Urban Images and Representations during the 20th Century in Europe and beyond

Ort
Athen
Veranstalter
VIIIth International Conference of Urban History
Datum
27.10.2004 - 30.10.2004
Von
Joachim Schlör, Universität Potsdam

Die Rede von Bild und Wahrnehmung, von Repräsentation und Image ist in der Stadtforschung angekommen. Im März 2004 veranstalteten Vanessa Schwartz und Phil Ethington an der University of Southern California in Los Angeles eine Konferenz über "Urban Icons", solche Elemente und Symbole des großstädtischen Lebens, in denen sich zugeschriebene oder selbstgewählte Identitäten der jeweiligen Städte zeichenhaft verdichten. Zu den Sprechern und Kommentatoren zählten Giuliana Bruno, Marshall Berman und Edward Soja. Aus den sehr unterschiedlichen Großstadt-Ikonen, die dort präsentiert wurden, vom Wolkenkratzer in Manhattan über die verschwundene Berliner Mauer und die "IconiCITY" des antiken Rom bis zur Skyline von Schanghai soll bald ein "Atlas of Urban Icons" zusammengestellt und im Internet zugänglich gemacht werden. Im Juni des gleichen Jahres organisierten Rolf Lindner und Lutz Musner am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften Wien eine Tagung über "Kulturelle Ökonomien und Geschmackslandschaften", wobei die Diskussion vor allem der Frage galt, wie solche Bilder und Repräsentationen - von den "feinen Unterschieden" von Paris und die kulturelle Bricolage von Budapest bis zum "Neuen Moskau" als "Antithese der Provinz" - zu "gestaltprägenden Instanzen" werden, "die das Konsumentenverhalten und die Touristenströme beeinflussen".[1] Stadtbilder als kulturelles Kapital: Touristen erwarten, die Berliner Mauer zu sehen; der euphorische Abriß der frühen 1990er Jahre wird ansatzweise rückgängig gemacht, um dieses Bedürfnis - in einer Re-Konstruktion - zu erfüllen. Ethington und Schwartz sehen "a critical stage in the evolution of interdisciplinary scholarship on urban culture, visual culture, and the study of human spatiality across the human sciences", aus ihrer Sicht sind neben (oder vielmehr nach) Kunsthistorikern und Experten für Erinnerungskultur jetzt auch allgemeine Historiker aufgefordert, "to show how amorphous visual worlds have been connected or anchored to the material life".[2]

Soweit dem Rezensenten bekannt, gab es kaum Kontakte zwischen den Veranstaltern dieser beiden Tagungen und den Organisatoren einer Sektion über "Urban Images and Representations" im Rahmen der 7. Internationalen Konferenz für Stadtgeschichte, die Ende Oktober 2004 in Athen stattfand; aber Sandra Schürmann (Museum der Arbeit, Hamburg) und Jochen Guckes (Humboldt-Universität zu Berlin) gestalteten ihre Sektion mit sehr ähnlichen Fragestellungen wie die Kollegen in Los Angeles und Wien. Auch sie bezogen sich in ihrer Einführung auf Texte von Kevin Lynch[3], Henri Lefèbvre [4] und Andrew Lees [5] und zogen die Linie der "research on urban images" bis in die Gegenwart: Die Forschung befaßt sich, wie Peter Borsay am Beispiel des britischen Bath[6], mit dem Stadtmarketing und der Förderung von Tourismus durch die Verbreitung von Stadtbildern, mit lokalen Festen und Jubiläen, aber auch mit Formen der Architektur und der Stadtplanung als Mitteln, die Stadtbilder formen. Im Rahmen des allgemeinen "spatial turn" in den Kulturwissenschaften werden, etwa von Rolf Lindner, Formen der Herausbildung eines spezifischen urbanen Habitus untersucht oder Beziehungen zwischen den auf Städte bezogenen Fremd- und Selbstbildern und der Entstehung und Veränderung lokaler und regionaler Identitäten analysiert.[7]

Die beiden Sektionsleiter führten - was bei solchen Mammutkonferenzen durchaus nicht immer der Fall ist - einen regen Austausch mit den Vortragenden und regten sie an, bestimmte Gesichtspunkte mit zu berücksichtigen: Welches sind die inneren, welches die äußeren Faktoren, die auf die Produktion von Stadt-Bildern einwirken? Wo sind die Leerstellen ("Voids") in solchen Bildern, was wird also nicht repräsentiert? Wie lassen sich Formen der Inklusion und Exklusion lesen und beispielsweise soziale Grenzen bestimmen? Wie werden die einmal produzierten Bilder - im Hinblick auf eine Interpretation von Vergangenheit ebenso wie auf eine zukünftige Vision - funktionalisiert? Welche Rolle spielen einzelne Akteure (in Berlin etwa die Leiterin des Hauses am Checkpoint Charlie, Alexandra Hildebrandt, um das Beispiel der Berliner Mauer noch einmal kurz zu erwähnen, mit ihrer privaten Initiative für ein Mauer-Mahnmal)? Welche Interessen verschiedener Bild-Produzenten stoßen aneinander?

Die erste Runde faßte die Beiträge von Heiner Krellig, Patrizia van Ulzen und Astrid Wonneberger zusammen. "Town Marketing" hat Venedig (die einzige der Stadt der Welt, die "a bissele anders" ist, wie die Tante Jolesch sagt) nicht nötig; Krellig sollte zeigen, wie die Stadt ein für den Tourismus geeignetes Bild von sich selbst entworfen hat und seither alles dafür tut, damit es sich nicht verändere. Anders ist es mit Rotterdam und Dublin: Sowohl die im Krieg fast vollständig zerstörte und danach modernistisch wieder aufgebaute holländische Hafen- und Arbeiterstadt wie die irische "Dirty Old Town" kämpfen in diesen Zeiten internationalen Städtewettbewerbs gegen überlieferte Negativbilder an, und auch wenn Rotterdam in den letzten dreißig Jahren beeindruckende kulturelle Initiativen entwickelt hat, steht sie gegenüber Amsterdam auf ebenso verlorenem Posten wie Dublin gegenüber London oder Edinburgh. So haben beide Städte in der letzten Zeit den Versuch unternommen, eher die negativen Zuschreibungen aufzunehmen und zu transformieren, als vergeblich Bilder zu entwerfen, denen sie doch nicht gerecht werden können. Während 1970 noch "cosy little cafés and nice little boutiques" vor die modernen Gebäude gestellt und alles unternommen wurde, "to make Rotterdam look smaller", stellt die Stadtwerbung heute die modernen Gebäude und ihre Architektur selbstbewußt in den Vordergrund und zeichnet die Atmosphäre der Stadt als "schnell, dynamisch, jung und hip". Van Ulzen hat bei ihrer Recherche entdecken können, daß und wie diese Transformation einem "change of attitudes" entspricht, den zuerst der Architekt Rem Koolhaas 1978 in die Stadt brachte - der riesige Hafen ist heute kein Gegenbild mehr zu dem der Stadtkultur, sondern in seiner Modernität und Internationalität ihr zentraler Bestandteil. Auf ähnliche Weise hat auch Dublin sein Image verändert. Am Anfang stand, wie in vielen Hafenstädten, der Verlust des Hafens und der mit ihm verbundenen Infrastruktur von Orten kommerzieller Aktivität und internationaler Begegnung. Mit dem Beginn der Transformation um 1980 standen die Planer vor dem Problem der Integration vorhandener Images in ihre neuen Vorhaben: Auf der einen Seite steht Georgian Dublin mit seinen prominenten Häusern und Plätzen, auf der anderen Seite steht das Image der Arbeiterstadt, der traditionellen Pubs - eben die "Dirty Old Town", die das Selbstbild vieler Bewohner positiv prägt. Aus beiden Bildern ein drittes, eine "World-Class City" zu konstruieren, ist ein konfliktreiches Unternehmen, der Abriß alter Hafenanlagen zerstört nicht allein Gebäude, sondern auch "urban images".

Die zweite Runde faßte solche Stadt-Bilder zusammen, die für "all kinds of intended politics of identity" von Bedeutung sind - wobei die Zusammenstellung etwas willkürlich geriet. In ihrem sehr beeindruckenden Bericht über Ankara zeigte Zeynep Kezer den Zusammenhang von einer Politik der Herstellung (neuer) nationaler Identität in der Türkei und der Rolle, die dabei der "neuen" Hauptstadt zugewiesen wurde. Nach dem desaströsen Ende des Ersten Weltkrieges und dem Untergang des Osmanischen Reiches wandten sich die "neuen" Nationalisten der Republik nicht "zurück" nach Istanbul, sondern "vorwärts" in eine imaginierte moderne Stadt Ankara - die aber selbst erst modern und zukunftsgewandt werden mußte: rapides Wachstum, neue Architektur und "moderne" Bewohner sollten sie prägen; das alte Ankara mit seiner Zitadelle und den sie umgebenden eng bewohnten Vierteln mußte dafür aus der Bildproduktion ausgeblendet werden - wie Keyzer, zusammenfaßt: "Out of sight, out of mind." Kann die Historiographie, so ihre Abschlußfrage, das unsichtbar gemachte Ankara wieder sichtbar machen?

Eine der wichtigsten Institutionen, mit deren Hilfe bedrohte Relikte der Vergangenheit wieder in ihr Recht zu setzen, ist die UNESCO-Vereinbarung über das Weltkulturerbe. Dieser Status wurde der finnischen Stadt Rauma 1991 zuerkannt, damit erfüllte sich der Traum der finnischen national-romantischen Bewegung, der die kleine Stadt mit ihrem mittelalterlichen Straßenmuster schon lange als Denkmal galt. Wie an vielen anderen Orten auch, muß das "historische" Rauma rekonstruiert werden, Fragen der Authentizität stellen sich spätestens dann, dies zeigte der Beitrag von Tanja Vahtikari, wenn die "tourist-historic city" traditionelle kommerzielle (aber vielleicht nicht "schöne") Aktivitäten verdrängt. Alexander Sheyrev stellte in seinem Beitrag die traditionelle und bis heute anhaltende Dichotomie der beiden russischen Metropolen Moskau und St. Petersburg (Petrograd, Leningrad, Peter(s)burg) vor, allerdings nur für die Zeit zwischen 1900 und 1930. Das vorrevolutionäre Moskau war die Stadt von Tradition und Orthodoxie, während St. Petersburg für die Öffnung zum Westen und zur neuen Zeit stand; nach 1918 sollte Moskau zur Hauptstadt der sozialistischen Welt werden, und Leningrad wurde, samt seiner Schönheiten, in die Vergangenheit geworfen. Diese Veränderung drückte sich in den alten und neuen Monumenten ebenso aus wie in der Veränderung von Namen für Straßen und Plätze - nur durch eine Veränderung seiner Toponymie konnte Petersburg wenigstens äußerlich zu Leningrad werden. Hier wäre es besonders interessant gewesen, die Untersuchung über die Zeit nach Weltkrieg und Blockade und vor allem bis in die Gegenwart fortzuführen.

Ursprünglich sollte eine dritte Gruppe Fragen der Architektur und Stadtplanung behandeln; durch den Wegfall eines Referats über den Barrio Chines von Barcelona blieben zwei Vorträge übrig, die sehr unterschiedlichen Orten und Themen galten: Simon Elate Som zeigte vor allem am Beispiel der kamerunischen Hauptstadt Douala, daß und auf welche Weise der Einfluß europäisch-kolonialer Präsenz auf die Entwicklung großer Städte und ihrer Bevölkerungen in Afrika, vor allem südlich der Sahara, bis heute spürbar ist. Die Kolonialmächte behandelten die Städte sehr unterschiedlich, was generalisierende Darstellungen unmöglich macht. In Douala errichtete die deutsche Kolonialmacht ein innerstädtisches "Schutzgebiet" und vertrieb die Bewohner aus einem Viertel der Stadt, nach 1916 änderte die französische Verwaltung wenig an dieser Trennung zwischen der europäischen Neustadt und den Wohngebieten der afrikanischen Bevölkerung. Heute bildet sich die räumliche und "rassische" Segregation neu als soziale Segregation ab. Nun wollte es der Konferenzplan, daß im Anschluß an diesen afrikanischen Beitrag ein Referat über die Situation in den neuen Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland folgte, aber der Rezensent verzichtet lieber sowohl auf die Versuchung der Analogie wie auf ihre Zurückweisung. Katrin Großmann sprach über das Phänomen der Ideologisierung von Stadtpolitik am Beispiel der Plattenbau-Standorte in Ostdeutschland, am Beispiel einer Fallstudie zur Entwicklung in Chemnitz und auf Grund von Medienberichten zum Thema. Das "Unternehmen Abriß Ost", so ein reißerischer Titel in der Wochenzeitung DIE ZEIT, wurde in den Medien mit Bildern von Leerstand, Verfall und Abwanderung gezeichnet, die "Großwohnsiedlungen" werden in den "westlichen" Medien zum "Müll der Geschichte" erklärt. Großmann hält der aktuell gültigen Leitbildfunktion einer "Stadt im Wettbewerb" ihr positives Bild der "Stadt als Lebenswelt" entgegen - die Lebenswelt der Großwohnsiedlungen wird "im Zuge des Systemwechsels" diffamiert, während die innerstädtische Gründerzeitbausubstanz renoviert und aufgewertet wird. Solche Zuschreibungen werden von Großmann mit Detlef Ipsen als "Raumbilder" charakterisiert, als "Ablagerungen und Transformationen kollektiver Erfahrungen, Deutungen und Bewältigungsmuster".[8] So wird das "alte Raumbild sozialistischer Moderne" derzeit umgewertet. Man hätte sich gewünscht, daß der abschließende Beitrag von Anthony McElligott hier einen theoretischen und methodischen Rahmen anbieten würde, um diese ideologische Ideologiekritik wieder etwas zu relativieren. Immerhin war sein Referat - im Rahmen einer Sektion über "Bilder" - der einzige Beitrag, der ein Medium, nämlich den Film, als zentrale Quelle benutzte. Aber der Beitrag blieb zu kurz und tentativ: Stadtbilder werden produziert und reproduziert. Sie werden in gebaute Strukturen übersetzt, aber auch in solche der Imagination (etwa in Fritz Langs Film "Metropolis", der 1926, so McElligott, bereits die dunkle Megalopolis, das Los Angeles aus dem Jahr 2019 in Ridley Scotts "Bladerunner" vorwegnahm). In diesen Prozessen ver-äußern sich Machtkonstellationen: als Stadt-Bilder. Aktuelle und fiktionale Stadt-Bilder antworten auf ihre Vorgänger und unterscheiden sich deshalb weniger von ihnen, als es scheinen mag.

Kommentiert wurden die Beiträge von Dieter Schott (Darmstadt), der in einer engen Anknüpfung an die Einleitung der beiden Sektionsleiter bei allen Themen eine Rückbindung an die Akteure und deren jeweilige Interessen einforderte. Auf diese Weise sollten städtische Bilder (auch) als Repräsentationen "herrschender" (oder auch konvergierender) Ordnungsvorstellungen gelesen werden können, so das Anliegen der Historiker. Allerdings haben Bilder nun einmal eine Tendenz zur Verselbständigung, und dann werden sie für den Kulturwissenschaftler interessant; zwischen der rekonstruierten "Authentizität" im finnischen Weltkulturerbe Rauma und der "virtual city" im Science-Fiction-Film klafft eine beträchtliche Lücke, die im theoretischen und methodischen Zugriff aus der Sicht des Rezensenten weder mit lebensweltlichen Konzepten noch mit den allzuweit auseinanderstrebenden Fragen nach räumlich determinierter Identität zu schließen ist. Gut zu wissen, daß sich die historische Forschung der Thematik von urbanen Images und Repräsentationen anzunehmen beginnt; sie müßte vielleicht noch einige Scheu vor ungewöhnlichen, übergreifenden, interdisziplinär angeregten Fragestellungen verlieren, wie sie im Wiener Konzept der "Geschmackslandschaften" mit ihrem Schwerpunkt auf kultureller Ökonomie oder in den "Urban Icons" aus Los Angeles und ihrem Schwerpunkt auf medialen Inszenierungen zum Ausdruck kamen.

Anmerkungen:
[1] Konferenzankündigung unter: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=2883; nähere Informationen unter http://www.ifk.ac.at.
[2] Call for Papers vom Department of History, USC; nähere Informationen sollen über das Internet gegeben werden.
[3] Kevin Lynch, The Image of the City. Boston: MIT Press 1960.
[4] Henri Lefèbvre, La revolution urbaine. Paris 1970; La production de l'espace. Paris 1974.
[5] Andrew Lees, Cities perceived. Urban Society in European and American Thought, 1820-1940. New York: Columbia University Press 1985.
[6] Peter Borsay, The Image of Georgian Bath. 1700-2000: Towns, Heritage, and History. New York: Oxford University Press 2000.
[7] Einzelne Beiträge der Sektion sollen im Heft 1/2005 der Informationen zur modernen Stadtgeschichte erscheinen.
[8] Detlef Ipsen, Das Schöne und das Häßliche in der Stadt. Zur Ästhetik der Agglomeration, in: Die ALTE Stadt, Heft 1/1993, S. 28.

Zitation
Tagungsbericht: Urban Images and Representations during the 20th Century in Europe and beyond, 27.10.2004 – 30.10.2004 Athen, in: H-Soz-Kult, 09.12.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-662>.
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Veröffentlicht am
09.12.2004
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