HT 2016: „Woran glauben wir und gegen wen kämpfen wir?“ Gewalt im Osteuropäischen Bürgerkrieg, 1918-1921

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Andreas Hilger, Deutsches Historisches Institut Moskau

Zur Erklärung von Gewalt bieten Disziplinen von der Soziologie über die Psychologie bis hin zur Anthropologie und Historiografie diverse Modelle an. In ihnen kommen Strukturen, konkreten situativen Konstellationen und Akteuren verschiedenes Gewicht zu. Mit Blick auf die Handelnden selbst werden individuelle bzw. kollektive Antriebskräfte etwa von ideologischen Motiven bis zu gruppendynamischen Prozessen in unterschiedlichem Maß gewichtet. Dass nur interdisziplinäre Bemühungen zu einem möglichst genauen Verständnis der Gewalt im osteuropäischen Bürgerkrieg nach dem Ersten Weltkrieg führen, dies war ein Ergebnis der Vorträge, Diskussionen und Kommentare der Sektion. Die Gesamtveranstaltung unterstrich dabei auch, dass in der historischen Forschung selbst komparative und transnationale Zugriffe vonnöten sind, um zu tieferen Einsichten in das komplexe, dramatische Gewaltgeschehen im Osteuropa der vermeintlichen Nachkriegszeit zu gelangen. Damit diente die Sektion als ein weiteres Beispiel dafür, wie ergiebig die intensive Beschäftigung mit der osteuropäischen Geschichte für viele Fragestellungen einer allgemeinen, gesamteuropäischen wie globalen Geschichtswissenschaft ist. Das deutliche Interesse an der Veranstaltung mag widerspiegeln, dass sich dieses Bewusstsein in der Zunft zunehmend herausbildet oder gar verfestigt. Es kann aber auch darauf hindeuten, dass über Entwicklungen in Osteuropa außerhalb der engeren Grenzen der Teildisziplin vielfach immer noch recht wenig bekannt ist.

Dankenswerterweise erlaubte die kompakte Organisation, die die mehrheitlich klar strukturierten Vorträge als Einzelpräsentationen diskutierten ließ, einen entsprechenden Forschungsdialog mit durchaus engagierten und konstruktiven Debatten. Es war vor diesem Hintergrund von Bedeutung, dass mehrfach auf die Gefahr hingewiesen wurde, über verschwommene Metaphern oder reduzierte analytische Zugänge den betrachteten Raum selbst zu essentialisieren, um die extreme Gewaltausübung der Konfliktjahre nach dem Ersten Weltkrieg mit ihren ungeheuren Opferzahlen zu erklären. Mit diesem Vorbehalt korrespondierte ganz konkret, dies sei hier vorweggenommen, ein Befund von CHRISTOPHER GILLEY (Hamburg). Er legte in seiner Analyse von Bürgerkriegsparteien im prä-sowjetischen Raum die Durchlässigkeit vermeintlicher Gewalträume offen. Sie konnten von Akteuren immer wieder verlassen oder verschoben werden.

Tatsächlich ist die gesamte Thematik in vielerlei Hinsicht durch fließende bzw. sich auflösende Grenzen charakterisiert. Die Gesamtregion östlich der Elbe wurde mit Ende des Ersten Weltkriegs mental neu vermessen, politisch und in Teilen ethnisch neu zugeschnitten und konfiguriert. Der chronologische Schnitt erscheint bei genauerem Hinsehen ebenfalls weniger scharf, zeitliche Grenzziehungen innerhalb der wandelbaren Betrachtungsräume bleiben notwendigerweise ungenau. Einzelne Gewaltexzesse und -formen waren 1918 nicht präzedenzlos, und zwar nicht nur im hier gegebenen Untersuchungsfeld. Ideologische Dispositionen wiesen über den ausgewählten Zeitraum hinaus eigene Kontinuitäten und Chronologien auf. Sie waren zudem mit transregionalen Denkwelten verbunden. Eine Abgrenzung der osteuropäischen Bürgerkriege von gewalttätig aufgeladenen Prozessen und Ereignissen der Nachkriegszeit in anderen Teilen der Welt bleibt auch von daher mitunter diffus.

Dabei konnten einleitende Überlegungen von WŁODZIMIERZ BORODZIEJ (Warschau /Jena) und MACIEJ GÓRNY (Warschau) jedoch auch einige gemeinsame Kennzeichen der historischen Grundsituation im östlichen Europa nach 1918 markieren. Neben post-imperialen Rahmenbedingungen gehörte zu diesen übergreifenden Charakteristika, dass multiple Konflikte multilateral ausgefochten wurden. Der spätestens seit den asymmetrischen Kriegen der 1970er und 1980er Jahre allgemeiner bekannte Typus des war lord trat hier bereits in Erscheinung. Daneben waren antisemitische Einstellungen immer schnell aktivierbar, vor allem dann, wenn es darum ging, die Suche nach angeblichen Schuldigen, Feinden, oder Verrätern zu kanalisieren. Sie ließen sich nutzen, um Gegensätze aller Art weiter aufzuladen, Spannungen anzuheizen oder – gewaltsam – abzuleiten. So verschachtelten sich in den Bürgerkriegen insgesamt verschiedene Frontstellungen und Kampfparteien. Diese komplexe Mischung führte in den Zeiten schwacher Staatlichkeit dazu, dass kaum flächendeckend und systematisch Gegenmaßnahmen gegen Übergriffe und Gewaltspiralen ergriffen wurden bzw. greifen konnten. Dazu kam, dass in Teilen schon allein die Weiträumigkeit der Konfliktzonen oder der Umstand, dass einzelnen Gebieten international nur periphere Bedeutung beigemessen wurde, Regulierungsanstrengungen von außen gänzlich unterbanden oder zur Wirkungslosigkeit verdammten. Kooperative Lösungen wurden unter diesen Bedingungen ohnehin kaum erwartet.

Allerdings reichen einige wenige Grundmerkmale nicht aus, um das Gesamtgeschehen zu erklären. Dies wurde unter anderem am Beispiel des finnischen Bürgerkriegs diskutiert. Dabei blieb allerdings letztlich offen, ob dessen Konstellationen tatsächlich einen Sonderfall darstellten. Grundsätzlich war mit der Debatte um Reichweiten von Erklärungsansätzen die Frage gestellt, ob sich Gewalt nicht nur in dieser Epoche überhaupt ausreichend und systematisch erklären ließe. Erforderlich ist, um die präsentierten Fallstudien aus dieser Perspektive zu resümieren, zumindest eine genaue Katalogisierung der gewaltfördernden oder -hemmenden Rahmenbedingungen, die genaue Aufhellung entsprechender situativer und längerfristiger Kontexte sowie eine genaue Aufschlüsselung der mehrschichtigen Motivationslagen der Täter.

Derlei genaue Untersuchungen stellen zugleich konventionelle, bis heute recht weit verbreitete generalisierende Erklärungs- und Deutungsmuster auf den Prüfstand. Dazu gehören etwa Annahmen über direkte, quasi unvermeidliche Zusammenhänge von Weltkrieg, Frontgeschehen und Nachkriegsentwicklungen. So problematisierte der Vortrag von ROBERT GERWARTH (Dublin) gängige Überlegungen über die allgemeine Brutalisierung von Gesellschaften durch den Ersten Weltkrieg ebenso wie die grundsätzliche Kontinuität soldatischer Gewaltbereitschaft vom Grabenkampf bis hin zum Bürgerkrieg. Beide Beobachtungen trafen, so Gerwarth, für zahlreiche demobilisierte Soldaten und einzelne Gesellschaft in dieser Pauschalität eben nicht zu. Damit reduziert sich auch ihre Erklärungskraft für das osteuropäische Geschehen. Politisch-ideologische Motivationen rechter paramilitärischer Kräfte sind in ihrer Bedeutung ebenfalls nicht zu verabsolutieren. Immerhin war das rechte Lager international in verschiedene Fraktionen gespalten. Gemeinsam war ihnen allerdings die Ablehnung von Kommunismus, Demokratie, Juden und multiethnischen Ordnungen sowie das latente Gefühl, von linken Kräften bedroht zu sein. In einer Nachkriegssituation, in der weder substantielle politische noch biografische Zukunftsperspektiven geklärt waren, schien Gewalt zudem eine besondere Funktion zu erfüllen. Sie erschien in der Vorstellungswelt vieler rechter Paramilitärs als ein Gewitter, das allein unübersehbare Problemlagen und Gefahren zu bereinigen vermochte. Eine starke staatliche Instanz, die diese Aufgaben in rechtem Sinne übernommen hätte, existierte nicht. Daher sahen sich diese Gruppen ermächtigt, vielleicht sogar geradezu genötigt, selbst entsprechend in Aktion zu treten.

Doch auch reguläre Streitkräfte, die beispielsweise für das neue Polen Ordnung schaffen sollten, folgten in dieser Zeit (auch) noch eigenen Vorstellungen und konnten eigenen Agenden nachgehen. JOCHEN BÖHLER (Jena) untersuchte den Einsatz von polnischen Armeeangehörigen unter unterschiedlichen regionalen Rahmenbedingungen und in differierenden konkreten Spannungssituationen. Hier mündete die Wechselwirkung von individuellen Dispositionen, ethnisch und konfessionell aufgeladenen Gegensätzen und unmittelbaren Sicherheitslagen in Gewalt. In der Analyse schlüsselte Böhler zudem die individuellen Wahrnehmungs- und Motivationsebenen des soldatischen Kollektivs auf. Auf diese Weise beschrieb er für die Akteure sowohl Vorbedingungen als auch Funktionen von Feindbildern und Gewaltanwendung. Beispielsweise galten jüdische Einwohner von Lemberg vielen Soldaten politisch als illoyal, da sie den polnischen Nationalstaat nicht zu unterstützen schienen. Sie waren aus christlichen Traditionen und sozialen Gründen heraus ohnehin als negative Elemente charakterisiert. Ihre Verfolgung bot den Tätern zugleich ein emotionales Ventil in angespannten Lagen. Schließlich konnte die ungebremste Gewaltausübung unter anderem in Form von Plünderungen und Vergewaltigungen individuelle Triebe befriedigen. Aus der Sicht von unten mögen sich somit manche Unterschiede zwischen polnischen Soldaten und irregulären Kämpfern auflösen. Die genannten Einstellungen und Motive konnten angesichts der noch jungen, prekären Staatlichkeit Polens auch auf der Seite der vermeintlichen Ordnungsmacht Armee entfalten.

Beobachtungen von PATRICK HOULIHAN (Chicago) über die Bedeutung individueller Lebensverläufe und kollektiver Milieus für Erfahrungen und Aktivitäten der Kriegs- und Nachkriegsjahre differenzierten die Untersuchung der Akteursebene schließlich noch weiter aus. Im Gesamtbild gewinnen individuelle Handelnde in der komplexen Gewaltgleichung von Ordnungsrahmen, akuter Situation, Ideologie, Gewaltbereitschaft usw. durch eine solche Auffächerung nicht unbedingt noch mehr an Gewicht. Es wurde aber im Gesamtzusammenhang der Sektion gerade aus diesem Blickwinkel heraus deutlich, dass die Relationen zwischen den verschiedenen Faktoren, die zur Erklärung von Gewalt herangezogen werden müssen, veränderbar sind. Sie können sich im konkreten Einzelfall weiterhin verschieben. Mit diesem Befund korrespondierten im Übrigen Beobachtungen des bereits erwähnten Vortrags von Gilley. Akteure der Partisanenkriege konnten demnach durchaus auch mehrfach die Seiten wechseln. Zudem dienten auch hier Programmatiken zum Teil vor allem der Mobilisierung neuer Kräfte und weniger als Ansporn für die Programmatiker selbst.

Im Ganzen haben die Vorträge sowie die entsprechenden Diskussionen weitere Schneisen in die Geschichte der Gewalt im osteuropäischen Bürgerkrieg seit 1918 geschlagen. Widersprüche oder Unebenheiten im Gesamtbild lassen sich offenkundig produktiv nutzen. Die Kommentatoren JÖRN LEONHARD (Freiburg) und WOLFGANG KNÖBL (Hamburg) lieferten der weiteren Forschung, einmal aus Sicht des Historikers und einmal aus Sicht des Soziologen, wichtige Vorschläge und anregende kritische Überlegungen. Hier können ebenfalls nur einzelne Punkte hervorgehoben werden. Dazu gehört insbesondere die Notwendigkeit, unter anderem in der Analyse von Gesamtgeschehen, Handelnden und Rahmenbedingungen trennscharfe Definitionen und adäquate, gegebenenfalls auch neue Begrifflichkeiten zu entwickeln. Sie können ihrerseits zu tiefenscharfen Fragestellungen führen, mittels derer die Faktoren, die im Verständnis der Gewalt im Osteuropäischen Bürgerkrieg 1918 bis 1921 ihre Rolle spielen, vermessen und ergänzt werden können. Die Liste generell relevanter Aspekte umfasst unter anderem sicherlich das erodierende Gewaltmonopol von Staaten, die Ethnisierung sozioökonomischer und politischer Konflikte, Erfahrungshaushalte, Erwartungshorizonte und Handlungsdispositionen, das (neue) Verhältnis zwischen Militär und Zivilbevölkerung oder politisch-ideologische Vorstellungen von gelungenen Ordnungen oder angemessenen Mittel – vollständig ist sie aber offenkundig noch nicht.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Joachim von Puttkamer (Jena)

Włodzimierz Borodziej (Warschau / Jena) / Maciej Górny (Warschau): Einleitung: Der Krieg nach dem Kriege – Politische Visionen und Gewalt im Osteuropäischen Bürgerkrieg

Robert Gerwarth (Dublin): Zwischen Restauration und Faschismus. Rechte paramilitärische Gewalt nach dem Ersten Weltkrieg

Jochen Böhler (Jena): Jenseits von Nationalstaat und Revolution. Gesinnung und Gewalt regulärer Streitkräfte gegen Zivilisten in Ostmitteleuropa, 1918–1921

Christopher Gilley (Hamburg): Glaube an den allukrainischen/allrussischen Aufstand. Narrative der Verzweiflung im Russischen Bürgerkrieg

Patrick Houlihan (Chicago): Katholizismus und der Große Krieg. Religion und Alltag in Ostmitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg

Wolfgang Knöbl (Hamburg) / Jörn Leonhard (Freiburg): Kommentar: Gesinnung und Gewalt im Osteuropäischen Bürgerkrieg

Joachim von Puttkammer (Jena): Moderation

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: „Woran glauben wir und gegen wen kämpfen wir?“ Gewalt im Osteuropäischen Bürgerkrieg, 1918-1921, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 22.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6753>.
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Veröffentlicht am
22.10.2016
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