HT 2016: Umstrittene Objekte. Bedeutungswandel und Konflikte um Glauben und Wissen in der afrikanisch-europäischen Transfergeschichte

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Norman Aselmeyer, Department of History and Civilization, European University Institute, Florence

Historiker und Historikerinnen seien gewillt, fast alles zu glauben, solange es nicht dreidimensional ist.[1] Von dieser Skepsis, so 1977 von John Schlebecker formuliert, ist heute nicht viel geblieben: Die Dinggeschichte hat in den letzten Jahren Furore gemacht. Nicht nur, dass sie angesichts der Ubiquität von Diskursen die Materialität zurück in die Geschichte brachte und dieser zu neuen Einsichten verhalf, sondern sie stand auch Pate für einige Bestseller auf dem Buchmarkt. Neil MacGregor, um ein bekanntes Beispiel zu nehmen, hat mit seiner „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ gezeigt, wie sich mithilfe von Sammlungsobjekten des British Museum eine verflochtene Geschichte der Welt schreiben lässt.[2]

Obgleich die Rede vom „material turn“ suggeriert, dass es sich bei der Geschichte der Dinge und ihrer Materialität um ein Novum handelt, hat sie doch eine offenkundige Vorgeschichte in der klassischen Realienforschung und dem marxistischen Materialismus. Die französischen Poststrukturalisten haben ihnen allerdings einen neuen Stellenwert in der sozialen Wirklichkeit beigemessen und damit vor allem auf ihre Bedeutung für Machtbeziehungen und als Wissensspeicher verwiesen. Bruno Latour hat später mit dem Konzept der Aktanten ihren Eigensinn betont. Heute wird die Relevanz von Objekten für die moderne Geschichtsschreibung nicht mehr bestritten, sogar ein „Vetorecht der Dinge“ – analog zum Koselleck’schen Vetorecht der Quellen – wurde proklamiert.[3] In der Geschichtswissenschaft spielt momentan neben ihrer Handlungsmacht und ihrem Stimulus für globale Verflechtungen vor allem die Sprache der (Alltags-)Dinge eine herausragende Rolle, die ihren Gebrauchs- und Bedeutungswandel in der Zeit untersucht.[4]

Diese mediale Seite von Objekten war auch Gegenstand der Sektion „Umstrittene Objekte. Bedeutungswandel und Konflikte um Glauben und Wissen in der afrikanisch-europäischen Transfergeschichte“. FELIX BRAHM (London) und BETTINA BROCKMEYER (Bielefeld) betonten in ihrer Einführung die ambivalente Rolle von Objekten in interkulturellen Austauschbeziehungen. Diese war bedingt durch, erstens, asymmetrische Machtverhältnisse und, zweitens, unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen. Ihr umstrittener Charakter, wie die anhaltenden Diskussionen um Raubkunst und zwiespältige Erinnerungsgeschichten zeigen, dauert in der Gegenwart an. Die Sektion fragte davon ausgehend nach dem Konfliktpotential und den Deutungsverschiebungen im Transfer von Objekten zwischen Afrika und Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Besonderes Augenmerk liegt, so die beiden Organisator/innen, auf dem jeweils religiösen und wissenschaftlichen Gehalt dieser Objekte in der interkulturellen Kontaktsituation, der Verflechtungsgeschichte und ihrer Erinnerungspolitik.

FELIX BRAHM (London) untersuchte im ersten Vortrag die Rolle von Feuerwaffen in Ostafrika. Die aus europäischen, US-amerikanischen und südasiatischen Arsenalen ausgemusterten und für den Handel umgebauten Waffen gehörten seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu begehrten und nicht nur zahlenmäßig bedeutsamen Transferobjekten zwischen lokalen Potentaten sowie zwischen europäischen und afrikanischen Akteuren. Ihre besondere Rolle erklärt sich in diesen Kontexten, so Brahm, durch ihre vielschichtigen Funktionen als Vertrauensbeweis, Prestigeobjekt und Männlichkeitssymbol. Anhand der Beziehung zwischen dem König von Buganda, Kabaka Mtesa, und dem Missionar der britischen Church Missionary Society, Alexander Murdoch Mackay, zeigte Brahm aber auch eine Bedeutungsverschiebung von Feuerwaffen im interkulturellen Kontakt auf: War Mackay anfangs überzeugt, dass die Distribution von Feuerwaffen durchaus friedenstiftend wirke und Geschenke von Waffen notwendig seien, um sich der Gunst des Kabakas zu versichern, wurden diese für ihn – als sie für den Herrscher zunehmend zentrales Medium zur Herrschaftssicherung wurden – zu moralisch umstrittenen Objekten. Der wahrgenommene Zusammenhang zwischen freiem Waffenhandel in Afrika und Gewaltexzessen, Raubzügen und Sklavenhandel veranlasste die europäischen Kolonialmächte 1890, den Transfer modernerer Schusswaffen zu verbieten und damit zugleich die Basis der eigenen kolonialen Herrschaft zu legen.

Dass Objekte nicht nur eine Transfergeschichte haben, sondern auch zur Weitergabe von Wissen und Glauben beitrugen, argumentierte BETTINA BROCKMEYER (Bielefeld) in ihrem Vortrag. Dafür analysierte sie Wege und Bedeutungswandlungen der menschlichen Überreste des Wahehe-Chiefs Mkwawa aus dem kolonialen Tansania, dessen Schädel sowohl als Trophäe, Wissenschaftsobjekt, politisches als auch religiöses Objekt fungierte. Nach der Enthauptung durch deutsche Truppen wurde dem Chief ein Backenzahn entnommen, der als religiöse Reliquie aufgeladen und in Form eines Kettenanhängers in Familienhand aufbewahrt den Erfolg der deutschen Kolonisation repräsentieren sollte. Die Geschichte des Schädels ist dagegen bis heute nicht geklärt. Eventuell wurde er nach der Grablegung von deutschen Soldaten erbeutet und in Virchows Schädelsammlung in Berlin deponiert, wo er wissenschaftlichen Zwecken diente. Seine politische Geschichte kulminierte im Versailler Friedensvertrag, in dem er in Artikel 246 als Symbol deutscher Grausamkeit firmierte. Erst 1954 wurde der vermeintlich echte Schädel, damals dem Bremer Völkerkundemuseum entnommen, nach Tansania gebracht. Dort wurden ihm von den Briten magische Fähigkeiten zugeschrieben. Auch die Familie, in deren Hand der Backenzahn verblieb, glaubte aufgrund verschiedener Unglücksfälle an einen Fluch und gab ihn 2013 zurück. Die Überreste von Chief Mkwawa sind, so Brockmeyer abschließend, Exempel europäischer Glaubensweisen, die sich der im kolonialen Diskurs geprägten Dichotomie von ‚afrikanischem‘ Glauben und ‚europäischem‘ Wissen entziehen.

Ausgehend von der Sammelpolitik des Berliner Museums für Völkerkunde berichtete KRISTIN WEBER (Leipzig) über den Konflikt zwischen objektiver Wissensproduktion und kolonialer Sammlungspraxis im ostafrikanischen Kontext. Die koloniale Expansion Deutschlands am Ende des 19. Jahrhunderts nutzten die Berliner Ethnologen, um Objekte aus den Schutzgebieten für Forschungszwecke und zur vermeintlichen Rettung von Kulturgut in den musealen Besitz zu bringen. Die Aneignung dieser Objekte sollte unter ethnologischen Sammelvorgaben erfolgen, obgleich die Sammelpraxis der Personen vor Ort in Form von Raub, Diebstahl, Erpressung, Ankauf und Geschenken in Kauf genommen wurde. Die Perspektive des Kontrollverlusts ermöglicht es, so Weber, den Sammelprozess über die oft vereinfachende Reduktion auf gewaltsame Enteignung und Machtasymmetrien hinaus auch nach anderen Aspekten zu befragen. So geraten nicht nur die Rolle afrikanischer Akteure in den Blick, die sich als Vermittler oder Informanten teilweise am Erwerb beteiligten, sondern auch die Brüchigkeit objektiver Wissensproduktion und die zweifelhafte Kontrollierbarkeit und Rationalität kolonialer Expansion. Am Beispiel der kigiilya-Figur aus Ukerewe zeigte Weber schließlich auf, wie wenig Sammlungspraxis von kolonialer Politik zu trennen war. Die Aneignung von Objekten war demzufolge ein ambivalenter Prozess zwischen Konformität und Kontrollverlust, der das Verhältnis der verschiedenen Parteien in Ostafrika im Kontext von Zusammenarbeit, Widerstand und Gewalt strukturierte.

Der Beitrag von REBEKKA HABERMAS (Göttingen) rief dazu auf, neben der klassischen Provenienzgeschichte von Objekten auch deren politischer Dimension Aufmerksamkeit zu schenken. Anhand der Bronzekunst, die 1897 nach einer gewaltsamen Expedition britischer Truppen im Benin nach Europa gelangt war, zeichnete sie den typischen Weg von kolonialen Beuteobjekten in die Ethnologische Sammlung Berlins nach und verwies auf die vorangehende rhetorische Uminterpretation ihrer Aneignungsgeschichte, die entlang kolonialer Stereotype als Befreiungs- und Rettungsaktion gerechtfertigt wurde. In Europa entfalteten diese Objekte eine umfassende Wirkungsmacht und hinterließen ihre Spuren in der Geschichte des Wissens, der Kunst, Identität und Ökonomie. Indem sie beispielsweise konstitutiv geworden sind für die Malerei der europäischen Moderne, so Habermas, haben sie sich ins kulturelle Vermächtnis des Kontinents eingeschrieben. Die aktuelle Dimension der Objekte zeigt sich, so der Vortrag weiter, angesichts energischer Restitutionsforderungen in der Abwehrreaktion der Museen. In der „Declaration on the Importance and Value of Universal Museums“ (2002), die den Verbleib der erbeuteten und erworbenen Stücke in den großen Museen des Westens legitimierte, wirkten vor allem die Echos kolonialer Rhetorik von 1897 nach. Die Geschichtswissenschaft kann zur Aufdeckung dieser Traditionslinien beitragen, aber auch – wenn sie es mit der Dezentrierung ihres Blicks ernst meint – auf die Verwicklung von kolonialer Wirtschaft und heutigem Kunstmarkt hinweisen sowie die Herstellungssituation und die politischen, religiösen oder popkulturellen Bedeutungsverschiebungen im lokalen Kontext analysieren.

In seinem anschließenden Kommentar verwies HOLGER STÖCKER (Berlin) auf die erinnerungskulturelle Dimension der analysierten Objekte. Diese haben nicht nur einen musealen, wissenschaftlichen oder ökonomischen Wert, sondern sind auch sprechende Träger der europäischen Kolonialvergangenheit. Aus diesem Grund sind, so Stöcker, die Kontexte der Aneigungssituationen historiografisch besonders interessant. Denn bei den Objekten geht es nicht ausschließlich um die rechtliche Inbesitznahme, sondern auch um die Einverleibung und Aktivierung von politischem Kapital, das den Objekten zu eigen ist. Zuletzt betonte Stöcker die historiografische Bedeutung der Sektion, die dazu beiträgt, die Konturen von Objekten in europäisch-afrikanischen Transfergeschichten zu pluralisieren: Dinggeschichten untersuchten üblicherweise, wie Objekte nach Europa gelangten, besitzen darüber hinaus aber auch eine rückläufige oder gegenläufige Richtung. Außerdem erstreckt sich die Geschichte ihrer Aneignung nicht allein auf die Zeit nach Etablierung von kolonialer Herrschaft, sondern bereits in der vorkolonialen Vergangenheit bestanden Austauschprozesse zwischen europäischen und afrikanischen Akteuren. Diese konnten auf ganz unterschiedlichen Ebenen stattfinden; sie waren nicht nur begleitet von asymmetrischen Gewaltexzessen, Plünderungen und Geschäftsbeziehungen, sondern auch Ergebnis von Austauschbeziehungen auf Augenhöhe.

In der abschließenden knappen Diskussion wurde die von Holger Stöcker erwähnte Reziprozität der Austauschbeziehungen thematisiert und nach europäischen Objekten in afrikanischen Archiven und Museen gefragt. Diese gebe es beispielsweise im Militärmuseum in Ghana, wo sich europäische Beutewaffen aus dem Zweiten Weltkrieg befänden. Populären Objektgeschichten, die allein von Objekten in europäischen Museumssammlungen handeln und die afrikanische Seite außer Acht lassen, bleibe ein eurozentrischer Zug eingeschrieben. Ein weiterer Themenkreis betraf die religiöse Dimension der Objekte und inwieweit diese ein Aspekt europäischer Glaubenspraktiken ist. Eine Vielzahl von Objekten entwickelten sich zu Kultobjekten in Europa, nahmen also eine Bedeutung an, die sie in ihrem Herkunftskontext nicht besaßen. Zudem waren die im 18. und 19. Jahrhundert in Europa durchaus nicht unübliche Sammlung und Aufbewahrung von human remains nicht dezidiert religiös, sondern mussten erst damit aufgeladen werden. So sind Objekte nicht nur Träger einer langen Geschichte, sondern auch kultureller Stereotype.

Die vier Beiträge behandelten europäisch-afrikanische Transfergeschichten von Feuerwaffen, Ethnographica und menschlichen Überresten. Mit dieser Ausrichtung hatte die Sektion drei Fragekomplexe zum Gegenstand, die für die gegenwärtige Dinggeschichte besonders richtungsweisend sind: der Subjektcharakter von Objekten, der Wandel ihres Alltagsgebrauchs und ihrer Bedeutungszuschreibungen sowie ihre globalhistorische Dimension. Mit dem Augenmerk auf die europäisch-afrikanische Verflechtungsgeschichte hat die Sektion zudem die deutsche Kolonialvergangenheit in den Fokus gerückt, deren Aufarbeitung sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in der Öffentlichkeit momentan erfreuliche Aufmerksamkeit gewinnt.[5] In diesem Kontext erklärt sich auch der bis heute andauernde und im Sektionstitel aufgegriffene umstrittene Charakter der Objekte, der in der Bewältigung und Auseinandersetzung mit der europäischen Kolonialgeschichte beständig hervortritt. Mit dem Fokus auf die lange Trajektorie von Objekten lässt sich jedoch auch beobachten, dass sich ursprüngliche Bedeutungen teilweise von Objekten lösen und, wie die verschiedenen Vorträge gezeigt haben, ein Eigenleben beginnen. Was sich dagegen erstaunlicher Langlebigkeit erfreut, sind die Topoi kolonialer Rettungs- und Bewahrungsrhetorik, die gegenwärtig in den Rechtfertigungen westlicher Museen angesichts von Restitutionsforderungen durchschimmern, aber auch in anders gelagerten Projekten wie dem „Endangered Archives Programme“ anklingen.[6]

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Felix Brahm (London) / Bettina Brockmeyer (Bielefeld)

Felix Brahm (London): Die Waffen der Missionare. Zur Bedeutung von Feuerwaffen und ihrem Transfer in der kulturellen Kontaktzone Ostafrikas (1850–1890er Jahre)

Bettina Brockmeyer (Bielefeld): Europäischer Aberglaube oder Kulturtransfer? Afrikanische menschliche Überreste aus der deutschen Kolonialzeit im Wandel der Bedeutungen

Kristin Weber (Leipzig): Vom Glauben an die wissenschaftliche Objektivität. Museale Kultur und Praxis im kolonialen Ostafrika

Rebekka Habermas (Göttingen): Wie die Benin-Bronzeköpfe nach Berlin kamen. Kunst und Ethnographicahandel um 1900

Holger Stöcker (Berlin): Kommentar

Anmerkungen:
[1] John T. Schlebecker, The Use of Objects in Historical Research, in: Agricultural History 51 (1977), S. 200–208, hier S. 200.
[2] Neil MacGregor, Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten, München 2011 (zuerst als: A History of the World in 100 Objects, London 2010).
[3] So vor allem Gudrun M. König, Das Veto der Dinge. Zur Analyse materieller Kultur, in: dies. / Karin Priem / Rita Casale (Hrsg.), Die Materialität der Erziehung. Kulturelle und soziale Aspekte pädagogischer Objekte, Weinheim / Basel 2012, S. 14–31, hier S. 22.
[4] Besonders der Begriff „Semiophor“, der auf Krzysztof Pomian zurückgeht, ist hier relevant. Vgl. u.a. Krzysztof Pomian, Der Ursprung des Museums. Vom Sammeln, Berlin 1988; Lorraine Daston (Hrsg.), Things that Talk. Object Lessons from Art and Science, New York 2004; zuletzt: Hans Peter Hahn (Hrsg.), Vom Eigensinn der Dinge. Für eine neue Perspektive auf die Welt des Materiellen, Berlin 2015. Beispielhaft für die Vielzahl neuerer globalhistorischer Objekt-, Commodity- oder Konsum-Geschichten sind u.a. Frank Trentmann, Empire of Things. How We Became a World of Consumers, from the Fifteenth Century to the Twenty-First, London 2016; Anne Gerritsen / Giorgio Riello (Hrsg.), The Global Lives of Things: The Material Culture of Connections in the Early Modern World, London / New York 2016.
[5] Siehe die aktuelle Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin unter dem Titel „Deutscher Kolonialismus: Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ (14. Oktober 2016 bis 14. Mai 2017).
[6] „Unless action is taken now, much of mankind’s documentary heritage may vanish – discarded as no longer of relevance or left to deteriorate beyond recovery.“ Siehe <http://eap.bl.uk>.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Umstrittene Objekte. Bedeutungswandel und Konflikte um Glauben und Wissen in der afrikanisch-europäischen Transfergeschichte, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 12.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6817>.
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Veröffentlicht am
12.11.2016
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