Theories and Practises of Writing in Early Modern History in England and Germany

Ort
Dresden
Veranstalter
Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit, Technische Universität Dresden
Datum
23.04.2016
Von
Martin Siebert, Meißen

Die Partnerschaft zwischen der TU Dresden und der University of Warwick bringt seit einigen Jahren regen akademischen Austausch hervor. In diesem Rahmen brachte die Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit aus Dresden Promovierende beider Institute zusammen, um einander ihre Projekte vorzustellen und diese gemeinsam zu evaluieren. Finanzielle Unterstützung erfuhr der Workshop durch das Netzwerk DAAD-Great! Ipid4all (group2group exchange for academic talents), das, als Teil der Dresdener Graduiertenakademie, die internationale Vernetzung befördert und intensiviert. Ziel des Workshops war es, Einblicke in die aktuelle Forschung beider Universitäten zu erlangen, mögliche Verknüpfungspunkte ausfindig zu machen und von den jeweiligen Expertisen und Prägungen zu profitieren. Die Gestaltung und Planung zielte dabei vor allem auf einen möglichst offenen und freien Diskussionsrahmen, der nur durch einige formgebende Fixpunkte (kurze Vorstellung der Projekte mit begleitenden Kommentaren) zielführend eingegrenzt wurde.

Veranstaltet wurde der Workshop GERD SCHWERHOFF (Dresden) und seinem Kollegen BEAT KÜMIN (Coventry). Ihre einleitenden Vorträge klärten die Teilnehmer_innen über nationale Eigenheiten der jeweiligen Wissenschaftsbetriebe auf. Der Fokus lag hierbei auf den strukturellen Differenzen in den Bildungssystemen der europäischen Partnerländer, besonders im Hinblick auf die Möglichkeiten und Hürden für den akademischen Nachwuchs. In den darauf folgenden drei Panels hatten die Teilnehmer_innen die Möglichkeit ihre jeweiligen Projekte zur Diskussion zu stellen.

JOHN MORGAN (Warwick) plädierte mit seiner Arbeit für einen Ansatz, der die Interdependenzen umweltgeschichtlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektiven in den Mittelpunkt rückt. Seine Untersuchung zum „Social Life of Early Modern Rivers“ möchte die dynamische und wechselseitige Beziehung von Umwelteinflüssen und gesellschaftlichen Phänomenen kenntlich machen. Hierfür analysiert Morgan die Flüsse Severn und Welland in ihren Funktionen als „socio-natural sites“. Die Analyse von frühneuzeitlichen Sozialverbänden unter den Einflüssen spezifischer Sets von Umweltbedingungen und -beziehungen könne zu einem komplexeren Verständnis der multidimensionalen Beziehungsgeflechte zwischen Mensch und Umwelt beitragen und anreichernde Perspektiven auf aktuelle Umweltdebatten und Projekte eröffnen. Der Kommentar von Alexander Kästner (Dresden), der selbst zu umweltgeschichtlichen Aspekten in frühneuzeitlichen Städten forscht, deutete auf weitere interessante Phänomene hin, etwa die Wandlung von Strategien naturkatastrophlicher Schadensbewältigung hin zu solchen von Risikovermeidung und Prävention.

SEBASTIAN FRENZEL (Dresden) komplettierte das erste Panel mit der Vorstellung seines Projekts über die „Politische Kommunikation und Rechtskultur der Freien Reichsstadt Ulm (16.–18. Jahrhundert)“. Frenzel führt die semantische Analyse eines Samples von Rechtsnormen durch, um die verschiedenen Modi der „legislators monologues’“ herauszuarbeiten. Hieraus ließen sich etwa Rückschlüsse über Aushandlungsprozesse zwischen den gesetzgebenden Akteuren gewinnen. Auch die Bekanntmachung neuer Rechtsnormen und die Reaktion der Bevölkerung stellten sich hier als untersuchungswürdige Felder dar. Nach Frenzel weise gerade die Verkündung von Rechtsnormen einen hohen Grad an Formalisierung und Ritualisierung auf. Hier könne man u.a. nachvollziehen, wie über zielgerichtete Arrangements der Verkündungsszenarien (kalkulierte An- bzw. Abwesenheit bestimmter sozialer Akteure) Einfluss auf das Legitimitätsempfinden der Stadtgesellschaft genommen worden sei. In seiner Arbeit fokussiert er sich vorrangig handschriftliche Pamphlete, Invektive, Stellungnahmen von externen Sachverständigen oder Briefe und Eingaben an die gesetzgebende Instanz des Stadtrates. Frenzels Untersuchung wurde aufgrund der reichen Quellenlage besonders im Hinblick auf die Auswahlheuristik diskutiert.

Im zweiten Panel stellte ANASTASIA STYLIANOU (Warwick) ihre Arbeit über „Holy Blood in the English Reformations“ vor, in welcher sie die konfessionell geprägten Konstruktionen von Märtyrertum im englischen Reformationszeitalter analysiert. In ihrem Paper fokussiert Stylianou auf die polemische Funktion des Blutes von Märtyrern aus den Narrativen beider konfessioneller Lager, um diese miteinander in Abgleich zu stellen. Dabei habe sie deutliche Differenzen feststellen können, etwa eine protestantische Hinwendung zum Täter bei gleichzeitiger Reduzierung der Gewichtung von Opferrollen. Eine Diskreditierungsabsicht protestantischer Prägung bezüglich der Repräsentanten und Funktionsträger der konkurrierenden Konfession könne etwa im „Book of Martyrs“ nachgewiesen werden, welches Stylianou als eine besonders zu berücksichtigende Quelle in den Blickpunkt nahm. Foxe stilisiere Katholiken/Altgläubige als abscheuliche und im besonderen Maße blutrünstige Feinde. Im katholischen Narrativ fungiere der im Zentrum stehende Märtyrer hingegen als eine Art Orientierungsideal und das vergossene Blut habe eine herausgehobene Funktion als heilversprechende Reliquie. Diese Wahrnehmung sei in den protestantischen Schriften auffällig offensiv dekonstruiert und negiert worden. Das Projekt fragt daher nach den Identitätsstiftungsstrategien beider Lager entlang der Deutung und Kommunikation von Märtyrertum im Hinblick auf Blut und versucht zu erhellen, welche unterschiedlichen Intentionen und Prioritäten in den Quellen abgelesen werden könnten.

Mit Flüssigkeiten und deren Wirkung beschäftigte sich auch CHERYL PETREMAN (Dresden). Ihr Projekt fragt nach dem Umgang mit Devianz und abweichendem Verhalten unter dem Einfluss von Alkohol im frühneuzeitlichen Nördlingen (spätes 16. Jahrhundert). Ihr Ansatz bestand in der systematischen Untersuchung der Urfehdebücher, für deren Analyse statistische Auswertungen vorgenommen wurden. In diesen Quellen sind verschiedene trunkenheitsbedingte Gerichtsfälle überliefert, welche von Sachbeschädigungen, Körperverletzungen oder Mordfällen berichten. Die Urteilssprüche variierten dabei von Ermahnungen, Strafzahlungen und Gefängnisstrafen bis hin zu Bannsprüchen, was durch die Urfehdeschwüre nachvollzogen und ausgewertet werden könne. Dabei ließen sich nach Petreman gewisse Muster an Täterprofilen verschiedenen Tatkategorien zuordnen, z.B. junge Männer als Delinquenten im öffentlichen Raum und ältere Straftäter mit Vergehen in privaten und innerfamiliären Sphären. Petremans Ergebnisse deuteten darauf hin, dass der Alkoholkonsum trotz der Vielzahl an Trunkenheitsdelikten nie in seiner sozialen Funktion hinterfragt oder verboten worden sei. Die verletzten Normen bezögen sich neben den Störungen der öffentlichen Ruhe, den Körperverletzungen und Sachbeschädigungen häufig auch auf die Verletzungen arbeitsethischer Grundsätze. Die Richter- und Geschworenensprüche, mit ihren verschiedenen Srafmaßniveaus, sollen hierbei mit den Reaktionen und Rehabilitationsanforderungen kontextualisiert werden. So könne man beispielsweise eine ökonomisierte Fürsprachepraxis feststellen. Akteure aus nobilitierten Kreisen hätten dabei entlohnten Einfluss auf Rehabilitationsdauer und Sanktionsschärfe genommen. Eric Piltz (Dresden) lieferte mit seinem Kommentar diverse Anregungen, die den Facettenreichtum der jeweiligen Untersuchungsansätze bereichern könnten. Stylianou könne die Entwicklungslinien anhand möglicher Editionsdifferenzen schärfen und die Rezeption der Märtyrertexte in anderen Quellen hinzuziehen. Petreman könne eine genderbezogene Gegenüberstellung erwägen und die Untersuchung ausgewählter Fallbespiele detailreicher anlegen, indem sie die soziale Situation der Straftäter umfassender in den Blickpunkt nimmt. Hierzu könnten andere Quellen aus dem Untersuchungsumfeld hergenommen werden, anhand derer man etwa die familiäre oder finanzielle Situation der Betroffenen rekonstruieren könnte.

Im dritten Panel präsentierte RACHAEL MORTON (Warwick) ihr Projekt zur materiellen Kultur im frühneuzeitlichen England, das sich mit der Wahrnehmung von Material- und Produktqualität beschäftig: „Perceptions of Quality and Material Culture in Early Modern England“. Ein möglichst umfangreiches Verständnis solle durch die Berücksichtigung von drei maßgeblichen Akteursgruppen herbeigeführt werden. Die regulativen Institutionen, die Produzenten und die Konsumenten werden dabei als Träger eines komplexen und wechselseitigen Aushandlungsprozesses verstanden. Eine vielversprechende Eingrenzung sei besonders der Metallwarenhandel, der im 17. und 18. Jahrhundert zunehmende Konjunktur erfahren habe. Die Qualitätsauszeichnung in Form von Markierungen (Silberstempel etc.) und die sich verfestigenden Zuschreibungen an ausgewählte Produktionsstandorte eigneten sich als fruchtbare Untersuchungsgegenstände, ebenso wie das zunehmende Gewicht der sich wandelnden Konsumverhältnisse, als Einflussfaktor auf die Wahrnehmung und Definition von Qualität. Diese konstituiere sich aus einer Kombination von Materialgüte, Verarbeitung und einer Fülle von wechselseitigen Kommunikationsprozessen, die in Wirkzusammenhängen stünden und spezifische Qualitätswahrnehmungen und Definitionen beeinflussen und definieren würden. Morton wolle hiermit Erkenntnisse über den Fortgang der Veränderung im Kaufverhalten frühneuzeitlicher Gesellschaften generieren und protektionistische Bemühungen traditioneller Marktmachtträger herausarbeiten. Hierbei könnten etwa Exklusionsstrategien erkannt und analysiert werden.

FRANZISKA NEUMANN (Dresden) stellte im Anschluss methodische Aspekte ihres Promotionsvorhabens über die politische Kultur der Bergstädte im Erzgebirge zur Diskussion: „Disciplining the Mountain – Environment and Social Discipline in Early Modern Mining“. Die zeitgenössische Konstruktion von Naturwahrnehmung und -deutung stand dabei im ebenso Mittelpunkt, wie die Sozialdisziplinierung der unterschiedlichen Akteure frühneuzeitlicher Bergbauwirtschaft. Neumann erforscht die Konstruktion von Umwelt und die gesellschaftlichen Auffassungen über die Rolle des Menschen im Abgleich mit humanistischen Diskursen über den Bergbau der Epoche. Dabei könne man z.B. Wirkmomente religiöser Prägung (Diskurs über einen gottgefälligen Umgang mit dessen Schöpfung) und ein wachsendes Bewusstsein gegenüber einem dualistischen Verhältnis von Natur und Kultur erkennen. Neumanns Untersuchungen zielen auf die Relationen und Beziehungen zwischen den Diskursen und der Genese und Ausgestaltung der frühneuzeitlichen Bergstadtgesellschaften. Die Dresdener Doktorandin nimmt eine Beziehungsanalyse zwischen den humanistischen Interpretationstendenzen und den sozialgeschichtlichen Entwicklungen vor und versucht damit, Relationen und Verflechtungen zwischen den parallel ablaufenden Phänomenen aufzuspüren. Hierfür untersucht Neumann z.B. die politischen Kommunikationsformen, Rechtsakte oder den Umgang mit Technikfolgeentwicklungen. Mathias Bähr (Dresden) eröffnete mit seinem Kommentar zusätzliche Perspektiven, die etwa eine Öffnung der Untersuchung zu Gunsten eines Umweltverständnisses im berglandschaftlichen Kontext Abseits des Bergbaubaubetriebes herbeiführen könnten. Morton wurde auf diverse Teilsysteme aufmerksam gemacht, die interessante Besonderheiten in der Wahrnehmung von Qualität aufweisen könnten, wie z.B. innerhalb eines aufkommenden Sammlertums. Auch eine getrennte Betrachtung verschiedener Dimension von Qualtitäts- und Wertvorstellung wurde diskutiert. Diese könnten etwa den Gebrauchswert, den Materialwert und den ästhetischen Wert von Gegenständen und Produkten aufschlüsseln und gewichten.

Im abschließenden Panel stellte BENJAMIN SEEBRÖKER (Dresden) seine Masterarbeit über urbane Identitäten in den erzgebirgischen Bergstädten vor: “Chronicles and Urban Identities of Mining Towns in the Ore Mountains from 16th to 18th Century”. Er untersuchte fünf Chroniken der Bergstädte Annaberg, Schneeberg und Joachimsthal. Dabei stoße man auf auf erhebliche Unterschiede in der Darstellung des Bergbaus (qualitativer und quantitativer Art, die Seebröker auf den Einfluss der Bergpredigtliteratur zurückführte. Dieser lasse sich über eine autorenbiographische Analyse nachweisen und erhärten. Bergpredigten und Chroniken seien in einigen Fällen so eng miteinander verknüpft, dass sie nicht getrennt voneinander betrachtet werden dürfen. Die identitätsrelevanten Repräsentationen in den untersuchten Chroniken machten vor allem deutlich, dass, neben dem Bergbau, auch andere Phänomene und Hintergründe maßgeblichen Einfluss auf die Konstruktion kollektiver Identität gehabt hätten.

Komplettiert wurde der letzte Teil der Veranstaltung durch eine zusammenfassende Abschlussdiskussion. Hier wurden nicht nur die einzelnen Beiträge rekapituliert sondern übergeordnete Prinzipien und Tendenzen in der Geschichtswissenschaft beider Partnerländer erörtert und bewertet. Insgesamt könne man eine wachsende Vielfalt theoretischer und methodischer Ansätze beobachten. Das Selbstverständnis und der Wirkungsbereich historischer Forschung wurde in seiner sozialen Funktion hinterfragt und auf seine gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten und Pflichten eingeschätzt. Dabei fand eine kritische Auseinandersetzung mit deren vermeintlicher Funktion als ‚l‘art pour l’artiste‘ gegenüber einer möglichen Impulsgabe für aktuelle gesellschaftliche Diskurse statt. Aktuelle Tendenzen und Perspektiven der geschichtswissenschaftlichen Forschung in England und Deutschland könnten einander befruchten und katalysieren, nicht zuletzt durch eine Intensivierung des akademischen Austausches.

Die zunächst unorganische wirkende Zusammenstellung der einzelnen Beiträge zeichnete sich durch ein erstaunlich hohes Verküpfungs- und Transferpotential aus. Die Teilnehmer_innen konnten einander alternative Herangehensweisen zu ähnlichen Themenfeldern vergegenwärtigen, was besonders auf umweltgeschichtlich orientierte Ansätze zutraf. Das Format des Workshops hat sich insgesamt durch einen sehr lebendigen Austausch bewährt, nicht zuletzt angeregt durch die ausnahmslos hohe Qualität der Kommentare. Diese waren durchweg zielführend und erweiterten oder schärften die Perspektiven der jeweiligen Untersuchungsansätze. Die anregende und tadellose Leitung der Veranstaltung trug zusätzlich zu einer vertrauensvollen und offenen Arbeitsatmosphäre bei. Somit darf die Veranstaltung der Dresdener Professur als ein gelungenes Beispiel akademischer Kooperation und Vernetzung von Wissenschaftsbetrieben im europäischen Kontext bezeichnen werden. Der Austausch zwischen der TU Dresden und der University of Warwick ermöglicht eine Anreicherung und qualitative Aufwertung der akademischen Nachwuchsbildung auf beiden Seiten Kanals.

Konferenzübersicht:

Einleitung und Begrüßung: Gerd Schwerhoff und Beat Kümin

Panel I

John Morgan: The Social Lives of Early Modern Rivers: Integrating Social and Environmental History

Sebastian Frenzel: Reasoning Early Modern Laws. Political Interaction and Legal Culture in the Imperial City of Ulm

Kommentar: Alexander Kästner

Panel II

Anastasia Stylianou: Holy Blood in the English Reformations

Cheryl Petreman: Drunk and Disorderly Conduct in Late Sixteenth Century Nördlingen

Kommentar: Eric Piltz

Panel III

Rachael Morton: Perceptions of Quality and Material Culture in Early Modern England

Franziska Neumann: Disciplining the Mountain – Environment and Social Discipline in Early Modern Mining

Kommentar: Matthias Bähr

Panel IV

Benjamin Seebröker: Chronicles and Urban Identities of Mining Towns in the Ore Mountains from 16th to 18th Century

Abschlussdiskussion im Plenum

Zitation
Tagungsbericht: Theories and Practises of Writing in Early Modern History in England and Germany, 23.04.2016 Dresden, in: H-Soz-Kult, 02.09.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6673>.
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Veröffentlicht am
02.09.2016
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