„Kleine Fürsten“ im Alten Reich. Strukturelle Zwänge und soziale Praktiken im Wandel (1300-1800)

Ort
Dessau
Veranstalter
Oliver Auge (Kiel), Jan Brademann (Dessau), Gerrit Deutschländer (Halle) und Michael Hecht (Münster) in Zusammenarbeit mit der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt
Datum
15.04.2016 - 17.04.2016
Von
Jens Boye Volquartz, Abteilung Regionalgeschichte, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die Tagung „‚Kleine Fürsten‘ im Alten Reich. Strukturelle Zwänge und soziale Praktiken im Wandel (1300-1800)“ hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Fürsten abseits der großen Dynastien in der Zeit vom 14. bis zum 18. Jahrhundert hinsichtlich ihrer Handlungsspielräume und -zwänge zu untersuchen. Als Tagungsort wurde hierzu das Landesarchiv Sachsen-Anhalt in Dessau, einer ehemaligen Residenzstadt der Anhaltiner, gewählt.

MICHAEL HECHT (Münster) übernahm – auch in Vertretung für die Mitorganisatoren – die thematische Einleitung zur Tagung. Er stellte einen Überblick über die Forschung zu den „großen Fürsten“ im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit vor und zeigte auf, dass es an Untersuchungen zu den „Kleinen“ fehle, da sich diese vielfach den bisherigen Differenzierungsmodellen entzögen. Hierdurch begründet, wachse neuerdings ein Interesse an eben diesen „kleinen“ Fürsten. Gerade „Kleinheit“ sei hier als ein Attribut zu verstehen, was nicht bloß Nach-, sondern auch Vorteile, Handlungsspielräume wie auch -zwänge sowie Ressourcengewinne und -einschränkungen mit sich brächte. Auch stelle sich die Frage nach der zeitgenössischen Wahrnehmung dieses Attributs. Gerade Dessau sei daher als Tagungsort interessant, da das Haus Anhalt paradigmatisch für die Ansprüche und Zwänge kleiner Fürsten angesehen werden könne.

Die erste Sektion „Kleinheit und Größe“ eröffnete KARL-HEINZ SPIESS (Greifswald) und befasste sich in seinem Vortrag mit der Frage von Binnendifferenzierungsmöglichkeiten innerhalb des Fürstenstandes, um auch „kleine“ Fürsten – im Sinne des Tagungsthemas – identifizieren zu können. Nach der Darstellung fürstlicher Merkmale und der sie über die Zeit erfüllenden Dynastien illustrierte Spieß auch, dass man im Wesentlichen vier Gruppen ausmachen könne. Anhand der Titulierung der einzelnen Hochadligen ließen sich zudem Fürsten, Grafen und gefürstete Grafen in den Schriftquellen unterscheiden. Die Frage nach der zeitgenössischen Wahrnehmung des Fürstenstandes wurde anhand der Tarife für Burgöffnungen, dem fürstlichen Bedrohungspotential aus Sicht von Grafen und Herren wie auch der Zusammensetzungen von Speisegemeinschaften behandelt. So konnten zwar Kurfürsten als „große“ und gefürstete Grafen als „kleine“ Fürsten bezeichnet werden, jedoch wies Spieß auf die Problematik hin, dass aufgrund der Verknüpfung von Rang und Territorium die „Größe“ Veränderungen unterliegen konnte. Als weitere zuverlässige – oder zumindest brauchbare – Zuordnungskriterien könnten Amtstitel, die soziale Qualität des Konnubiums verbunden mit der Mitgift sowie die finanzielle Situation verwendet werden.

Bezugnehmend auf zeitgenössische Darstelllungen spätmittelalterlicher Reichstage illustrierte OLIVER AUGE (Kiel) repräsentative Konventionen, denen kleine wie große Fürsten insbesondere auf Reichtagen ausgesetzt waren. Zur Einstimmung wählte er das Beispiel des Wormser Reichstages von 1495, bei dessen Beschreibung der Chronist Ulrich Burckgrave, Persevant der Markgrafen zu Brandenburg, großen Wert auf die Zahl der Pferde im Gefolge der verschiedenen Fürsten legte und so ein Kriterium für die zeitgenössische Einschätzung fürstlichen Prestiges erkennen lässt. Mit Bezug auf die Forschungen Peter Moraws, die bereits Karl-Heinz Spieß in seinem Vortrag angesprochen hatte, zeigte Auge den Verständniswechsel von einem als einheitlich verstandenen Fürstenstand nach Julius Ficker hin zu einem heterogenen, von Wettbewerb, Konkurrenz und Konjunkturen durchzogenen, der sich nach Moraw in vier Kategorien („Großdynastien“ [Anteil von circa 5 Prozent], Fürsten „zweiten Ranges“ [circa 10 Prozent], „dritten“ oder „mittleren Ranges“ [circa 25 Prozent] und „Gruppe der schwachen und schwächsten“ [circa 60 Prozent]) einteilen lässt. Auge verdeutlichte die Praxis von Rangstreitigkeiten und -konkurrenzen anhand diverser weiterer, mit den Reichstagen im Zusammenhang stehender Beispiele, wie etwa der Reihenfolge der Nennung im Schriftverkehr, Vorrang bei der Stimmabgabe, Zeugenreihen oder Prozessionen, Ausstattung, Aufwand und Art des Gefolges, Aufenthaltskosten während der Reichstage, „höfische Offensiven“ nach der Rückkehr von Zusammenkünften oder Aufenthalten an fremden Höfen. Die Fürsten im spätmittelterlichen Reich bildeten so, Auge zufolge, eine Konkurrenzgemeinschaft. Abgerundet wurde sein Vortrag durch dem Vergleich fürstlicher „Entregionalisierung“ zum Ausgang des 15. Jahrhunderts mit der modernen Globalisierung, von der wenige große Staaten wie zuvor wenige große Fürsten profitierten, die jedoch vielen kleinen, schwächeren Staaten wie auch Fürsten kaum Vorteil brächte.

Mit der Sicht Friedrichs II. von Preußen auf die „kleinen Fürsten – besonders in Deutschland“, die er in seinem Antimachiavell äußerte, begann ANDREAS PEČAR (Halle) seinen Vortrag, in welchem er anhand des Beispiels Fürst Franz‘ von Anhalt-Dessau die Handlungsspielräume eines kleinen Reichsfürsten näher hinterfragte. So wie bereits der preußische Kronprinz seine kleineren Standesgenossen kritisierte und auf ersatzweise Repräsentationshandlungen beschränkt sah, zeichnen auch die vom Referenten vorgestellten und zusammengefassten jüngeren Arbeiten von Volker Press und Johannes Arndt eher ein Bild der fehlenden Handlungsspielräume und des Rückzugs auf kompensatorische Symbolpolitik. Pečar widersprach derlei Sichtweisen auf den Anhaltiner. Vielmehr wies er nach, dass dieser durch kluge Symbolpolitik – anschaulich sichtbar etwa im Gartenreich von Wörlitz – die Bewahrung der Integrität seines Fürstentums auch über 1815 hinaus erreichte.

Am Beispiel des Kampfes der Herzöge von Sachsen-Lauenburg um die Kurwürde veranschaulichte FRANZISKA HORMUTH (Kiel), welche Faktoren für die Fürsten im Rahmen der Ämterverteilung im Reich ausschlaggebend waren und eröffnete damit die zweite Tagungssektion „Größe gewinnen und verlieren“. Mittels einer detaillierten Analyse der Auseinandersetzung um die Kurwürde zwischen den Häusern Sachsen-Lauenburg und Sachsen-Wittenberg hob sie dabei hervor, dass es stets die guten, auch verwandtschaftlichen Kontakte zum König bzw. Kaiser und dessen Hof waren, die maßgeblich für die „Gewährung von Ämtern und Titeln als Zeichen fürstlicher Größe bzw. Kleinheit waren“. Als Kontrollgröße für einen eventuellen Rangunterschied beider Häuser zog sie das Konnubium dieser hinzu, welches sich jedoch im Sinne seiner Standesgemäßheit nicht wesentlich voneinander unterschied, wodurch der Faktor der Königs- bzw. Kaisergunst unterstrichen wurde.

Dass es im Rahmen der Reichsstände jedoch keinen uneingeschränkten Aufstiegswillen in den Fürstenstand gab, war Thema des Vortrags von VINZENZ CZECH (Potsdam). So leitete er seinen Vortag mit Zitaten von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg und Graf Anton Günter von Oldenburg, die beide eine Fürstung ablehnten, ein. Beide Beispiele wie auch weitere zeigen den zunehmenden Willen, lieber zu den alten Grafen statt zu den neuen Fürsten zu gehören. Mit einem solchen Aufstieg waren Risiken, wie etwa die kostspieligere Hofhaltung und Repräsentation, aber auch die mögliche Nichtzulassung zur Fürstenbank verbunden. Die insbesondere seit Mitte des 17. Jahrhunderts zahlreicher werdenden Fürstungen – teilweise auch ohne Erfüllung der Voraussetzungen für eine solche – machten diesen Stand zunehmend unattraktiv für verschiedene Häuser und führten vermehrt zur Ablehnung einer kaiserlichen Standeserhöhung. Statt einer Fürstung wurden in der höfischen Öffentlichkeit vielmehr „alte Titel“, das Alter der Dynastie und Traditionen Faktoren des Prestiges. Im Ergebnis kann die Frage gestellt werden, ob zum Ende des Alten Reiches die Reputation eines Fürsten generell höher war als die eines Grafen.

Nach den Grußworten des Oberbürgermeisters Peter Kuras und einem Empfang der Stadt hielt MICHAEL SIKORA (Münster) den öffentlichen Abendvortrag der Tagung. Anhand zahlreicher empirischer Daten stellte er seine Beobachtungen zu den unstandesgemäßen Heiraten deutscher Fürsten zwischen 1500 und 1800 vor. Datengrundlage bildeten die Hochzeiten der männlichen Altfürsten in diesen 300 Jahren, welche eine Zahl von rund 800 ergeben, von denen 66 unstandesgemäße Ehen waren. Der Anteil an den Mesalliancen steige zwar mit abnehmender Bedeutung des Fürstenhauses oder der Nebenlinie, sei aber nicht exklusiv auf diese beschränkt. Anhand weiterer Daten, unterfüttert mit historischen Einzelbeispielen, erläuterte er anschaulich das unstandesgemäße Heiratsverhalten und die dahinterstehenden Motive der Fürsten.

Den zweiten Tag und zugleich die dritte Sektion „Größe zeigen“ leitete RALF-GUNNAR WERLICH (Greifswald) mit seinem Vortrag zur heraldischen Entwicklung der Häuser Mecklenburg, Pommern und Anhalt von ihren Anfängen bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts ein. Dabei wies er anhand konkreter Beispiele auf Spezifika in den jeweiligen Dynastien hin und verdeutlichte zudem allgemeine Tendenzen. Die alle in den Jahren um 1200 erstmals überlieferten Bildsymbole der drei Dynastien entwickelten sich am Ende des Mittelalters und zu Beginn der frühen Neuzeit zu opulenten, prachtvollen vielfeldigen Wappen. Insbesondere im Hinblick auf Pommern und Anhalt charakterisiere die Gegenüberstellung „Kleine Fürsten – Große Wappen!“ die Situation am Ende der betrachteten Zeitspanne recht gut. Neben der fürstlichen Repräsentation allgemein konnten die Wappen auch der Kompensation und Kaschierung von Defiziten in anderen Bereichen dienen.

Am Beispiel der Markgrafen von Baden schilderte HEINZ KRIEG (Freiburg im Breisgau) ein Beispiel „sakraler Bestätigung“ des Selbstbewusstseins eines kleinfürstlichen Hauses. So wurde der 1458 auf einer Italienreise in der Stadt Moncalieri an der Pest verstorbene Markgraf Bernhard II. von Baden bereits in seinem Todesjahr wie auch der nahen Folgezeit in die Nähe der Heiligkeit gerückt. Besonders die drei Geistlichen und Brüder des Verstorbenen aus der markgräflichen Familie, der Trierer Erzbischof Johann, der Metzer Bischof Georg und Markus, Domherr in Mainz, förderten den Bernhardskult. Wie auch anhand von bildlichen und figürlichen Darstellung, dem Gebetsbuch Markgraf Christophs von Baden und Münzprägungen ersichtlich wird, schuf sich das Haus Baden – trotz gescheiterter Heiligbesprechung – seinen eigenen Familienheiligen.

JAN BRADEMANN (Dessau) thematisierte das Tagebuch Victor Friedrichs von Anhalt-Bernburg (1700-1765), welches die 43 Jahre seiner Regentschaft dieses typischen kleinen Fürsten auf circa 6000 Folioseiten dokumentiert. Im Hinblick auf dessen Inhalt stellte Brademann den Willen oder vielmehr den Zwang zur sprachlichen Repräsentation bestimmter Felder hochadeliger Herrschaft heraus. Selektion und Deutung dieser Praktiken im Tagebuch folgten den zeitgenössischen Vorgaben des Diskurses. Sie wiesen nicht nur eine erhebliche Beharrungskraft auf, sondern standen in einer eigentümlichen Spannung zu den defizitären Herrschaftsstrukturen – etwa auf dem Feld der Jagd oder des Bergbaus, welcher trotz negativer wirtschaftlicher Bilanz als ein Prestigegewinn verbucht wurde. Anstelle von Revolten, deren Wirkungen heruntergespielt wurden, dominierte ein sich gegen Erfahrungen immunisierendes, absolutistisches Selbstverständnis. Auf dem Feld innerdynastischer Interaktion hingegen scheint die Anpassung der Sprache an die Realität von Konflikten – von der Sprache der Freundschaft zur Sprache der Feindschaft – eher möglich gewesen zu sein.

Dass strukturelle Zwänge zu einer geographischen Verlagerung der Herrschaft führen konnten, illustrierte FREDERIEKE MARIA SCHNACK (Kiel) am Beispiel der welfischen Heiratspolitik im Mittelmeerraum und eröffnete damit die vierte Tagungssektion „Kleinheit und Verwandtschaft“. Den Welfen erwuchs im ausgehenden 13. und im 14. Jahrhundert infolge großer Nachkommenschaft das Problem der standesgemäßen Versorgung. Bei einem Teil der Linie Grubenhagen war die Reaktion ein Auszug aus dem eigenen Herrschaftsgebiet und die Konzentration auf den Mittelmeerraum – ermöglicht durch eine Pilgerreise Heinrichs II. von Braunschweig-Grubenhagen (1289-1351), auf der er die nötigen Kontakte knüpfte. Schnack analysierte mithilfe verschiedener Biographien der Nachkommen Heinrichs die Strategien und Beziehungsgeflechte der Welfen im mediterranen Raum. Sie stellte allerdings auch heraus, dass ein solches Vorgehen keineswegs regelhaft war, sondern durch besondere dynastische und persönliche Motive ausgelöst und nicht innerhalb einer Generation vollzogen wurde.

Eine Einschätzung zur Stellung „kleiner“ Fürsten im Vergleich zu ihren Standesgenossen mittels des Konnubiums brachte MELANIE GREINERT (Kiel) in die Tagung ein. Sie untersuchte die Heiratspolitik der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf. Kriterien von besonderer Beachtung waren hierbei Herkunft der Ehepartner, politische Konstellationen, ehevertragliche Regelungen und Nachkommenschaft. Greinert zeigte, dass die ersten drei Generationen eine nach Dänemark, die vierte und fünfte eine nach Schweden und die sechste und siebte Generation eine nach Russland orientierte Heiratspolitik aufwiesen. Insbesondere das Netzwerk von Heiratsallianzen der Gottorfer verdeutliche, dass diese – gemessen an ihrem Konnubium – „zu den dynastisch einflussreichsten [Fürstenhäuern] Nordeuropas gehörten und nachhaltig die Geschichte Dänemarks, Schwedens und Russlands mitprägten.“

MICHAEL HECHT (Münster) thematisierte am Beispiel von Fürsten im Fürstendienst das Verhältnis von Patronage und Verwandtschaft unter den Fürsten der Frühen Neuzeit. So zeigte er auf, dass gerade die „fast flächendeckende Einführung der Primogenitur“ bei den fürstlichen Häusern dazu führte, dass die Verortung in Haupt- und Nebenlinie als auch in der Geburtenfolge an Gewicht gewann. Die hierdurch wachsende Zahl „kleiner Fürsten“ – insbesondere nachgeborener, nicht zur Herrschaft vorgesehener Söhne – wurde häufig über Statthalterschaften versorgt. Einerseits diente das Amt damit einer „dynastieinternen Hierarchisierung“. Andererseits wurde es aber auch genutzt um durch Indienstnahme Angehöriger fremder Dynastien Allianzen und Verbrüderungen aufzubauen. Anhand des Beispiels Johann Georgs II. von Anhalt-Dessau (1627-1693), der im Dienste des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm als Statthalter der „Kur und Mark Brandenburg“ stand, untermauerte Hecht seine Beobachtungen.

Die fünfte und letzte Sektion „Kleine geistliche Fürsten“ begann ANDREAS SCHMIDT (München), der die Regalienleihe der Bistümer Augsburg, Bamberg und Trier und die dabei aufgetretenen reichs- und kirchenrechtlichen Inkompatibilitäten aufgliederte. Eigentlicher Träger der Herrschaftsgewalt in einem geistlichen Fürstentum sei das Domkapitel gewesen, das den Bischof wählte, ihm das Bistum aber nur temporär überließ und an das die Herrschaft im Falle von Sedisvakanz zurückfiel. In der damit verbundenen Wahl des weltlichen Landesherrn durch das Domkapitel bestand allerdings auch die Unvereinbarkeit mit dem königlichen Regalienkonzept, nach welchem der König den Bischof als geistlichen Herrscher seine Rechte verlieh. Wie gezeigt werden konnte, führte dieser Umstand jedoch nur dann zu Konflikten, wenn Könige aufgrund eigener Interessen eingriffen. Üblicherweise wurde diese Widersprüchlichkeit durch eine vorherige oder spätere Regalienleihe durch den König kaschiert.

TERESA SCHRÖDER-STAPPER (Duisburg-Essen) befasste sich mit den Handlungsspielräumen und –zwängen von Fürstäbtissinnen der frühen Neuzeit. Im Fokus stand das Stift Herford als Kleinstterritorium sowie zum Vergleich das Stift Essen. Neben der rechtlichen und politischen Lage des Stifts erläuterte Schröder-Stapper die verwandtschaftlichen Zwänge der Äbtissinnen. Deren Wahl wurde insbesondere vom Haus Brandenburg forciert, um einerseits eine Absicherung seiner Angehörigen, andererseits für ein „gutes Verhältnis“ zwischen Stift und umliegenden Territorium zu sorgen. Mittels Darstellung politischer und juristischer Konflikte der Äbtissinnen mit der umliegenden Herrschaft konnte die Referentin nachweisen, dass es im Vergleich zu anderen „kleinen Fürsten“ „weder ihr vermeintlich geistlicher noch weiblicher Charakter sind, die für die Herrschaft der Äbtissin systematisch sind, sondern eben deren Mindermächtigkeit oder Kleinheit“.

Einen Einblick in die geistliche Herrschaftsführung „kleiner Fürsten“ gab GERRIT DEUTSCHLÄNDER (Halle) anhand der einzigen beiden anhaltischen Fürsten, die es schafften, Bischöfe von Merseburg zu werden: Adolf II. von Anhalt-Köthen (1458-1526) und Georg III. von Anhalt-Plötzkau (1507-1553). Beide Anhaltiner stellten ihre fürstliche Repräsentation auch in ihrem geistlichen Amt dar, besaßen jedoch nur beschränkten politischen Handlungsspielraum, welcher sowohl durch den Umbruch der Reformation als auch im Zusammenspiel mit den großen Fürsten der Umgebung beschränkt wurde.

Auf der Tagung konnten vielfältige Facetten fürstlicher „Kleinheit“ herausgearbeitet werden. Hierbei standen besonders die Handlungsspielräume und -zwänge des keineswegs einheitlichen Fürstenstandes im Fokus, wodurch sich verschiedene Wahrnehmungsweisen „kleiner Fürstenhäuser“ und differenzierte Strategien des Umgangs mit „Kleinheit“ herauskristallisierten. Besonders durch die unterschiedlichen Beispiele und Perspektiven konnten „alteuropäische“ Kontinuitäten, aber auch bestimmte Konjunkturen der Problematisierung von Ungleichheit im Fürstenstand festgestellt werden.

Konferenzübersicht:

Grußworte
Thomas Müller-Bahlke, Historische Kommission für Sachsen-Anhalt
Andreas Erb, Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau

Sektion 1: Einführung: Kleinheit und Größe

Oliver Auge (Kiel) / Jan Brademann (Dessau) / Gerrit Deutschländer (Halle) / Michael Hecht (Münster):
Einleitung: "Kleine Fürsten" im Alten Reich. Strukturelle Zwänge und soziale Praktiken im Wandel

Karl-Heinz Spieß (Greifswald): Große Fürsten – kleine Fürsten: Kriterien der Zuordnung

Oliver Auge (Kiel): Klein trifft auf Groß. Anhaltiner und andere "kleine" Fürsten auf
Reichsversammlungen und Reichstagen

Andreas Pečar (Halle): Fürst Franz von Anhalt-Dessau. Handlungsspielräume eines kleinen Reichsfürsten

Sektion 2: Größe gewinnen und verlieren

Franziska Hormuth (Kiel): Ein aussichtsloser Kampf? Die Herzöge von Sachsen-Lauenburg und die Kurwürde

Vinzenz Czech (Potsdam): Groß und Klein, Alt und Neu. Konjunkturen kaiserlicher Fürstungen und die Reaktion der Reichsfürsten

Grußwort von Peter Kuras, Oberbürgermeister der Stadt Dessau
anschließend kleiner Empfang der Stadt Dessau

Öffentlicher Abendvortrag:
Michael Sikora (Münster): „Kleine“ Frauen für „kleine“ Fürsten? Das Problem der unstandesgemäßen Ehen im deutschen Fürstenstand der Frühen Neuzeit

Sektion 3: Größe zeigen

Ralf-Gunnar Werlich (Greifswald): Kleine Fürsten im Spiegel der Heraldik, betrachtet an Beispielen des nord- und mitteldeutschen Raums

Heinz Krieg (Freiburg): Herrschaftsrepräsentation im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit. Das Beispiel der Markgrafen von Baden

Jan Brademann (Dessau): Von der Ungleichrangigkeit des Gleichrangigen. Einblicke in das
Tagebuch des Fürsten Victor Friedrich von Anhalt-Bernburg (1700-1765)

Sektion 4: Kleinheit und Verwandtschaft

Frederieke Schnack (Kiel): Neue Handlungsperspektiven im Süden? Zur (heirats-)politischen Ausrichtung Heinrichs II. von Braunschweig-Grubenhagen und seiner Nachfahren auf den Mittelmeerraum

Melanie Greinert (Kiel): Kontinuität und Wandel im Konnubium der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf in der Frühen Neuzeit

Michael Hecht (Münster): Verwandtschaft und Patronage: Kleine Fürsten im Fürstendienst

Sektion 5: Kleine geistliche Fürsten

Andreas Schmidt (München): Hochstift und Reichsverband – Zum Selbstverständnis geistlicher Herrschaft

Teresa Schröder-Stapper (Duisburg-Essen): Prinzessin, Äbtissin, Fürstin. Möglichkeiten und Grenzen frühneuzeitlicher Stiftsherrschaft

Gerrit Deutschländer (Halle): Fürsten von Anhalt als Bischöfe von Merseburg

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: „Kleine Fürsten“ im Alten Reich. Strukturelle Zwänge und soziale Praktiken im Wandel (1300-1800), 15.04.2016 – 17.04.2016 Dessau, in: H-Soz-Kult, 23.07.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6624>.
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Veröffentlicht am
23.07.2016
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