HT 2016: Gefühltes Wissen? Konstruktion von Realität in Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden zwischen Weltkrieg und Mauerfall

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Anna Warda, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Eine kulturhistorische Perspektive auf ein politisches Thema kündigte KIRSTEN HEINSOHN (Hamburg) an, als sie das Panel „Gefühltes Wissen? Konstruktion von Realität in Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden zwischen Weltkrieg und Mauerfall“ eröffnete. Im Kern werde es darum gehen, wie die deutschen Sicherheitsbehörden nach 1945 Wissen und Realität konstruierten. Die Referenten folgten dabei den Fragen: Wurden und wenn inwieweit organisationsspezifische Feindbilder und Bedrohungsanalysen konzipiert? Wie haben Dichotomien des Kalten Krieges organisations- und zeitübergreifend gewirkt. Und welchen Wandlungen unterlagen die Realitätswahrnehmungen?

GERHARD SÄLTER (Marburg) ging in seinem Vortrag direkt auf diesen Fragenkomplex ein. Er beschrieb, wie die Organisation Gehlen auch noch nach 1945 die Mitglieder der Widerstandsgruppe Rote Kapelle observierte und damit einen konstruierten Feind verfolgte.[1] Für den Vorläufer des BND spionierte die Kapelle gegen die BRD und unterwanderte sie. In einem Bericht der sogenannten „Operation Fadenkreuz“ fasste die Organisation im Jahr 1951 ihre Ergebnisse zusammen: Es seien acht Agenten der Kapelle identifiziert worden und es würden insgesamt acht Spionagenetze mit insgesamt 96 involvierten Personen agieren. Beweise für diese Behauptungen fanden sich weder in diesem Bericht noch in den von Sälter untersuchten Karteikarten zu den jeweiligen Verdächtigten.

Sälter beschrieb, dass die Annahmen nur auf Vermutungen beziehungsweise gefühltem Wissen beruhten. Die Feindbildkonstruktion fußte auf den politischen Annahmen der Organisation Gehlen: Ein großer Teil der Ermittler kamen aus den ehemaligen Sicherheitsbehörden des „Dritten Reichs“. Daher verfolgten sie nach 1945 vor allem Personen, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen waren. So wurde unter der Leitung von Reinhard Gehlen und Kurt Koller das Bild einer übermächtigen, sowjetischen Spionageorganisation kreiert. Indem sie dieses Bedrohungsszenario entwarfen, versuchten sie die US-amerikanischen Verantwortlichen zum Ausbau der Spionageabwehr zu bewegen. Die Organisation wollte die eigene Existenz legitimieren und sich gegenüber anderen Sicherheitsbehörden profilieren.

Im Rückblick zeigt sich, dass diese Bezichtigungen oft aus den unteren Arbeitsebenen, unter anderem auch von rechtsextremen Gruppen, kamen und ungeprüft übernommen wurden. Es gab keine Kriterien für die Bewertung der Verdächtigten oder eine Unterscheidung zwischen Spionage und Subversion. Verdachtsmomente wurden als Erkenntnisse gespeichert und allen bundesdeutschen Behörden verfügbar gemacht. Eine Neuordnung des Geheimdienstes nach 1945 fehlte; ein Umstand, der laut Sälter auskunftsträchtig über die Gestaltung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft ist. Für die Organisation Gehlen gab es keine positive Bewertung des Widerstandes und so beschädigte sie nachtragend das Image der Roten Kapelle. Die Stunde Null setze in der Organisation nie ein und Gehlen starb in dem Glauben, dass mit dem Sieg der sozial-demokratischen Regierung die Gruppe ihre Ziele erreicht hätte.

BODO HECHELMANN (Berlin) knüpfte an die Problematik der Personalübernahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Organisation Gehlen an und analysierte anhand des Falls Heinz Felfe die Vorstellungswelten und das Selbstbild von Doppelagenten. Felfe arbeite sich im Nationalsozialismus zum SS-Obersturmführer hoch. Als er 1946 in britische Kriegsgefangenschaft geriet, ließrer sich vom MI6 anwerben. Nachdem dieser ihn entließ, arbeitete er ab 1950 für den KGB und ab 1951 als Doppelagent beim BND. Beim bundesdeutschen Dienst war er schnell für die Spionage gegen die Sowjetunion verantwortlich. Im Jahr 1961 flog seine Doppeltätigkeit auf und er wurde zu vierzehn Jahren Haft verurteilt.

Hechelmann folgte in seinem Vortrag der Frage, warum ein Anti-Kommunist für den KGB spionierte. In einem ersten Schritt legte er die verschiedenen Erklärungsmuster des BND, der Öffentlichkeit und von Felfe selbst dar. In der Öffentlichkeit stellte sich Felfe als Gesinnungstäter und überzeugter Kommunist dar. In den internen BND-Verhören hingegen betonte er, dass er im Sinne der BRD agiert hätte und lediglich die friedliche Koexistenz fördern wollte. An dieser Stelle ordnete Hechelmann den Doppelagenten Felfe in das Tätermuster des gut handelnden Menschen ein.

In einem zweiten Schritt legte Hechelmann das Prinzip der Reziprozität als Erklärung für Felfes Handeln dar. Felfe sei durch die Loyalität zum NS-Regime geprägt worden und habe diese nach 1945 auf den MI6 übertragen. Der britische Geheimdienst hätte seine Ergebenheit belohnt, indem sie seine Entnazifizierung betrieben habe. Auch dem späteren Arbeitgeber KGB war er treu ergeben und wäre von diesem – trotz seiner nationalsozialistischen Vergangenheit – geschätzt worden.

Im letzten Teil seines Vortrags resümierte Hechelmann, dass sich Wahrnehmungsmuster im Bundesnachrichtendienst nach Kriegsende falsch manifestiert hätten; die eigene Welt sei nicht hinterfragt worden. Der Fall Felfe zeige den Fehlschluss (cum hoc ergo propter hoc) des BND auf, dass man per se gegen eine sowjetische Unterwanderung immunisiert gewesen sei. Diese irrige Annahme nutze der KGB aus und konnte den bundesdeutschen Geheimdienst unterwandern.

JENS GIESEKE (Potsdam) erläuterte in seinem Vortrag die beschränkte Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in den außenpolitischen Prozessen der DDR. Er basierte seine These auf der Untersuchung „Die Staatssicherheit und die Grünen“.[2] Zunächst beschrieb er die nicht unproblematische Haltung der SED zu der 1980 gegründeten Partei. Die Einheitspartei sah die Grünen zwar als Konkurrent zu sowjettreuen Gruppierungen innerhalb der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung. Und auch auf die grüne Kritik am Staatssozialismus sowie die direkten Interventionen in Berlin reagierten die SED-Kader allergisch. Aber der anti-nationale und anti-anti-kommunistische Kurs der Grünen wurde positiv gesehen und sollte demnach auch durch das MfS gefördert werden.

Das Ministerium sollte die Grünen also auf der einen Seite kritisch betrachten, Interventionen verhindern und gleichzeitig zu den eigenen Gunsten fördern. Gieseke zeigte das Problem der Homogenität in der Außenpolitik der DDR auf und erklärte, dass auch die Hauptverwaltung A (HVA) sich der monochromen Politik anschließen musste. Gieseke beschrieb eine rituelle Synchronisation mit dem Zentralkomitee: Die Berichte der Abteilung Aufklärung hätten eine rein assistierende Funktion gehabt.

Es hätte lediglich zwei Räume innerhalb des politischen Systems gegeben, in welchen das MfS eigene Akzente hätte setzen können. Als erstes ging Gieseke auf den Politikraum, die Gespräche zwischen Erich Honecker und Erich Mielke, ein. Über diesen Kanal hatte Mielke die Möglichkeit gehabt, negative Wertungen über die Grünen einzuspeisen, und versuchte davon beispielsweise im Fall der Einreiseerlaubnis von Petra Kelly Gebrauch zu machen. Als in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre die HVA die grüne Bewegung immer kritischer einschätzte und deren Einfluss den eigenen Ziele entgegenlaufen sah, reagierten die außenpolitischen Entscheidungsträger taub. Das MfS fungierte somit gezwungenermaßen als parteikonformer Zulieferer.

Als zweiten Raum für eigene Akzente nannte Gieseke die direkte Kommunikation mit Moskau. Einen wesentlichen Teil der Ergebnisse des MfS ging direkt an den KGB; einschließlich finished intelligence. Mielke wusste vom Unmut in Moskau gegenüber der Annäherung Honeckers an die BRD, und so äußerte er dem KGB gegenüber, dass er Petra Kelly für eine CIA-Agentin hielt – de facto hatte er keine Beweise dafür. Es gibt keine Hinweise darüber, ob und wie der KGB mit dieser Information umging.

Die Analyse dieser Kommunikationsräume zeigt, so Gieseke, dass es in den hierarchischen Strukturen kaum Spielraum für Alternativpositionen gab. Die fortschreitende Frustration könne nur zwischen den Zeilen abgelesen werden. Gieseke leitete daraus ab, dass die Spionage des MfS zwar ressourcenstark war, als erfolgreich galt und einen hohen Stellenwert im Staat hatte, aber gleichzeitig musste sie sich in die politischen Hierarchien einordnen. Dies machte die eigene Akzentsetzung begrenzt bis wirkungslos.

KLAUS WEINHAUER (Bielefeld) schlug in seinem Vortrag den Bogen nach Westdeutschland und ging auf die Bedrohungsvorstellungen der bundesdeutschen Behörden der Inneren Sicherheit in den 1970er- und 1980er-Jahren ein. Als Resümee seiner Forschungen zum Links- und Rechtsterrorismus in der BRD [3] beschrieb Weinhauer, dass sich die Bedrohungswahrnehmung von links aus der Angst vor einem Umsturz, vor einer sowjetischen oder ostdeutschen Verschwörung und vor einer Erhebung der Arbeiterschaft generierte. Ideologie und Praxis wurden nicht getrennt.

Gleiches galt für die Wahrnehmung des Rechtsterrorismus; dort waren die Vorstellungen der Inneren Sicherheit allerdings weitaus differenzierter. Natürlich galt es den Rechtsterrorismus zu bekämpfen, aber gleichzeitig wurde er nicht als Gefahr für die BRD wahrgenommen. Die Einschätzung lautete: Die Akteure seien irrational und intellektuell minderbemittelt; unfähig, sich zu organisieren. Sie agierten nur im Lokalen und hätten keine transnationalen Netzwerke. Durch Ausgrenzung und Isolation wollten die Sicherheitsbehörden die Gruppen schadlos machen. 1985 galt das Credo in den Sicherheitsbehörden, dass die Dominanz des Linksterrorismus Realität sein; um den rechten Terror müsse man sich keine Sorgen machen.

Basierend auf einer Untersuchung der Verfassungsschutzberichte arbeitete Weinhauer heraus, dass es in den 1980er-Jahren eine Radikalisierung der rechten Gewalt gab. Der Fokus richtete sich mehr auf „Ausländer“ und die Merkmale der Gewaltkommunikation waren vor allem Sachbeschädigungen, Sprengstoff- und Brandanschläge sowie Körperverletzungen. Die Verfassungsfeinde wurden allerdings ausgeblendet, an den Rand gedrängt und nur als marginales Problem wahrgenommen. Das Problem dieses gefühlten Wissens innerhalb der Sicherheitsbehörden war, dass es nur auf Einzelinformationen basierte und es kein Kontextwissen gab. Veränderungen wurden ignoriert und jugendlichen Subkulturen wurden nicht als eigenständig wahrgenommen.

Weinhauer argumentierte, dass die Untersuchung des Rechtsradikalismus einen Beitrag zur Sozial- und Kulturgeschichte der Inneren Sicherheit liefere. Sie würde Erkenntnisse über die Orte von Gewalt, die sozialen Bewegungen als Basis der gesellschaftlichen Ordnung und die Bedeutung des lokalen Kontexts bringen. In diesem Zusammenhang wären besonders die lokale Aneignung der nationalsozialistischen Geschichte und das Gewicht von Geschichtswerkstätten in der neonazistischen Jugendarbeit interessant.

BEATRICE DE GRAAF (Utrecht) war leider verhindert; ihren Kommentar verlas KIRSTEN HEINSOHN (Hamburg). In Anlehnung an Christian Bayly zog de Graaf Parallelen zum intelligence failure des britischen Geheimdienstes in der Kolonialzeit: Auch dort blickten die Agenten aufgrund mangelnder Kenntnis der Kultur und fehlendem Einfühlungsvermögen verquer auf nationale Entwicklungen. De Graaf assistierte den besprochenen Diensten ähnlich fehlgeleitete Bedrohungsvorstellungen, falsche Deutungsmuster, emotionalisierte Beurteilung und einen Mangel an Reflexion der eigenen Wahrnehmung. Als Einstieg in die Diskussion fragte de Graaf die Referenten erstens nach den Gründen für die monochrome Sicht, zweitens nach einem Dienste-übergreifenden Vergleich bezüglich der Herstellung einer kollektiven Sicht und drittens nach dem Einfluss des emotional turns in Bezug auf die intelligence history.

In der anschließenden Diskussion gingen die Referenten auf diese Fragen sowie auf die Rolle der Sozialwissenschaften für die Produktion von Wissen und auf die Räume für alternatives Handeln ein. Eine letzte Frage aus dem Publikum bezog sich auf die Historikerkommissionen, die sich mit der jeweiligen Vergangenheit der besprochenen Organisationen auseinandersetzen. Hechelmann sah die Aufarbeitung des BND vor allem im internationalen Vergleich sehr positiv. Gieseke sprach sich gegen die hausinterne Aufarbeitung und für die Öffnung der Archive aus. Er schloss das Panel, indem er für den Anschluss der intelligence history an die Kultur- und Sozialgeschichte plädierte.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Jens Gieseke (Potsdam)

Kirsten Heinsohn (Hamburg): Einführung

Gerhard Sälter (Marburg): Der Widerstand gegen Hitler als Bedrohung der Nachkriegsdemokratie: Die Organisation Gehlen und ihre Wahrnehmung der Roten Kapelle.

Bodo Hechelmann (Berlin): Vorstellungswelten und Selbstbild von Doppelagenten: Wahrnehmungs- und Persönlichkeitsmuster von KGB-Spionen im BND

Jens Gieseke (Potsdam): Die westdeutschen Grünen als potentielle Bedrohung der SED-Diktatur

Klaus Weinhauer (Bielefeld): Terrorismus von links und rechts: Bedrohungsvorstellungen bundesdeutscher Behörden der Inneren Sicherheit in den 1970/80er Jahren.

Beatrice de Graaf (Utrecht): Kommentar

Anmerkungen:
[1] Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges. Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes »Rote Kapelle«. Berlin 2016.
[2] Bahr, Andrea; Gieseke, Jens: Die Staatssicherheit und die Grünen. Zwischen SED-Westpolitik und Ost-West-Kontakten. Berlin 2016.
[3] Klaus Weinhauer / Sylvia Schraut (Hrsg.): Themenheft: Terrorism, Gender and History, in: Historical Social Research 39 (2014).

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Gefühltes Wissen? Konstruktion von Realität in Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden zwischen Weltkrieg und Mauerfall, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 28.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6795>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.10.2016
Beiträger
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung