Kreuzzugsgeschichte – Kreuzzugsgeschichten

Ort
Zürich
Veranstalter
Philippe Goridis; Julian Führer
Datum
10.03.2016 - 11.03.2016
Von
Julian Führer / Philippe Goridis, Historisches Seminar, Universität Zürich

Wie wurde im 13. Jahrhundert über Kreuzzüge gesprochen und geschrieben? Wie strukturierte sich das Denken über dieses Phänomen, das im 12. Jahrhundert in Europa Tausende bewegt hatte? Nach 1200 waren Kreuzzüge Gegenstand eines Diskurses geworden: Die Teilnahme am Kreuzzug gehörte zur Regierung eines guten Herrschers, gleichzeitig hatte es seit der Eroberung Jerusalems 1099 keinen unumstrittenen Erfolg mehr gegeben, zumal der Zug von 1204 nicht mit einem Erfolg im Heiligen Land, sondern mit der aus Geldgründen erfolgten Eroberung und Plünderung Konstantinopels geendet hatte. Diese im 13. Jahrhundert aktualisierten Diskurse waren Gegenstand einer von PHILIPPE GORIDIS und JULIAN FÜHRER (beide Zürich) organisierten Tagung, die in einem interdisziplinären Zugang den Wandel des Verhandelns über Kreuzzüge zwischen etwa 1160 und 1310 zum Thema hatte.

CHRISTOPH MAIER (Zürich) eröffnete die Vortragsrunde mit der grundsätzlichen Frage nach der Existenz der oder einer Geschichte der Kreuzzüge. Zunächst stellte er sich dabei dem viel diskutierten Problem, was denn überhaupt ein Kreuzzug sei. Seit den späten 1970er-Jahren streiten sich die Mediävisten darüber, ob ein Kreuzzug neben der päpstlichen Sanktionierung auch das Heilige Land als festes Ziel aufweisen müsse. Bereits die Antwort auf diese Frage prädisponiert die Themenfindung und prägt damit das moderne Erzählen über die Kreuzzüge. Was als „Kreuzzug“ verstanden wurde, war aber auch seit dem Mittelalter alles andere als eindeutig bzw. unterlag dem Wandel zeitgenössischer Perspektiven. So lässt sich im hohen Mittelalter zwar die Verwendung der Begriffe „cruciata“ oder „crucesignati“ nachweisen, doch erfolgte ihre Verwendung nicht einheitlich. Von einem gemeinsamen Verständnis von „Kreuzzug“ oder gar von einer Institution „Kreuzzug“ kann also nicht gesprochen werden. Dies vollzog sich erst im Laufe des 17. Jahrhunderts auf der Basis der Rhetorik der Türkenkriege und einer Säkularisierung der Kriegermentalität weg vom Kämpfen für Gott hin zum Kämpfen für Geld, für einen weltlichen Kriegsherrn.

STEFAN TOMASEK (Würzburg) widmete sich der Frage nach der Rolle der Kreuzzüge in den mittelhochdeutschen Kreuzzugsliedern, einer Quellengattung, die den Verweis auf das Erzählen über Kreuzzüge bereits in ihrer Bezeichnung trägt. Auf die Bedeutung der Kreuzzüge für diese literarische Gattung verweist auch das Lexikon des Mittelalters, laut dem die Verknüpfung des Minnethemas mit dem Kreuzzugsdiskurs zeitgenössisch sehr beliebt gewesen sei. Damit ließe sich die Kreuzzugslyrik als erlebte Wirklichkeit der Kreuzzüge definieren, als fiktionaler Raum, der für die Realgeschichte geöffnet wurde. Interessanterweise trifft dies aber nicht zu: Die Kreuzzugslieder erzählen eben nicht von „realen“ Kreuzzügen bzw. von konkreten historischen Situationen, sondern thematisieren klassische Felder wie Minne, Abschiedslyrik oder zurückgelassene Liebe vor dem Hintergrund der Kreuzzüge. Diese sind damit in erster Linie ein historisch verortbarer Referenzrahmen, in dem andere Motive aufgerollt werden. Kreuzzugslyrik ist also weniger ein Erzählen vom Kreuzzug als vielmehr ein Sprechen auf dem Kreuzzug. Dennoch lassen sich auch direkte Bezüge zu Erzählformen über die Kreuzzüge feststellen. Die lyrischen Texte thematisieren klerikale Argumente, die sich auf die zeitgenössische Kreuzzugspredigt zurückführen lassen. Damit fiktionalisiert die Kreuzzugslyrik zwar nicht die Kreuzzüge selber, aber die Kreuzzugswerbung.

ISABELLE SCHÜRCH (Konstanz) analysierte zwei bebilderte Chronikhandschriften aus der Burgerbibliothek Bern (cod. 112 und cod. 163), die die altfranzösische Übersetzung des berühmten Geschichtswerks Wilhelms von Tyrus enthalten. Jede der beiden Handschriften weist rund zwanzig Illustrationen auf. Solche Codices entstanden in einem Netzwerk von Bearbeitern (Schreiber, Illustratoren, Patrone etc.), können vom Entstehungskontext her also nicht als monolithische Erzählungen verstanden werden. Dennoch müssen die Bilderchroniken als Medienensemble begriffen werden, das nicht nur durch den Text, sondern grundlegend auch durch die jeweiligen Bildprogramme konstituiert wird. Die Illustrationen sprechen zwar nicht für sich, aber sie dienen als memorative Vergegenwärtigungen von Geschichte bzw. von Geschichten, die die Wahrnehmung der vom Text aufgerollten Erzählung fundamental beeinflussen können. Ein Vergleich der beiden Bildprogramme macht die Lenkungseigenschaften der Illustrationen deutlich. Dabei wird klar, dass solche Medienensembles mehr sind als bloss Text und Bild und in ihrer intermedialen Verknüpfung unterschiedliche Geschichten zu erzählen vermögen.

JÖRG BÖLLING (Göttingen) untersuchte Musik als Medium des Erzählens über Kreuzzüge. Dabei spürte er zunächst Klängen und Instrumenten in historiographischen Quellen nach. In erster Linie finden sich dort etwa Gesänge während Siegesfeiern oder Sieges- und Kriegstrompeten. Es wird schnell deutlich, dass es sich dabei um Stilisierungen nach bekannten literarischen Topoi oder Vorbildern handelt, etwa den Kriegstrompeten bei der biblischen Erstürmung Jerichos. Eigentlich musikalische Quellen mit Notation und Texten finden sich erst ab dem 15. Jahrhundert. Dabei stehen Messen mit dem Motiv des „L’homme armé“ im Vordergrund. Diese können für ritterliche Herren gehalten worden sein, können aber auch als Begleitmusik der letzten Kreuzzugsaufrufe betrachtet werden, insbesondere als Propagandamusik nach dem Fall Konstantinopels im Jahr 1453. Hier machen sich Einflüsse literarischer und ikonografischer Genres am burgundischen Hof bemerkbar. Kreuzzugsmusik umfasste ein Spektrum des Erzählens über die Kreuzzüge, das einen Aspekt der Aktion (während des Kreuzzugs) umfasste, vor allem greifbar in historiographisch-biblischen Stilisierungen. Weitere Aspekte waren Erinnerung an den und Aufruf zum Kreuzzug, sowie die Passion (im Nachgang der Kreuzzüge). Die „Arma Christi“- und „L’homme armé“-Messen zelebrierten in Erinnerung an die Passion Christi den Verzicht auf kriegerische Mittel sowie die Erlösung.

KATHARINA HEYDEN (Bern) analysierte den Erzählkomplex um die legendäre Begegnung zwischen Franz von Assisi und dem ägyptischen Sultan Melek el-Kamil, die 1218/19 während der Belagerung der ägyptischen Hafenstadt Damietta durch ein Kreuzheer stattgefunden haben soll. Die noch immer aktuelle Idee von Franz von Assisi als Mann des Friedens und Vorreiters des interreligiösen Dialogs nimmt auf dieses Aufeinandertreffen Bezug. Sie schöpft aus ganz unterschiedlichen Überlieferungen dieses Ereignisses, die sich damit als wahrhaft geschichtsprägende Geschichten erweisen. Wie sich das Treffen aber historisch konkret abgespielt hat, ist nicht bekannt. Dieser Umstand macht die daraus konstruierten Geschichten aber nur interessanter, da so die Pragmatik, die Funktion dieser Geschichten nur noch aussagekräftiger wird. Es lassen sich drei grundsätzliche Perspektiven auf die Begegnung zwischen Franz und dem Sultan eruieren: erstens der franziskanische Blick, verfasst von Franziskanern für Franziskaner, zweitens die päpstliche Sichtweise und drittens die Wahrnehmung von außerhalb des Ordens oder der Kurie. Alle diese Perspektiven, oft auch einzelne Autoren, vereinnahmen die Rahmengeschichte zum Transport ihrer eigenen Vorstellungen und Normen. Die dabei entstandenen Erzählungen sind keine prospektive Geschichtsschreibung, sondern präskriptive Geschichten, Handlungsanleitungen für die Zukunft.

STEFAN TEBRUCK (Gießen) untersuchte die Referenzen auf Kreuzzüge und Kreuzfahrer in Caesarius‘ von Heisterbach umfangreichem Werk am Beispiel des „Dialogus miraculorum“ und der „Libri octo miraculorum“. In diesen Werken verknüpft Caesarius Exemplum und Predigt. Damit bewegt er sich im Umkreis der Kirchenreformer gerade aus der Pariser Schule, und es lässt sich zeigen, wie er die von dort ausgehenden neuen Strömungen aufgreift. Die Kreuzzüge spielen bei ihm in zweierlei Hinsicht eine wichtige Rolle. Einerseits geht es ihm um Engagement zu Gunsten des Heiligen Landes, um Ketzerbekämpfung und die Livlandmission, die ebenfalls als Kreuzzüge betrieben wurden. Dabei erfasst Caesarius Begebenheiten genau unter Angabe von Orten, handelnden Personen usw. In dieser Hinsicht kommt den Kreuzzügen eine zentrale Funktion in der Erzählung zu. Andererseits benutzt Caesarius den genannten historischen Kontext nur am Rande zur zeitlichen und thematischen Einordnung anderer Inhalte. Aber auch wenn der Kreuzzug narrativ im Zentrum der Erzählung steht, dient er Caesarius in der Regel als Hintergrundfolie. Es scheint, dass er kein spezifisches Interesse am Kreuzzug oder am Heiligen Land selber hatte. Vielmehr bilden diese Fixpunkte den Referenzrahmen für seinen Fokus auf die klösterliche Unterweisung. Mit dieser Haltung steht Caesarius in seiner Zeit nicht alleine da. Ähnliches findet sich etwa in der zweiten Modellpredigt Jakobs von Vitry, der ebenfalls stark vom neuen Pariser Denken geprägt war. Auch für Jakob war die religiöse Unterweisung wichtiger als das eigentliche Eingehen auf die Kreuzzüge.

ANJA RATHMANN-LUTZ (Basel) beschäftigte sich mit dem Hauptwerk des Jean de Joinville, dem „Livre des saintes paroles et des bons faiz nostre saint roy Looÿs“, besser bekannt als „Vie de Saint Louis“. Dieses in der ersten Dekade des 14. Jahrhunderts fertiggestellte Werk wurde von Johanna von Navarra, der Mutter des künftigen französischen Königs (Ludwig X.), in Auftrag gegeben. Eine Einordnung in eine bestimmte literarische Gattung fällt schwer, da die „Vie de Saint Louis“ diesbezüglich sehr heterogen ausfällt. So ist sie Herrscherbiographie, Kreuzzugsgeschichte, Fürstenspiegel, enthält autobiographische Elemente und vieles andere mehr. Diese Vielfalt macht eine Beschäftigung mit diesem Werk zwar ausgesprochen reizvoll und fruchtbar, methodisch aber auch anspruchsvoll, besonders wenn es um seine Pragmatik geht. Einer seiner Aspekte umfasst auch die Anleitung zu einem guten Kreuzzug, die in diesem narrativen Rahmen vorgenommen wird. So geht Joinville auf verschiedene Aspekte ein, die zum Erfolg eines solchen Unternehmens führen: etwa Finanzierung, Logistik oder herrscherliche Tugenden. Gerade in diesen Beschreibungen, die den Kreuzzug zu einem schönen Kampf stilisieren, drückt sich eine gewisse Kreuzzugsnostalgie aus, von der Joinville ergriffen zu sein scheint. Doch ein Kreuzzug ist nicht einfach per se gut: Falsche Zeitplanung, Krankheiten, Teuerung, Streitereien und andere Disziplinlosigkeiten im Lager können ihn scheitern lassen.

MICHAEL GRÜNBART (Münster) brachte zum Abschluss mit dem byzantinischen noch einen ost-christlichen Blickwinkel zur Sprache. Zunächst gilt es festzuhalten, dass es bei den Byzantinern keinen Begriff für „Kreuzzug“ gibt, ebenso keinen für „Pilgerfahrt“. Im Fokus der byzantinischen Narrative stehen damit zwangsläufig Individuen aus dem Westen – eine Auseinandersetzung, deren Geschichte bereits deutlich vor 1096 beginnt. Damit erweitert sich das Berichten über die Kreuzzüge in Byzanz zu einer Erzählung über die generellen Beziehungen zwischen Byzantinern und Lateinern – freilich mit einem Schwerpunkt auf die Begegnungen im Osten. Im Weiteren thematisierte Michael Grünbart verschiedene Aspekte dieser Begegnungen, die wesentlich von Stereotypen und Missverständnissen geprägt waren. Ein nicht zu unterschätzendes Problem war die Sprachbarriere, die die gegenseitige Verständigung und das gegenseitige Verstehen erschwerte oder auch bewusst als Mittel der Abgrenzung eingesetzt werden konnte. Grundsätzlich war in Byzanz die Wahrnehmung der Nicht-Byzantiner von den Kategorien der Gewalt, Habgier, kulturellen Übergriffen und generell unzivilisiertem Verhalten geprägt. Diese Stereotypen waren letztlich auch in den Diskurs der Kreuzzugszeit eingeschrieben. In diesem Zusammenhang kommt zwar ein westliches Kollektiv in den Osten, das aber keine konsistente Gruppe bildet. Vielmehr werden immer wieder Individuen und ihre häufig negativ aufgefassten Handlungen hervorgehoben. Eine Verständigung ist kaum möglich und führt zu weiteren Missverständnissen, die die byzantinischen Geschichten über die Kreuzzüge prägen.

In den angeregten Diskussionen der einzelnen Beiträge wurde deutlich, dass die Kreuzzüge in diesem langen 13. Jahrhundert einen narrativen Referenzrahmen bildeten, der pragmatisch unterschiedlich aufgeladen wurde. Die Rolle des Individuums wurde in den unterschiedlichen Quellen, wohl auch abhängig von den Quellengattungen sehr unterschiedlich bewertet. Die Rolle der Sprache und das Verstehen von Symbolsystemen gerade bei diesen Unternehmungen, die unterschiedliche Kulturkreise auf oft gewaltsame Weise miteinander in Kontakt brachten, wurden ebenfalls unterstrichen. Die Kreuzzüge bilden oft eher den Referenzrahmen einer Erzählung als deren Kern, und so erstaunt es vielleicht nicht, dass weder in der frühen Kreuzzugsgeschichtsschreibung noch in Byzanz der „Kreuzzug“ als Begriff bekannt oder als Institution begriffen wird. Die Begrifflichkeit determiniert hier das narrative Feld und die Entwicklungsmöglichkeiten narrativer Strukturen.

Konferenzübersicht:

Philippe Goridis (Zürich), Julian Führer (Zürich: Einführung

Christoph T. Maier (Zürich): Seit wann gibt es die Geschichte der Kreuzzüge?

Stefan Tomasek (Würzburg): Mittelhochdeutsche Kreuzzugslyrik – lyrische Kreuzzugsrhetorik? Zur Pragmatik referentieller Strukturen

Isabelle Schürch (Konstanz): Vom Kreuzzug zur Geschichte. Überlegungen zu intermedialen Erzählweisen in Wilhelms von Tyrus Chronikhandschriften

Jörg Bölling (Göttingen): Kreuzzugsklänge. Geschichte im Spiegel historiographischer und musikalischer Quellen

Katharina Heyden (Bern): Der Heilige und der Sultan. Die legendäre Begegnung zwischen Franz von Assisi und Melek-el-Kamil

Stefan Tebruck (Gießen): Kreuzzugs- und Kreuzfahrergeschichten bei Caesarius von Heisterbach

Anja Rathmann-Lutz (Basel): Ein Kreuzzug wie er sein soll – oder auch nicht. Kreuzfahrergeschichten bei Jean de Joinville

Michael Grünbart (Münster): Missverständnisse oder Stereotypen – die Wahrnehmung der Kreuzzüge in Byzanz

Zitation
Tagungsbericht: Kreuzzugsgeschichte – Kreuzzugsgeschichten, 10.03.2016 – 11.03.2016 Zürich, in: H-Soz-Kult, 06.09.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6679>.