Wissenschaften und Künste aus Italien. Kulturtransfer von Süd nach Nord vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Ort
Kassel
Veranstalter
Italien-Netzwerk, Universität Kassel
Datum
23.06.2016
Von
Daniel Gneckow, Fachbereich 05 Gesellschaftswissenschaften, Universität Kassel

Seit Antike und Mittelalter bildet Italien den Ausgangspunkt eines vielfältigen europäischen Kultur- und Wissenstransfers. Dies nutzte das Italien-Netzwerk der Universität Kassel am 23. Juni 2016, um bei seinem nach 2015 nunmehr zweiten Italientag die Vernetzungen zwischen Italien und Hessen, insbesondere Kassel, herauszustellen. Angela Schrott, Angelika Bönker-Vallon, Ingrid Baumgärtner und Nikola Roßbach (alle Kassel), die als Initiatorinnen Begrüßung und Moderation übernahmen, unterstrichen das Ziel der Veranstaltung, die vielfältigen wissenschaftsgeschichtlichen und künstlerischen Beziehungen der nordhessischen Stadt zum transalpinen Süden interdisziplinär und epochenübergreifend aufzuzeigen. In diesem Kontext stellten sie auch das neue Italicum-Zertifikat der Universität vor, das Studierenden künftig die Möglichkeit bietet, ihre sprachlichen und kulturellen Italien-Kompetenzen in modularisierter Form auszubauen.

Zur thematischen Einstimmung präsentierte FRANCESCA MICHELINI (Kassel) einige Episoden aus dem Leben des Anfang 2016 verstorbenen Umberto Eco. Die 1967 von Eco initiierte erste Verleihung des Premio Fata, mit dem die schlechtesten Werke des Jahres prämiert werden, die als Interviste Impossibili bekannt gewordenen Interviews sowie der durch Eco bedingte Erfolg einer italienischen Fernsehshow veranschaulichten den feinsinnigen Humor des Sprachwissenschaftlers und Literaten.

INGRID BAUMGÄRTNER (Kassel) eröffnete die nachmittäglichen Vorträge mit der Vorstellung eines in der Handschriftenabteilung der Universitäts- und Murhardschen Bibliothek in Kassel aufbewahrten Atlanten aus der Werkstatt des venezianischen Kartographen Battista Agnese. Den 1542 gefertigten Weltatlas hatten die Pfalzgrafen bei Rhein angekauft, ehe er 1662 als Erbe an die Landgrafschaft Hessen fiel. Der aus Genua stammende Agnese habe, so Baumgärtner, im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, die oftmals auf die moderne Drucktechnik umstiegen, nahezu seriell und ausschließlich hochwertige handgemachte Portulankarten produziert. Die Portolankartographie, die sich vor allem in italienischen Mittelmeerstädten wie Genua und Venedig, auf der Insel Mallorca und in Portugal etablierte, habe in der Forschung lange als Ausdruck des Fortschritts, der Modernität und der geodätischen Präzision gegolten, da sie im Gegensatz zu den stärker religiös geprägten mittelalterlichen Weltkarten modernen Darstellungsweisen entsprach. So beruhe die Darstellung des Küstenverlaufs anhand der Namen von Häfen auf dem ptolemäischen Weltbild sowie auf Erfahrungsberichten von Reisenden. Im Kasseler Exemplar von 1542, das aus 16 kleinformatigen Pergamentblättern bestehe, sind vier Einheiten zu unterscheiden: Zunächst wird die Stellung der Erde im Kosmos mithilfe des Planetensystems, der Sternzeichen und des Sonnenstands definiert. Anschließend werden die drei großen Ozeane abgebildet. Es folgen Küstenkarten Europas und des Mittelmeers sowie zuletzt zwei unterschiedliche Weltkarten. Die Atlanten fungierten, so Baumgärtner, als Kunst- und Prestigeobjekte, sie dienten zur Repräsentation von Luxus, Macht und Gelehrsamkeit, wenngleich der in ihnen veranschaulichte geographische Wissensstand schnell überholt war.

Anhand der Rezeption Agostino Ramellis stellte NIKOLA ROßBACH (Kassel) die zunehmende Prägung des 17. Jahrhunderts durch die Mechanisierung heraus. Die barocken Maschinen, oftmals stilisiert und theatralisch in Szene gesetzt, ermöglichten Beschleunigung und Technisierung, ohne utopische Elemente wie Perpetua Mobilia auszuschließen. In den vielfach rezipierten Maschinenbüchern, auch als Maschinentheater bezeichnet, trafen somit reale und fiktionale Objekte aufeinander, wenngleich sich der utopische Bezug vom 18. Jahrhundert an verlor. Da die Verfasser technischer Literatur gut vernetzt waren, fanden die italienischen Werke auch in Deutschland Verbreitung. Ramelli präsentierte in seinem 1588 verfassten ersten Maschinenbuch insgesamt 195 Geräte. Einige davon verfügten über einen großen praktischen Wert, andere waren fiktional oder bereits vorher bekannt, so dass die Ansichten zu Ramellis Originalität und zur Praktikabilität seiner Produkte divergierten. Trotzdem entfaltete er, Roßbach zufolge, eine enorme Wirkungsmacht. Sein Werk beeinflusste zahlreiche deutschsprachige Maschinenbücher des 18. Jahrhunderts, darunter das erste deutsche Maschinentheater von Heinrich Zeising und Hieronymus Megiser. Mit Salomon de Caus setzte allerdings eine Kritik an der mangelnden praktischen Verwendbarkeit von Ramellis Maschinen ein, welche die weitere Rezeption bestimmte: So verwarf Leonhard Christoph Sturm 1718 die Schriften seiner Vorgänger. Ihren Höhe- und zugleich Endpunkt erreichten die späteren deutschen Maschinenbücher, die von einem sachlich-rationalen Verständnis gekennzeichnet waren, mit dem „Theatrum Machinarum“ von Jacop Leupold.

ANGELIKA BÖNKER-VALLON (Kassel) verdeutlichte die interkulturelle Relevanz italienischer Flüchtlinge während und nach der Reformation. Das Sprichwort Inglese italianato è diavolo incarnato verlieh der Befürchtung englischer Gelehrter Ausdruck, dass Engländer, die nach Italien gingen, die englische Lebensart verlören. Aufgrund dieser anti-italienischen Stimmung habe sich der englische Wissenschaftler Roger Ascham gegen die Berufung italienischer Gelehrter wie Alberico Gentili an Englands Universitäten eingesetzt, auch wenn er in seiner Funktion als Erzieher am humanistisch geprägten Königshof durchaus italophil agierte. Das Verhältnis sei, so Bönker-Vallon, also höchst ambivalent gewesen. Einen höfischen Kulturtransfer ermöglichte etwa Prinzessin Elisabeth, die aufgrund ihrer Italienisch-Kenntnisse den Austausch mit Italien auf diplomatischer Ebene förderte. Humanistische Motive bewegten zahlreiche Engländer zur Italienfahrt und sogar zur Ausbildung an Universitäten wie Padua; Italiener reisten gerne nach England. Gleichzeitig führten aber die Konflikte König Heinrichs VIII. mit dem Papst auch zu einer negativen Konnotation Italiens, obwohl das englische Interesse an der Reformation wiederum eine verstärkte Rezeption italienischer Reformatoren auslöste. Resultat war eine „Säkularisierung“ des Kulturimports, der sich künftig auf Rechtswissenschaften und Kulturphilosophie konzentrierte und mit einem zunehmenden Wohlgefallen an der italienischen Sprache verbunden war.

Über die Verarbeitung Galileo Galileis durch Immanuel Kant und Bertolt Brecht referierte GOTTFRIED HEINEMANN (Kassel). Die außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen Galileis – so unter anderem seine bedeutenden Beiträge zur Bewegungslehre, die Nutzung des Teleskops zur Sternenbeobachtung und die Propagierung des Kopernikanischen Weltbilds, welches zu einem Inquisitionsprozess und dem Widerruf Galileis führte – hätten eine vielfältige Rezeption seiner Person ermöglicht. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts habe Galilei, zu einer nationalen Figur erhoben, im deutschen Kulturprotestantismus eine große Wirkungsmacht entfaltet. Ausschlaggebend dafür war, wie Heinemann betonte, dass Galilei eine neue Systematik des Bewegungsbegriffs etabliert habe, indem er in Abhängigkeit von der Bewegungsrichtung und der Beschleunigung verschiedene Bewegungsarten voneinander abgrenzte und dazu das erste theoriegeleitete Experiment durchführte. In der Folge bediente sich Bertolt Brecht der Galilei-Figur, um die Verantwortung des Wissenschaftlers, seine Erkenntnisse zum Wohl der Menschen einzusetzen, herauszustellen. Dieser appellative Charakter von Brechts Galilei entstand unter dem Eindruck der potentiellen Gefahren der Naturwissenschaft, etwa der Atombombe, für die Menschheit. Galileis Widerruf kann damit, so Heinemann, als eine Art hippokratischer Eid des Wissenschaftlers interpretiert werden. Schließlich vertrat Heinemann die These, dass Brecht als die Verkörperung Galileis betrachtet werden könnte, der seine kommunistische Überzeugung angesichts der Realpolitik des Ostblocks widerrufen musste.

DÉSIRÉE MONSEES (Kassel) beleuchtete die Reisen italienischer Maler des 18. Jahrhunderts zur Partizipation am europäischen Kunstmarkt. Die venezianische Malerei hätte sich, so Monsees, im 17. Jahrhundert in einer tiefgreifenden Krise befunden, weshalb sich zahlreiche Künstler veranlasst sahen, ins Ausland zu gehen. So verließen die besten Maler wegen Auftragsmangel, schlechter Bezahlung und ausländischer Konkurrenz die Stadt, in der sie nicht von ihrer Malerei leben konnten. Venedig wäre zu dieser Zeit ein kosmopolitisches Handelszentrum, jedoch schon lange, spätestens seit der Pestwelle von 1630, nicht mehr eine Großmacht gewesen. Monsees veranschaulichte die Situation am Beispiel des international tätigen Künstlers Sebastiano Ricci (1659-1734), der unter anderem in London, Paris, Florenz und Wien wirkte und bereits früh für fürstliche Auftraggeber außerhalb Venedigs arbeitete. Das Selbstporträt Riccis verweist auf den Status eines Malerfürsten, für den das Reisen vorrangig eine Karrierestrategie war, um zu Wohlstand zu gelangen. Auffällig sind, Monsees zufolge, die gemeinsamen Stationen vieler Künstler, deren wechselvolles Verhältnis, wenngleich von Konkurrenz geprägt, zuweilen freundschaftliche Züge annahm. So dienten Reisen nicht nur der Erhaltung des Lebensstandards, sondern auch der Erlangung von internationalem Ruhm.

Momente des Kulturtransfers von Bildern, Ideen und Künstlern aus Italien in Kassel präsentierte MARTINA SITT (Kassel). Ein zentraler Bestandteil davon waren die Reisen deutscher Künstler nach Italien. Die hessischen Landgrafen förderten, so Sitt, diesen Austausch, indem sie regelmäßig Stipendiaten nach Italien schickten, selbst dorthin fuhren oder zumindest italienische Motive rezipierten. So begab sich Landgraf Wilhelm IV. zwar nicht nach Italien, aber im Hintergrund eines Doppelgemäldes mit seiner Frau Sabina von Württemberg ist der 1568 errichtete botanische Garten von Kassel zu erkennen, der erste nördlich der Alpen nach der Entstehung der Gattung in Pisa und Padua. Landgraf Carl hingegen, der selbst nach Italien reiste, etablierte die Kunst, Mosaik-Bilder anzufertigen, in Kassel. Ein weiteres Zeugnis der Verbindung zwischen Hessen und Italien war, Sitt zufolge, das Reiseskizzenbuch, das der weitgehend unbekannte Maler Ludwig Heyd nach Kassel mitbrachte, um Werke nach italienischem Vorbild anzufertigen. Unter Landgraf Wilhelm IX. erstellte der Hofbaumeister Heinrich Christpoh Jussow eine Kopie des kapitolinischen Löwen für die Kasseler Löwenburg. Italienische Einflüsse manifestierten sich ebenso im Kasseler Marmorbad, welches nicht nur italienischen Modellen folgte, sondern sich auch durch den physischen Transfer von Kunstwerken und Bauarbeitern des französischen Architekten Pierre-Étienne Monnot auszeichnete.

Insgesamt wurden zahlreiche Beispiele für die Verbundenheit zwischen Deutschland, Hessen und Italien vorgestellt. Dieser Transfer hat seit dem ausgehenden Mittelalter viele Gesichter: Kartographen machten nach der Entdeckung der neuen Welt ihrem erlauchten Publikum die geographischen Erweiterungen begreifbar; maschinenkundige Ingenieure verfassten einflussreiche, auch im deutschsprachigen Raum bekannte Technikbücher, die Wegbereiter einer neuen Physik sorgten für eine bis ins 20. Jahrhundert wirkende wissenschaftliche Revolution. Gleichzeitig vollzogen sich mit der Reformation vielfältige interkulturelle Begegnungen. Geradezu selbstverständlich stand Italien im 17. und 18. Jahrhundert für den Transfer von Kunst und Kunstwerken vom Süden in den Norden. Italienreisen von Künstlern, Italienstipendien für Akademiekünstler sowie die Karrieremöglichkeiten für Italiener auf dem europäischen Kunstmarkt boten Anlass für Wettbewerb und Austausch. Die Vorträge, die mehr als 70 begeisterte Studierende und Gasthörer anzogen, eröffneten nicht nur neue Chancen, das Wissen über den Kulturtransfer aus dem Süden interdisziplinär zu vertiefen, sondern lieferten auch verschiedenste Ansatzpunkte für eine weitere epochenübergreifende Beschäftigung mit Italien.

Konferenzübersicht:

Angela Schrott (Kassel) / Nikola Roßbach (Kassel): Begrüßung

Francesca Michelini (Kassel): Episoden aus dem Leben Umberto Ecos

Angelika Bönker-Vallon (Kassel): Moderation

Ingrid Baumgärtner (Kassel): Atlanten über/für die Welt. Battista Agneses venezianische Kartographie in Kassel

Nikola Roßbach (Kassel): „die gantze maschine ist ebenfals gantz schlecht“. Frühneuzeitlicher Wissenstransfer von italienischen zu deutschen Maschinenbüchern am Beispiel der Ramelli-Rezeption

Ingrid Baumgärtner (Kassel): Moderation

Angelika Bönker-Vallon (Kassel): Humanismus, Renaissance, Religion: Die interkulturelle Bedeutung italienischer Flüchtlinge während und nach der Reformation

Gottfried Heinemann (Kassel): Kronzeuge Galilei bei Kant und Brecht

Nikola Roßbach (Kassel): Moderation

Désirée Monsees (Kassel): Reisen für den Erfolg – italienische Maler des 18. Jahrhunderts auf dem europäischen Kunstmarkt

Martina Sitt (Kassel): Aus Italien – Kasseler Momente des Kulturtransfers von Bildern, Ideen und Künstlern

Zitation
Tagungsbericht: Wissenschaften und Künste aus Italien. Kulturtransfer von Süd nach Nord vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert, 23.06.2016 Kassel, in: H-Soz-Kult, 20.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6758>.
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Veröffentlicht am
20.10.2016
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