War and Sexual Violence

Ort
New York
Veranstalter
Sarah K. Danielsson / Frank Jacob, City University of New York
Datum
28.04.2016 - 29.04.2016
Von
Frank Jacob, City University of New York

Die zweitägige internationale Konferenz am CUNY-Graduate Center hat sich eingehend mit verschiedenen Perspektiven zur Interrelation zwischen Krieg und sexueller Gewalt auseinandergesetzt und dabei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus diversen Disziplinen die Möglichkeit gegeben, sich über aktuelle Forschungsschwerpunkte, Probleme und Ansätze auszutauschen. Die von Sarah K. Danielsson und Frank Jacob organisierte Konferenz erstreckte sich über zwei Tage und stimulierte eine angeregte Diskussion in den Bereichen Kriegs-, Genozid-, Geschlechter- und Gewaltforschung.

Im ersten Panel zur strategischen Nutzung sexueller Gewalt im Krieg analysierte zunächst DEBRA BERGOFFEN (George Mason University) die Durchführung von Vergewaltigungen in Kriegsgebieten als Strategie der öffentlichen Demütigung, bei der der Akt der sexuellen Misshandlung von Frauen dazu dient, sie sozial zu erniedrigen. Im Anschluss daran erläuterte ALBERT DOJA (Universität Lille), wie Massenvergewaltigungen als Strategie bzw. als Instrument ethnischer Säuberungen eingesetzt wurden. Er stellte dabei heraus, dass massenhafte Vergewaltigungen, ebenso wie die Anwendung von Gewalt gegen Zivilisten, erst durch den Krieg ermöglicht würden, da dieser eine eigene Räumlichkeit für diese Form der sexuellen Gewalt generiere. Der letzte Vortrag von STEFAN HOCK (Georgetown University) gab schließlich einen Einblick in die Präventivstrategien des Osmanischen Reiches zur Zeit des Ersten Weltkrieges, die Vergewaltigung türkisch-muslimischer Frauen durch den Einsatz harter Strafen zu vermeiden.

Das zweite Panel zu Minderheiten und sexueller Gewalt im Krieg bestand aufgrund einiger kurzfristiger Absagen lediglich aus der Präsentation von IRENA ASTASHKEVICH (Brandeis University), die über die Vergewaltigungen im Zuge der Pogrome von 1919 in der Ukraine referierte. Dabei wurde unterstrichen, dass es sich bei den Massenvergewaltigungen jüdischer Frauen um eine Strategie innerhalb des Ukrainischen Bürgerkrieges handelte, die von den Gruppendynamiken der Täter bestimmt war und von den jüdischen Männern verlangte, als Zuschauer und Empfänger der grausamen Mitteilungen zu agieren.

Im Anschluss daran widmete sich das dritte Panel den männlichen Opfern sexueller Gewalt im Krieg. ISABELLA FLISI (Ulster University) machte dabei deutlich, dass die Vergewaltigung von Männern im Krieg zum einen eine Form der Dominanz zum anderen aber gleichzeitig eine De-Maskulinisierung bzw. eine Feminisierung darstellt. Im zweiten Teil ihres Vortrages belegte sie diese theoretischen Grundgedanken durch eine Fallstudie über kolumbianische Männer, die aufgrund politischer Auseinandersetzungen zum Schaden ihres Ansehens vergewaltigt wurden. Der zweite Vortrag von RACHEL MCGINNIS (Rochester Institute of Technology) gab zudem einen Überblick über die legalen Möglichkeiten und Konsequenzen für Fälle, in denen Männer Opfer von Vergewaltigungen im Krieg wurden, die die Vortragende anhand verschiedener Beispiele (Nordirland, Balkan, Syrien) erläuterte.

Panel 4 widmete sich den weiblichen Opfern von sexueller Gewalt im Krieg. Während MEREDETH TURSHEN (Rutgers University) diese gegenüber von Frauen in Kriegswirtschaften, besonders in Afrika, herausstellte, legte MARGARET STETZ (University of Delaware) den Fokus ihres Vortrages auf die „Trostfrauen“-Problematik und zeigte, dass viele der Opfer der japanischen Sexsklaverei während des Zweiten Weltkrieges noch Kinder waren. Die Mädchen wurden dabei allerdings nicht aus Versehen zu Opfern, sondern wurden mitunter gezielt aus pragmatischen Gründen ausgewählt und organisiert in die Rolle der sogenannten „Trostfrauen“ gedrängt.

Das letzte Panel des ersten Tages beschäftigte sich mit der Frage, welche Folgen sexuelle Gewalt im Krieg für Opfer und Täter haben. MOR PRESIDO (Bar Ilan University) widmete sich dem künstlerischen Schaffen weiblicher Opfer des Holocaust und konnte zeigen, wie sich die Verarbeitung des Erlebten in der Kunst vollzog. FRANK JACOB (City University of New York) präsentierte danach Überlegungen zur Schulddiskussion im Fall des Massakers von Nanjing. Dabei machte er deutlich, dass die Annahme, eine national-japanisch bedingte Voraussetzung sei für die Gewalt verantwortlich, nicht überzeuge, sondern vielmehr eine sozial-psychologische Analyse der determinierenden Faktoren Raum und Zeit erfolgen müsse, um die Ereignisse ausreichend zu erklären. Von einer japanischen Kollektivschuld riet er hingegen ab.

Der zweite Tag begann mit dem sechsten Panel, dessen Vorträge sich mit der Rolle der männlichen Täter auseinandersetzten. SEBASTIAN WINTER (Universität Bielefeld) lieferte dabei eine Diskussion der psychologischen Vorgänge, welche die Anwendung sexueller Gewalt in Kriegszeiten bedinge. Die militärische Sozialisation sowie männliche Identitäten seien besonders hervorzuheben, wenn es um ein Verständnis der ablaufenden Prozesse gehe, den Ausbruch von sexuell motivierten Gewaltexzessen nachvollziehbar zu erklären. TAMAKI NORO (Tokyo) analysierte im Anschluss genau diese Männlichkeitsstereotype und ihre Auswirkungen auf den Grad der sexuellen Gewalt im Zweiten Weltkrieg, wobei sie die okkupierenden Armeen (Deutschland und Japan) mit denen der sogenannten Befreiungsmächte (USA und Sowjetunion) verglich. REGINA MÜHLHAUSER (Hamburg Foundation for the Advancement of Science and Culture) gab danach noch einen konkreteren Einblick in den Fall der deutschen Wehrmacht, die ebenfalls die Anwendung sexueller Gewalt instrumentalisiert hatte.

Das siebte Panel widmete sich den Zusammenhängen zwischen sexueller Gewalt und bestehender Stereotype bzw. Feindbilder. RHIANNON PARKINSON (University of Amsterdam) analysierte dazu die Komplexität der Opferrolle im besetzen Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die weiblichen Opfer und ihre Erfahrungen wurden aufgrund einer fehlenden öffentlichen Diskussion der Ereignisse lange negiert und erst viel später wahrgenommen. Ganz allgemein wurden die Besatzungstruppen in der Rolle der Befreier stilisiert, wohingegen die Deutschen als aggressive Täter rezipiert worden waren. Hinzu kommt, dass die Grenze zwischen Vergewaltigung und sexueller Freizügigkeit im Austausch für Nahrungsmittel oder Schutz nicht immer klar ersichtlich ist. NICOLE REIZ (University of Kansas) legte ihren Fokus im Gegensatz dazu auf eine durchaus aktuelle Problematik, wie sie durch Vergewaltigungen von Japanerinnen durch US-amerikanische Truppen auf Okinawa entsteht. Bei einer Fallanalyse wird deutlich, dass die Bestrafung durch die US-Militärgerichtsbarkeit oft wesentlich milder ausfiel als das bei Verurteilungen durch japanische Gerichte der Fall wäre, weshalb die US-Truppen mitunter als Feinde des japanischen Volkes, besonders in der Fortsetzung von 1945, stilisiert werden.

Das folgende Panel widmete sich der Wahrnehmung sexueller Gewalt im und nach dem Krieg. VERENA SCHNEIDER (Touro College, Berlin) analysierte zunächst die Erinnerungen und Forschungen zur „Sexzwangsarbeit“ in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches, wobei sie gleichfalls das Legitimationskonstrukt der männlichen Freier, die ihre Taten mit einer angeblich besseren Versorgung der Zwangsprostituierten rechtfertigten, untersuchte. JOHANNES KUBER (RWTH Aachen) präsentierte anschließend seine Forschungsergebnisse zur Wahrnehmung sexueller Gewalt im besetzten Deutschland nach 1945 durch katholische Priester in Südwestdeutschland (Diözese Freiburg). Dabei konnte er zeigen, dass die Wahrnehmung sexueller Gewalt dieser speziellen Gruppe vor allem von anti-weiblichen und anti-kolonialen Grundstimmungen geprägt war, was sich in Anschuldigungen gegen „leichtfertige“ Frauen und französische Kolonialtruppen belegen lässt. Es offenbart sich folglich eine chauvinistisch fremdenfeindliche Perspektive, aus der die sexuelle Gewalt der Nachkriegszeit beurteilt wird.

Im neunten Panel untersuchte MARIA ELENA VARGAS (University of Maryland) zunächst die Kontinuitäten sexueller Gewalt in Guatemala, wo deren Anwendung gegen Frauen zum einen auf kolonialen Stereotypen und zum anderen auf einem patriarchalen Strafsystem gegen einflussreiche Frauen basierte. Ähnliche Überlegenheits-Stereotype finden sich im Zuge des Völkermords an den Armeniern, bei dem Vergewaltigungen einen ritualisierten Charakter erhielten, durch den die weiblichen Körper der Opfer gezielt zerstört werden sollten. Diese Zusammenhänge wurden von ANNA ALEKSANYAN (Clark University) analysiert und anhand von entsprechendem Quellenmaterial belegt.

Das letzte Panel widmete sich schlussendlich den Quellen und der Politik im Hinblick auf sexuelle Gewalt im Krieg. PASCALE BOS (University of Texas at Austin) stellte einige Quellen zum Holocaust vor, die bei kritischer Betrachtung den historischen Fakten nicht standhielten und wies somit erneut darauf hin, dass im Hinblick auf die Untersuchung von sexueller Gewalt im Krieg eine strikte Quellenkritik angewandt werden müsse. AMANDA BOCZAR (United States Military Academy, West Point) machte in Ergänzung zum ersten Vortrag dieses Panels darauf aufmerksam, dass viele Fälle sexueller Gewalt, z.B. im Vietnamkrieg, gar nicht bekannt wurden, weil das politische Interesse ein anderes war und somit auch von Seiten internationaler Entscheidungsträger zur Verschleierung des Ausmaßes sexueller Gewalt in Kriegsgebieten beigetragen wurde und wird.
Die unterschiedlichen Vorträge beleuchteten interdisziplinäre Ansätze zur Untersuchung sexueller Gewalt im Krieg, machten gleichzeitig aber deutlich, dass noch viele interdisziplinäre Forschungsfragen bestehen, zu deren Klärung die Perspektiven, um Raul Hilberg zu zitieren, der Opfer, der Täter und der Zuschauer eingehender untersucht werden müssen, damit ein Verständnis der Gesamtzusammenhänge sexueller Gewalt im Krieg ermöglicht werden kann.

Konferenzübersicht:

Welcome Note

Panel 1 Sexual Violence as Strategy
Moderator: Elissa Bemporad (Queens College, CUNY)

Debra Bergoffen (George Mason University): The Genocidal Policies of Rape, Shame, and Disgust
Albert Doja (University of Lille): Mass Rapes as a Military Strategy and Instrument of Ethnic Cleansing
Stefan Hock (Georgetown University): Policing Sex and Sexual Violence in the Ottoman Empire during WWI

Panel 2: Minorities and Sexual Violence in War
Moderator: Kenneth Pearl (Queensborough Com-munity College, CUNY)

Irena Astashkevich (Brandeis University): The Rape during Pogroms in Ukraine in 1919

Panel 3 Sexual Violence and Male Victims in War
Moderator: Ron Van Cleef (Stony Brook, SUNY)

Isabella Flisi (Ulster University): Engendering the Understanding of War Sexual Violence – Men Victims of Sexual Violence and Hyper Masculinities
Rachel McGinnis (Rochester Institute of Technology): An Analysis of the ICC's Current Gender Neutral Definition and the Possible Implications on Male Survivors of Sexual Violence

Panel 4 Female Victims of Sexual Violence in War
Moderator: Frank Jacob (Queensborough Community College, CUNY)

Meredeth Turshen (Rutgers University): Violence Against Women in War Economies
Margaret Stetz (University of Delaware): Teaching Comfort Women Issues: The Hidden Stories of Girls

Panel 5: Sexual Violence and its Aftermath
Moderator: Aithne Bialo-Padin (Queensborough Community College, CUNY)

Mor Presiado (Bar Ilan University, Israel): Sexual Violence and Women’s Art after the Holocaust
Frank Jacob (CUNY): The Discussion about Collective Guilt: Japanese Mass Violence and the Rape of Nanjing

Panel 6: Male Perpetrators of Sexual Violence in War
Moderator: Bobby Wintermute (Queens College, CUNY)

Sebastian Winter (University of Bielefeld): Male and Military Pseudo-Solutions for the Dilemma of Sexuality
Tamaki Noro (Tokyo): Conflicted Masculinity: Examining Sexual Violence in World War II
Regina Mühlhauser (Hamburg Foundation for the Advancement of Science and Culture, Hamburg): Sexual Violence by British Soldiers in WWII in Europe and Asia

Panel 7: Sexual Violence and the Enemy
Moderator: Edmund Clingan (Queensborough Community College, CUNY)

Rhiannon Parkinson (University of Amsterdam): The Complexity of Victimhood – Understanding Mass Rape in Occupied Germany
Nicole Reiz (University of Kansas): Jurisdiction and Justice in Okinawa

Panel 8: Reception of Sexual Violence in War
Moderator: Clarence Jefferson Hall (Queensborough Community College, CUNY)

Verena Schneider (Berlin): The Negation of Suffering: Forced Sex Labor in Remembrance and Research
Johannes Kuber (RWTH Aachen University): Catholic Priests Reporting on Sexual Violence in Occupied Germany

Panel 9: Global Perspectives
Moderator: Gilmar Visoni-Alonzo (Queensborough Community College, CUNY)

Maria Elena Vargas (University of Maryland): Forensic (In)Justice: Impunity of Sexual Violence and Feminicide in “Peacetime” Guatemala
Anna Aleksanyan (Clark University): Ritualized Rapes and Body Destruction of the Armenian Women during the Genocide

Panel 10: Politics and Sources in the Wake of Mass Violence
Moderator: Peter Bales (Queensborough Community College, CUNY)

Pascale Bos (University of Texas at Austin): The Problem of the Sources: Some Examples related to the Holocaust
Amanda Boczar (United States Military Academy, West Point): US Foreign Policy in the Wake of Mass Violence: Bosnia and Rwanda

Final Remarks

Zitation
Tagungsbericht: War and Sexual Violence, 28.04.2016 – 29.04.2016 New York, in: H-Soz-Kult, 03.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6775>.