Vergangenheit als politische Ressource: Erinnern als Strategie in Griechenland unter römischer Herrschaft

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Teilprojekt A02 (Muriel Moser, David Weidgenannt), SFB 1095, Goethe Universität Frankfurt am Main
Datum
17.06.2016
Von
Christian Scheidler, SFB 1095, Goethe Universität Frankfurt am Main

Unter der Leitung von MURIEL MOSER und DAVID WEIDGENANNT fand im Juni eine Tagung zum Thema „Römisches Griechenland vom 2. Jh. v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr.“ statt. Die Tagung widmete sich damit der Zeit von der römischen Eroberung im 2. Jahrhundert v. Chr. bis zur Renaissance griechischer Kultur, die gemeinhin als Zweite Sophistik angesprochen wird. Während die bisherige Forschung die Eroberung von Griechenland, die Eingliederung der Provinz Achaia in das römische Imperium und die Entwicklung in der Kaiserzeit vornehmlich romzentriert betrachtet hat, versuchte die Tagung diese Entwicklungen aus griechischer Perspektive nachzuvollziehen. Was bedeutete die Eroberung für die kulturelle und politische Selbstständigkeit der Griechen? Wie gingen die Griechen mit der Fremdherrschaft um? Waren die Griechen nur passive Rezipienten römischer Herrschaft oder aktive Akteure, die ihr kulturelles Kapital im Umgang mit den Römern nutzten? Die Tagung widmete sich so nicht nur aktuellen Forschungsproblemen, sondern setzte sich auch mit den analytischen Kategorien auseinander, die häufig zur Beschreibung dieser Phänomene gebraucht werden (Identität, Fremdherrschaft, Eliten, lokal vs. global,…). Eingeladen waren junge Nachwuchswissenschaftler aus unterschiedlichen altertumswissenschaftlichen Disziplinen (Archäologie, Klassische Philologie, Alte Geschichte), die ihre laufenden Arbeiten präsentierten. Neben den Einzelvorträgen gab es zwei größere interdisziplinäre Diskussionsrunden, die sich der Frage widmeten, wie gut die existierenden Analysekategorien zur Untersuchung und Beschreibung des römischen Griechenland geeignet sind.

OLIVIA DENK (Basel) zeigte in ihrem Vortrag Phänomene von Innovation und Beharrung in makedonischen Zeuskulten besonders in römischer Zeit auf. In diachroner Betrachtungsweise präsentierte sie Formen und Ausprägungen der Zeuskulte in Dion, Aphytos und Kalindoia. Sie gewährte nicht nur Einblicke in die Geschichte der Heiligtümer, sondern präsentierte auch deren Kulte. Anhand numismatischer und epigraphischer Quellen und baulicher Veränderungen zeigte sie Kontinuitäten in der Götterverehrung von der Spätklassik bis in die späte römische Kaiserzeit auf. Sie konnte zeigen, dass die Phänomene Tradition und Beharrung koexistierten, wenn zum Beispiel in Kalindoia der lokale Götterkult im 1. Jh. v. Chr. um Kulte für Dea Roma und später auch für Augustus erweitert wurde, ohne tiefgehend in die Heiligtumsorganisation einzugreifen.

SILVIO LEONE (Freiburg) untersuchte die Veränderungen auf der Athener Agora, die durch die Präsenz des Kaiserkultes eintraten. Teilweise repräsentierte die Einführung des Kaiserkultes eine Verletzung alter religiöser Normen der Polis, da er in die vorhandene monumentale und statuarische Landschaft eingepasst werden musste. Dabei zeigt sich, dass etwa Kaiser Claudius mit Apollon Patroos oder Livia mit Artemis Boulaia identifiziert wurde. Diese Praxis werde auch durch zwei Statuensetzungen Kaiser Hadrians bestätigt: eine Statue wurde in die Reihe der zehn legendären attischen Phylenheroen integriert und die andere in der Nähe der Statue des Zeus Eleutherios situiert. Dadurch wurde der Princeps mit der glorreichen Vergangenheit der Polis verbunden, worin sich eine Erinnerungsstrategie Athens in der römischen Kaiserzeit zeige.

Im Vortrag von DAVID WEIDGENANNT (Frankfurt am Main) ging es um lokale Eliten im Asklepieion von Epidauros. Der betreffende Zeitraum (2. Jh. v. Chr. – 1 Jh. n. Chr.) umfasste eine bedeutungsvolle Umbruchsphase der griechischen Geschichte, nämlich Beginn und Verstetigung der römischen Herrschaft über Griechenland. Durch die Untersuchung von epigraphischen Zeugnissen, in denen die Namen von zu berühmten Familien gehörenden Personen auftauchen, wurde aufgezeigt, dass die lokalen Eliten eine starke Kontrolle auf die Ausgestaltung des Heiligtums ausübten. Im Mittelpunkt standen im Vortrag jedoch nicht nur die Inschriften selbst, sondern auch der Inschriftenträger und sein topographischer Standort im öffentlichen Raum, dem bei der Vermittlung der lokalen Vergangenheit eine wesentliche Rolle zukam. Durch die Errichtung von Denkmälern, deren Verbindung mit lokalen Familien und die Position der Monumente im öffentlichen Raum wurde ein bestimmtes Bild der Geschichte der Stadt gestaltet. Dadurch konnten die lokalen Eliten ihre Präsenz und Beharrung im Heiligtum ausdrücken, so Weidgenannt.

TAMARA DIJKSTRA (Groningen) präsentierte ihr Fachgebiet der Mortuary Archaeology und wählte als Beispiel das Grabmal des Philopappos in Athen (114-116 n. Chr.), das sie anhand des Kriteriums der strategischen Selbstrepräsentation analysierte. Sie stellte dessen besondere Lage und Sichtbarkeit auf dem Musenhügel südwestlich der Akropolis heraus und verwies auf die kommagenische Tradition des Hierothesions, indem sie den Nemrut Dağı als Vergleichsbeispiel anführte. Der Grabinhaber Gaius Iulius Antiochus Epiphanes Philopappos, obwohl in Athen lebend und dem cursus honorum (der römischen Ämterlaufbahn) folgend, versuchte er sich als Nachfahre des letzten Königs von Kommagene (Antiochos IV. Epiphanes) und des Gründers der makedonischen Dynastie in Syrien (Seleukos I. Nikator) zu stilisieren, indem er sich selbst neben diesen hellenistischen Herrschern darstellen ließ. Pausanias erwähne zwar das Monument, allerdings ohne nähere Beschreibung und unterstelle Philoppapos eine syrische Identität, was als Ausdruck von bewusster Nichtbeachtung und Bedeutungsherabsetzung seitens des Reiseschriftstellers gewertet werden könne. Die am Grabmal angebrachten lateinischen und griechischen Inschriften unterschieden sich bewusst, um als Medium für die verschiedenen Adressaten im Römischen Griechenland zu fungieren, worin sich Philopappos’ Anspruch zeige, sein Vermächtnis in Erinnerung zu halten.

FRANK URSIN (Halle an der Saale) untersuchte in seinem Vortrag anhand ausgewählter Texte von Plutarch, Aelius Aristides, Appian und Pausanias die Identität griechischer Eliten. Der Vortrag zeigte zunächst Beispiele für den griechischen Freiheitsdiskurs in der Kaiserzeit auf und stellte dar, welchen Einfluss dieser auf das Selbstverständnis der Eliten hatte. Davon ausgehend verwies Ursin auf eine Dichotomie zwischen freiheitsliebender Autonomie einerseits und Romorientierung andererseits (zum Beispiel Mitarbeit in der Reichsverwaltung, Umgang mit der Senatorenschicht etc.). Vor dem Hintergrund dieser Spannung machte er deutlich, dass der Stolz auf die eigene Vergangenheit für die Eliten eine Möglichkeit bot, die eigene Identität in Abgrenzung zur römischen Herrschaft zu bewahren.

Besonders die anschließenden Diskussionsrunden, die gleichzeitig auch eine Gesamtdiskussion der Tagung waren, zeigten den Diskussionsbedarf an. Besprochen wurden vor allem Fragen nach der Chronologisierung der Epoche, die sich nur sehr schwer mit den gängigen Epochen(-grenzen) in Einklang bringen lässt: So bedeutete die Eroberung Athens durch Sulla im 1. Jh. v. Chr. einen großen Einschnitt für die Stadt, während andernorts lokal begrenzte Ereignisse (wirtschaftliche Probleme, Überfälle durch Piraten) signifikante Einschnitte in der Polisgeschichte bedeuteten. Auch wurde diskutiert, wie charakteristisch bestimmte Phänomene für das Untersuchungsfeld sind, das heißt, ob die bisherigen analytischen Kategorien zu einer umfassenden Beschreibung geeignet sind. So wurde deutlich, dass bestimmte Theoriekonzepte mit dem Thema verbunden sind, die einer Neuevaluation bedürfen und erweitert werden müssen, um den Untersuchungsgegenstand differenzierter betrachten zu können. Gerade die Kategorie Identität dient häufig zur Beschreibung bestimmter Phänomene im römischen Griechenland, doch ist es nicht unproblematisch eine griechische und/oder römische Identität definieren zu wollen. Beide existieren nicht in Reinform, sondern verbinden sich häufig mit unterschiedlicher Gewichtung. Gleichzeitig hilft der Begriff bestimmte kulturelle Eigenheiten in Griechenland zu beschreiben, die von Römern und Griechen als solche erkannt und zur gegenseitigen Abgrenzung benutzt wurden.

Die Tagung zeigte, dass die Forschung zum römischen Griechenland ein lebendiges Feld mit immer noch großem Potential ist. Nicht nur konkret inhaltliche Fragen, sondern auch theoretische Herangehensweisen müssen weiter differenziert und an den Untersuchungsgegenstand angepasst werden. Während bestimmte Bereiche (z.B. Athen) schon gut erschlossen sind, fehlt besonders für einzelne Poleis und ihre Geschichte eine gründliche Aufarbeitung. Dass gerade hier wirklich interdisziplinäres Arbeiten fruchtbar ist, zeigten die Vorträge und lassen damit hoffen, dass sich die Wissenschaft dem Thema auch in Zukunft vermehrt zuwendet.

Konferenzübersicht:

Olivia Denk (Basel)
Phenomena of Tradition and Innovation in the Worship of Zeus in Roman Macedonia

Silvio Leone (Freiburg)
Der Kaiserkult auf der Agora von Athen

David Weidgenannt (Frankfurt am Main)
hypomnäma täs oikeiotätos: A Present Past in Epidaurus (2cBC-1cAD)

Tamara Dijkstra (Groningen)
Philopappos' Tomb: A Case of Strategic Self-Representation

Frank Ursin (Halle an der Saale)
„Für die Freiheit und gegen Fremdherrschaft" (App. praef. 30): Identität und Erinnerung im römischen Griechenland

Zitation
Tagungsbericht: Vergangenheit als politische Ressource: Erinnern als Strategie in Griechenland unter römischer Herrschaft, 17.06.2016 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 08.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6687>.
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Veröffentlicht am
08.11.2016
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