Ort
Brno
Veranstalter
Lehrstuhl für Philosophie / Institut für Germanistik, Nordistik und Nederlandistik, Masaryk-Universität Brno
Datum
07.10.2015
Von
Christian Keller, Universität Würzburg

“Wie die Natalität beträgt auch die Mortalität in der menschlichen Gesamtpopulation nach wie vor durchschnittlich 100 Prozent. Anders formuliert: Das menschliche Leben ist kurz, vita brevis.”[1] Bis zuletzt hat der dann doch erst im Alter von 87 Jahren verstorbene Berufsskeptiker und Philosoph Odo Marquard die menschliche Endlichkeit in das Zentrum seines Denkens gerückt.[2] Nun erinnerte ein international und interdisziplinär ausgerichtetes Symposium an der Masaryk-Universität Brünn unter dem Titel “In memoriam Odo Marquard” an den großen Denker aus Gießen und zog erstmals Bilanz.

Eröffnet wurde das Gedenksymposium mit einem Vortrag von ALES URVALEK (Brünn) über Odo Marquards Rolle in den intellektuellen Debatten der deutschen Nachkriegszeit. Um sich “Odo Marquards intellektueller Größe” zu versichern, müsse man sich – so Urvalek – jene spannungsgeladene und oftmals geradezu hysterische Debattenkultur über die deutsche Identität vergegenwärtigen, die Urvalek bereits in seiner bald auch im Deutschen erscheinenden Studie über die „Vermessung Deutschlands“ überzeugend porträtiert hat.[3] Diese habe auf Grund ihrer trivialen Freund-Feind-Struktur immer wieder in unproduktive Sackgassen geführt, aus denen heraus ein Dialog zwischen der Linken und der Rechten bzw. zwischen Fortschrittlichkeit und Konservatismus nicht mehr möglich schien. Einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma veranschauliche nun geradezu exemplarisch jener intellektuelle Werdegang Odo Marquards, wie er ihn in seinen „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“ dargelegt habe, die auch als Bildungsroman gelesen werden können und zwar ganz im Sinne der Hegelschen Gedankenfigur einer positiven Entzweiung.[4] Zunächst geschichtsphilosophisch ambitioniert, sei Marquard immer mehr auf die Schwächen der Geschichtsphilosophie aufmerksam geworden, habe sich dann aber auch der Anthropologie inklusive ihren Entlastungsplädoyers nie gänzlich verschreiben können. Urvalek zufolge – und damit beendete er seine Ausführungen – könne jene anhand von Marquards Vita demonstrierte Gedankenfigur einer positiven Entzweiung auch genauere Aufschlüsse über die Entwicklungstendenzen im Werk einiger bedeutender deutscher Nachkriegsautoren wie Grass, Enzensberger, Strauß und Walser geben und das gewissermaßen jenseits von Links und Rechts.

Vernünftiges Denken ist skeptisches Denken. Mit einem kurzen Überblick über die Geschichte der Skepsis eröffnete BRETISLAV HORYNA (Brünn) seinen Parforceritt durch den Marquardschen Ideenkosmos, der sich zunächst der Frage nach den lebenspraktischen Konsequenzen einer Orientierung am Nicht-Prinzipiellen und Kontingenten widmete. Dabei kam es ihm vor allem darauf an, zu zeigen, dass ironische Skepsis mitnichten die Vernunft selbst in Frage stellt, sondern als Voraussetzungskritik jede kritische Aufklärung begleiten muss, um sie davor zu bewahren, nicht wiederum geschichtsphilosophischen Ambitionen zu verfallen. Zwar sei die Mehrheit heute illusionsresistent genug, sich mit dem lediglich Vorläufigen und Nicht-Prinzipiellen abzufinden, d.h. der Tradition und dem Gebrauch gemäß zu leben. Doch auch dies sei keine letzte Garantie, könne doch das, woran man sich gewöhnt hat jederzeit versagen, bzw. einmal nicht mehr weiterhelfen. Jenseits von jeglicher Entschiedenheit, bzw. Entscheidungsmächtigkeit stehe der Mensch dann ganz unter dem Zeichen der Gebrochenheit, welche Horyna anschließend anhand der entsprechenden Passagen Marquards konkretisierte. Den Ironiker mit dem Skeptiker kurzschließend beendete Horyna seine Ausführungen mit einer interessanten hypothetischen Wendung: Der Skeptiker sei indes mitnichten ein gebrochener Mensch, er sei nur fähig, die Ironie zu transzendieren, indem er die eigene Kontingenz selbst als kontingent verstehe. “In diesem Augenblick”, so Horyna, “hört die Skepsis auf, interimistisch zu sein und beginnt in eine post-interimistische Skepsis zu hypostasieren, in eine Skepsis, die auf jede, sei es nur interimistische Beziehungsform verzichtet, weil ihr gegenwärtig ist, dass ihre Entscheidung zwischen dem Vorläufigen […] und dem Absoluten kein Entscheiden ist, sondern Eintritt in die Kontingenz”. So akzeptiere der Skeptiker schlussendlich auch das “Schicksal, das er mit der Vernunft teilt: die Einsamkeit”.

Mit Odo Marquards Tod scheint sich – wenn auch vielleicht nur vorerst – das Lachen aus der Philosophie verabschiedet zu haben, zumindest was die deutschsprachige Gegenwartsphilosophie betrifft. Dass der philosophische Komiker von Profession hierbei nicht lediglich nur unterhaltsam geschrieben, sondern zudem immer wieder über die existentielle, ja geradezu kognitive Bedeutung des Lachens, des Witzes und des Humors reflektiert hat, unterstrich RADIM BRAZDA (Brünn) in seinem Vortrag, der sich zunächst aus biologisch-naturwissenschaftlicher – vor allem evolutionspsychologischer – Perspektive heraus dem nicht nur spezifisch humanen Phänomen des Lachens als sozialem Verhalten annäherte, um daran anschließend in einem zweiten Schritt Marquards Philosophie des Humors zu präsentieren. Für Marquard, so Brazda, fungiere der Humor vornehmlich als korrektive Metafunktion der Vernunft, die in der westlichen Tradition vornehmlich auf der Aus- bzw. Abgrenzung basiert, d.h. mithilfe von vermeintlichen Rationalitätskriterien definiert, was offiziell ungültig, wertlos und nichtig ist. Mit seinem Lehrer Joachim Ritter begreife Marquard nun das Lachen (d.h. auch den Humor) ebenfalls als Grenzreaktion, die gemäß dem Algorithmus der Kompensation im Sinne der positiven Entzweiung eine Identität des Ausgeklammerten mit dem Ausklammernden gewährt und sich so als einschließende und aufnehmende Vernunft realisiert, macht sie doch deutlich, dass das offiziell Geleugnete dennoch existiert. Als Bewusstsein über die Grenzen der Vernunft ist der Humor eine Spitzenleistungen der Selbstreflexion der Vernunft selbst, ein realistischer und illusionsresistenter Wink hin auf das So-ist-es, das Marquard zufolge dem So-hat-es-zu-sein stets Paroli zu bieten habe.

Mit der Aufklärung avancierte die Geschichtsphilosophie – zunächst nur eine philosophische Nebendisziplin – geradezu unaufhaltsam zur “amtierenden Grundphilosophie”[5]. Marquard hat deren Menschenbild einmal pointiert zur Sprache gebracht: Es ist die Vorstellung des Menschen als “homo progressor et emancipator”[6], die seitdem wie ein Gespenst immer wieder durch Europa spukt. Seinen letzten großen Auftritt in hegelianisch-marxistischem Gewande hatte es bekanntlich in den späten 1960er-Jahren, doch der war nur von kurzer Dauer, hatte sich doch wieder einmal schnell gezeigt: der empirische Mensch ist nicht utopiefähig, so WOLFGANG RIEDEL (Würzburg) seinen Vortrag über die Anfänge der literarischen Anthropologie in Deutschland einleitend. Als endliches, imperfektes und triebgesteuertes Wesen erfasse den Menschen daher jene ebenfalls in der Sattelzeit aufkommende philosophische Disziplin namens Anthropologie weitaus adäquater, um deren wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung sich Marquard nicht zuletzt mit seinem einflussreichen begriffsgeschichtlichen Anthropologie-Artikel im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ äußerst verdient gemacht habe.[7] Seine historiographischen Studien, so die zentrale These Riedels, wurden schnell auch in der Germanistik, respektive in der 18. Jahrhundert-Forschung (Dishuitiemistik) rezipiert, war doch diese – angeregt durch „Saturn and Melancholy“ (1964) von Klibansky, Panofsky und Saxl – seiner Zeit selbst auf der Suche nach der Anthropologie und ihrer Bedeutung in der modernen Geistes- und Literaturgeschichte und das zeitigte vor allem diszplingeschichtliche Folgen[8]: So erschien bereits 1977 Hans-Jürgen Schings Studie „Melancholie und Aufklärung“, die – sich dem aufgeklärten Melancholie- bzw. Anthropologiediskurs widmend – das Forschungsparadigma der „Literarischen Anthropologie“ initiierte.[9] Diese liest Literatur grundsätzlich als anthropologischen Diskurs, der Riedel zufolge meist vom Menschen als schwachem Subjekt handelt. Nicht nur in der Anthropologie (Platner, Kant) und Ästhetik (Baumgarten) der Aufklärung, auch in der Literatur des 18. Jahrhunderts und weit darüber hinaus trete in der Regel der empirische, der reinen Vernunft nicht fähige Mensch zutage, abgesehen etwa von den experimentellen Utopien der Frühaufklärung. Dass der Anthropologiediskurs der Aufklärung in diesem Sinne vornehmlich als Rationalismuskritik begriffen werden müsse, hat bereits 1979 eine interdisziplinäre Tagung in Wolfenbüttel dokumentiert, die sich der Neubestimmung des Menschen im Zeitalter der Aufklärung widmete. Sowohl Schings als auch Marquard trugen hier vor und wurden fortan in der Germanistik ergänzend gelesen.

Abschließend präsentierte CHRISTIAN KELLER (Würzburg) die grundlegenden Züge seines Dissertationsprojektes über „Hans Blumenbergs liberalkonservative Ethikkonzeption als antidiskursethische Therapeutik“. Dieses untersucht ganz allgemein gefasst die gedankliche Nähe Hans Blumenbergs zu einzelnen Philosophemen der sogenannten Ritter-Schüler (Odo Marquard, Hermann Lübbe, Robert Spaemann und Martin Kriele), die vor allem anhand der philosophischen Konvergenzen im Bereich der Praktischen Philosophie rekonstruiert werden soll. Ausgangspunkt des Vortrags waren zunächst einige zeitgeschichtlichen Überlegungen, die im Anschluss an Odo Marquards These einer “Schulkonvergenz als langfristiger Spätwirkung”[10] verdeutlichten, wie es im Zuge der zunehmenden Politisierung um 1968 allererst zu jener Einheitlichkeit bzw. Homogenität des philosophisch-politischen Diskurses innerhalb des einst so heterogenen Schülerkreises um Joachim Ritter kam. Marquard sprach in diesem Sinne einmal von einer sukzessiven Rückbesinnung auf “Ritters eigne philosophische Antworten”[11], doch dem könne Keller zufolge nur sehr bedingt zugesprochen werden. Nicht so sehr die eigene philosophische Herkunft (Ritters neoaristotelisch-hegelianischer Ansatz) – es war in erster Linie die aus dem politischen Lagerdenken heraus vollzogene Fixierung auf ein gemeinsames Feindbild (Diskurstheorie), die das Denken der Ritter-Schüler maßgeblich beeinflusste. Eben von jener unfreiwilligen Politisierung sei nun auch Hans Blumenberg erfasst worden, dessen Praktisches Philosophieren – Stichwort „rhetorische Ethikkonzeption“ – nun wiederum mit dem der Ritter-Schüler konvergierte, was anhand der in vielerlei Hinsicht analogen philosophischen Denkfiguren und Argumentationsmuster demonstriert werden könne. Auf der Inkommensurabilität von Theorie und Praxis insistierend, problematisieren Blumenberg wie auch die Ritter-Schüler immer wieder die Grenzen der praktischen Vernunft, um den ethischen Diskurs vor moralischer Überlastung zu schützen. So realisiert sich die liberalkonservative Kritik an der Diskursethik vornehmlich als Rehabilitierung eines pragmatisch-kritischen Dezisionismus, zu dessen Plausibilisierung sie vor allem die Cartesianische Gedankenfigur einer provisorischen Moral bemühen.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass es aufgrund der eher interdisziplinären Ausrichtung der Tagung möglich wurde, Marquards Person und Denken aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick zu nehmen. Als Literat unter den Philosophen zählt Marquard bekanntlich zu den meistübersetzten Philosophen der Gegenwart. Die Tagung in Brünn war in diesem Sinne auch ein Zeichen dafür, dass die wissenschaftliche Rezeption Marquards auch im nichtdeutschsprachigen Raum bereits Fuß gefasst hat. Publiziert wurden die entsprechenden Beiträge der Tagung mit einer Ausnahme in der philosophischen Internet-Zeitschrift Pro-Fil. Einzusehen sind sie unter folgender Adresse: http://www.phil.muni.cz/journals/index.php/profil/issue/view/117.

Konferenzübersicht:

Ales Urvalek (Brünn): Vermessung Deutschlands mit Odo Marquard

Bretislav Horyna (Brünn): Einsamkeit als eine Form der neupyrrhonischen Gebrochenheit. Eine mögliche Mündung der post-interimistischen Skepsis von Marquard

Radim Brazda (Brünn): Odo Marquard, Humor, Vernunft und Lachen

Wolfgang Riedel (Würzburg): Marquards >Abschied von der Geschichtsphilosophie< und die Anfänge der >literarischen Anthropologie<

Christian Keller (Würzburg): Philosophisch-politische Sympraxis aus dem Geiste liberalkonservativer Skepsis. Über Odo Marquard, Hans Blumenberg und die Neue Linke

Anmerkungen:
[1] Odo Marquard, Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Stuttgart 1995, S.49.
[2] Vgl. dazu Odo Marquard, Endlichkeitsphilosophisches. Über das Altern, Hrsg. Von Franz-Josef Wetz. Stuttgart 2013.
[3] Ales Urvalek: Vymerovani Nemecka. Promluvy o podstate nemectvi, Brno 2015.
[4] Odo Marquard: Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. Aufsätze, Frankfurt am Main 1973.
[5] Odo Marquard, Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, Stuttgart 2005, S.40.
[6] Ebd.
[7] Odo Marquard, Art. “Anthropologie<“, in: Joachim Ritter u.a. (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel / Darmstadt 1971-2007, Bd.1, Sp.362-374.
[8] Raymond Klibansky / Erwin Panofsky / Fritz Saxl: Saturn and Melancholy. Studies in the History of Natural Philosophy, Religion and Art, New York 1964.
[9] Hans-Jürgen Schings: Melancholie und Aufklärung. Melancholiker und ihre Kritiker in Literatur und Erfahrungsseelenkunde des 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1977.
[10] Marquard, Abschied, S.8.
[11] Ebd.

Zitation
Tagungsbericht: In memoriam Odo Marquard, 07.10.2015 Brno, in: H-Soz-Kult, 23.05.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6539>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.05.2016
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung