Quellen – Erzählen – Wissen. Formen und Formationen von ‚Geschichte‘ in Antike und Mittelalter

Ort
Greifswald
Veranstalter
Institut für Deutsche Philologie, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald; Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald
Datum
03.06.2016
Von
Florian Schmid / Markus Gärtner, Institut für deutsche Philologie, Universität Greifswald

Der interdisziplinäre Workshop „Quellen – Erzählen – Wissen. Formen und Formationen von ‚Geschichte‘ in Antike und Mittelalter“ (Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald, 3. Juni 2016, Leitung: Dr. des. Florian Schmid) war der Untersuchung des Wandels von Schreib- und Erzählprozessen von ‚Geschichte‘ von der Antike bis in das Spätmittelalter sowie der Verortung der diesen Vergangenheitskonstruktionen zugrundeliegenden ‚Geschichts‘-Konzeptionen in ihren kulturellen Kontexten gewidmet. Zusammengeführt wurden Diskurse aus den Disziplinen Alte Geschichte, Klassische Philologie, Geschichte des Mittelalters, Mediävistische Germanistik und Philosophie. Die chronologisch gereihten Vorträge aus den einzelnen Disziplinen waren über Leitfragen zu den drei Hauptthemen des Workshops miteinander verbunden: I. Quellen: Welche Quellen werden für historiographische Darstellungen herangezogen, inwiefern werden diese um- bzw. neugedeutet und inwiefern wird der Status dieser Quellen reflektiert bzw. bestimmt? II. Erzählen: Welche narrativen Strategien werden zur Darstellung von ‚Geschichte‘ angewendet und welche Funktionen kommen ihnen zu? Welchen Stellenwert hat ein ‚Erzählen‘ in der Darstellung von ‚Geschichte‘? III. Wissen: Welches (Geschichts-)Wissen soll zu welchem Zweck an welche intendierten Rezipienten vermittelt werden? Welchen Transformationen unterliegt dieses Wissen durch die Form der Darstellung und die spezifische Rezipientenausrichtung?

Einführend legte FLORIAN SCHMID (Greifswald) den aktuellen Stand der germanistischen Erzählforschung in Bezug auf Darstellungsformen von ‚Geschichte‘ dar und analysierte anhand der Kategorien ‚Kriterien für die Quellenselektion‘, ‚Dramatisierung des Textes über inserierte Figurenrede‘ und ‚Art des vermittelten Wissens‘ exemplarisch die Episoden um Karl den Großen aus der „Weltchronik“ Heinrichs von München. Er arbeitete heraus, inwiefern sich Motive, Narrative, Gestaltungsweisen und deren Funktionalisierungen in dieser spätmittelalterlichen Chronik, die sich hochmittelalterlicher Quellen bedient, bis in die Antike zurückverfolgen lassen.

In Bezug auf Autoren der griechischen Antike behandelte BERNHARD VAN WICKEVOORT CROMMELIN (Greifswald) Traditionslinien zwischen der griechischen und orientalischen Welt und die Verhandlung der Relativität von Erkenntnis, des Problems des Erkennens, der durch die Erzählperspektive bestimmten Beziehung zum Gegenstand und die Frage, inwiefern Sprache Wirklichkeit wiedergeben könne. Besonders an Werken von Herodot und Thukydides zeichnete er unterschiedliche Geschichtsbegriffe, Argument- bzw. Beweisführungen, Darstellungsweisen wie auch die Bereiche ihrer jeweiligen Vorbildfunktion nach. Aufgezeigt wurden in diesem Beitrag Muster und Traditionslinien, die bis in das Spätmittelalter wirksam sind.

KAREN BLASCHKA (Potsdam) fokussierte den Blick auf die römische Historiographie, die als patriotisch, moralisierend, zum Teil fabulösen Traditionen folgend und in ihrer Darstellungsweise vom Drama beeinflusst zu verstehen sei. In kontrastivem Vergleich zu parallelen Darstellungen desselben geschichtlichen Ereignisses zeigte sie Reflexion und spezifische narrative Darstellungsweisen in „Ab urbe condita“ des Livius auf: Konkrete Quellen werden meist nur angedeutet; das Anliegen seiner Historiographie richtet sich weniger auf eine Faktensicherung, vielmehr auf die Anregung der Rezipienten zur Reflexion von Geschichte durch die narrative, pointierende, (um)deutende Formung und eine damit einhergehende Moralisierung einzelner Episoden. Der Beitrag verdeutlichte, dass sich Gestaltungsweisen hinsichtlich einer Narrativität diffizil untersuchen lassen, die ‚Erzähl‘-Instanz in Darstellungen von ‚Geschichte‘ jedoch oftmals ein geringes Profil aufweist.

Im Rahmen eines vorstellungsgeschichtlichen Ansatzes fragte JANINA LILLGE (Kiel) nach Quellengrundlage sowie Grad der Narrativität in Darstellungen und Konstruktionen von Verwandtschaft: Im „Carmen de gestis Oddonis I imperatoris“ der Hrotsvit von Gandersheim sei keine Quellendiskussion zu beobachten und über die Klärung der funktionalen Ausrichtung und damit des die Darstellungsweise prägenden ‚Erzählzwecks‘ könne ein exemplarisches, auf ein Ideal ausgerichtetes Erzählen bestimmt werden. In kontrastivem Vergleich dazu betont der namentlich nicht bekannte Autor der „Historia welforum“ ein intensives Quellenstudium. Eine auch an anderen Werken feststellbare größere Ausführlichkeit der Zeithistorie gegenüber der Vergangenheitshistorie verdeutliche Quellenlage und verwendete Quellenarten. Mit der Unterscheidung der Darstellungsformen Berichten und Erzählen, die in weiteren Beiträgen und Diskussionen aufgegriffen wurde, verwies sie auf die grundsätzliche definitorische Problematik des Begriffs ‚Erzählen‘.

GESINE MIERKE (Chemnitz) vertrat die These, dass spätmittelalterliche Chronistik auf die Vermischung von Fakt und Fiktion angelegt und eine neuzeitliche Trennung dieser Ebenen dem Untersuchungsgegenstand nicht angemessen sei. Seit Lukan stehe außer Frage, dass mit dem Anliegen der Vermittlung von Wissen eine Freiheit in der Gestaltung einhergehe. In der „Braunschweigischen Reimchronik“ und der „Steirische Weltchronik“ sei eine angedeutete Quellenkritik zu beobachten, eine besondere Autoritätsbetonung könne auf die Verfasstheit in deutscher statt lateinischer Sprache zurückgeführt werden. Auch wenn ein höfisches Bezugssystem anzusetzen sei, werde das Geschehen trotz Anspielungen auf den Artusroman nicht in eine Abenteuerzeit, sondern in die Heilsgeschichte eingeordnet; die wichtigste Referenz bleibe die (historische) Gegenwart.

Am Beispiel des Rechnungsbuches von Gotke Warendorp aus Wismar untersuchte SASCHA BÜTOW (Rostock) minimale narrative Elemente, deren Darstellungsweise durch Textsorte und berufliche Tätigkeit des Verfassers von geschäftlicher Logik geprägt und durch die Stellung des Verfassers als Familienoberhaupt perspektiviert sein könnte. Die familienbezogenen Einträge dokumentieren die Eingebundenheit der Familie in die städtische Oberschicht und ihr städtisches gesellschaftliches Ansehen. Da diese Einträge jedoch zugleich auch als geschäftsrelevante Nachrichten verstanden werden könnten, sei eine Unterscheidung zweier unterschiedlicher Sphären der verschiedenen Einträge nicht eindeutig zu treffen.

MATTHIAS KIRCHHOFF (Stuttgart) stellte an Niklas III. Muffels „Gedechtnusse und Schriefft“ (1468) dar, inwiefern Darstellungsweisen die Konventionen einer Textsorte sprengen und die Einordnung von Fakten perspektivieren können, zum Beispiel durch das Inserieren von Leistungsdarstellungen, Reflexionen, Selbstkritik und die Synchronisation des eigenen Lebens mit anderen Ereignissen. Zu unterscheiden sei zwischen den Darstellungsformen des Berichtens und des Erzählens. Dies äußere sich darin, dass der Verfasser den Modus des Erzählens je nach Inhalt oder Darstellungsziel an- und abschalte. Aus der Darstellungsweise dieses Werkes resultiere, dass es für verschiedene Wissensbereiche und -formen genutzt werden konnte, wie zur Gewinnung familiären und historischen, Nutz- und Pseudowissens.

Im letzten Beitrag des Workshops behandelte DOREEN BRANDT (Rostock) zwei spätmittelalterliche historisch-politische Ereignisdichtungen über die Schlacht bei Hemmingstedt. In diesen Beispielen der Textsorte ‚rede‘ werde die Welt weniger erzählt, vielmehr besprochen. Die Darstellungsweise des historischen Ereignisses unterscheide sich je nach Zweck in beiden Reimpaarreden deutlich. Während sich bei „Van den detmerschen is dyt ghedicht“ eine didaktische Äußerungsintention beobachten lasse, die das historische Ereignis als Beispiel und Beweis referenziere und in einen moraldidaktischen Diskurs einordne, lasse sich für „Wille gi wetenn wat dar geschach?“ eine berichtend-informierende Äußerungsintention mit dem Anliegen der Nachrichtenübermittlung feststellen, die das Ereignis in Form einer Aufzählung von einzelnen Begebenheiten und unter Einbindung von Verlustverzeichnissen und einer Gefallenenliste referenziere.

In den Vorträgen und Diskussionen des Workshops wurden unterschiedliche Perspektiven auf Prozesse und Formen der Produktion, Narration und Rezeption von ‚Geschichte‘ vorgestellt und die einzelnen Begriffs- und Konzeptbestimmungen produktiv hinterfragt. Insofern haben die interdisziplinäre Zusammensetzung und die thematische Ausrichtung des Workshops zur Klärung und zugleich zur Problematisierung von bisher Erreichtem und künftig Anzugehendem beigetragen. Der narrative Status von Darstellungen von ‚Geschichte‘ kann meist graduell eingestuft werden. Die Offenheit und damit die unterschiedlichen Festlegungsmöglichkeiten der Begriffe Erzählen, Narration und Narrativ generieren unterschiedliche Zugänge zu Darstellungen von ‚Geschichte‘. Soll zwischen Berichten und Erzählen, Diskursivität und Narrativität unterschieden werden, bietet sich der Begriff Erzählen nicht notwendigerweise als Oberbegriff für Darstellungsweisen und -formen historischer Inhalte an. Zu fragen wäre, inwiefern der Aspekt der Ästhetik und Poetik ein zu berücksichtigender Faktor sein kann oder sein sollte und welche Ansprüche Darstellungsformen von ‚Geschichte‘ an ihre sprachliche Verfasstheit stellen. Näher bestimmt werden sollte auch die gegenseitige Abhängigkeit von Referenzsystemen und Rezeptionshaltungen, zumal Gattungserwartungen, Erzählzweck und Darstellungsweise einander bedingen und für zumindest mittelalterliche Werke eine kategoriale Trennung von Fakt und Fiktion nicht zielführend sein muss. Während Quellengrundlage und Darstellungsweise, also das ‚Was‘ und das ‚Wie‘ des Erzählens in den Beiträgen oftmals untersucht wurden, bleibt eine intensive Erforschung des Profils der Erzählinstanz (‚Wer erzählt?‘) Desiderat. Die weniger intensive Auseinandersetzung mit dieser Instanz mag nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass ihre Merkmale oftmals nur über marginale Kennzeichnungen oder möglicherweise als topisch einzustufende Formulierungen wie Wahrheitsbeteuerungen, Vor- und Rückverweise, Sentenzen usw. in historiographische Werken eingeschrieben sind.

Konferenzübersicht:

Christian Suhm (Alfried Krupp-Kolleg Greifswald): Begrüßung

Florian Schmid (Greifswald): „alz im der engel hat gesait; daz wart do die warheit.“ – Narrative und Narrationen von ‚Geschichte‘ in mittelalterlicher Chronistik.

Moderation: Karl-Heinz Spieß (Greifswald)

Bernard van Wickevoort Crommelin (Greifswald): Vom Ende der naiven Geschichtsbetrachtung – die antike Historiographie zwischen Mythos und Logos.

Karen Blaschka (Potsdam): Erzählen von ‚Geschichte‘ in der römischen Historiographie.

Janina Lillge (Kiel): Verwandtschaft erzählen? Verwandte in historiographischen Quellen des Früh- und Hochmittelalters.

Moderation: Nicola Mößner (Aachen / Greifswald)

Gesine Mierke (Chemnitz): Geschichte erzählen. Zu einigen Beispielen aus der spätmittelalterlichen Chronistik.

Sascha Bütow (Rostock): Familiengeschichte zwischen Zahlen. Historisches Erzählen in Geschäftsbüchern des 15. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des Rechnungsbuches von Gotke Warendorp aus Wismar.

Matthias Kirchhoff (Stuttgart): Gedenkbuch – Chronik – Legende. Niklas III. Muffels ‚Gedechtnusse und Schriefft‘ von 1468 zwischen Gattungskonstituenten und Verfasseranliegen. Moderation: Florian Schmid (Greifswald)

Doreen Brandt (Rostock): „Wylle gi wetenn wat dar geschach?“ – Zur Ausprägung und Funktion von Ereignisbezügen in der gereimten Dichtung über die Schlacht bei Hemmingstedt.

Bilanz und Ausblick

Zitation
Tagungsbericht: Quellen – Erzählen – Wissen. Formen und Formationen von ‚Geschichte‘ in Antike und Mittelalter, 03.06.2016 Greifswald, in: H-Soz-Kult, 10.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6803>.