Marriage Symbolism, cognition and society

Ort
Rom
Veranstalter
Line Cecilie Engh, The Norwegian Institute in Rome, University of Oslo
Datum
19.05.2016 - 21.05.2016
Von
Pavel Blažek, Philosophisches Institut, Tschechische Akademie der Wissenschaften, Prag

Vom 19. bis 21. Mai 2016 fand am Norwegischen Institut in Rom eine internationale Tagung zur Ehesymbolik im Mittelalter statt. Organisatorin dieser gelungenen, in malerischer Lage des Gianicolo-Hügels abgehaltenen wissenschaftlichen Veranstaltung war die norwegische Spezialistin für mittelalterliche Brautmystik LINE CECILIE ENGH. Im Vordergrund der interdisziplinären Konferenz standen vor allem folgende Fragen und Probleme: die patristische und mittelalterliche symbolisch-theologische Deutung der Ehe als sakramentales Zeichen des Christus-Kirche-Verhältnisses und ihre Auswirkungen auf das mittelalterliche Kirchenrecht; die verschiedenen mittelalterlichen Verwendungen der Ehe als Metapher und Sinnbild für andere Beziehungen und Wirklichkeiten; die normative Indienstnahme dieser Metapher zur Formulierung verschiedener moralischer Normen und politischer Ansprüche im Mittelalter; und schließlich verschiedene Metaphern und Analogien für die Ehe als solche.

Die Tagung wurde eröffnet mit einer als theoretisches Prolegomenon konzipierten keynote lecture des amerikanischen Kognitionswissenschaftlers MARK TURNER (Cleveland). Der Urheber der sogenannten conceptual blending theory erläuterte darin, auf welche Weise und zu welchen Zwecken im menschlichen Gehirn das Konzept der Ehe entstehe, und versuchte daraus Anregungen für die Erforschung und Interpretation antiker und mittelalterlicher Ehesymbolik abzuleiten.

An ihn knüpfte mit einer zweiten keynote lecture PHILIP REYNOLDS (Atlanta) an, die in das konkrete Tagungsthema einführte. Der Autor der jüngst erschienenen, monumentalen Monographie „How Marriage Became One of the Sacraments“ (Cambridge, 2016) unterschied darin die verschiedenen Bedeutungen, in denen man von ‚Ehesymbolik‘ sprechen könne und bot einen Überblick über die mittelalterliche Entwicklung der theologischen Lehre von der Ehe als sakramentalem Symbol der bräutlich-ehelichen Beziehung Christi zur Kirche. Während noch die Theologen des 12. Jahrhunderts den Symbolcharakter der Ehe lediglich so verstanden hätten, dass die Ehe ein irdisches Abbild und Zeichen dieser mystischen Beziehung darstelle (sacrae rei signum), habe sich im 13. Jahrhundert die Überzeugung durchgesetzt, dass die sakramentale Ehe die Christus-Kirche-Beziehung nicht nur symbolisch abbilde, sondern sie auf geheimnisvolle Weise in sich enthalte und durch Christus gnadenhaft geheiligt werde.

WOLFGANG MÜLLER (New York) setzte sich in seinem weitgehend als Buchbesprechung konzipierten Vortrag mit der einflussreichen Studie von David d’Avray „Medieval Marriage. Symbolism and Society“ (Oxford, 2005) auseinander. Wie er aufzuzeigen versuchte, gilt d’Avrays Hauptthese, der zufolge die theologische Lehre vom sakramentalen Symbolcharakter der Ehe einen direkten Niederschlag in der kirchenrechtlichen Praxis gefunden habe, nicht uneingeschränkt. Grundsätzlich sei zwar d’Avray darin zuzustimmen, dass die hochmittelalterliche Konzeptualisierung der Ehe als symbolisch-sakramentales Abbild der unauflösbaren und „monogamen“ Beziehung zwischen Christus und der Kirche bedeutsame kirchenrechtliche Auswirkungen gehabt habe. Dies gelte insbesondere im Hinblick auf den kirchenrechtlichen Umgang mit der sogenannten kanonischen Bigamie sowie auf das strikte Scheidungsverbot vollzogener Ehen. Allerdings dürfe man sich das Verhältnis von theologischer Lehre und spätmittelalterlicher rechtlicher Praxis weder nur als kausal, noch als allumfassend vorstellen. So sei beispielsweise bemerkenswert, dass die zur gleichen Zeit entwickelte Vorstellung vom Verhältnis des Bischofs zu seiner Diözese als eine Form geistiger ‚Ehe‘ nie zu einer Begrenzung der päpstlichen Praxis, Bischöfe von einer Diözese zur anderen zu transferieren, geführt habe. Im Gegenteil lasse sich in dieser Zeit eine Zunahme dieser Praxis beobachten.

Den neutestamentlichen Grundlagen der mittelalterlichen Ehesymbolik widmete sich ANNA REBECCA SOLEVÅG (Stavanger, Norwegen). Insbesondere konzentrierte sie sich dabei auf die neutestamentliche Vorstellung von Christus als Bräutigam sowie auf das in den Paulusbriefen formulierte Konzept einer idealen Hausgemeinschaft als imitatio Christi und seiner Beziehung zur Kirche.

Auf die altkirchliche Forderung absoluter Monogamie als notwendiger Voraussetzung für die Priesterweihe ging in seinem Beitrag DAVID HUNTER (Kentucky) ein. Gemäß dieser Forderung (deren Vorläufer man bereits in den Paulusbriefen fände und die später als Bigamie-Verbot Eingang in das mittelalterliche Kirchenrecht gefunden hätte), sollten bereits in der Antike nur diejenigen verheirateten oder verwitweten Männer zum Priestertum zugelassen werden, die zeit ihres Lebens höchstens eine Ehe eingegangen waren (unius uxoris viri). Wie der Referent aufzeigte, begegnet man in der alten Kirche dieser Forderung noch bevor die Kirchenväter, beginnend mit Origenes († ca. 254), ihre theologisch-symbolische Begründung nachlieferten. Diese habe in einem Verweis auf den strikt monogamen Charakter der Christus-Kirche-Beziehung bestanden, den die Ehen von Priestern vorbildhaft für andere nachbilden sollten. Gerade in dieser symbolischen Begründung der Monogamie-Forderung bei Priestern liege der Keim der späteren Lehre von der Ehe als Sakrament.

KARL SHUVE (Virginia) stellte Tertullians († nach 220) De virginibus velandis vor, eine Schrift, die zur Frage der angemessenen Tracht von geweihten Jungfrauen Stellung nimmt. Tertullian zufolge seien auch Jungfrauen verpflichtet, eine Kopfbedeckung zu tragen genauso wie ihre verheirateten Geschlechtsgenossinnen. Wie der Referent aufzeigte, begründet Tertullian diese Forderung mit dem symbolischen Argument, dass auch der Jungfrauenstand eine Form von Ehe – eben eine Ehe mit Christus – darstelle.

Anknüpfend an ihren Vorredner ging ABIGAIL FIREY (Kentucky) auf die Kleidung weiblicher Religiosen in der Karolingerzeit ein. Unter anderem wies sie darauf hin, dass im Frühmittelalter der Schleier als Symbol der Jungfräulichkeit mancherorts durch eine Krone ersetzt wurde.

Ins Hochmittelalter führte der Vortrag von MARTHA NEWMAN (Austin). Die Referentin stellte darin die Bedeutung und Symbolik der Ehe und Jungfräulichkeit in der um 1200 von Engelhard von Langheim für das oberfränkische Zisterzienserinnenkloster Engelheim zusammengestellten Exempla-Sammlung vor.

SEBASTIAN SALVADÒ (Rom) befasste sich mit der Ehesymbolik in der mittelalterlichen Liturgie. Am Beispiel ausgewählter Auslegungen des 12. und 13. Jahrhunderts zur Messliturgie (Rupert von Deutz, Honorius von Autun, Innozenz III. u.a.) führte er aus, wie einzelne liturgische Handlungen in der Messe im brautmystischen Sinne verstanden und interpretiert wurden, nämlich als rituell-symbolische Ausdrucksformen und Darstellungen der mystischen Liebe zwischen Christus und der Kirche.

PAVEL BLAŽEK (Prag) ging auf spätmittelalterliche und frühneuzeitliche symbolisch-allegorische Deutungen von Sonne und Mond als Sinnbilder für Mann und Frau und deren Nutzung in der zeitgenössischen Eheparänese ein. Während in der Patristik und im Frühmittelalter Sonne und Mond fast ausschließlich als Symbole Christi und der Kirche interpretiert worden seien, begegne man in einigen spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ehepredigten und Unterweisungsschriften (Berthold von Regensburg, Konrad von Megenberg, Tomáš Štítný, Matthias Faber) einer alternativen Auslegung der zwei Himmelskörper als Sinnbildern für Hausherr-Ehemann und Hausherrin-Ehefrau. Das Sonne-Mond-Bild habe hier die Funktion einer pädagogischen Metapher, die der moralischen Unterweisung der Eheleute diene.

Der Ehesymbolik im mittelalterlichen Norwegen und ihrem Wandel im Zuge der Christianisierung ging BJØRN BANDIEN (Notodden, Norwegen) nach. Wie er darlegte, begegnet man bereits im vorchristlichen Norwegen der Vorstellung vom Land als ‚Gattin‘ des Herrschers. Auch nach der Verbreitung des Christentums sei diese Vorstellung nie ganz verschwunden, sondern sei in Dialog mit der neuen, auf dem Olafskult beruhenden Staatsidee sowie mit der christlichen Lehre von der Ehe als Sakrament getreten.

ALESSANDRO SCAFI (London) stellte die koranische Paradiesvorstellung als Ort geschlechtlicher Sinnesfreuden vor und verglich ihre unterschiedlichen Interpretationen und Wertungen seitens christlicher und muslimischer Autoren. Während mittelalterliche christliche Polemiker die erotische Schilderung des Paradieses im Koran wörtlich verstanden und darin einen Beleg der moralischen Verdorbenheit der Muslime gesehen hätten, seien seitens einiger muslimischer Exegeten (Avicenna) diese Beschreibungen allegorisch-mystisch ausgelegt worden. Ihrer Deutung zufolge seien die sexuellen Freuden, die der Koran im Paradies verheißt, nichts anderes als der Versuch einer sinnlich-bildlichen Veranschaulichung der ewigen Glückseligkeit, die in Wirklichkeit jeglichen sinnlichen Genuss übersteigt.

LINE CECILIE ENGH (Rom) widmete sich dem Selbstverständnis Papst Innozenz’ III. als Bräutigam und Gemahl der ecclesia romana. Wie sie darlegte, begegnet man dieser in der Papstgeschichte erstmaligen und mit weitreichenden Autoritätsansprüchen verbundenen symbolischen Selbststilisierung in Innozenz’ Pontifikat gleich mehrmals. In ikonographischer Form tauche sie etwa im (vom Papst selbst entworfenen) Bildprogramm seiner heute nicht mehr existierenden Titularkirche der Heiligen Sergius und Bacchus auf dem Forum Romanum auf; ebenso begegne man ihr in der von Innozenz renovierten Apsis von Alt-Sankt-Peter. Am ausführlichsten und eindringlichsten komme sie allerdings in der Predigt Qui habet sponsam zum Ausdruck, in der sich Innozenz nicht nur als sponsus der römischen, sprich universalen Kirche stilisiere, sondern auch als ihr universaler paterfamilias.

MARTA PAVÓN RAMÍREZ (Rom) verglich die bildlichen Darstellungstraditionen realer Ehen in mittelalterlichen kirchenrechtlichen Handschriften mit Darstellungen der mystischen ‚Ehe‘ zwischen Christus und Kirche in illuminierten Abschriften des Hoheliedes (und seiner Kommentare). Wie sie darlegte, wurde in kirchenrechtlichen Handschriften die (reale) Ehe (bzw. Eheschließung) von Mann und Frau zumeist mit dem Motiv der dextrarum iunctio, also der Geste der Verbindung der Rechten des Ehe- bzw. Brautpaars, dargestellt; demgegenüber sei in Abschriften des Hoheliedes, welches im Mittelalter traditionell als symbolisch-allegorische Beschreibung des mystischen Liebesverhältnisses Christi und der Kirche ausgelegt wurde, dieses Verhältnis zumeist mit dem Motiv eines Paares in küssender Umarmung dargestellt worden.

Die Serie der Vorträge schloss LASSE HODNE (Trondheim) mit einem Referat zu Darstellungen Esthers, der jüdischen Frau des Perserkönigs und Königin in der italienischen Renaissance-Malerei, von der das gleichnamige Buch der Bibel erzählt. Er wies dabei insbesondere auf die Funktion des Esther-Motivs als typologisches Vorbild für Maria als Himmelskönigin und mystischer ‚Braut‘ Christkönigs hin.

Die gelungene und anregende Tagung hat erneut die mittelalterliche Bedeutung der Ehemetapher als symbolisches Instrument zur Erfassung verschiedener ethisch-politischer und geistig-religiöser Beziehungen und Konzepte unterstrichen; dabei hat sie die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten dieser Metapher sowohl in deskriptiver als auch normativer Weise aufgezeigt, etwa bei der Formulierung verschiedener moralischer und politischer Normen und Ansprüche. Darüber hinaus – dies ist möglicherweise ihr interessantester Beitrag – hat sie noch einmal die Frage nach der Beziehung zwischen der theologisch-sakramentalen Symbolik der Ehe und ihrer rechtlichen und gesellschaftlichen Praxis aufgegriffen und vertieft – eine Frage, der vor einigen Jahren David d’Avray in seiner oben erwähnten, bahnbrechenden Monographie richtungsweisend nachgegangen war. Die Tagung hat den von d’Avray zurecht betonten Einfluss der Lehre vom sakramental-symbolischen Charakter der Ehe auf die mittelalterliche Praxis durchaus bestätigt; zugleich hat sie in mehreren Referaten und Diskussionsbeiträgen darauf hingewiesen, dass allerdings das Verhältnis zwischen Lehre und Praxis nicht immer ein kausales gewesen ist: So seien in manchen Fällen die rechtliche und die theologische Entwicklung getrennt verlaufen, in anderen habe die sakramentale Symbolik der Ehe eher als nachträgliche Begründung und als ein Argument ex post für eine bereits existierende Praxis gedient.

Konferenzübersicht:

MARK TURNER (Case Western Reserve University, Cleveland): Several quadrillion events and actions, across time, space, causation, and agency: How could we possibly have a concept of marriage, and how could it help us conceive of anything else?’

PHILIP L. REYNOLDS (Emory University, Atlanta): Marriage as ‘Signum sacrae rei’: Difficult questions

WOLFGANG P. MÜLLER (Fordham University, New York): “Please don’t mind if I got this wrong”: Spiritual marriage and norm production by way of analogy in Late Medieval Canon Law

ANNA REBECCA SOLEVÅG (VID Specialized University College, Stavanger, Norwegen): Marriage Symbolism in the New Testament

DAVID G. HUNTER (University of Kentucky, Lexington): Single marriage and priestly identity: A symbol and its functions in Ancient Christianity

KARL SHUVE (University of Virginia, Charlottesville): “Adimple habitum mulieris, ut statum virginis serves”: Virgins, brides, and dress in Late Antiquity

ABIGAIL FIREY (University of Kentucky, Lexington): Veiled Threats: constraining religious women in the Carolingian Empire

MARTHA G. NEWMAN (University of Austin, Texas): Marriage, love, and labor in the Cistercian Exempla of Engelhard of Langheim

SEBASTIAN SALVADÒ (Istituto di Norvegia, Rom): Marriage in the Divine Office: Nuptial metaphor in the Medieval conception the ‘officium’ of the Liturgy

PAVEL BLAŽEK (Institute of Philosophy, Czech Academy of Sciences, Prag): Husband and wife as sun and moon: Medieval moral uses of a biblical metaphor

BJØRN BANDIEN (University College of Southeast Norway): The spruce-haired bride of the king: Bridal imagery in Viking Age and Medieval Norway

ALESSANDRO SCAFI (Warburg Institute, London): Double standards? Medieval marriage symbolism and Christian views on the Muslim Paradise

LINE CECILIE ENGH (Istituto di Norvegia, Rom): “Sed nunc fit in spiritu, quod tunc fiebat in carne”: What kind of marriage did Pope Innocent III really enter into?

MARTA PAVÒN RAMÌREZ (Centro Español de Estudios Eclesiásticos, Rom): Marriage symbolism in illuminated medieval manuscripts. New perspectives

LASSE HODNE (Norwegian University of Science and Technology, Trondheim): Mary as Esther: Transformations of the image of the Holy Bride in the Italian Renaissance’

Zitation
Tagungsbericht: Marriage Symbolism, cognition and society, 19.05.2016 – 21.05.2016 Rom, in: H-Soz-Kult, 01.09.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6670>.
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Veröffentlicht am
01.09.2016
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