbolverarbeitende Maschine handelte, und schrieb für diese das erste Computerprogramm. Warum Kittler, trotz seiner späteren Emphase des Computers und der Maschine, Lovelace in „Aufschreibesysteme 1800/1900“ nicht erwähnt, ob diese einfach aus dem methodisch gesetzten Zeitfenster um die Jahrhundertwende herausfiel, musste offen bleiben.

Die kleine Tagung in Bonn leistete einen wichtigen Beitrag für die notwendige Auseinandersetzung mit dem Werk und der Person Kittlers. Wenn dieser auch sicherlich nicht der alleinige Diskursbegründer der Medienwissenschaften war, stellte er doch ebenso sicher eine zentrale Figur im Geschehen um die Gründung der Disziplin dar. Gerade in dieser Funktion ist die von Jens Schröter und Till A. Heilmann in ihrer Einleitung geforderte historisch-kritische Betrachtung der Arbeiten Kittlers von großer Wichtigkeit, um sich der historischen Möglichkeitsbedingungen der Medienwissenschaften selber gewahr zu werden. Die zahlreichen Veröffentlichungen seit dem Tod Kittlers leisteten zwar eine Würdigung seines Schaffens, eine detaillierte Auseinandersetzung mit den spezifischen historischen Kontexten seiner circa 40 Jahre umfassenden Forschungsbiografie blieb dabei bis auf wenige Ausnahmen bislang weitestgehend aus. Wie ertragreich dies sein kann, zeigte jedoch die Tagung und setzt damit hoffentlich einen Impuls.

Konferenzübersicht:

Jens Schröter / Till A. Heilmann (Universität Bonn): Begrüßung und Einführung

Michael Wetzel (Universität Bonn): FAK you Goethe: Dem Weimarer Archiv auf ewig verschrieben

Maren Haffke (Universität Bochum): Von Rauschen und Silbensalat – Musikalische Medialität in Friedrich Kittlers „Aufschreibesysteme 1800/1900“

Rupert Gaderer (Universität Bochum): Ein Simulakrum von Wahnsinn

Sybille Krämer (Freie Universität Berlin): Ada Lovelace, Friedrich Kittler und die Frage nach dem Weiblichen/Männlichen in Medientheorie und Computerwissenschaft

Anmerkung:
[1] Es handelt sich um die erste von zwei Kittler-Tagungen. Die Folgetagung „Aber noch gibt es Medien“ findet am 17.06.2016 in Bonn statt.

Zitation
Tagungsbericht: Aufschreibesysteme 1985/2015, 11.12.2015 Bonn, in: H-Soz-Kult, 28.05.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6534>.
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Veröffentlicht am
28.05.2016
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