Katholische Zeitgeschichte. Kirche, Religion und Politik in Bayern nach 1945

Ort
Regensburg
Veranstalter
Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg; Institut für Zeitgeschichte München - Berlin; Lehrstuhl für bayerische Landesgeschichte, Universität Regensburg
Datum
23.02.2016 - 24.02.2016
Von
Georg Köglmeier, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

Am 23. und 24. Februar 2016 fand in den Räumen des Diözesanarchivs Regensburg ein Workshop zum Thema „Katholische Zeitgeschichte. Kirche, Religion und Politik in Bayern nach 1945“ statt. Organisiert wurde die Veranstaltung in einem Kooperationsunternehmen vom Bischöflichen Zentralarchiv Regensburg (Camilla Weber), dem Institut für Zeitgeschichte München – Berlin (Thomas Schlemmer) und dem Lehrstuhl für bayerische Landesgeschichte der Universität Regensburg (Bernhard Löffler).

Anlass des Workshops war die Beobachtung, dass die historische Forschung der katholischen Zeitgeschichte in Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg – ungeachtet der politischen und lebensweltlichen Bedeutung dieses Themenkomplexes – bislang nur vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Mit der Veranstaltung sollte deshalb versucht werden, die Quellenbasis zu sondieren, eine Zwischenbilanz zu ziehen und konkrete Forschungsperspektiven zu erörtern. Nicht zuletzt sollte sie ein Forum für einen diskursiv-offenen Austausch zwischen Zeithistorikern und Bistumsarchivaren bilden.

Die erste Sektion befasste sich mit dem Thema „Katholische Zeitgeschichte und Archiv. Aktenzugang, Quellenlage und Findmittel in den bayerischen Diözesanarchiven“. Drei Leiter bayerischer Diözesanarchive informierten die Teilnehmer über verschiedene Aspekte kirchlicher Archive. Laut JOHANNES MERZ (Würzburg) ist die Benutzung kirchlicher Archive nach der Kirchlichen Archivordnung (KAO) an keine Voraussetzungen gebunden. Eine Einschränkung der Zugänglichkeit muss demnach vom Archiv begründet werden. Sie erfolgt zum Schutz der Persönlichkeits- und Urheberrechte. Die Schutzfrist in kirchlichen Archiven beträgt dabei, anders als in staatlichen Archiven, 40 Jahre, bei bischöflichen Amtsakten und Nachlässen 60 Jahre. Als besonderes Problem markierte Merz Publikationen im Internet, da diese die Möglichkeit bieten würden, Persönlichkeitsprofile zu erstellen, was dem Persönlichkeitsschutz zuwiderlaufe. Merz wies aber darauf hin, dass es immer wieder Sondergenehmigungen für die Benutzung eigentlich gesperrter Akten gebe und etwa das von ihm geleitete Würzburger Diözesanarchiv hier recht liberal verfahre. Allerdings gebe es keine einheitliche Regelung für alle Bistumsarchive. Der Organisation der Akten in der Nachkriegszeit liegt laut Merz meist nur ein grober Aktenplan zugrunde. Oft würden Akten lediglich zeitlich differenziert. Merz wies schließlich auf manche Spezifika der Überlieferungssituation in kirchlichen Archiven hin. So seien Bischofsakten beim Wechsel eines Bischofs von einem Bistum zu einem anderen oft von dem Bischof mitgenommen worden. Ein anderes Überlieferungsproblem stelle ein – zumindest im Bistum Würzburg vorhandener – Rückstau an Akten dar, da einige kirchliche Behörden auch archivreife Akten noch nicht abgegeben hätten. Als Konsequenz aus seinen Ausführungen regte Merz unter anderem die Erstellung eines Verwaltungshandbuchs der Nachkriegszeit für die bayerischen Bistümer an. Nur mit Hilfe eines solchen könnten die Bestände der Diözesanarchive gezielt und sinnvoll benutzt werden. In der folgenden Diskussion wurde vor allem die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Beschränkungen aufgrund des Persönlichkeitsschutzes und dem Recht auf Freiheit der Forschung angesprochen.

Im zweiten Vortrag der Sektion informierte HERBERT W. WURSTER (Passau) über die Besonderheiten von Bischofsnachlässen. Bei diesen sei, wie bei Nachlässen aller Geistlichen, die Unterscheidung zwischen persönlichem und amtlichem Schriftgut schwierig. Als Bischofsnachlässe würden im Allgemeinen alle bischöflichen Akten zählen, die nicht aus der diözesanen Verwaltung hervorgingen. Zudem sei zu bedenken, dass sich aufgrund der engen Zusammenarbeit der Bischöfe häufig in dem Nachlass des nachfolgenden Bischofs Bestände des Vorgängers befinden würden. Die Diskussion thematisierte vor allem die Zugänglichkeit zu bischöflichen Nachlässen aufgrund derer zentralen Aussagekraft für die Haltung der Kirche. Die anwesenden Leiter der Diözesanarchive gaben Auskunft über die Anträge für Sondergenehmigungen und die Handhabung durch ihre Archive. Daraus wurde deutlich, dass die Bischofsnachlässe aus der Nachkriegszeit in mehreren Diözesanarchiven noch nicht geordnet sind oder nur einen geringen Umfang besitzen, dass die – eher seltenen – Anträge auf Nutzung der Bischofsnachlässe aber zumeist bewilligt werden.

Zum Abschluss der ersten Sektion stellte CAMILLA WEBER (Regensburg) das Schriftgut der Kirchenverwaltung und katholischer Laienorganisationen vor. Ersteres entstammt dem bischöflichen Ordinariat, das dem Bischof untersteht und vom Generalvikar geleitet wird. In Regensburg gliedert sich das Ordinariat in acht Hauptabteilungen. Die Erfassung der Bestände von Laienorganisationen ist insofern problematisch, als diese autonom sind, auch bei der Verwahrung ihres Schriftgutes. Das Diözesanarchiv übernimmt angebotene Bestände, hat aber keinen Anspruch darauf. In der Diskussion wurde von Seiten der Archive darauf hingewiesen, dass die Betreuung der Bestände von Laienorganisationen auch ein Ressourcenproblem darstelle, da das Tagesgeschäft so umfangreich sei, dass daneben kaum Zeit für diese zusätzliche Aufgabe zur Verfügung stehe. Als Anreiz zur Beschäftigung mit kirchlichen Themen wurde die Digitalisierung von Findmitteln angeregt. Zumindest eine kurze Beständeübersicht liegt online bereits auf der Webseite <http: / / www.katholische-archive.de> vor. Eine stärkere Koordinierung der Archive bzgl. einer Digitalisierung wurde allgemein befürwortet.

In einem öffentlichen Abendvortrag sprach FERDINAND KRAMER (München) über Kirche und Politik in Bayern von 1945 bis 1981 und thematisierte die Rolle der katholischen Kirche in den Modernisierungsprozessen der Nachkriegszeit. Auf den ersten Blick ließ sich diese auf lange Sicht durchaus als Geschichte eines Bedeutungsverlusts kennzeichnen. Allerdings war der Einfluss der Kirche in der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst sehr groß und die Gründung der CSU ist ohne die Unterstützung der Kirche nicht denkbar. Auch habe die Kirche wohl mit ihrer grundsätzlichen Befürwortung von Leistung und Konsumverzicht auch die wirtschaftliche Entwicklung während des „Wirtschaftswunders“ positiv beeinflusst. Der Beitrag der Kirche habe überdies nicht zuletzt in der kritischen Hinterfragung von Modernität und „Fortschritt“ gelegen, darunter etwa auch im Engagement für Natur und „Schöpfung“. Die gebremste Modernisierung oder vielleicht besser: die für Bayern charakteristische Modernisierung unter konservativen Vorzeichen sei unter anderem auf den Einfluss der Kirche zurückzuführen.

Die zweite Sektion des Workshops behandelte Desiderate und Perspektiven der Forschung. Hier stellten Historiker Forschungsthemen aus dem Bereich der katholischen Zeitgeschichte vor. Zunächst präsentierten PEER VOLKMANN und MATTHIAS BORNSCHLEGEL (beide München) die Online-Edition der Tagebücher von Kardinal Michael von Faulhaber (<http://www.faulhaber-edition.de>). Die Tagebücher umfassen den Zeitraum von 1911 bis 1952, sind lückenlos erhalten und werden ergänzt durch sogenannte Beiblätter, also umfangreichere Aufzeichnungen Faulhabers zu verschiedenen Themen. Da ein großer Teil der Quellen in Gabelsberger-Stenografie verfasst ist, wurden für das Editionsteam Gabelsberger-Kurse abgehalten. Seit 2013 ist ein erster Teil der Tagebücher online zugänglich: Aufzeichnungen aus den Jahren 1918 bis 1920 und 1933. THOMAS SCHLEMMER (München) erklärte die Bedeutung der Tagebücher. Faulhaber sei ein „kommunikativer Knotenpunkt“ gewesen. Allein 1945 traf er circa 1.000 Personen, die alle in seinen Tagebüchern genannt sind. Die Tagebücher seien deshalb eine wichtige Quelle, um Netzwerke zu erforschen, biografische Studien zu betreiben, sie könnten für die Erforschung der Diözesan- und Stadtgeschichte oder der Seelsorge herangezogen werden. Untersuchen könnte man mit ihnen überdies die Zukunftsvorstellungen Faulhabers nach dem Zweiten Weltkrieg oder das alltägliche Leben eines späten Kirchenfürsten. In der Diskussion wurden einige Details der Edition besprochen, so die bereits vorhandenen und noch geplanten Kurzbiografien von Personen, die in den Tagebüchern genannt sind. Nach Angabe der Editoren gibt es hier bislang keine Probleme mit dem Persönlichkeitsschutz. An neuen Erkenntnissen zu Faulhaber wurde betont, diese ermöglichten ein differenzierteres Bild seiner Persönlichkeit. So ergibt sich aus den Tagebüchern, dass der als wortgewaltig und charismatisch bekannte Kardinal auch ängstlich und unsicher sein konnte.

STEPHAN MOKRY (Magdeburg / Halle) stellte, ausgehend von der von ihm verfassten Biografie von Kardinal Julius Döpfner, Bischofsbiografien als Thema kirchlicher Zeitgeschichte vor. Dabei betonte Mokry, dass Döpfner nicht unbedingt ein Musterbeispiel für eine Bischofsbiografie darstelle, da dieser mit seiner Fülle an Ämtern (Bischof von Würzburg und Berlin, Erzbischof von München und Freising) eine Ausnahme gewesen sei. Mokry wies auf ein zentrales Problem der Quellenlage hin, das bei seiner Arbeit auftrat: die Sperrung der Akten aus der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils im Diözesanarchiv München.

Zum Abschluss sprach FRANZ XAVER BISCHOF (München) über Wirkungen und Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils in Bayern. Im Gegensatz zu anderen Staaten fehlt in Deutschland eine breite Erforschung des Konzils und seiner Wirkungen. Andere Themen, etwa die NS-Zeit, werden als wichtiger erachtet. Zudem wird das Thema Konzil aufgrund der unsicheren Zugänglichkeit zu den Quellen als problematisch betrachtet.

In der Diskussion wurden mehrere Aspekte der Wirkungsgeschichte des Konzils angesprochen, die zu untersuchen wären: die Rolle der Ortspfarrer, die Vereine, grundsätzlich die Ergebnisse der Konzilsbeschlüsse im Vergleich zu den gesellschaftlichen Erwartungen, darunter etwa die der Frauen oder bezüglich einer Demokratisierung. Als Grundlage für Forschungsarbeiten wurde ein Überblick über die Bestände zur Konzilsgeschichte und den Wirkungen des Konzils sowie der Zugänglichkeit zu diesen Archivalien in den Diözesanarchiven angeregt. Ein weiteres Treffen zum Thema katholische Zeitgeschichte soll in ein bis zwei Jahren stattfinden.

Konferenzübersicht:

Camilla Weber, Bernhard Löffler, Thomas Schlemmer: Begrüßung und Einführung

1. Sektion: Katholische Zeitgeschichte und Archiv. Aktenzugang, Quellenlage und Findmittel in den bayerischen Diözesanarchiven

Johannes Merz (Diözesanarchiv Würzburg): Zugang, Organisation, Überlieferungssituation

Herbert W. Wurster (Diözesanarchiv Passau): (Bischofs-)Nachlässe und Perspektiven der Biographieforschung

Camilla Weber (Diözesanarchiv Regensburg): Schriftgut der Kirchenverwaltung und katholischer Laienorganisationen

Öffentlicher Abendvortrag
Ferdinand Kramer (LMU München): „Damit offenbart sich ja auch, wie sehr das Konzil aufweichend gewirkt hat.“ Kirche und Politik in Bayern 1945 bis 1981

2. Sektion: Desiderate und Perspektiven der Forschung

Peer Volkmann, Matthias Bornschlegel, Thomas Schlemmer (Institut für Zeitgeschichte München): Die Edition der Tagebücher von Kardinal Michael von Faulhaber

Stephan Mokry (Magdeburg): Bischofsbiographien als Thema kirchlicher Zeitgeschichte: das Beispiel Kardinal Julius Döpfner

Franz Xaver Bischof (LMU München): Das Zweite Vatikanische Konzil: Wirkungen und Rezeption in Bayern

Zitation
Tagungsbericht: Katholische Zeitgeschichte. Kirche, Religion und Politik in Bayern nach 1945, 23.02.2016 – 24.02.2016 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 01.06.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6541>.
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Veröffentlicht am
01.06.2016
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