Willy Brandt and the Americas, 1974–1992

Ort
Berlin
Veranstalter
Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung; Deutsches Historisches Institut Washington DC; Friedrich-Ebert-Stiftung; Berliner Kolleg Kalter Krieg
Datum
10.06.2016 - 11.06.2016
Von
Sophie Lange, Berliner Kolleg Kalter Krieg

In politisch turbulenten Zeiten wie diesen ist es manchmal wichtig, auf große Vorbilder aus der Vergangenheit zurückzuschauen. Ein solches Vorbild ist der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt. Dabei intendierte die internationale Tagung „Willy Brandt and the Americas, 1974–1992“ nicht, biografische Lücken zur Person Brandts zu schließen, sondern vor allem seine inter- und transnationalen Beziehungen zu analysieren, insbesondere zu Lateinamerika. Bernd Rother (Berlin) führte dazu in seinen einleitenden Begrüßungsworten aus, dass sich in den 1970er-Jahren die Perspektive politischer Akteure auf den globalen Süden ausdehnte und Nicht-Regierungsakteure eine zunehmend wichtige Rolle innehatten. Willy Brandt, aus der Regierungstätigkeit als Westberliner Bürgermeister (1957–1966), Außenminister (1966–1969) und Bundeskanzler (1969–1974) kommend, verkörperte dies wie kein anderer in seiner „Nebenaußenpolitik“ als Vorsitzender der SPD (1964–1987) und Präsident der Sozialistischen Internationale (1976–1992). Daran schloss Rother einige Fragen an: Können wir hier von einer inter- oder eher transnationalen Politik reden? War dies ein erster Schritt für die Schaffung einer neuen, globalen Sphäre für Politik? Welche Rolle spielten deutsche Interessen in Zentralamerika wirklich? Oder können wir sagen, dass der europäische sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat in Managua gegen Kommunisten und die amerikanische Hegemonie verteidigt wurde?

Die englischsprachige Konferenz teilte sich in vier Sektionen und eine Zeitzeugendiskussion auf, die mit 20 Vortragenden über zwei Tage verteilt stattfand. Die erste Sektion legte zunächst das Fundament für die während der Tagung aufkommenden Diskussionen um Willy Brandts Netzwerke und sein Verständnis von Sicherheit. In der darauffolgenden Sektion wurde über die Rolle der Europäischen Gemeinschaft zum einen als dritte Säule zwischen den Supermächten und zum anderen als Vorbild für die Schaffung des lateinamerikanischen Marktes namens „Mercosur“ diskutiert. Im dritten Komplex überwogen unter Sicherheitsaspekten ausgewählte Themen zum Eurokommunismus, zur NATO-Raketenstationierungsdebatte im deutsch-amerikanischen Spannungsfeld als auch zur Debatte eines „Dritten Weges“ unter den Sozialdemokraten. Die letzte Sektion befasste sich schließlich mit der Rolle Willy Brandts in der Sozialistischen Internationale (SI) und Lateinamerika und bildete somit den Kern der gesamten Konferenz. Insgesamt lassen sich drei größere Aspekte ausmachen, welche die Tagung wie einen roten Faden durchzogen. Diese können unter den Schlagwörtern „Sicherheit“, „Netzwerke“ und „Misstrauen“ zusammengefasst werden. Durchwoben wurden alle drei Bereiche immer wieder von den teilweise schwierigen deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Den Auftakt zur ersten Sektion leitete daher auch der Vortrag „‘Our security stands and falls with the USA’ – Willy Brandt’s Relations with the United States of America 1933–1974“ von JUDITH MICHEL (Berlin) ein. Darin machte sie deutlich, wie sehr Willy Brandt auf eine durch die USA garantierte Sicherheit für Deutschland setzte und sich selbst als vertrauensvollen Partner der Supermacht etablieren wollte. In dieser Funktion kritisierte er demnach auch nie in der Öffentlichkeit den Krieg der USA in Vietnam und versah sich selbst mit einem „inneren Denkverbot“. Die Frage, die sich daran anschloss, war, sehen wir nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler 1974 den „richtigen“ Willy Brandt, als er nicht mehr auf die deutschen (Sicherheits-)Interessen achten musste?

Ergänzend dazu, jedoch weniger auf die USA konzentriert, lassen sich die Ausführungen von OLIVER BANGE (Potsdam) zu Brandts Vorstellungen von einer blockübergreifenden „Gemeinsamen Sicherheit“ sehen. In sieben chronologisch erzählten Schritten gab er einen Überblick über Brandts Wahrnehmung von Sicherheit in den 1980er-Jahren und den Versuch diese praktisch umzusetzen. Dessen dahingehende Aktivitäten als – inzwischen – Non-State-Actor ließ Bange beim Besuch Brandts bei Breschnew 1981 und dem Palme-Bericht 1982 anfangen. Er schlug den Bogen über die Debatte um das SPD-SED-Papier 1987 und beendete seinen Vortrag unter anderem mit der Diskussion um eine Sicherheitszone im Ostseeraum 1988/89. Sein Vortrag konzentrierte sich hierbei auf zwei Fragen: War Brandts Kehrtwende in Bezug auf den Nato-Doppelbeschluss bzw. die Raketenstationierung in Deutschland von pro zu contra auf dem Parteitag 1983 aufgrund seiner Perzeption von Sicherheit vollzogen worden, oder wollte er sich damit als den Mann präsentieren, der die Partei zusammenzuhalten kann? War Brandt mit seiner Vorstellung von einer blockübergreifenden, und nicht mehr allein auf die USA vertrauenden, „Gemeinsamen Sicherheit“ wiederum der erste, der verstand, dass andere politische Maßnahmen notwendig waren, oder war er mit solchen Visionen bereits „out of touch“ von Politik und Gesellschaft der 1980er-Jahre?

Mit dieser letzten Frage beschäftigte sich ebenfalls die Diskussionsrunde nach dem Vortrag von MATHIAS HAEUSSLER (Cambridge), der in “Two very different Atlanticists? Willy Brandt and Helmut Schmidt, 1974–1992” den Kosmopoliten mit dem „Rüstungskanzler“ verglich. Beide waren erstaunlich konsistent in ihrer Politik, denn beide wollten weder die durch die Amerikaner geschützte Sicherheit Deutschlands noch die Ostpolitik aufgeben. Die Art, wie sie das in den beginnenden 1980er-Jahren allerdings erreichen wollten, unterschied sich erheblich: Wollte Brandt Politik und Gesellschaft zu einer neuen und globaleren Perspektive hinführen, bevorzugte Schmidt eine Restaurierung des Gleichgewichts der 1960er-Jahre.

Brandts Konzeption von Sicherheit lässt sich allerdings nicht ohne seine während des Zweiten Weltkrieges etablierten Netzwerke verstehen. So erläuterte zunächst SCOTT KRAUSE (Chapel Hill) mit seiner Präsentation „Berlin Bonds: Willy Brandt’s American Support Network, 1941–1989“, wie Brandt durch seine Exilerfahrung die ersten Kontakte knüpfte und im „Fusionskampf“ in der Berliner SPD sowie mit seiner Zeitung „Berliner Stadtblatt“ die Unterstützung von sympathisierenden Amerikanern in Berlin erhielt. Dieses amerikanische Netzwerk half ihm später nach zwei Niederlagen als Bundeskanzlerkandidat, sein Image als Kosmopolit und verlässlicher Anti-Kommunist auch über die transatlantischen Kanäle zu verbreiten. Krause sieht in der Analyse dieser Netzwerkstrukturen Willy Brandts die Möglichkeit, die Durchsetzungsfähigkeit der informellen deutsch-amerikanischen Verflechtungen herauszuarbeiten als auch Willy Brandts Karriere als ein transatlantisches Unternehmen zu erforschen. In der Diskussion wurde jedoch hervorgehoben, dass genau unterschieden werden müsse zwischen Willy Brandts Berliner Zeit in den 1950er- und 1960er-Jahren und seiner Amtszeit als Bundeskanzler zu Beginn der 1970er sowie als Politiker ohne Regierungsamt in den 1980er-Jahren. Karsten Voigt (SPD) fragte zudem, wer genau das „Berliner Stadtblatt“, das amerikanische Finanzhilfen erhielt, unterstützte, und traf damit einen journalistischen Nerv: Zeitgleich zur Veranstaltung erschienen etwa 180 Presseartikel, von denen einige unter Berufung auf einen Beitrag des SPIEGELS behaupteten, Willy Brandt hätte für sein Eintreten zugunsten einer Westintegration Deutschlands Geld von der CIA angenommen. Die Tagungsteilnehmer, vor allem Krause, stellten jedoch richtig, dass die Unterstützung für das „Berliner Stadtblatt“ aus dem Marshall-Plan-Fond stammte.

Hier wurde schon angedeutet, wie unterschiedlich Brandts Beziehungen zu den USA sein konnten. Dieter Dettke bezeichnete denn auch das Vertrauen zu Präsident Kennedy sozusagen als „Gold Standard“ in Brandts Beziehungen zu den Amerikanern. Alles was folgte, insbesondere das Verhältnis zu Reagan, konnte nie wieder dieses Niveau bzw. diese Vertrautheit erreichen. Diese Schwierigkeiten wurden insbesondere in seiner Funktion als Präsident der Sozialistischen Internationalen deutlich, als er von den Amerikanern aufgrund seiner Aktivitäten in Lateinamerika wieder vermehrt als Kommunistenfreund wahrgenommen wurde und alle Mühe hatte, dieses Bild von sich zu weisen. Aber auch die Debatte um den NATO-Doppelbeschluss, der als Dreh- und Angelpunkt einer schwierig einzuschätzenden Position Brandts in Sicherheits-, aber vor allem Abrüstungsfragen immer wieder genannt wurde, trug nicht minder zu den sich abkühlenden Beziehungen zwischen den USA und der SPD bei.

So beschrieb JAN HANSEN (Berlin) in seinem Vortrag “Say Farewell to the Cold War? Brandt, the USA, and the Euromissiles Question”, wie Brandt und die Sozialdemokraten in den frühen 1980er-Jahren in der heiß umstrittenen NATO-Doppelbeschlussdebatte versuchten, wieder ihre alten Netzwerke zu aktivieren, um den Amerikanern ihre Sorgen mitzuteilen. Dabei lagen die Interessen jedoch schon sehr weit auseinander: Wurde die UdSSR von der SPD inzwischen als legitimer Partner angesehen, der Kalte Krieg in Teilen der sozialdemokratischen Partei als nicht mehr so dominant wahrgenommen und versucht, die Entspannung aufrecht zu erhalten, erschien die USA umso mehr als eiserner „Kalter Krieger“, der sich stark präsentieren wollte. Reagan weigerte sich zum Beispiel bei seinem Deutschlandbesuch 1985, mit Brandt zu reden, was als grundlegendes Symbol der politischen Differenzen gedeutet wurde.

Wie stark das Misstrauen der amerikanischen Administration gegenüber den deutschen Sozialdemokraten bereits Ende der 1970er-Jahre war, zeigte sich auch in ihrem Verhältnis zur Sozialistischen Internationale. MÓNICA FONSECA (Lissabon) gab beispielsweise in ihrem Vortrag “Brandt's SI Offensive towards Latin America: the View from Washington” zunächst einen Überblick über die Portugiesische Revolution und die Strategie der SPD, die portugiesischen Sozialisten finanziell und organisatorisch zu unterstützen, bevor die UdSSR diese Möglichkeit nutzte. Sie schlussfolgerte dann daraus, dass die lateinamerikanischen Staaten von den lateineuropäischen Fallbeispielen für ihre eigenen Ideen- und Demokratisierungsprozesse lernen konnten. Während die SI auch die USA zur Unterstützung der Demokratisierung in Lateinamerika gewinnen wollte, hatte diese unter der Carter-Administration jedoch einen sichtbaren Argwohn gegenüber deren Aktivitäten.

Auch BERND ROTHER (Berlin) erläuterte anhand der Fallbeispiele Nicaragua und El Salvador in seinem Beitrag “The Intruder in the Backyard – The Socialist International and the U.S. in Central America”, wie Sozialdemokraten bewaffnete, dem Sozialismus nahe stehende Befreiungsbewegungen unterstützten und deshalb von der US-Regierung auch als Kommunistenfreunde wahrgenommen wurden. Die Kommunikation mit den Amerikanern war dadurch sehr belastet, aber nicht komplett unterbrochen. Dennoch wollte die SI in dieser bewaffneten Auseinandersetzung den Konsens mit allen Beteiligten. Im Falle Nicaraguas bewegte sie sich wie in einem Drahtseilakt zwischen den eher marxistisch geprägten Sandinistas, der wieder erstarkenden Einflussnahme der Reagan-Administration in Lateinamerika und der deutschen Innenpolitik mit der Frage nach Unterstützung für Befreiungsbewegungen. Dabei musste auch die Sozialistische Internationale die Erfahrung machen, als Europäer mit den Amerikanern in Verbindung gebracht zu werden, und lernen, dass nicht alle Kräfte in Lateinamerika mit ihnen zusammen arbeiten wollten. Trotz allem kristallisierte sich hier heraus, welche neuen Wege und Formen Internationale Beziehungen annehmen konnten, wenn materielle, finanzielle und organisatorische Unterstützung von sozialdemokratischen Organisationen mit klassischen „back-channel“-Gesprächen gekoppelt wurden.

In der abschließenden Zeitzeugendiskussion wurde letztlich die Person Brandt, seine Emotionalität und Historizität herausgehoben. Die Frage, wo Willy Brandt womöglich Chancen verpasst hatte, wurde sehr unterschiedlich beantwortet: DIETER DETTKE (Washington DC), Ende der 1980er-Jahre Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Washington, hätte sich eine konkretere Position in der Diskussion um den NATO-Doppelbeschluss und eindeutigere Signale Brandts in Richtung USA gewünscht. PIERRE SCHORI (Stockholm), damals Internationaler Sekretär der sozialdemokratischen Partei Schwedens, nannte Brandts Probleme mit den Dissidenten in den 1980er-Jahren in Osteuropa, insbesondere das kaum vorhandene Verhältnis Brandts zu Solidarność. REIMUND SEIDELMANN (Gießen), damaliger Vizepräsident der Jugendorganisation der SI, überlegte, dass Brandts personalisierte Sympathie manchmal sein analytisches Denken dominierte.

Die Tagung gab insgesamt einen spannenden Überblick über die transnationalen Verflechtungen der Person Willy Brandts im politischen Zeitgeschehen des Kalten Krieges. Gerade die Anwesenheit von ehemaligen Mitarbeitern Brandts, vor allem während der Gesprächsrunden im gesamten Konferenzzeitraum, führte zu lebhaften Diskussionen und anschaulichen Ergänzungen der wissenschaftlichen Beiträge. Die Vorträge waren oft sehr dicht und reich an Fakten gespickt. Die Frage, ob Willy Brandt mit seiner Sicherheitskonzeption „out of touch“ war oder seiner Zeit voraus, ließ noch Diskussionspotential offen. Und auch andere Fragen, wie beispielswiese Kuba auf die Aktivitäten der SI in Lateinamerika reagierte, konnten nicht mehr geklärt werden. Daher können wir nur auf eine Publikation dieser ausgiebigen Konferenzergebnisse hoffen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung: Svenja Blanke (Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin), Bernd Greiner (Berliner Kolleg Kalter Krieg, Berlin), Bernd Rother (Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, Berlin)

Sektion I:
Moderation: Andreas Daum (Buffalo)

Judith Michel (Berlin): ‘Our security stands and falls with the USA’ – Willy Brandt’s Relations with the United States of America 1933–1974

Scott Krause (Chapel Hill): Berlin Bonds: Willy Brandt’s American Support Network, 1941–1989

Mathias Haeussler (Cambridge): Two very different Atlanticists? Willy Brandt and Helmut Schmidt, 1974–1992

Sektion II:
Moderation: Wolfram Hoppenstedt (Berlin)

Christian Salm (Brussels): Willy Brandt, the European Union and the Emerging Mercosur, 1976–1992

Harold Mock (Charlottesville): A Post-National Europe: Brandt’s Vision for the EC between the Superpowers

Sektion III:
Moderation: Klaus Larres (Chapel Hill)

Nikolas Dörr (Berlin): How to Deal with Eurocommunism? A Case Study of Dissonance between Willy Brandt and the US Governments of Nixon, Ford and Carter

Jan Hansen (Berlin): Say Farewell to the Cold War? Brandt, the USA, and the Euromissiles Question

Oliver Bange (Potsdam): Conceptualising ‘Common Security’. Willy Brandt’s Vision of Transbloc Security and its International Perception 1981-1990

Konrad Sziedat (München): Social Democrats on a ‘Third Way’: 1989 as a Year of Metamorphosis?

Sektion IV:
Moderation: Jürgen Lillteicher (Lübeck)

Fernando Pedrosa (Buenos Aires): ‘Elastic Cooperation’. Willy Brandt and the Socialist International in Latin America

Mónica Fonseca (Lissabon): Brandt's SI Offensive towards Latin America: the View from Washington

Bernd Rother (Berlin): The Intruder in the Backyard – The Socialist International and the U.S. in Central America

Wolfgang Schmidt (Berlin): Willy Brandt’s North-South Commission and the Reactions in the U.S.

Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen:
Dieter Dettke (Washington DC)
Pierre Schori (Stockholm)
Reimund Seidelmann (Gießen)
Moderation: Bernd Rother (Berlin), Klaus Larres (Chapel Hill)

Zitation
Tagungsbericht: Willy Brandt and the Americas, 1974–1992, 10.06.2016 – 11.06.2016 Berlin, in: H-Soz-Kult, 26.07.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6630>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.07.2016
Beiträger
Klassifikation
Epoche
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung