HT 2016: Religiöser Humanitarismus im Zeitalter des Säkularismus: Hilfe für Kriegsgefangene und zivile Opfer von Konflikten nach 1945

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Joanna Simonow, Geschichte der modernen Welt, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Die Sektion, die im Rahmen des 51. deutschen Historikertages stattfand, widmete sich einer historischen Annäherung an die Thematik der religiös motivierten humanitären Hilfe. Dazu beleuchteten die insgesamt vier Vorträge die Beteiligung religiös geprägter Akteure an Hilfsmaßnahmen für Kriegsgefangene und Flüchtlinge nach 1945 und besprachen anhand konkreter historischer Fallbeispiele Spielarten des religiösen Humanitarismus. Es folgten ein Kommentar und eine abschließende Diskussion unter Einbezug des Publikums.

Als erste Vortragende des Panels diskutierte MARIA FRAMKE (Rostock) die Motivationen und Intentionen der Young Men’s Christian Association (YMCA), des National Christian Council (NCC) und der hindunationalen Hindu Mahasabha, die während der Teilung Indiens in den Jahren 1946-1949 eine Reihe zentraler humanitärer Dienste übernahmen. Hierzu zählten die materielle und medizinische Versorgung sowie die legale Beratung Krisenbetroffener, Bergungs- und Verteidigungsaufgaben und auch die Beobachtung und Beanstandung von Regierungsaktivitäten.

In ihrem Vortrag klassifizierte Maria Framke die Hilfe christlicher und hindunationaler Akteure als „selektiven Humanitarismus“ und gab im Verlauf der Präsentation einen näheren Einblick in das Konzept. So zeigte die Vortragende, dass die humanitäre Hilfe christlicher und hindunationaler Akteure während der Augustausschreitungen in Kalkutta 1946 sowohl religiös als auch politisch motiviert war und nicht aus der Auffassung einer gemeinsamen Menschlichkeit hervor ging. Die Verbindung politischer und religiöser Intentionen schlug sich sowohl in der Spendenakquise als auch in der Durchführung von Hilfsmaßnahmen nieder. Die Hindu Mahasabha stützte sich auf eine fiktive religiös-basierte Identität und verknüpfte diese mit einem exklusiven Nationsbegriff, der insbesondere Muslime per Definition ausschloss. Die selektive Hilfe hindunationaler Akteure richtete sich somit vor allem an Mitglieder der eigenen Ingroup. Christlich motivierte Akteure hingegen betonten die Neutralität ihrer Hilfsleistungen, die sie an Hilfesuchende ungeachtet deren religiöser Zugehörigkeit richtete, um einen Platz und eine Rolle in der Krisenbewältigung zu beanspruchen. Dabei setzten sie neutrale Hilfe mit christlicher Hilfe gleich und sprachen damit insbesondere Muslimen und Hindus die Fähigkeit ab, ebenfalls neutral zu agieren.

Der durch Framke vorgeschlagene Begriff des selektiven Humanitarismus erlaubt es, die geschichtswissenschaftliche Perspektive um Ausprägungen des Humanitarismus und Akteure zu erweitern, die bisher vernachlässigt oder bewusst ausgeklammert wurden. Gleichzeitig wirft der Begriff Fragen auf, die im Vortrag unbeantwortet blieben: Es stellt sich insbesondere die Frage, ob Nothilfe, die aus religiösen, politischen oder anderen Motiven geleistet wurde, noch humanitär ist oder ob, durch die Vielfalt unterschiedlicher Intentionen humanitärer Akteure, Humanitarismus nicht im Regelfall selektiert.

Um einem anderen regionalen und zeitlichen Kontext ging es im zweiten Vortrag der Sektion. Die Präsentation von ANDREAS WEIß (Braunschweig) richtete die Aufmerksamkeit auf das Südostasien des späten 20. Jahrhunderts. Weiß blickte auf die Position humanitärer Flüchtlingshilfsorganisationen im politisch aufgeladenen Spannungsfeld zwischen buddhistischen Nationalisten und christlichen Flüchtlingsgruppen. Als Folge des Vietnamkrieges flohen etwa eine Million Menschen aus Kambodscha und Vietnam, und über hunderttausend Menschen aus Burma nach Ost- bzw. Nordthailand. Unter ihnen befand sich eine Minderheit christlicher Flüchtlinge, die im Kontext des Kalten Krieges zum Spielball verschiedener nationaler, regionaler und internationaler politischer Mächte wurde.

Der Vortrag gliederte sich in drei Teile und skizzierte zunächst die lange Geschichte christlicher Bevölkerungsgruppen als wahrgenommene und tatsächliche Handlanger westlich-imperialer Mächte in Südostasien. Die Anwesenheit westlicher – meist christlicher – Hilfsorganisationen in Thailand in den 1960er-Jahren war, wie im zweiten Teil des Vortrags erläutert, Ausdruck dieser historischen Kontinuität. Laut Weiß barg das Engagement westlicher Organisationen während der Flüchtlingskrise, im spannungsgeladenen politischen Klima Thailands, ein Konfliktpotenzial, das sich in Auseinandersetzungen thailändischer buddhistischer Mönche und westlicher Organisationen entlud. Dabei blieb offen, ob es Versuche christlicher humanitärer Akteure gab, sich der Politisierung ihres Engagements entgegen zu stellen, obwohl dies möglicherweise einen differenzierteren Blick auf das Spannungsfeld von religiösem Humanitarismus und neutraler Hilfe ermöglichet hätte.

Im dritten Teil der Präsentation ging der Vortragende näher auf die politische Instrumentalität des internationalen Humanitarismus ein. So nutzten die Vereinten Nationen die Krise, um in Südostasien zu intervenieren und zwangen letztlich die thailändische Regierung und die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) dazu, in der Flüchtlingshilfe aktiv zu werden, um den eigenen nationalen und regionalen Machtanspruch zu bewahren. Mit seinem Vortrag sprach sich Weiß überzeugend dafür aus, dass die Flüchtlingskrise stärker von der aktuellen Forschung zur Geschichte des Humanitarismus genutzt werden sollte, um Spielarten des Humanitarismus im Kontext des Kalten Krieges zu beleuchten.

PATRICK MERZIGER (Leipzig) erörtere in seinem Vortrag Gründe für die Hinwendung der Kirche zur internationalen Nothilfe in den frühen Jahren der deutschen Bundesrepublik. Das Hauptaugenmerk des Vortrags lag auf dem wachsenden Engagement der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), deren Hilfswerk zunächst gegründet wurde, um in der Nachkriegszeit Armut und Obdachlosigkeit in der Bundesrepublik zu lindern. Erst im Zuge einer Serie humanitärer Krisen in den 1950er-Jahren und schließlich mit der Spendenaktion „Brot für die Welt“ 1959 begann die EKD, sich als ein international agierender humanitärer Akteur zu positionieren. Entgegen gängiger Narrative, die das Engagement der Kirche in der Nothilfe nach 1945 entweder als ungebrochene historische Kontinuität betrachten oder aber die kirchliche Nothilfe als Instrumentarium imperialer Politik einstufen, plädierte Patrick Merziger in seinem Vortrag für die Berücksichtigung der Handlungsmacht und der Intention der EKD.

Zur Beantwortung der Frage, warum die evangelische Kirche Notstände außerhalb der eigenen nationalen Grenzen als Wirkungsfeld anerkannte und sich damit dem „entfernten Nächsten“ zuwandte, beleuchtete der Vortrag drei organisationsinterne Prozesse, von denen hier lediglich ein Prozess exemplarisch benannt werden soll. So schufen erst der Überschuss US-amerikanischer Agrarprodukte und dessen kostenfreie Abgabe an Hilfsorganisationen die materielle Basis für den Plan der EKD, „Brot“ in die Welt zu schicken. Merziger machte also in seinem Vortrag keine religiöse Motivation als Auslöser für das internationale humanitäre Engagement der EKD aus, sondern sah eine Erklärung für die kirchliche Hinwendung zum „entfernten Nächsten“ in organisationsinternen Abläufen. Durch diesen Fokus gelang es Merziger sich dem religiösen Humanitarismus aus einer anderen, innovativen Perspektive zu nähern, die die Religiosität des Akteurs bewusst ausklammert, um die Kirche als Organisation zu analysieren. Gleichzeitig scheint die gewählte Perspektive Merzigers auch limitierend und es liegt daher nahe, dass seine Forschungsergebnisse um bereits bestehende Erklärungsansätze ergänzt werden müssen, um die Vielfalt vorhandener Prozesse und Motivationen abzubilden, die zum Engagement der EKD in der internationalen Nothilfe führten.

Im letzten Vortrag der Sektion beleuchtete LASSE HEERTEN (Berlin) Gründe für das Engagement christlicher und jüdischer Gruppen in der humanitären Hilfe im Kontext des nigerianischen Bürgerkriegs von 1967-1970. Diese sah Heerten vor allem in der Wirkung ikonografischer Darstellungen, welche insbesondere durch Missionsgesellschaften vor Ort produziert und in Umlauf gebracht wurden. Ab dem Ausbruch des Bürgerkriegs übernahmen ausländische Missionare eine zentrale Rolle in der Berichterstattung aus den Krisengebieten und im weiteren Verlauf eine wichtige Position in der Schaffung internationaler Aufmerksamkeit. In seinem Vortrag präsentierte Lasse Heerten zwei Repräsentationen, die es jüdischen und christlichen Gruppen ermöglichte, sich mit dem Leid in Biafra zu identifizieren. Zum einen handelte es sich hierbei um Darstellungen Biafras als christliche Nation: Repräsentationen durch christliche Akteure inszenierten die Krise oftmals als interreligiösen Konflikt, in dem die christliche Gemeinschaft der Biafraner einer muslimischen Bedrohung gegenüber stand und internationalen Schutz bedurfte. Darüber hinaus arbeitete die Berichterstattung mit einem direkten Bezug zu Bildern nationalsozialistischer Verbrechen und benutzte insbesondere Abbildungen von Konzentrationslagern, um die Bevölkerung Biafras als „Juden Afrikas“ zu inszenieren.

Derartige Metaphern erzeugten große Aufmerksamkeit und zwangen jüdische Gruppen, aktiv zu werden. Lasse Heerten führte hierzu das Beispiel des Engagements des in New York ansässigen American Jewish Committee (AJC) an. Dieses ließ sich von einer Delegation irischer Missionare durch mitgebrachte Aufnahmen abgemagerter Kinder zur Teilnahme an der interkonfessionellen Hilfsoperation christlicher Akteure in Nigeria überzeugen. Die Fotografien, die zu Bildikonen wurden und damit bis heute mit der humanitären Krise des vom Bürgerkrieg betroffenen nigerianischen Staates assoziiert werden, vermochten das AJC dafür zu gewinnen, sich das erste Mal in der Geschichte des Komitees in einem nicht-jüdischen Kontext zu engagieren. Damit hob der Vortrag die Bedeutung partikularer Interessen und Identifikationskriterien in der Mobilisierung von Empathie hervor. Wie Lasse Heerten eindrucksvoll an seinen Beispielen christlicher und jüdischer Identifikationsprozesse veranschaulichte, musste das Leiden entfernter Krisenbetroffener zunächst in den eigenen Verantwortungsbereich gehoben werden, um eine Welle humanitärer Aufmerksamkeit zu initiieren. Damit beleuchtete Heerten einen wichtigen Aspekt der Mobilisierung humanitärer Hilfsleistungen und bereicherte die Sektion durch diese Perspektive.

MARTIN H. GEYER (München) übernahm abschließend die Aufgabe, diese thematisch vielfältigen aber überzeugend zusammengestellten Vorträge zu kommentieren. Eingangs forderte Martin H. Geyer die Vortragenden dazu auf, ihre Präsentationen stärker an die aktuellen Forschungsdebatten anzubinden.[1] Konkret ging es ihm hierbei um Fragen, die die Beziehung von religiös und säkular motivierter Hilfe nach 1945 und die Rolle von Religion in der Nachkriegszeit beleuchteten um damit unter anderem die von Michael Barnett vorgeschlagene Klassifizierung humanitärer Bewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu diskutieren.[2]

An die Vortragenden (insbesondere an Lasse Heerten und Patrick Merziger) richtete Geyer die Frage nach der Bedeutung der sozial-politischen Wetterlage in entsendenden Gesellschaften für die Schaffung öffentlicher Unterstützung humanitärer Hilfsmissionen. Daran anknüpfend lenkte Geyer die Aufmerksamkeit auf den Zusammenhang zwischen der Fähigkeit von Medienkampagnen, gesellschaftlich spezifische Assoziationen und Bezugsrahmen zu nutzen und der erfolgreichen Mobilisierung humanitärer Hilfe. Er wies darauf hin, dass die Verwendung solcher sehr spezifischer Bezugsrahmen der Tendenz des universalen Anspruches des Humanitarismus entgegen lief und es notwendig macht, die spezifischen kulturellen, gesellschaftlichen und historischen Kontexte, in der Darstellungen des Leids ihre Wirkung erzielen, näher auszuleuchten. Weiterhin hob Martin H. Geyer das unzureichend ausgeschöpfte Potential der Beiträge zur Diskussion des Humanitarismusbegriffs hervor und lobte die Auseinandersetzung der Präsentationen mit außereuropäischen Traditionen der Hilfeleistungen, die in den Vorträgen von Maria Framke und Andreas Weiß thematisiert wurden.

Zusammenfassend ist zu bemerken, dass es den Sektionsorganisatoren und -organisatorinnen gelungen ist, einen differenzierten Blick auf die Dimension des religiösen Humanitarismus zu werfen. Entscheidend hierfür war unter anderen die Vielfalt der Beiträge, die ein größtmögliches geografisches und ein weites Akteursspektrum abdeckten. Eine Stärke der Sektion bestand darin, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen konkrete Fallbeispiele einbrachten, die einen produktiven Beitrag zur historischen Auseinandersetzung mit divergierenden Formen der Nothilfe, ihren Motivationen und Intentionen leisteten. Diese Fallbeispiele hätten noch stärker genutzt werden können, um konkrete Thesen zur Diskussion zu stellen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Maria Framke (Rostock) / Andreas Weiß (Braunschweig)

Moderation: Benjamin Ziemann (Sheffield)

Maria Framke (Rostock): „Fine work done?“: Humanitäre Hilfe nicht-staatlicher religiöser Akteure während der Partition, 1947–49

Andreas Weiß (Braunschweig): Christen als Flüchtlinge in den Dekolonisierungskriegen Südostasiens

Patrick Merziger (Leipzig): Die Entdeckung des „fernen Nächsten“. Kirche und Katastrophenhilfe in der frühen Bundesrepublik Deutschland

Lasse Heerten (Berlin): Humanitäre Empathie mit »dem Anderen«? Christliche und jüdische Identifikation mit Biafra während des Nigerianischen Bürgerkrieges, 1967–1970

Kommentar: Martin H. Geyer (München)

Anmerkungen:
[1] Martin H. Geyer verwies in diesem Zusammenhang auf das Editorial von Maria Framke erschienen in Maria Framke / Joel Glasman (Hrsg.), Themenheft „Humanitarismus“, WerkstattGeschichte, 68 (2015), S. 3-12.
[2] Michael Barnett, Empire of Humanity. A history of Humanitarianism, Ithaca, 2011.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Religiöser Humanitarismus im Zeitalter des Säkularismus: Hilfe für Kriegsgefangene und zivile Opfer von Konflikten nach 1945, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 19.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6843>.