HT 2016: Religionskriege im Mittelalter – eine Glaubensfrage?

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Hans-Werner Goetz, Historisches Seminar, Arbeitsbereich Mittelalterliche Geschichte, Universität Hamburg

Die Frage nach Religionskriegen im Mittelalter wird in der Forschung sehr unterschiedlich gehandhabt. In seiner Einführung in die Sektion machte Hans-Werner Goetz auf die Diskrepanz zwischen dem von Glaubensfragen geprägten Mittelalterbild und der insgesamt geringen Beachtung von ‚Religionskriegen‘ in der breiten Literatur zum mittelalterlichen Kriegswesen aufmerksam. Religiöse Aspekte des Krieges bleiben weithin der Spezialliteratur (zu Klerus und Krieg, religiösen Aspekten des Krieges, Christentum und Gewalt oder Heiligen Kriegen) vorbehalten. Zweifel an mittelalterlichen ‚Religionskriegen‘ wurden in jüngerer Zeit sowohl von frühneuzeitlicher als auch von mediävistischer Seite laut, hängen aber auch von der jeweiligen Definition ab. Die Sektionsbeiträge wollten daher kritisch prüfen, wie eng Glaubensfragen und Kriegführung tatsächlich miteinander verbunden sind.

Dazu betonte HANS WERNER GOETZ (Hamburg) in seinem Vortrag „Glaubenskriege? Die Kriege der Christen gegen Andersgläubige in der mittelalterlichen Wahrnehmung“ zunächst, dass die mittelalterliche Wahrnehmung in der Historiographie nicht zwangsläufig identisch mit den Kriegsmotiven der Akteure und zudem erst im Nachhinein überliefert ist. „Heilige Kriege“ sind ein Kunstprodukt der mediävistischen Forschung und haben im Mittelalter keine begrifflichen Entsprechungen, während religiöse Aspekte das Kriegswesen ebenso gründlich durchdrangen, wie ein martialisches Vokabular in das religiöse Schrifttum einfloss (etwa der Mönch als miles Christi). Das schuf ein geistiges Milieu, in dem Kriege ständig religiös interpretiert wurden. Solche Deutungen (göttliche Schlachtenhilfe, der Kriegsausgang als Gottesurteil) sind in den Quellen allgegenwärtig, werden hier aber unterschiedslos auf innerchristliche wie auf Kriege gegen Andersgläubige angewandt. Nur Letztere können aber ‚Glaubenskriege‘ als Kriege um des Glaubens willen (als Kriegsmotiv) sein, und sie können nur gegen Andersgläubige geführt werden. In den christlichen Einstellungen gegenüber den infideles schufen Polemik und Kriegsmetaphern zwar ebenfalls die geistigen Voraussetzungen für solche Glaubenskriege, doch wurden längst nicht alle Kämpfe gegen Andersgläubige explizit religiös begründet. Drei Fallbeispiele (Gregor von Tours, die Normannenabwehr und das Rolandslied als Beispiel der Kreuzzugsepik) belegen, dass Kriege gegen Andersgläubige durchaus als ‚Glaubenskriege‘ wahrgenommen und legitimiert werden konnten, doch blieb das zum einen auf besondere Situationen beschränkt und unterschied sich zum andern in der Deutung nicht prinzipiell von innerchristlichen Kriegen. Eine eigene Kategorie bilden Glaubenskriege im Mittelalter nicht. Von daher scheint es kein Zufall zu sein, wenn ein Begriff für den „Heiligen Krieg“ fehlt.

Unter dem Titel „Glaubenskriege Karls des Großen?“ betrachtete WOLFRAM DREWS (Münster) die fränkischen Auseinandersetzungen mit Sachsen und Muslimen. Dem einen Spanienfeldzug Karls stehen zahlreiche Kriegszüge gegenüber, die er in einem Zeitraum von über dreißig Jahren gegen die Sachsen unternahm. In der historiographischen Überlieferung nehmen sie daher einen ungleich größeren Raum ein. Die Religion der Sachsen wird hier nur gelegentlich thematisiert; wenn die Sachsen als infideles charakterisiert werden, handelt es sich sowohl um politische Rebellion und Verstoß gegen Friedensvereinbarungen als auch um Glaubensabfall. Oftmals wird die Religion der Sachsen in den Quellen gar nicht erwähnt; zuweilen gelten sie eher als politische Rebellen, die eigentlich bereits seit zwei Jahrhunderten Untertanen des Frankenkönigs gewesen seien. Aus dieser Perspektive erscheint Karl der Große als Herrscher, der verlorene Gebiete zurückerobert; Religion dient dabei als Integrations- und Herrschaftsinstrument, aber nicht als ausschlaggebendes Motiv der militärischen Auseinandersetzung. Die erfolgreiche Integration der Sachsen in das Frankenreich ließ die Erinnerung an die Umstände ihrer Bekehrung und an die jahrzehntelangen Kämpfe Karls des Großen in der Folgezeit aber zugunsten der religiösen Motive in den Hintergrund treten; nicht zuletzt die sächsischen Eliten waren daran interessiert, sich ihrer Vorfahren nicht etwa als Besiegter zu erinnern. Die Quellen zum Spanienfeldzug Karls liefern teils überhaupt keine legitimierende Begründung, teils werden als Motiv Eroberungsabsichten genannt, aber auch die Verteidigung gegen einen bevorstehenden muslimischen Angriff oder die Hilfe für angeblich in Spanien verfolgte christliche Glaubensbrüder. Die historiographischen Quellen und Briefe zeigen dabei teils deutliche Parallelen zu liturgischen Texten, die im Kontext von Kriegszügen verwendet wurden, wodurch das Gepräge eines Religionskriegs akzentuiert wird. Dass Karl wahrscheinlich nicht auf einen Hilferuf von Glaubensbrüdern, sondern auf ein Bündnisangebot aufständischer Muslime reagierte, also in einen innerislamischen Machtkampf eingriff, um einen Eroberungskrieg zu führen, geriet vollständig in Vergessenheit. Für Karl selbst standen vermutlich an beiden Fronten Eroberungsmotive, also politische Ziele, im Vordergrund, doch rechtfertigte er sein Vorgehen in Spanien von Anfang an auch mit religiösen Argumenten. Solche Motive traten auch in Sachsen schon zu einem frühen Zeitpunkt hinzu. In historiographischer Deutung gewannen religiöse Motive dabei im Verlaufe des Mittelalters bezüglich beider Kriegsschauplätze immer größeres Gewicht, so dass die rein politischen Ziele territorialer Expansion schließlich völlig in den Hintergrund traten.

Leitfragen des Vortrags von NIKOLAS JASPERT (Heidelberg) über „Kreuzzüge und ‚Reconquista‘ im 12. Jahrhundert: Die Grenzen des Glaubenskriegs“ waren einerseits, welche Rolle der Glaube für die Kreuzzüge und die sogenannte „Reconquista“ spielte. Anderseits galt es festzustellen, ob bzw. auf welche Weise bei den Kämpfen gegen Muslime auf der Iberischen Halbinsel und in der Levante die Grenze zwischen dem mittelalterlichen, gemeinhin durch religiöse Praktiken und Riten geprägten Krieg und dem eigentlichen Glaubenskampf gegen Mitglieder anderer Religionszugehörigkeit überschritten wurde. „Reconquista“ und Kreuzzüge sind, so wurde postuliert, insofern als Religionskriege zu bezeichnen, als sie ganz oder vorwiegend um des eigenen Glaubens willen geführt oder legitimiert wurden, allerdings weniger deshalb, weil die muslimischen Gegner der Christen aufgrund der Inhalte ihres Glaubens alterisiert wurden, als vielmehr, weil der Kampf als Gottesdienst und damit als ein Mittel zur persönlichen Läuterung angesehen wurde und das Ziel der Rückgewinnung des alttestamentlichen Kanaan und insbesondere Jerusalems den Kreuzzug zu einer Form des Gotteskriegs machte. Die Muslime wurden zu Beginn der Kreuzzugszeit vor allem bekämpft, weil ihre Herrschaft über das „Land Gottes“ als unrechtmäßig verstanden wurde. Diese Vorstellung gründete auf die Andersgläubigkeit der Muslime. Vor allem in dieser Hinsicht wurde der Glaube des Gegners als ein handlungsleitender Faktor wahrgenommen. Die in unterschiedlichen Quellengattungen fassbare Sakralisierung des Heiligen Landes wurde gegenüber anderen Motivationen wie Mission, Rache und Endzeiterwartung besonders herausgestellt. Die Wirkkraft des Ideologems eines religiös aufgewerteten, weil von Gott geliebten Landes wird nicht zuletzt daran erkennbar, dass Christen im Zuge der Auseinandersetzungen mit Muslimen auch die Iberische Halbinsel zum Gelobten Land stilisierten. Zugleich zeigt eine genauere Betrachtung der in den Grenzgebieten zwischen Islam und Christentum entstandenen Quellen, dass dort Krieg zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen insgesamt deutlich weniger religiös aufgeladen war als in Schriften, die fern vom Geschehen entstanden. Die Pragmatik des Grenzkriegs ist bei der Erforschung von Kreuzzug und Reconquista stärker zu beachten.

Im letzten Beitrag über „Heilige und Heilige Kriege“ fragte ALMUT HÖFERT (Zürich) angesichts der in der Sektion problematisierten Kategorie der Glaubenskriege aus einer transkulturellen Perspektive, welche Rolle Heilige in ausgewählten christlich-muslimischen Kontaktzonen spielten. Im normannischen Sizilien waren die am meisten verehrten christlichen Heiligen – der 1087 in die Stadt Bari überführte Nikolaus von Myra und die 1126 vom Bischof zurück nach Catania gebrachte Märtyrerin Agathe – keine Spezialisten im Sarazenenkampf. Der Agathekult am Ätna strahlte auch auf schutzsuchende Muslime aus. Catania scheint überdies eine besonders hohe Anzahl von muslimischen Heiligen aufzuweisen. Insgesamt lässt sich die Kultlandschaft Siziliens in byzantinischer, arabischer und normannischer Zeit durchgängig als konservative Peripherie charakterisieren. Ganz andere transreligiöse Kontinuitäten finden sich in der dichten Sakraltopographie Palästinas, wo der an seinem Reliquienschrein in Lydda verehrte Georg zum Kreuzfahrerheiligen aufstieg, der häufig als weißer Reiter für die Christen gegen die Sarazenen kämpfte. Hier kam es zu einer bemerkenswerten Verflechtung der Kultfiguren Georgs und des muslimischen Heiligen Khidr, des einzigen muslimischen Heiligen, der auch als Drachentöter und auf einem Pferd dargestellt wurde. Auch in Syrien und Anatolien wurde ab dem 12. Jahrhundert der Khidr-Kult in Grenzzonen intensiviert. In Anatolien war das Motiv des reitenden Drachenschlächters generell besonders präsent: zum einen in den byzantinischen Militärheiligen, Georg, Khidr und dem ursprünglich jüdischen Elias, aber auch im türkisch-islamischen Epos Danischmendname, dessen Held als drachentötender heiliger Krieger siegreich gegen die Christen kämpft. Glaubenskriege sind daher auch aus der Perspektive der Heiligen ein Beispiel für die Produktivität antagonistischer Verflechtungen.

Insgesamt zeigen die gewiss erst exemplarischen Beiträge auf, wie differenziert die Frage mittelalterlicher Glaubenskriege in jedem Einzelfall zu betrachten ist, aber auch, wie wenig religiöse Deutungen vorschnell mit Glaubensmotiven gleichgesetzt werden dürfen. Vielmehr vermengen sich religiöse und politische Motive, werden aber auch regionale Unterschiede deutlich. Erst spätere, aber auch dem Schauplatz fernere Deutungen verklären den Sachverhalt.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Hans-Werner Goetz (Hamburg)

Hans-Werner Goetz (Hamburg): Glaubenskriege? Die Kriege der Christen gegen Andersgläubige in der mittelalterlichen Wahrnehmung

Wolfram Drews (Münster): »Glaubenskriege« Karls des Großen? Die fränkische Auseinandersetzung mit Sachsen und mit spanischen Muslimen

Nikolas Jaspert (Heidelberg): Kreuzzüge und »Reconquista« im 12. Jahrhundert: die Grenzen des Glaubenskriegs

Almut Höfert (Zürich): Heilige und heiliger Krieg

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Religionskriege im Mittelalter – eine Glaubensfrage?, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 29.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6787>.