20. Münchner Bohemisten-Treffen

Ort
München
Veranstalter
Collegium Carolinum – Forschungsinstitut für die Geschichte Tschechiens und der Slowakei
Datum
04.03.2016
Von
Eva Schäffler, Salzburg

Zum 20. Mal veranstaltete das Collegium Carolinum am 4. März 2016 das Münchner Bohemisten-Treffen, auf dem dieses Jahr über hundert Teilnehmer/innen zusammenkamen, um sich über böhmisch-mährische, tschechische, deutschböhmische/sudetendeutsche und slowakische Forschungsprojekte auszutauschen. In ihren Grußworten verwiesen MARTIN SCHULZE WESSEL (München) und der Generalkonsul der Tschechischen Republik in München, MILAN ČOUPEK, darauf, wie bewährt und bekannt das Format inzwischen sei. Der Vertreter des bayerischen Sozialministeriums, Ministerialrat WOLFGANG FREYTAG, sprach in seiner Begrüßung von einem wichtigen Beitrag, den das Bohemisten-Treffen zum bayerisch- bzw. deutsch-tschechischen Dialog leiste.

Es folgte eine Zwischenbilanz von ROBERT LUFT (München), dem Initiator der Bohemisten-Treffen. Anfangs habe es sich dabei um ein „Experiment“ gehandelt, um den Versuch, einen offenen und interdisziplinären Rahmen für die Diskussion laufender Forschungen zu bieten. Außerdem sei die Entstehung des Bohemisten-Treffens im Jahr 1996 durch das in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre allgemein wachsende Interesse an „Tschechien“ begünstigt worden. Über die Jahre hinweg zog das Bohemisten-Treffen eine steigende Anzahl von Besucher/innen an. Während in den Anfangsjahren etwa 50 Teilnehmer/innen zu verzeichnen gewesen seien, habe man zwischenzeitlich einen Spitzenwert von 120 Teilnehmer/innen erreicht. Auch die Menge der eingereichten Exposés, mit denen einerseits Forschungsprojekte vorgestellt werden und andererseits über Institutionen, Konferenzen und Ausstellungen informiert wird, habe sich von zehn auf bis zu 50 erhöht. Hinsichtlich der thematisch-zeitlichen Ausrichtung der Exposés lautete Lufts Bilanz wie folgt: Das Mittelalter sei generell die am wenigsten berücksichtige Epoche, selbst mit der Hussitenzeit beschäftigten sich eher wenige Forschungsprojekte. Mit Blick auf die Frühe Neuzeit sei auffällig, dass vor allem das Thema Migration im Fokus der Forscher/innen stehe. Das 18. und 19. Jahrhundert werde vor allem aus literatur- und kulturwissenschaftlichen Blickwinkeln beleuchtet. Im 20. Jahrhundert dominierten historische Perspektiven, wobei lange Jahre vor allem die Erste Tschechische Republik im Fokus des Interesses stand, mittlerweile aber ein stetig wachsendes Interesse an der sozialistischen Phase zu verzeichnen sei. Generell könne man beobachten, dass die „Aktualität des Forschungsobjekts“ in der 20-jährigen Bestehenszeit des Bohemisten-Treffens zugenommen habe. Themen, die immer wieder aufkommen, seien unter anderem die jüdische Geschichte und die Geschichte der Vertreibung. Außerdem spiegelten sich in den Bohemisten-Treffen auch allgemeinere Trends wider, zum Beispiel bei Themen wie „Grenzen“, „Identitäten“ und „Diskurse“. Als häufig gewählte Zugänge identifizierte Luft die Stadtforschung, Gender-Perspektiven, biografische Zugänge sowie komparative Ansätze. Aktuell sei außerdem zu beobachten, dass immer häufiger über Epochengrenzen hinweg geforscht werde. Im Hinblick auf die vertretenen Disziplinen sind Luft zufolge die Geschichtswissenschaften stets am stärksten vertreten. Indessen müsse man bei der Slawistik, anfangs noch gut präsent, parallel zur Abwicklung westslawistischer Lehrstühle in den letzten zehn Jahren einen klaren Abwärtstrend verzeichnen. Eine durchgängig stark vertretene Disziplin sei die Germanistik, während die Politikwissenschaft fast nur in den Jahren vor dem EU-Beitritt auf den Bohemisten-Treffen präsent gewesen sei. Als weitere Disziplinen, die vereinzelt Beiträge lieferten, wurden die Rechts- und die Musikwissenschaften angeführt.

Der folgende Programmpunkt, moderiert von Jana Osterkamp, widmete sich der Imperiengeschichte. In seinem Vortrag „Die Habsburgermonarchie um 1700: Verneuerte Annäherung an ‚Österreichs Heldenzeitalter‘“ plädierte STEFAN SANDER-FAES (Zürich) dafür, die Habsburgermonarchie nicht (nur) aus einer höfischen, sich auf die ständischen Eliten konzentrierenden Perspektive, sondern (auch) aus einer Perspektive von „unten“ zu untersuchen. Dies werde möglich, wenn man die Aufmerksamkeit auf die Randgebiete der Monarchie richte und dabei insbesondere die vor Ort anzutreffenden Ausprägungen der Grundherrschaft in den Blick nehme. Am Fall der Herrschaft Krumau (Český Krumlov), einer sowohl von Wien als auch von Prag aus gesehen peripheren Region, könne man beispielsweise der Frage nachgehen, welche Auswirkungen die Kriege Leopolds I. auf lokaler Ebene hatten. Sander-Faes betonte, dass eine umfassende Perspektive auf die Habsburgermonarchie nicht möglich sei, wenn lediglich das Konzept des „fiscal-military state“ als Interpretationsrahmen heranzogen werde. Erst durch die „periphere Perspektive“ könnten beispielsweise Fragmentierungen im Steuerwesen offengelegt werden, welche wiederum als Beleg für die Relativität frühneuzeitlicher Staatlichkeit und für das Bestehen einer nicht-einheitlichen, „zusammengesetzten (Grund-)Herrschaft“ zu werten seien.

Unter der Moderation von Ulrike Lunow folgten einige Kurzvorträge, in denen Informationen zu Einrichtungen, Ausstellungen usw. gegeben wurden. RENÉ KÜPPER (Augsburg) berichtete über die Erste Bayerisch-Tschechische Landesausstellung zu Karl IV. 2016/17, die in Prag (15. Mai bis 25. September 2016) und in Nürnberg (20. Oktober 2016 bis 5. März 2017) – dem zweithäufigsten Aufenthaltsort von Karl IV. – stattfinden wird. In beiden Ausstellungen werde Karl IV. in möglichst vielen Facetten, zum Beispiel als Herrscherfigur, als Gelehrter und als Gläubiger dargestellt. Zusätzlich zu den Ausstellungen wird es ein umfangreiches Begleitprogramm geben, das vom Centrum Bavaria Bohemia koordiniert wird.

ONDŘEJ MATĚJKA (Prag), der Leiter des in Prag ansässigen Instituts für das Studium totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů), informierte über die Entwicklung der 2008 gegründeten staatlichen Behörde mit historischem Forschungsauftrag. Deren Schaffung sei ursprünglich von einer rechtskonservativen Regierung durchgesetzt und von zahlreichen Kontroversen begleitet worden (unter anderem um die Namensgebung). Seit 2013/14 sei die Behörde in die Liste wissenschaftlicher Einrichtungen in Tschechien aufgenommen. Sie beschäftige sich zum einen mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei (vor allem auch im Hinblick auf die Aktivitäten der Staatssicherheit) und biete zum anderen politische Bildungsangebote zu diesem Thema an.

Informationen zur digitalen Publikationsreihe DigiOst gab ARPINE MANIERO (München), die auf die Möglichkeit hinwies, auf der Open Access-Plattform Ostdok einen hochwertigen Print-on-Demand-Service zu nutzen.[1] Die wissenschaftliche Qualitätssicherung sei durch ein peer review-Verfahren gewährleistet, das von Wissenschaftler/innen aus allen drei beteiligten Instituten (Institut für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg, Collegium Carolinum München, Herder-Institut Marburg) übernommen werde. Maniero betonte, dass der Bedarf, im Open Access zu publizieren, auch in den Geschichtswissenschaften steige, auch wenn Fachkreise bisweilen noch eine gewisse Skepsis gegen dieses Verfahren hegten.

Abschließend gab BENEDIKT KROLL (München) einen Einblick in die Neuerungen beim Onlineauftritt der Zeitschrift „Bohemia“. Dieser werde nun über die Software Open Journal Systems betrieben, welche unter anderem eine verbesserte Suche sowie Verlinkungen zwischen den online zugänglichen Materialien ermögliche.[2]

Durch den nächsten Abschnitt, die für das Bohemisten-Treffen „traditionelle“ Vorstellung von Exposés, in denen – in wenigen Sätzen und ohne Diskussion – Qualifikationsarbeiten, Dissertationen, Habilitationen und andere Forschungsprojekte vorgestellt werden und in denen außerdem über Institutionen, Konferenzen und Ausstellungen informiert wird, führte Christiane Brenner. Die Anzahl der Exposés, die nicht nur mündlich präsentiert wurden, sondern auch in einer schriftlichen Version zur Mitnahme und näheren Vertiefung bereit lagen, belief sich zum 20. Jahrestag des Bohemisten-Treffens auf über 45 – ein Zeichen dafür, wie ungebrochen groß und vielfältig das Forschungsinteresse an „bohemistischen“ Themen ist.[3]

Nach der Mittagspause folgte, moderiert von Johannes Gleixner, ein Themenblock zu „Politik und Erinnerung im gesellschaftlichen Wandel“. SIMON HADLER (München) präsentierte sein Projekt „Erinnerte Feinde, vergessene Gegner. Türken, Schweden und Preußen in Zentraleuropa vom 17. bis zum 21. Jahrhundert“. Der Frage, auf welche Art und Weise und mit welchem „Nutzen“ Gegner erinnert werden (oder auch nicht), wurde an Hand eines Vergleiches von drei Städten – Wien, Brünn (Brno) und Olmütz (Olomouc) – nachgegangen. Insbesondere mit der Gegenüberstellung Wiens und Brünns zeigte Hadler, wie unterschiedlich stark dieselben Gegner im Gedächtnis verschiedener Städte verankert sind. In Wien werde die Türkenbelagerung von 1683 bis zum heutigen Tage weitergetragen und aktualisiert, während die Schwedenbelagerung von 1645 in der Erinnerung der Stadt weitgehend verblasst sei. Ganz anders sei dies, so Hadler, in Brünn, das ebenfalls im Jahr 1645 von den Schweden belagert wurde. Dort habe etwa ab dem 100. Jahrestag der Belagerung eine intensive Erinnerungsarbeit eingesetzt, welche lediglich während des Staatssozialismus vorübergehend unterbrochen worden sei. Seit dem Jahr 1997 werde der Jahrestag des Endes der Schwedenbelagerung als „Tag von Brünn“ (Den Brna) gefeiert, unter anderem mit einem aufwändigen reenactment-Spektakel.

In der an den Vortrag anschließenden Diskussion ging es zum einen um die verschiedenen Konnotationen der Bezeichnungen „Feind“ und „Gegner“. Insbesondere wurde diskutiert, ob die Erinnerung an einen (langfristigen) „Feind“ per definitionem anders funktioniere als die Erinnerung an einen (kurzfristigen) „Gegner“. Zum anderen wurde darauf verwiesen, dass das politische Potenzial von reenactment-Events nicht unterschätzt werden dürfe. Aus heutiger Sicht wirkten diese Veranstaltungen vielleicht eher unpolitisch, jedoch könne erst in der historischen Rückschau abschließend geklärt werden, inwiefern dies tatsächlich der Fall war.

Im letzten Teil des Bohemisten-Treffens, moderiert von Martina Niedhammer, wurden zwei Projekte zu transnationalen Geschichtslehrbüchern vorgestellt. MILOŠ ŘEZNÍK (Warschau) stellte das trilaterale Projekt „Deutsche, Tschechen, Slowaken im 20. Jahrhundert. Materialien für den Geschichtsunterricht“ vor. Die Entscheidung, kein „klassisches“ Geschichtslehrbuch zu schreiben, sondern Materialien für den Geschichtsunterricht zu erarbeiten, begründete Řezník damit, dass solche Materialien viel flexibler, zum Beispiel für die Vorbereitung von Exkursionen, genützt werden könnten. In diesem Zusammenhang sei auch hilfreich, dass die Kapitel unabhängig voneinander verwendbar seien. Vorteilhaft sei außerdem, dass die Materialien an diverse pädagogische und didaktische Konzepte angepasst werden könnten. Inhaltlich hätten sich die Verfasser/innen zum Ziel gesetzt, eine (mittel-)europäische Geschichte zu schreiben, die anhand der deutschen, tschechischen und slowakischen Geschichte konkretisiert werde und zudem auch die Beziehungsgeschichte zwischen den drei Ländern berücksichtige. Generell gehe es nicht darum, neue Narrative oder Zäsuren für die deutsche, tschechische und slowakische Geschichte zu etablieren, sondern die Materialien sollten vor allem einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis leisten.

Dieselbe Zielsetzung verfolgt auch das von der Ständigen Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe (SKÖTH) verfolgte Projekt „Das Österreichisch-Tschechische Geschichtsbuch“, das NIKLAS PERZI (St. Pölten) und VÁCLAV ŠMIDRKAL (Prag) vorstellten. Als weitere Ziele des Projekts wurden genannt, das gemeinsame Kulturerbe der beiden Länder hervorzuheben und Stereotype zu dekonstruieren. Endprodukt des Projekts, das im Jahr 2015 initiiert wurde, wird ein 500 Seiten starkes, in einer deutschen und einer tschechischen Version erhältliches Geschichtsbuch sein. Das Buch wird sich an die breite Öffentlichkeit als Zielgruppe richten und sich vor allem auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts konzentrieren.

In der an die beiden Projektvorstellungen anschließenden Diskussion wurde auf die Schwierigkeit verwiesen, unterschiedliche nationale Geschichtsbilder unter einen Hut zu bringen. Während unter Historiker/innen immer häufiger auch über Landesgrenzen hinweg Einigkeit herrsche, gebe es in der Öffentlichkeit deutlich unterschiedlichere Ansichten. Eine wichtige Herausforderung sei es außerdem, komplexe Sachverhalte nicht zu banalisieren und gleichzeitig so darzustellen, dass sie für ein junges bzw. ein Nicht-Fachpublikum interessant und verständlich seien.

Seit zwei Jahrzehnten bietet das Bohemisten-Treffen ein wichtiges Forum für Austausch und Neues. Seine Bekanntheit, so zeigte sich nicht erst bei seinem diesjährigen Jubiläum, erstreckt sich dabei nicht nur auf den deutschen Sprachraum sowie auf Tschechien und die Slowakei, auch in Frankreich, Großbritannien, den USA oder Israel wird das Treffen wahrgenommen. Beste Voraussetzungen also dafür, dass es weiterbesteht und sich entwickelt.

Konferenzübersicht:

Begrüßung durch Martin Schulze Wessel
Grußwort des Generalkonsuls der Tschechischen Republik in München PhDr. Milan

Robert Luft (München): 20 Jahre Münchner Bohemisten-Treffen.
Eine Zwischenbilanz der Forschungstrends

Teil 1: Imperiengeschichte
Moderation: Jana Osterkamp

Stephan Sander-Faes (Zürich)
Die Habsburgermonarchie um 1700: Verneuerte Annäherung an „Österreichs Heldenzeitalter“

Teil 2a: Kurzinformationen von Einrichtungen
Moderation: Ulrike Lunow

René Küpper (Augsburg)
Erste Bayerisch-Tschechische Landesausstellung 2016/17:
„Karl IV.“ in Prag und Nürnberg

Ondřej Matějka (Prag)
Der Ústav pro studium totalitních režimů ČR / Das Institut für das Studium totalitärer Regime in der Tschechischen Republik

Arpine Maniero (München)
Die digitale Publikationsreihe DigiOst

Benedikt Kroll (München)
Bohemia-Online

Teil 2b: Kurzvorstellungen der Exposés (ohne Diskussion)
Moderation: Christiane Brenner
Vorstellungen der einzelnen vorliegenden Exposés durch die anwesenden Forschenden – sowie weitere Kurzmitteilungen

Teil 3: Politik und Erinnerung im gesellschaftlichen Wandel
Moderation: Johannes Gleixner

Simon Hadler (München)
Erinnerte Feinde, vergessene Gegner. Türken, Schweden und
Preußen in Zentraleuropa vom 17. bis zum 21. Jahrhundert

Teil 4: Transnationale Geschichtslehrbücher
Moderation: Martina Niedhammer

Miloš Řezník (Warschau)
Deutsche, Tschechen, Slowaken im 20. Jahrhundert.
Materialien für den Geschichtsunterricht

Niklas Perzi / Václav Šmidrkal (St. Pölten / Prag)
Das Österreichisch-Tschechische Geschichtsbuch

Schlusswort: Robert Luft

Anmerkungen:
[1] Siehe: http://www.vifaost.de/ostdok (01.06.2016).
[2] Siehe: http://www.bohemia-online.de (01.06.2016)
[3] Vgl. die Liste der Exposes unter: http://www.collegium-carolinum.de/veranstaltungen/bohemisten-treffen/exposes-bohemisten-treffen/exposes2016.html (01.06.2016).

Zitation
Tagungsbericht: 20. Münchner Bohemisten-Treffen, 04.03.2016 München, in: H-Soz-Kult, 14.06.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6559>.