Schiffbruch in der Vormoderne. Zur Geschichte eines in Sprache, Schrift und Objekten konservierten Risikos

Ort
Bremerhaven
Veranstalter
Abteilung Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Deutsches Schiffahrtsmuseum Bremerhaven
Datum
08.07.2016 - 09.07.2016
Von
Miriam Stamm, Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bremen / Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck (ZKFL)

Am 8. und 9. Juli 2016 fand in den Räumen des Deutschen Schiffahrtsmuseums in Kooperation mit der Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ein Workshop mit dem Titel „Schiffbruch in der Vormoderne. Zur Geschichte eines in Sprache, Schrift und Objekten konservierten Risikos“ statt.

Auch wenn die Metapher des Schiffbruchs wohl einer der historisch und philosophisch einflussreichsten Bilder darstellt, haben Historikerinnen und Historiker meist die Folgen von Schiffbrüchen, seltener das Phänomen an sich in den Blick genommen. Ziel der Veranstaltung sollte es nun sein, dies zu ändern.

GABRIEL ZEILINGER (Kiel) eröffnete den Workshop mit einer Begrüßung und einem einleitenden Vortrag. Er stellte einige der berühmtesten Schiffbrüche der Vormoderne vor und skizzierte die Gründe und die Folgen. Ebenso steckte er den Rahmen für eine mögliche Definition von Schiffbruch als „Seenot durch Naturgewalten, technische Mängel und/oder menschliches Versagen, die ein Sinken oder Stranden eines Schiffes zur Folge hat“, ab. Nach einem forschungsgeschichtlichen Überblick stellte er ferner heraus, dass nur durch eine Kombination verschiedener Quellen und methodischer Herangehensweisen es möglich sei, den Schiffbruch als menschliche Elementarerfahrung eingehender zu verstehen.

Einen ersten Schritt in diese Richtung machte CHRISTIAN MANGER (Bremen / Bremerhaven), indem er verschiedene nordeuropäische Quellen wie die isländischen Annalen und die Hákonar saga Hákonarsonar hinsichtlich von Schiffbrüchen auswertete. Auch er stellte fest, dass am ehesten jene Schiffbrüche überliefert wurden, die schwerwiegende Folgen hatten, zum Beispiel der Untergang eines Schiffes vor den Shetland Islands, auf dem sich sowohl der norwegische König mit seiner frisch angetrauten Frau von der Isle of Man als auch der größte Teil seines Hofstaates befand. Die isländischen Annalen erzählen von Einzelfällen, geben aber auch Überblicksdarstellungen von Schiffbrüchen rund um Island und teilweise weit darüber hinaus. Seine Auswertung der Korrespondenzen aus dem Nordseeraum zeigte sehr deutlich, dass der Schiffbruch auch in der Nachrichtenüberlieferung eine wichtige Rolle spielte.

Von den Schrift- hin zu den Bildquellen führte CHRISTIAN PEPLOW (Greifswald). Von der Vorannahme ausgehend, dass Schriftquellen den Verlust von „Material“ (dazu zählen die Güter als auch das Schiff) zu beweisen suchen, aber nur Bildquellen auf den Schiffbruch als Katastrophe verweisen, widmete er sich der Aussagekraft von Bildern hinsichtlich der Schwere der Katastrophe. Er teilte die Bilder in verschiedene Kategorien abhängig von der Stufe des Schiffbruchs. Diese reichten von der Bedrohung von Schiff und Waren über das menschliche Leid bis zum vollständigen Kentern eines Schiffs, verbunden mit dem Verlust der Menschenleben. Warengüter sind in der letzten Kategorie nur selten abgebildet.

MEREDITH GREILING (Hull / Windermere) widmete sich im letzten Vortrag des Tages den sogenannten Votivschiffen. Sie machte deutlich, dass die Schiffmodelle mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen konnten: Sie waren zum einen Dankesgaben, die Seeleute nach erfolgreicher Überwindung einer Notsituation in der Kirche hinterließen. Zum anderen sollten sie auch an die Geschichte des Schiffes und die Gründe für die Spende erinnern. In Skandinavien gilt das ebenfalls für die gemalten und geritzten Schiffsbilder in Kirchen. Problematisch sei jedoch, so Greiling, dass die Modelle keine genauen Abbilder der realen Schiffe darstellen und somit keine überprüfbare Zuordnung möglich sei. Häufig bildeten sich nachträgliche Legenden um die Schiffe, seltener finden sich jedoch Notizen in den Modellen, die Auskunft über ihre Geschichte geben.

Am Samstagvormittag begann MIRIAM STAMM (Bremen / Lübeck) den zweiten Workshoptag mit der Vorstellung eines einzelnen Schiffbruchs, der Ende des 18. Jahrhunderts im Eismeer geschah. Sie untersuchte verschiedene Versionen desselben Reiseberichtes, die vermutlich allesamt von demselben Autor stammen. Anhand von zweien dieser Berichte zeichnete sie die immer religiöser werdende schriftliche Interpretation des Schiffbruchs durch den Seemann nach.

ANNA-PALOMA BIERNATH und DANIELA SSYMANK (Kiel) stellten die Ergebnisse eines Projektseminars zum Schiffbruch in der Vormoderne an der Universität Kiel vor. Anhand ausgewählter Bände der Hansischen Urkundenbücher und der Hanserezesse wurde in dem Seminar eine Datenbank erstellt, in der man anhand von Kategorien wie Waren, Schiffer, geplante Fahrtroute etc. nach überlieferten Schiffbrüchen suchen kann. Sie benannten neben den Chancen auch die Grenzen (jeder Schiffbruch muss manuell mit den entsprechenden Kategorien eingegeben werden) und Schwierigkeiten (die Quellen sind beispielsweise in unterschiedlichen Sprachen abgefasst) der Datenbank. Diese soll dennoch in weiteren Projektseminaren weiter entwickelt und gefüllt werden.

Zum Abschluss fasste BENJAMIN SCHELLER (Duisburg-Essen / Konstanz) die Ergebnisse des Workshops zusammen und brachte noch einige weitergehende Gedanken ein. Dabei stellte er unter anderem heraus, dass in allen Vorträgen die Frage nach der Alltäglichkeit und der jeweiligen Wahrnehmung der Dimension von Schiffbruch im Mittelpunkt gestanden habe. Dieser Ansatz sollte auf jeden Fall weiter verfolgt und untersucht werden.

In der Abschlussdiskussion wurde deutlich, dass das Thema des Workshops spannend ist und noch großen Raum für weitere Forschung gibt. Die Teilnehmer verständigten sich darauf, den Austausch zum Thema Schiffbruch weiterzuführen. So soll ein zweiter Workshop im April 2017 stattfinden.

Konferenzübersicht:

Gabriel Zeilinger (Kiel / Bremerhaven): Begrüßung und Einführung

1. Sektion
Moderation: Hiram Kümper (Mannheim)

Christian Manger (Bremen / Bremerhaven): „…nuncius noster vix nudus evasit, pluribus ibi nobilibus viris submersis“ – Gefahren der Seefahrt im Nordeuropa des 13. Jahrhunderts

Christian Peplow (Greifswald): Schiffbruch und materielle Kultur nach Bildquellen und Inventarlisten

Meredith Greiling (Hull / Windermere): Sacred Vessels: Exploring the Tradition of Church Ship Models in Northern Europe, 1400–1700

Führung von Marleen von Bargen durch die Ausstellung zum Thema Seenotrettung

2. Sektion
Moderation: Burkhardt Wolf (Berlin)

Miriam Stamm (Bremen / Lübeck): Schiffbruch als Glaubensprüfung – Einblicke in die Reisebeschreibung von Marcus Voß (1777)

Anna-Paloma Biernath und Daniela Ssymank (Kiel): Vorstellung des Kieler Projektseminars „Schiffbruchsmeldungen. Eine Erhebung zu den Dimensionen eines Risikos in der Vormoderne“

Benjamin Scheller (Duisburg-Essen / Konstanz): Abschließender Kommentar

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Schiffbruch in der Vormoderne. Zur Geschichte eines in Sprache, Schrift und Objekten konservierten Risikos, 08.07.2016 – 09.07.2016 Bremerhaven, in: H-Soz-Kult, 22.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6832>.