HT 2016: Recherche und Weiterverarbeitung. Digitale Angebote der Archive für die historische Forschung im Netz

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Gudrun Fiedler, Niedersächsisches Landesarchiv - Standort Stade

In seiner Einleitung erläuterte ROBERT KRETZSCHMAR (Stuttgart / Tübingen) das Ziel der außerordentlich gut besuchten Sektion, über die aktuellen Online-Angebote verschiedener Archive für die historische Forschung möglichst praxisnah zu informieren. Dabei ist der Austausch darüber wichtig, welche Anforderungen aus Sicht der Forschenden gestellt werden. Als Vertreter der historischen Forschung kommentierte Rüdiger Hohls die Sektion. Kretzschmar begrüßte die wachsende Aufmerksamkeit von Historikerinnen und Historikern für Netzangebote. Das zeigt sich auch an dem neuen aufkommenden Interesse an den Historischen Hilfswissenschaften und ihrer quellenkritischen Methodik, die angesichts der Datenmengen im Internet eine neue Relevanz für die Forschung besitzen. Kretzschmar stellte einen engen Zusammenhang mit der Sektion ‚Grundwissenschaften in der digitalen Welt‘ des Historikertages her und verwies auf eine von einer Arbeitsgruppe des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) kürzlich veröffentlichte ‚Moderne Aktenkunde‘, mit der die Grundwissenschaft ‚Aktenkunde‘ bis ins digitale Zeitalter fortgeführt wird.[1] Der unmittelbare Anlass für die nun vorgestellte Sektion war die Freischaltung des Archivportals-D in der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) anlässlich des 84. Deutschen Archivtages im September 2014. Die Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Archivverwaltungen des Bundes und der Länder hat das Portal in ihrem Positionspapier vom 1.9.2015 nachdrücklich „als das zentrale Nachweisinstrument zu den Beständen der Archive in Deutschland“ bezeichnet, das konsequent weiter zu entwickeln ist und archivübergreifend auf nationaler wie auf internationaler Ebene die Funktion einer zentralen Präsentationsplattform übernehmen soll. Die Kommunalarchive und der Archivarsverband haben sich ebenfalls angeschlossen.

GERALD MAIER und CHRISTINA WOLF (beide Stuttgart) gingen auf die durch das Archivportal-D bereitgestellten übergreifenden Recherchemöglichkeiten nach archivalischen Quellen ein. Die DDB ermöglicht einen zentralen interdisziplinären und kostenfreien Zugang zu nationalem Kulturgut und wissenschaftlichen Informationen aus Archiven, Bibliotheken und Museen. Sie stellt Inhalte für das europäische Kulturgutportal ‚Europeana‘ bereit.[2] Dauerhaft finanziert durch den Bund und die Länder, wird die DDB durch 14 Kultur- und wissenschaftliche Einrichtungen getragen. Gegenwärtig enthält sie über 20 Millionen Objekte, davon 7,8 Millionen mit Verweis auf online bereitgestellte Digitalisate. Die Daten werden nur einmal geliefert und stehen dann in der Nutzersicht der DDB, im Archivportal-D oder anderen Portalen über die Anwendungsprogrammierstelle ‚Application Programming Interface‘ (API) zur Verfügung. Voraussetzung ist eine durch die gemeinfreie Lizenz CC0 geregelte Nachnutzung von Informationen. Das Archivportal-D weist mit den Erschließungsinformationen der angeschlossenen regionalen Archivportale, den online bereit gestellten Beständeübersichten und Findbüchern sowie digitalisiertem Archivgut rund 11 Millionen Objekte aus über 100 Archiven auf, davon ca. 513.000 Verweise auf Online-Digitalisate (Stand September 2016). Es ermöglicht komfortable Recherchen (unter anderem globale Suche über alle Inhalte; Recherche nach Archiven mit Filtern für Bundesländer und Archivsparten; erweiterte Suche mit konfigurierbaren Rechercheoptionen), dies auch über mobile Geräte und über eine englische Portaloberfläche. Einen virtuellen Lesesaal mit direkter Aktenbestellung bietet das Portal nicht. Für die weitere Entwicklung vorgesehen ist unter anderem eine Optimierung der Suche im Rahmen der DDB-Weiterentwicklung ( Ranking der Suchergebnisse, Autokorrektur), die Verknüpfung von Erschließungsinformationen (Personen etc.) mit Normdaten sowie die Integration des weiterentwickelten DFG-Viewers zur einheitlichen Präsentation von Digitalisaten.

MATTHIAS RAZUM (Karlsruhe) ergänzte den Vortrag aus Sicht eines Informatikers, indem er näher auf die notwendigen Voraussetzungen für die Vernetzung und Verfügbarkeit von Daten in der digitalen Welt einging. Die seit 2000 entstandenen digitalen Plattformen und virtuellen Forschungsumgebungen waren zunächst nicht vernetzt und nur für spezielle Zwecke angelegt worden. Heutzutage steht die Nachhaltigkeit von Daten im Mittelpunkt: Einmal in eine Datenbank eingegeben, sollen sich Daten gut mit verschiedenen Nutzerplattformen vernetzen lassen und in verschiedenen Kontexten schnell für zahlreiche, aktuelle Forschungsfragen zur Verfügung stehen. Eine verteilte und vernetzte Informationsinfrastruktur benötigt allerdings nachhaltige Rahmenbedingungen. Entitäten (z.B. Inhalte oder Metadaten wie Dateiformate) müssen standardisiert, gegebenenfalls mit Normdaten verknüpft vorliegen, für eine dauerhafte Nachnutzung eine hohe Qualität besitzen und gut dokumentiert sein.[3] Standardisierte Schnittstellen ermöglichen es, jeweils unmittelbar auf Daten eines anderen Programms online zuzugreifen. Das standardisierte Datenformat für Lieferungen an das Archivportal-D und die DDB heißt EAD(DDB) (abgeleitet vom internationalen Standard Encoded Archival Description). Es bildet innerhalb der Archivwelt, die bisher durch den Einsatz zahlreicher proprietärer Systeme gekennzeichnet ist, zunehmend das einheitliche Liefer- und Austauschformat für Programme und Hersteller. Notwendig ist es außerdem, dauerhaft und zuverlässig sowie unabhängig vom tatsächlichen Speicherort auf bestimmte Ressourcen zuzugreifen. So sollte in allen Datenbanken und externen Links eine Person immer eindeutig identifiziert werden können. Ebenso muss die Verlässlichkeit von Zitaten im Netz über stabile Verweise auf Online-Publikationen realisiert werden. Derartige Bezüge werden mit Hilfe so genannter technischer ‚Persistent Identifier‘ erstellt. Abschließend verwies Razum noch einmal auf die hohe Bedeutung von gemeinnützigen Creative Commons Lizenzen wie CC0 für die Nachnutzung von Daten innerhalb einer Informationsinfrastruktur.

TOBIAS HERRMANN (Koblenz) informierte über die Angebote des Bundesarchivs im Netz. Alle Erschließungsinformationen (Aktentitel, ggf. Digitalisate) sind seit Sommer 2014 über das Programm INVENIO zu recherchieren und teilweise bereits zusätzlich im Archivportal-D verfügbar. Als Digitalisate sind bisher eher ausgewählte Inhalte (‚Schätze‘) aufzurufen, so zum Beispiel digitalisierte und kommentierte Einzelstücke bzw. Fotos zum Herero-Aufstand 1904. Über das Digitale Bildarchiv als Vertriebsplattform werden 225.000 Fotos angeboten plus 110.000 Fotos des Bundespresseamtes, die recherchiert (Volltextsuche, Themensuche) und auf Anforderung als reproduktionsfähige Bilder heruntergeladen werden können. Auf Bestellung können über die Plattform weitere Archivalien als Digitalisate bereitgestellt werden. Über das ‚Google Cultural Institute‘ gibt es einen Zugang zu virtuellen Ausstellungen, hier schwerpunktmäßig zum Ersten Weltkrieg und zur Wiedervereinigung. Diese Themenportale mit Akten, Fotos, Bildern und Tönen werden angeboten, um die Digitalisierungsbemühungen für die Forschung zu bündeln und nicht nur vereinzelt Highlights zu präsentieren. Geplant ist ein Projekt zur Frühgeschichte der Weimarer Republik.[4] Insgesamt kann das Bundesarchiv gegenwärtig 28 Millionen Digitalisate vorweisen, davon sind knapp 3 Millionen online verfügbar. 21 Millionen Digitalisate beziehen sich auf die NSDAP-Mitgliederkartei, die aufgrund personenbezogener Schutzfristen online nicht verfügbar ist. Herrmann wies darauf hin, dass für eine flächendeckende, eben nicht zufällig und singulär erfolgende, Digitalisierung große finanzielle Mittel erforderlich sind. Er schlug vor, bei Anträgen für Drittmittelprojekte jeweils einen Geldbetrag für die Digitalisierung der erforderlichen Archivalien auszuweisen. Hierfür müssen Archivare und Historiker bei den Geldgebern gemeinsam werben. Ziel ist es, Wissenschaftlern über virtuelle Lesesäle eine signifikante Masse an digitalisierten Archivalien zur Verfügung zu stellen.

STEFAN KUPPE und UDO SCHÄFER (Hamburg) befassten sich mit dem Quellenwert der im Transparenzportal der Freien und Hansestadt Hamburg seit dem 6.10.2014 als Open Government Data veröffentlichten Unterlagen der hamburgischen Verwaltung.[5] Von der Anzeigenpflicht ausgenommen sind unter anderem der Verfassungsschutz, Gerichtsunterlagen sowie Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse. Der Zugang zu Informationen wird über die zeitnahe Veröffentlichung der im Volltext recherchierbaren Dokumente ermöglicht, die jeder Interessierte anonym und kostenfrei einsehen kann. Eingespeist werden auch die Mitteilungen des Senats an die Bürgerschaft, Haushalts- und Aktenpläne, Verwaltungsvorschriften, Gutachten sowie Verträge mit einem Gegenstandswert von jeweils über 100.000 Euro. Darüber hinaus besteht eine allgemeine Auskunftspflicht öffentlicher Stellen für nicht veröffentlichte Aufzeichnungen. Kuppe erläuterte die Struktur des Portals und nannte die Zahl von gegenwärtig rund 800.000 monatlich aufgerufenen Seiten vor allem zu Themen wie ‚Jugendhilfe‘, ‚Olympia‘ oder ‚Flüchtlinge‘. Schäfer hob hervor, dass das Portal eine Ergebnistransparenz biete und nicht wie Archivgut eine Verfahrens- oder Verantwortungstransparenz, wodurch Entscheidungen nachvollziehbar oder Entscheidungsträgern zuzuordnen sind. Über das Portal werden nur einzelne Schriftstücke ohne Entstehungskontext veröffentlicht. Forschende sollten die Auskunftspflicht nutzen und unter Angabe der veröffentlichenden Stelle und des Aktenzeichens den Zugang zu den kontextbezogenen Aufzeichnungen beantragen. Schäfer widersprach der Auffassung, dass öffentliches Schriftgut, das vor Ablauf der Verwaltungsfristen und der zeitversetzten Bewertung durch die Archive veröffentlicht wird, einen höheren Quellenwert besitzt. Open Government Data und Registraturgut werden nicht automatisch Teil der durch die Bewertung des Staatsarchivs Hamburg entstehenden archivischen Überlieferung. Ca. 95 Prozent der angebotenen Unterlagen werden nicht in die Bestände und Tektonik übernommen und eingeordnet, erhalten also keine archivische Distanz zum Entscheidungsprozess. Schäfer schlug vor, die im Portal gespeicherten Quellen als Forschungsdaten im universitären Zusammenhang zu speichern.

Im letzten Beitrag stellte RAINER HERING (Schleswig / Hamburg / Kiel) Open-Access-Publishing als Angebot der Archive vor, die eigene Sichtbarkeit zusätzlich zu Portalen und Webseiten zu erhöhen. Ausgehend von den Naturwissenschaften steht Open Access für einen Paradigmenwechsel in der Diskussion um die Publikation von Quellen und Forschungsergebnissen, zumal wenn sie mit Unterstützung öffentlicher Mittel erreicht wurden. Das Staatsarchiv Hamburg hat bereits 2004 und das Landesarchiv Schleswig 2007 Reihen über Open Access veröffentlicht.[6] Sorgfältig aufbereitete wissenschaftliche Literatur und andere Materialen werden kostenfrei im Internet zur Ansicht und zum Herunterladen angeboten, können aber auch als hochwertige Printpublikationen (‚Print-on-Demand‘) erworben werden. Der Vorteil besteht in der raschen Verbreitung von Inhalten und der damit zusammenhängenden Reputation. Die Chancen für die Archive ergeben sich aus der Möglichkeit, mit geringen Kosten und kleinen Auflagen auch gedruckte Findbücher, Editionen, Konferenz- oder Sammelbände mit guter Druckqualität zu veröffentlichen. Das gedruckte Buch kann bei wichtigen Anlässen als Geschenk überreicht werden. Es bietet durch Blättern spezifische Suchstrategien. Die im Internet gespeicherte Version ist weltweit zugänglich und über Suchmaschinen erreichbar. Denkbar sind hier auch innovative Publikationsformen wie zum Beispiel Findbücher oder Beständeübersichten mit Bild-, Ton- und Filmbeispielen. Das Print-on-Demand-Druckverfahren bietet den Vorteil, dass Publikationen immer lieferbar sind und aktualisiert werden können, keine Lagerkosten anfallen und die Bereitstellung im Netz sowie der Vertrieb der gedruckten Bücher und der Versand der Pflichtexemplare durch den Verlag erfolgt.

In seinem abschließenden Kommentar begrüßte RÜDIGER HOHLS (Berlin) die in den letzten zehn Jahren eingetretene Entwicklung. Archivarinnen und Archivare hätten sich zwar spät auf den Weg gemacht. Die in der Sektion vorgestellten Projekte zeigen aber deutlich, dass Archive den Anschluss an die digitale Welt gefunden haben. Die Vorträge haben gezeigt, dass eine wirkliche Transformation archivischer Inhalte in den digitalen Kontext und die Überwindung kultureller, inhaltlicher und organisatorischer ‚Gaps‘ stattgefunden hat. Er bezeichnete das Archivportal-D als sehr gelungen, die Zusammenführung von Informationen aus verschiedenen Bereichen als Quantensprung. Der archivübergreifende Zugriff auf Findmittel unterstützt eine effizient geplante Forschungsreise. Für das Bundesarchiv wies Hohls darauf hin, dass er eine neue Digitalisierungsstrategie befürworte und deshalb die von Herrmann vorgeschlagene Idee einer forschungsgetriebenen Digitalisierung unterstützt.

Zu allen Beiträgen ergaben sich Rückfragen und kürzere Diskussionen, die sich vor allem auf die Frage nach der Zahl der am Archivportal-D beteiligten deutschen Archive bezogen, den Wunsch nach einer Internationalisierungsstrategie für das Archivportal-D und auf die Möglichkeiten, bei Drittmittelprojekten zusätzlich Geld für Digitalisierungen zu beantragen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Robert Kretzschmar (Stuttgart / Tübingen) / Rainer Hering (Schleswig / Hamburg / Kiel)

Robert Kretzschmar (Stuttgart / Tübingen): Einführung

Gerald Maier / Christina Wolf (Stuttgart): Das Archivportal-D und die Deutsche Digitale Bibliothek. Neue übergreifende Recherchemöglichkeiten nach Quellen für die historische Forschung

Matthias Razum (Karlsruhe): Tear down this wall – Offene Schnittstellen für die vernetzte Forschung

Tobias Herrmann (Koblenz): Angebote des Bundesarchivs im Netz

Stefan Kuppe / Udo Schäfer (Hamburg): Das Transparenzportal Hamburg – Open Gouvernment Data als Angebot auch an die historische Forschung

Rainer Hering (Schleswig / Hamburg / Kiel): Präsenz durch Publikationen. Open-Access-Publishing als Angebot der Archive

Rüdiger Hohls (Berlin): Statement aus Sicht der historischen Forschung

Anmerkungen:
[1] Hier und im Folgenden Holger Berwinkel, Robert Kretzschmar, Karsten Uhde (Hrsg)., Moderne Aktenkunde. Marburg 2016; Positionspapier zur Entwicklung der Portallandschaft https://www.bundesarchiv.de/imperia/md/content/bundesarchiv_de/fachinformation/ark/kla__20150901_positionspapier__portallandschaft.pdf
[2] Vgl. hier und im Folgenden https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de Über uns/Fragen und Antworten zur DDB; zur API „Über Uns /Aktuelles“ (4.11.2013) sowie https://www.archivportal-d.de/ und http://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/59902/Archivportal-D_Zugangsmoeglichkeiten_zu_archivischen_Informationen.pdf
[3]http://www.dnb.de/DE/Standardisierung/standardisierung_node.html
[4]https://blogweimar.hypotheses.org/
[5] Vgl. www.transparenz.hamburg.de
[6]http://blogs.sub.uni-hamburg.de/hup/products-page/publikationen/126/

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Recherche und Weiterverarbeitung. Digitale Angebote der Archive für die historische Forschung im Netz, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 05.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6784>.