Krieg und Frieden im Spiegel des Sozialismus, 1914-1918

Ort
Würzburg
Veranstalter
Frank Jacob, City University of New York; Riccardo Altieri, Universität Würzburg; Kurt-Eisner-Verein München
Datum
16.07.2016 - 17.07.2016
Von
Frank Jacob, City University of New York (QCC)

Das Interesse am Ersten Weltkrieg ist ungebrochen und die Zahl der Studien zu den Jahren 1914-1918, die in den vergangenen drei Jahren erschienen sind, ist kaum noch zu überblicken. Ungewöhnlich ist jedoch, dass recht wenig zur linken Opposition und ihrer Positionen gegen den Krieg gesagt wurde, wenn es um die öffentliche Diskussion des „Großen Krieges“ ging. Die zweitägige Tagung in Würzburg, die von Frank Jacob (New York) und Riccardo Altieri (Würzburg) in Zusammenarbeit mit dem Kurt-Eisner-Verein (München) organisiert wurde, sollte dazu beitragen, diesen Zustand zu ändern. Es ging darum, die deutsche und internationale Linke zur Zeit des Ersten Weltkrieges zu betrachten und zu ergründen, wie sich innerhalb dieses Lagers die Diskussion über denselben gestaltete. Die meist biographischen Zugänge lieferten dabei ein insgesamt doch sehr vielschichtiges Bild, das dazu beitragen kann, auch die bisher weniger in den Fokus gerückten Diskussionen des politisch linken Spektrums zu verstehen.

Im ersten Panel stellte SEBASTIAN KUNZE (Potsdam) die Haltung Gustav Landauers zum Krieg dar, der sich in verschiedenen Organisationen engagiert hatte, um seiner pazifistischen Haltung Ausdruck zu verleihen, bevor er schließlich von Kurt Eisner nach München gerufen wurde, um bei der Etablierung des neuen Freistaates mitzuwirken. JOHANNES EBERT (Frankfurt) beschrieb im Anschluss daran den Wandel von Carlo Mierendorff vom Kriegsfreiwilligen zum Sozialisten und schilderte dadurch den Werdegang eines linken Intellektuellen in der Region zwischen Frankfurt und Heidelberg. Dabei zeigte Ebert anhand ausgewählter Quellenbeispiele, in welcher Form sich Mierendorff in seinen Schriften gegen den Krieg engagierte. BÄRBEL SUNDERBRINK (Detmold) gab einen detaillierten Einblick in die Rolle Felix Fechenbachs innerhalb des „revolutionären Think Tanks“ um Eisner, wo er ein demokratisches Rätesystem, also nicht eines nach sowjetischem Vorbild, für geeignet hielt, den Krieg von innen heraus zu beenden und die Gesellschaft als solche in eine bessere Zukunft zu führen. MARCEL BOIS (Hamburg) schloss das Panel schließlich mit einer Präsentation zu Franz Pfemfert und seinen Publikationen in der von ihm herausgegeben Zeitschrift „Die Aktion“, die sich aktiv gegen den Krieg wandte, aber doch dazu in der Lage war, die Soldaten an der Front zu erreichen.

Das zweite Panel befasste sich mit „Gender-Perspektiven“ auf den sozialistischen Widerstand gegen den Krieg, wobei der Zugang hier ebenfalls ein zumeist biographischer war. Nach einem Überblick der Geschichte sozialistischer Frauen im Ersten Weltkrieg von GISELA NOTZ (Berlin) folgten Beiträge von CORNMELIA BADDACK (Köln) und SEBASTIAN ENGELMANN (Erfurt) zu Lore Agnes und Minna Specht.

Am Ende des ersten Tages stand schließlich ein drittes Panel zur Rezeption des Krieges innerhalb der sozialistischen Linken. WOLFGANG KRUSE (Hagen) stellte dabei das Problem der politischen Verortung der Sozialdemokratie vor dem Hintergrund von Burgfrieden und Revisionismus dar, wobei der betonte, dass eine solche Verortung nach klassischen link-rechts Schemata kaum möglich sei und sich die innerparteilichen Auseinandersetzungen eher an einem Konflikt nationaler oder internationaler Perspektiven nachvollziehen lasse. SOPHIA EBERT (Oldenburg) stellte danach die Verarbeitung des Krieges in Kurt Eisners Drama Mors Immortalis vor, der während seiner Zeit im Gefängnis 1918 vier Einakter, die die Situation des Krieges aus der Perspektive des späteren Ministerpräsidenten gut nachvollziehbar machten, geschrieben hatte. BERNARD DEGEN (Basel) erweiterte die bisher nationale Perspektive durch eine Untersuchung zur kritischen Rolle von Robert Grimm und der Berner Tagwacht, die vielen Sozialisten im Schweizer Exil als Sprachrohr diente, um den Krieg zu kritisieren, wobei eines der wichtigsten Themen der Diskussion die Rolle der deutschen Sozialdemokratie zum Krieg gewesen war. Abgeschlossen wurde das Panel durch einen Vortrag von TOBIAS HIRSCHMÜLLER (Eichstätt), der sich mit dem Ersten Weltkrieg innerhalb der kommunistischen Erinnerungskultur der Weimarer Republik auseinandersetzte.

Der zweite Tag der Tagung begann mit einem Panel zum Sozialismus während des Ersten Weltkrieges in Österreich und der Schweiz. Dabei analysierten STEPHAN RINDLISBACHER (Bern) die Perspektiven der Zimmerwalder Bewegung zwischen 1915 und 1917 und MARGA VOIGT (Berlin) die Rolle der sozialistischen Frauenkonferenz vom 26. bis 28. März 1915. Dabei wurde deutlich, dass eine Diskussion des Krieges besonders in der neutralen Schweiz möglich war, weshalb sich die Sozialistinnen und Sozialisten gerade der dort stattfindenden Konferenzen und Treffen bedienten, um den internationalen Austausch trotz des Krieges fortzuführen. JOHN ZIMMERMANN (Potsdam) legte seinen Fokus hingegen auf Österreich und analysierte das Attentat Friedrich Adlers auf den österreichischen Ministerpräsidenten Stürgkh 1916, um zu zeigen, nach welchen Kriterien Adler seine Aktion gegen den Krieg geplant und ausgeführt hatte.

Das letzte Panel der Tagung beschäftigte sich schlussendlich mit den internationalen Perspektiven auf die Interrelation zwischen Krieg und Sozialismus. RAINER TOSSTORFF (Mainz) widmete sich den gewerkschaftlich organisierten Syndikalisten Frankreichs, während RICCARDO ALTIERI (Würzburg) die Rolle der britischen Sozialisten für die Kritik am Weltkrieg verdeutlichte. LUTZ HÄFNER (Bielefeld) behandelte in seinem Vortrag die russischen Sozialrevolutionäre, wobei es ihm gelang, die unterschiedlichen Positionen zum Krieg, die zwischen „Vaterlandsverteidigung“ und „Defätismus“ rangierten, anschaulich darzustellen. Der letzte Beitrag von MARIO KESSLER (Potsdam) analysierte schließlich die Rolle der Poale Zion zwischen 1914 und 1918 und damit die des Zionistischen Sozialismus während des Ersten Weltkrieges. Diese äußerte nicht nur Kritik am Krieg per se, sondern propagierte gleichzeitig die Errichtung eines sozialistischen jüdischen Staates.

Insgesamt betrachtet haben die vielen Vorträge einen erkenntnisreichen Einblick in das sozialistische Spektrum des Ersten Weltkrieges gewährt und gezeigt, dass hierbei ebenfalls ganz unterschiedliche Positionen vertreten wurden und es sich lohnt, diese im Detail zu ergründen. Nur so kann eine umfassende Erkenntnis und die Wirkmächtigkeit des Ersten Weltkriegs im Hinblick auf das politische Spektrum zwischen 1914 und 1918 erzielt werden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Frank Jacob (New York)

Biographische Fallstudien
Moderation: Swen Steinberg (Dresden)

Sebastian Kunze (Potsdam): Mit Gustav Landauer durch den Ersten Weltkrieg.
Johannes Ebert (Frankfurt): "Der Krieg hatte uns dorthin geführt". Carlo Mierendorffs Wandel vom Kriegsfreiwilligen zum Sozialisten.
Bärbel Sunderbrink (Detmold): Eisners Vermächtnis? Felix Fechenbachs ambivalente Position zwischen Rätesystem und demokratischem Parlamentarismus.
Marcel Bois (Hamburg): "Das andere Deutschland verkörperte Pfemfert" Die Zeitschrift "Die Aktion" und der Erste Weltkrieg.

Gender-Perspektiven
Moderation: Riccardo Altieri (Würzburg)

Gisela Notz (Berlin): Anpassung und Widerstand sozialistischer Frauen im Ersten Weltkrieg.
Cornelia Baddack (Köln): Sozialistische Kriegsgegnerinnen in Düsseldorf und Berlin: Das pazifistische Engagement von Lore Agnes (1876-1953) und Martha Arendsee (1885-1953) im Ersten Weltkrieg.
Sebastian Engelmann (Erfurt): Minna Specht - Eine vergessene sozialistische Pädagogin. Antimilitaristische Friedenserziehung und Pädagogische Ethik.

Rezeptionen
Moderation: Cornelia Baddack (Köln)

Sophia Ebert (Oldenburg): Expressionistische Kriegskritik. Kurt Eisners Dramenzyklus Mors immortalis.
Wolfgang Kruse (Hagen): Burgfrieden und Revisionismus. Zum Problem der politischen Verortung sozialdemokratischer Antikriegspolitik.
Swen Steinberg (Dresden): Der solidarische Blick. Die Kurzgeschichtenbände (1916-1918) des sozialdemokratischen Schriftsteller-Journalisten Edgar Hahnewald als Spiegel der Ostfront.
Bernard Degen (Basel): Robert Grimm und die Berner Tagwacht.
Tobias Hirschmüller (Eichstätt): Für den "Frontsoldaten" und gegen den "imperialistischen Krieg". Der Erste Weltkrieg in der Erinnerungskultur des deutschen Kommunismus während der Weimarer Republik.

Österreich und Schweiz
Moderation: Sophia Ebert (Oldenburg)

Stephan Rindlisbacher (Bern): Internationale Perspektiven Gemeinsam gegen den Krieg? Die Zimmerwalder Bewegung zwischen 1915 und 1917.
Marga Voigt (Berlin): 100 Jahre Berner internationale sozialistische Frauenkonferenz für den Frieden, 26. bis 28. März 1915.
John Zimmermann (Potsdam): "Aber das Nichtstun gegen den Krieg ist auch eine Verantwortung für vergossenes Blut" - Friedrich Adler und sein Attentat auf den österreichischen Ministerpräsidenten Stürgkh 1916.

Internationale Perspektiven
Moderation: Frank Jacob (New York)

Reiner Tosstorff (Mainz): "Le noyau" - Die revolutionären Syndikalisten um La vie ouvrière im Schnittpunkt von französischer und internationaler Anti-Kriegsopposition.
Riccardo Altieri (Würzburg): "Britische Sozialisten vor und während des Ersten Weltkrieges -
Berührungspunkte von Karl Marx bis Lenin und die Angst der Aristokratie."
Lutz Häfner (Bielefeld): Zwischen "Vaterlandsverteidigung" und "Defätismus": die russische Partei der Sozialrevolutionäre und die "Dritte Kraft" als Weg aus dem Krieg.
Mario Kessler (Potsdam): Zionistischer Sozialismus im Ersten Weltkrieg: Die Poale Zon 1914-1918.

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Krieg und Frieden im Spiegel des Sozialismus, 1914-1918, 16.07.2016 – 17.07.2016 Würzburg, in: H-Soz-Kult, 31.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6772>.
Redaktion
Veröffentlicht am
31.10.2016
Beiträger