HT 2016: Wie es wirklich war – Repräsentationen von Geschichte im öffentlichen Raum. Wege zu einem geschichtswissenschaftlichen Forschungsprogramm in der Public History

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Rüdiger Brandis, Graduiertenschule für Geisteswissenschaften Göttingen, Georg-August-Universität Göttingen

Public History als geschichtswissenschaftliches Arbeitsfeld befasst sich mit der Produktion, Repräsentation und Rezeption von Geschichte im öffentlichen Raum. Dabei liegt der Fokus bisher vor allem auf praktischen Fragen aus den Bereichen Museum, Bildung und Journalismus. Was insbesondere der deutschen Public History bisher fehlt, ist ein Forschungsprogramm, das auch die theoretischen und methodischen Herausforderungen des Feldes systematisch in den Blick nimmt, um der Praxis eine originär geschichtswissenschaftliche Begleitforschung beiseite zu stellen, welche auf der anglo-amerikanischen Public-History-Forschung und vergleichbaren Traditionen der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik aufbaut. CORD ARENDES (Heidelberg) wies in seiner Einführung auf die problematische Trennung von akademischer und sogenannter angewandter Geschichtsschreibung hin. Diese Trennung gelte es zu überwinden. Dies war auch ein Anliegen der folgenden Vorträge. Die von Thorsten Logge (Hamburg), Christoph Hilgert (München) und Claudia Nickel (Göttingen) organisierte Sektion präsentierte einen möglichen Aufbau eines solchen Programms, indem sie Performativität, Medialität und Authentizität als zentrale Analysekategorien vorschlug, um den grundlegenden Inszenierungscharakter jeder Form von Geschichtsdarstellungen analysieren zu können.

Performanztheoretische Ansätze gehen der Frage nach, auf welche Weise menschliches Handeln Sinnzusammenhänge erschafft und weitervermittelt. Wesentlich sei dabei, so THORSTEN LOGGE (Hamburg), dass eine performative Handlung nicht eine vorher bereits definierte Botschaft oder Bedeutung übermittle, sondern diese durch ihre Ausführung erst schaffe. Geschichte im öffentlichen Raum lasse sich ohne die Betrachtung ihres Aufführungscharakters nicht sinnvoll fassen. Diese Repräsentationen bleiben immer Inszenierungen von Vergangenheit, die durch einen diskursiven Aushandlungsprozess und eine mediale Formung entstehen.

Logge veranschaulichte dies am Beispiel des „Battle of Gettysburg“-Panoramas, das in den 1880er-Jahren der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Zeitgenössische Beschreibungen von Besucher/innen des Panoramas betonen besonders die Detailtreue der Installation, bei deren Anblick sogar Veteranen der Schlacht sich an den Ort des Geschehens zurückversetzt fühlen würden. Im Zentrum stehe demnach die Erzeugung eines Immersionsgefühls bei der Interaktion mit dem Medium Panorama. Dabei spiele die akkurate Darstellung zwar eine wesentliche Rolle, ebenso bedeutend sei aber die Erwartungshaltung der Besucher/innen. Mitgebrachtes, zeitgenössisches Wissen bestimme die narrative Einordnung des Dargestellten. Die Panoramen stellten keine reine Nacherzählung von Geschichte dar, sondern böten ein körperliches und emotionales Nacherleben der Schlacht an. Gerade deswegen, so Logge, sei Performativität eine sinnvolle Analysekategorie für die Public History. Sie lege den Fokus gleichzeitig auf alle Akteur/innen des Aushandlungs- und Formungsprozesses historischen Wissens und damit auf die Versammlungsöffentlichkeiten, in denen dieses Wissen von konkret identifizierbaren Akteur/innen verhandelt und hergestellt werde. Die wissenschaftliche Korrektheit historischer Darstellungen solle zudem nicht im Mittelpunkt kritischer Bewertungen stehen, solange es sich dabei nicht um eine wissenschaftliche Darstellung handele. Damit werde der Fokus von der Bewertung der Genauigkeit der Geschichtsschreibung auf die Erforschung der Bewertungskriterien der Produzierenden und Rezipierenden verlagert. Dies ermögliche es, ein Verständnis für die Art und Weise zu entwickeln, mit der Plausibilität historischer Erzählungen für spezifische Adressat/innen hergestellt werde.

Die Anordnung und Ausprägung von Erzählelementen seien aber nicht nur von Erzähltypen, sondern auch von den technischen und ästhetischen Anforderungen des Mediums abhängig, in dem und durch das sie präsentiert werden. Für die Public History sei es deswegen unerlässlich, so CHRISTOPH HILGERT (München), die Medialität historischen Wissens in allen Bereichen seiner Produktion und Rezeption mit in die Analyse einzubeziehen. Hilgert zog als Beispiel das 2015 vorgestellte crossmediale Projekt „Die Geschichte des Südwestens“ des Südwestrundfunks und des Saarländischen Rundfunks heran, welches sich aus einer TV-Serie, einem Web-Special und einem Onlinespiel sowie einem Sachbuch und Radiobeiträgen zusammensetzt. Die technischen und ästhetischen Spezifika dieser Medien bestimmten die Gestaltung und die Präsentation ihrer Inhalte wesentlich mit und müssten daher in die Analyse einbezogen werden. Es sei ein Unterschied, ob man historische Sachverhalte als Text oder mit den audiovisuellen Mitteln des Fernsehens darlegen wolle.

Die massenmediale Geschichtserzählung ziele zudem meist auf ein möglichst breites Publikum ab, was im Vergleich zu wissenschaftlichen Darstellungen eine Reduktion der Komplexität erfordere. Außerdem bediene man sich klassischer Erzählmodi (zum Beispiel Komödie oder Tragödie), um durch die Emotionalisierung der erzählten Geschichte eine unmittelbare Verbindung zum/zur Konsumenten/in aufzubauen und so die Basis für eine kognitive Aneignung der jeweiligen Geschichtsdeutung zu legen. Wesentlich sei dabei, dass man sich auf den Erfahrungsraum und Erwartungshorizont potenzieller Nutzer/innen beziehe. Diese würden angesprochen, indem man sich historisch verankerter Erzählelemente bediene, die allgemein bekannt seien oder aufgrund ihrer Inszenierung den Anschein historischer Authentizität trügen. Je mehr dieser „Authentizitätsanker“ zu einer Geschichte der Vergangenheit zusammengetragen würden und sich mit den Erwartungen der Konsument/innen deckten, desto authentischer bzw. wahrer werde die Erzählung offenbar empfunden. Dies bedeute, dass sich massenmediale Formen der historischen Erzählung einer Bewertung nach den Kategorien real/fiktiv tendenziell entziehen. Eine einfache Überprüfung der historischen Fakten werde solchen Erzählungen jedenfalls meist nicht gerecht. Denn auch eindeutig dazu erfundene Elemente könnten sehr wohl eine historisch wahre Geschichte erzählen. Hier sei zwischen faktualer, emotionaler und moralischer Wahrheit zu differenzieren. Medialität als Analysekategorie einer forschenden Public History vorzusehen sei demnach unerlässlich, um neben den technischen und ästhetischen Anforderungen auch die erzählerischen Eigenlogiken und die performative Kraft solcher medialen Geschichtsdeutungen erfassen zu können. Dies ermögliche zum einen eine Analyse der Funktionsweise solcher Geschichtsdarstellungen und deren theoretische Erfassung. Zum anderen biete sich hier die Möglichkeit, als forschende Public History sowohl Nutzer/innen als auch Produzent/innen praktische Hinweise für den adäquaten Umgang mit ihnen zu geben.

Durch die Betonung der Konstruktion, Erzählung und Medialität historischen Wissens biete sich nach CLAUDIA NICKEL (Göttingen) ein interdisziplinärer Zugriff an, da sie an einer Schnittstelle zwischen Geschichts- und Literaturwissenschaft liegen. Nickel bezog sich damit auf die häufige Nutzung historischer Referenzen in eigentlich fiktiv erzählten Geschichten (zum Beispiel in historischen Romanen). Deren Leser/innen sammelten nicht nur automatisch historisches Wissens, sie brächten auch eine gewisse Erwartung an die Darstellung des Inhalts entgegen, die als authentisch wahrgenommen werden müsse, um angenommen zu werden. Demnach übten die Leser/innen Einfluss auf die historische Darstellung aus.

Authentizität müsse dabei zunächst definitorisch klar gefasst werden, da die Begrifflichkeit in unterschiedlichen Kontexten genutzt wurde/wird. Zunächst habe der Begriff auf den/die Urheber/in oder Ursprung einer Handlung verwiesen, bevor später die Bedeutungskomponente der Glaub- und Wahrhaftigkeit hinzutrat. Heute verstehe man unter Authentizität daran anschließend den Verzicht auf Künstlichkeit und entsprechend eine wahrgenommene Originalität und Glaubwürdigkeit. Zwei Aspekte trügen, so Nickel, wesentlich zur Authentizität einer Erzählung bei. Dies seien die Position des Autors und die Konstruktion der Narration. Werde der Eindruck erweckt, der Autor berichte aus seinem Erfahrungswissen, führe dies ebenso zu einer Wahrnehmung von Authentizität, wie die bewusste Inszenierung solchen Wissens, das zum Beispiel über Augenzeugenberichte gewonnen wurde. Wie bereits von Christoph Hilgert angesprochen, kommen hier also wieder „Authentizitätsanker“ zum Einsatz. Als Beispiel nannte Nickel zwei Autoren, die zur Zeit der französischen Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert über eben diese literarische Werke verfasst haben: den Calvinisten Théodore Agrippa d’Aubigné und Pierre de Ronsard. Beide Autoren stellten sich selbst als Betroffene des Krieges dar und inszenierten diese Augenzeugenschaft dadurch literarisch. Die Position des Autors und des Erzählers würden ineinander verflochten, was eine authentische Wirkung des Textes zur Folge habe. Die so hergestellte Autorität der Autoren werde auch in aktuellen historiographischen Werken als „Authentitzitätsanker“ genutzt.[1] Die Analyse von Authentizität könne für eine forschende Public History demnach besonders über literaturwissenschaftliche Instrumentarien nützlich gemacht werden. Diese böten sich zur Analyse der Funktion von Paratexten und Intertextualität, der Nutzung narratologischer Kategorien, wie der Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler, sowie die Einbeziehung der Perspektive der Rezipient/innen an.

In einem die Vorträge abschließenden gemeinsamen Fazit betonte Thorsten Logge die Stellung der Public History als Teil einer interdisziplinär aufgestellten Geschichtswissenschaft und -didaktik. Wesentlich sei ein Fokus auf die Produktion, Distribution und Nutzeraneignung von historischem Wissen; nicht die Frage nach der wahren Begebenheit, sondern nach ihrer Erzählung. Man müsse Geschichte als eine Praxis des öffentlichen Aushandelns von Vergangenheitsdeutung sehen, die sowohl wissenschaftliche, journalistische aber auch künstlerische Perspektiven miteinschließe.

Die Diskussion wurde durch einen Kommentar von ANGELA SIEBOLD (Heidelberg) eingeleitet. Sie hinterfragte die vorgeschlagenen Analysekategorien Performativität, Medialität und Authentizität und bekundete grundsätzliche Zustimmung. Darüber hinaus fragte sie nach der thematischen Ausrichtung einer Public History. Sei sie nur ein neuer Begriff für bereits vorhandene Konzepte oder verstehe sie sich als eine Schnittstelle zwischen Mediengeschichte und Geschichtsdidaktik?

Die Diskussion teilte sich auf in Fragen, die an diese Frage einer Positionierung anschlossen und solche, die auf die Vorgehensweise und den Aufbau von Forschungen innerhalb einer Public History abzielten. Zunächst wurde die Ähnlichkeiten zwischen Public History und dem Feld der Geschichtskultur angesprochen und eine definitorische Trennung der beiden erbeten. Dem wurde entsprochen, indem man einräumte, dass die Public History viele Fragestellungen bearbeite, die im Bereich der Geschichtskultur relevant sind. Darüber hinaus biete sie aber auch ein theoretisch-methodisches Framework zur Bearbeitung dieser Fragestellungen an, das über eine reine Neubearbeitung bereits bekannter Thematiken hinausgehe. Dies zeige sich auch in ihrer Stellung zur Geschichtsdidaktik und -theorie. Sie könne eine Mittlerstellung zwischen den anwendungsorientierten Theorien der Geschichtsdidaktik und der mehr abstrakten Arbeit der Geschichtstheorie darstellen. Mehrmals wurde hinterfragt, welche Perspektive eine forschende Public History im Prozess der Geschichtsproduktion einnehmen würde. Die Vortragenden stellten klar, dass ein Dialog zwischen Wissenschaft und Anwendung wesentlich für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sei. Die Public History richte keinen externen analytischen Blick auf die Anwendung, sondern müsse sie von Beginn an in Forschungsprozesse miteinbeziehen und sich selbst im Gegensatz in Produktionsprozesse miteinbeziehen lassen.
Insgesamt war die Diskussionsrunde durch großen Zuspruch der Vorträge geprägt. Einer praktischen Erprobung der vorgeschlagenen Analysekategorien steht nichts mehr im Weg. Doch nichts ist in dieser Sektion deutlicher geworden, als dass der Erfolg einer forschenden Public History nicht allein von ihrer Position in der etablierten Geschichtswissenschaft abhängt, sondern auch von ihrer Fähigkeit eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen einer universitären Geschichtswissenschaft und den Produzenten und Konsumenten öffentlicher Geschichtsschreibung herzustellen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Thorsten Logge (Hamburg) / Christoph Hilgert (München) / Claudia Nickel (Göttingen)

Cord Arendes (Heidelberg): Einführung

Christoph Hilgert (München): Inhaltliche Hinführung

Thorsten Logge (Hamburg): Körperliche Aneignung von Geschichte im „Battle of Gettysburg“-Panorama in den 1880er Jahren

Christoph Hilgert (München): Der Reiz der gefühlten Wahrheit. Geschichte(n) erzählen in den Massenmedien

Claudia Nickel (Göttingen): Geschichte(n) im Text: Zur Konstruktion von Authentizität in Narrativen zu den französischen Religionskriegen

Thorsten Logge (Hamburg): Gemeinsames Fazit

Angela Siebold (Heidelberg): Kommentar/Hinführung zur offenen Diskussion

Cord Arendes (Heidelberg): Moderation offene Diskussion

Anmerkung:
[1] Siehe hier die unkommentierte Zitation von Agrippa d’Aubigné zu Beginn des Vorworts von Joël Cornette in der Ausgabe: Nicolas Le Roux, Les guerres de religion: 1559 - 1629, 1. Aufl. Paris 2009, S.5.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Wie es wirklich war – Repräsentationen von Geschichte im öffentlichen Raum. Wege zu einem geschichtswissenschaftlichen Forschungsprogramm in der Public History, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 29.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6773>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.10.2016