HT 2016: Religion und Gesellschaft in der Sowjetunion nach 1945

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Sebastian Rimestad, Universität Erfurt

Im Rahmen des 51. Deutschen Historikertages in Hamburg lud das Nordost-Institut Lüneburg am 23. September 2016 zu einem Panel mit dem Titel „Religion und Gesellschaft in der Sowjetunion nach 1945“ ein. Das Panel, von Detlef Henning (Lüneburg) zusammengestellt und moderiert, umfasste vier Vorträge und einen Kommentar. Als erstes referierte RIHO ALTNURME (Tartu) über die verschiedenen Phasen der Beziehungen zwischen der Estnischen Evangelischen Lutherischen Kirche (EELK) und der Sowjetmacht. ULRIKE HUHN (Bremen) stellte einen konkreten Konfliktfall zwischen ideologischen und wissenschaftlichen Anspruch vor, der im Rahmen der antireligiösen Kampagne Chruschtschows erfolgte: die Erforschung des so genannten Sektierertums im zentralen Schwarzerdegebiet unter der wissenschaftlichen Leitung des Ethnologen Aleksandr I. Klibanov. Der dritte Vortrag, von VICTOR DÖNNINGHAUS (Lüneburg), behandelte das religiöse Dissidententum unter den deutschen evangelischen Konfessionen in der Breschnew-Ära. Danach gab FRANK GRÜNER (Heidelberg) einen Überblick über jüdisches Leben und religiöse Praxis in der Sowjetunion zwischen 1945 und 1991, bevor SEBASTIAN RIMESTAD (Erfurt) die vier Vorträge in einem Kommentar versuchte zusammenzufassen.

Auf den ersten Blick waren die Vorträge thematisch sehr unterschiedlich ausgerichtet, doch können gewisse gemeinsame Grundlinien ausgemacht werden. Zunächst beschrieben alle vier die in der Forschung zur Religion in der Sowjetunion bekannten Phasen des relativ wohlwollenden Stalinismus zwischen Kriegsende und 1953, der Chruschtschow’schen anti-religiösen Kampagnen der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre und den Beginn einer „Liberalisierung“ unter Breschnew. Altnurme und Grüner betrachteten die Gesamtperiode zwischen 1945 und 1991, während Huhn und Dönninghaus die politischen Ziele und Methoden einer bestimmten Phase dekonstruierten, um zu zeigen, dass eine eindeutige Interpretation dieser Phasen schwierig bleibt. Kontrolle über die Religion, ob repressiv (Chruschtschow) oder kooperativ (Breschnew), war nicht so einfach herzustellen, wie es sich die Machthaber erhofft hatten. Huhn wies zudem auf die Schwierigkeit der Sowjetmacht hin, sich die notwendigen Informationen zu den einzelnen religiösen Gruppen zu verschaffen, ohne bei der Kontaktaufnahme die eigene Ideologie zu verraten. Auch Altnurme wies in seinem Vortrag auf diesen Umstand hin. Das lebendige religiöse Leben in den 1945 neu hinzu gekommenen Westgebieten der Sowjetunion war den Machthabern zunächst völlig unbekannt und musste erst durch Quellenforschung ideologisch loyaler Mitarbeiter erforscht werden.

Eine weitere Gemeinsamkeit der Vorträge war die Herausarbeitung einer dialektischen Beziehung zwischen dem Selbstverständnis der Religionsgemeinschaften einerseits und den religionspolitischen Maßnahmen der Sowjetmacht andererseits. Beide Komplexe können kaum voneinander getrennt betrachtet werden, Forschungen zu Religion und Gesellschaft in der Sowjetunion gehen allerdings überwiegend zunächst von einer Seite aus. So betonten Dönninghaus und Altnurme eher die Seite der Religionsgemeinschaften, während Grüner und insbesondere Huhn den Fokus auf die religionspolitischen Maßnahmen der Staatsführung legten.

Letztlich zeigten jedoch alle vier Vorträge, dass die Religionspolitik der Sowjetmacht bei genauerer Betrachtung eher pragmatisch ausgelegt war, indem sie religiöse Akteure unterstützte oder bedrängte, je nachdem, ob sie für die politische Gegenwartssituation als nützlich oder schädlich eingeschätzt wurden. Jeder religiöse Akteur könne auf einer Skala zwischen guter Religion und schlechter Religion eingeschätzt werden, wobei eine gute Religion klar strukturiert war und aus loyalen Sowjetbürgern bestand, während schlechte Religion durch Dissidenz und diffuse Strukturen gekennzeichnet war. Ergänzend verwies Grüner in der anschließenden Diskussion auch auf den jeweiligen internationalen Kontext und die Beziehungen der Religionsgemeinschaften ins Ausland, die in vielen Fällen eine bedeutende Rolle spielten. Natürlich konnten die vier Paper in der Kürze der Zeit keinen erschöpfenden Überblick über die religionspolitische Gemengelage der Sowjetunion der Nachkriegszeit bieten, so wäre z.B. ergänzend ein Vortrag über den Islam in der UdSSR wünschenswert gewesen. Dennoch erlaubten die vorgestellten Aspekte einen guten Überblick über die verschiedenen politischen Herausforderungen der jeweiligen historischen Phase und die versuchten Antworten darauf.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Detlef Henning (Lüneburg)

Riho Altnurme (Tartu): Lutheraner in der Sozialistischen Sowjetrepublik Estland

Ulrike Huhn (Bremen): Die Wiedergeburt der Ethnologie aus dem Geist des Atheismus. Zur Erforschung des »zeitgenössischen Sektierertums« im Rahmen von Chruščevs antireligiöser Kampagne

Victor Dönninghaus (Lüneburg): Religiöser Dissens unter Russlanddeutschen während der Brežnev-Ära

Frank Grüner (Bremen): Zwischen Repression und Emigration: Jüdisches Leben und religiöse Praxis in der Sowjetunion, 1945–1991

Sebastian Rimestad (Erfurt): Kommentar

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Religion und Gesellschaft in der Sowjetunion nach 1945, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 29.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6788>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.10.2016