HT 2016: Glauben, was man hört. Hören, was man glaubt? Zeitgeschichtliche Potenziale von Interviews und Oral History

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Agnès Arp, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Sektion, die Linde Apel und Knud Andresen (beide Hamburg) über die zeitgeschichtlichen Potenziale von Interviews und Oral History am letzten Tag des 51. Historikertages in Hamburg anboten, war die erste zur Oral History auf einem Historikertag. Vor fast genau einem Jahr, am 24. August 2015, hatte Miroslav Vaněk seinerseits die erste Sektion zu Oral History auf dem (22.) International Committee of Historical Sciences in Jinan, China, mit großer Resonanz bestritten.[1] Beide Oral History-Sektionen, in China und in Hamburg, haben gewissermaßen Geschichte geschrieben.

Die Hamburger Sektion, in der es um die Historisierung der Oral History als Methode und um die Reichweite aktueller Oral-History-Projekte ging, war ein richtiger Erfolg: Etwa achtzig Zuhörer blieben bis zum Schluss sehr konzentriert, stellten viele Fragen und dankten für die Qualität der Reflexionen, die uns Knud Andresen, Linde Apel, Andrea Althaus, Anke Te Heesen, Franka Maubach und Julia Obertreis lieferten.[2] Die Fakten sprechen für sich, die Analyse von Oral-History-Interviews hat ihren legitimen Ort in der Geschichtsschreibung gefunden. Die rege Beteiligung der Sektionsteilnehmer ist ein Beweis dafür, dass wir in eine neue Phase der deutschen Oral History eingetreten sind, die sich heute deutlicher mit ihrer wissenschaftlichen Methode und ihrer auch biographisch geprägten Vorgeschichte beschäftigt. Die Oral History ist längst keine politisch-wissenschaftliche Bewegung mehr[3], sondern steht nun für sich.

Wie LINDE APEL in ihrer Einführung bemerkte, hat die auf mündlichen Quellen basierende historische Forschung deutlich gemacht, wie anspruchsvoll diese Quellengattung ist. Dabei ist sie weit tiefgründiger als die Ansammlung von Anekdoten und subjektiven Erfahrungen. Die Phase, in der die Oral History als Glaubensfrage galt, ist nun Teil der deutschen Historiographiegeschichte. Die lang anhaltende Kritik, Oral History sei unwissenschaftlich, weil subjektiv, ist heute obsolet, weil sich eine kulturgeschichtlich und erfahrungsgeschichtlich perspektivierte Geschichtswissenschaft allgemein den Positionen der Oral History angenähert hat. Das scheint der richtige Moment für die Historisierung der Oral History, aber auch der Selbstreflexion über Standards bezüglich ihrer Methoden, Fragestellungen und Ansprüche zu sein. Die Sektion zielte darauf ab, eine „Debatte um die Geschichte, Perspektiven und Potenziale der Oral History anzuregen und über ihren langfristigen Quellenwert nachzudenken“. Ursprünglich sollte Birgit Schwelling auf Konflikte um den Stellenwert von mündlichen Quellen und um die Zuverlässigkeit von Erinnerungen zwischen dem Verband der Heimkehrer und der Wissenschaftlichen Kommission für die deutsche Kriegsgefangenengeschichte in den 1950er-Jahren eingehen. Denn diese Konfliktfelder, die sich aus der Begegnung von Zeitzeugen und Zeithistorikern und auch aufgrund politischer Legitimationsbedürfnisse ergaben, sind noch heute aktuell. Leider musste sie ihre Teilnahme absagen.

Der Vortrag von ANKE TE HEESEN (Berlin), “‘To climb into other people’s heads.‘ Oral History and the History of Science in the 1960s“, knüpfte unmittelbar an diese Reflexion an und schilderte den komplexen Entstehungsprozess einer historischen Frage. Anke te Heesen forscht über die mündliche Geschichte einer Idee. Sie untersucht dafür das von dem Wissenschaftsphilosophen Thomas Kuhn geleitete Befragungsprojekt „Sources for History of Quantumphysics", im Rahmen dessen führende Köpfe der Quantenphysik in den USA der 1960er Jahre über die Entstehung ihrer Erkenntnisse interviewt wurden. Die Analyse der damals geführten Interviews bietet die einmalige Chance, Fragestellungen, Zweifel und Fehler von Wissenschaftlern bei der Arbeit mit Interviewquellen ans Tageslicht zu bringen und dabei die Ideengeschichte mit den mündlichen Hintergründen ihres Entstehens neu zu schreiben. Die Historiker wollten damals verstehen, welche entscheidenden Momente die Entwicklung der Quantenphysik prägten. Die Notwendigkeit der Hinzuziehung von mündlichen Befragungen setzte sich somit rasch durch. Anke te Heesen stellte uns die Grundlagen dieses ersten Oral-History-Projekts der Wissenschaftsgeschichte vor. Dabei wurde deutlich, dass Oral History (noch) nicht auf die Erinnerungen von sozialen Minderheiten fokussiert war, sondern eine methodische Entscheidung mit dem Ziel, den intellektuellen Prozess der Entstehung von Wissen nachzuvollziehen.

Die Reflexion über das methodische Potenzial von Oral-History-Interviews in der Zeitgeschichtsforschung spann FRANKA MAUBACH (Jena) weiter. In ihrem Vortrag „Unerhörte Begebenheiten: LUSIR und die Innovationskraft der frühen Oral History“ sprach sie über das erste großangelegte Oral-History-Projekt der Bundesrepublik „Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960“, das unter der Leitung von Lutz Niethammer den Auftakt der deutschsprachigen Oral-History-Forschung darstellt. Im Zentrum des damaligen Interesses stand die Ruhrarbeiterschaft und die Frage, wie sich eine Region über politische Zäsuren hinweg zu einer Hochburg der SPD entwickeln konnte.

Franka Maubach fragte nach den Entstehungsbedingungen der Erinnerungserzählungen, nach dem innovativen Potenzial der Oral History am Anfang der 1980er-Jahre im Vergleich zu anderen Quellensorten und danach, was die Oral History zur Zeitgeschichtsforschung dieser Zeit beitrug. Sie fragte nach den Möglichkeiten einer sekundären Analyse der Interviews, bei der die Interviewer, deren Fragen und Irritationen – und nicht nur die Erzählungen der Interviewten – im Zentrum der Betrachtung stehen. Dieses Pionierprojekt der bundesrepublikanischen Interviewforschung lässt sich dabei darauf befragen, wie sich die Methode der Oral History entwickelte und veränderte.

Schließlich plädierte ANDREA ALTHAUS (Hamburg) in ihrem Vortrag über Migrationserzählungen deutscher und österreichischer Arbeitsmigrantinnen in der Schweiz, „Migrationserzählungen. Zum Zusammenhang von Lebensgeschichte und Geschichte“, für die narratologische Erweiterung der Oral History. In ihrem Beitrag ging es nicht um Sekundärauswertung, sondern um die Frage nach den Erkenntnismöglichkeiten bei der Auswertung selbst geführter Interviews, die sich den biografischen und historischen Kontextualisierungen und der Korrelation von Erzählinhalt und Erzählstruktur widmet. Nach wie vor wird Geschichte auf der Basis von eigens erhobenen mündlichen Zeugnissen geschrieben. Andrea Althaus plädierte dafür, dass es für die Interpretation eines historischen Phänomens sinnvoll sei, neben dem historischen gleichermaßen den (gesamt-)biografischen Kontext zu rekonstruieren und dabei ernst zu nehmen, dass es sich um situativ gebundene Erzählungen handele.

JULIA OBERTREIS (Erlangen) unterstrich in ihrem Kommentar einen Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch die Sektion zog: die Tatsache, dass die Sekundäranalyse von Oral-History-Interviews neue und produktive historische Fragen aufwirft, nicht zuletzt als ein heuristisches Prinzip, um neue Fragen an die Vergangenheit zu stellen. In historiographischer Hinsicht liegt der Erkenntnisgewinn dieser Herangehensweise, durch welche die Historiker auch selber ihre Quellen beeinflussen, auf der Hand.[4]

Dass Oral History weiterhin bestimmte Ansprüche der Forschenden nicht erfüllen und für Frustration sorgen kann, war ebenfalls Thema der Sektion und wurde lebhaft diskutiert. Hinter jener Erfahrung verbirgt sich allerdings die subversive und intrinsische Kraft der Oral History, die imstande ist, in schieren Widersprüchen zu den Annahmen und Kenntnisständen der Historiker neue Kontexte ans Tageslicht zu bringen. LUSIR bietet dafür ein offensichtliches Beispiel und fasziniert im Nachhinein vor allem dahingehend, wie die Historiker von den Antworten ihrer Interviewpartner (mehrheitlich Arbeiter und Mittelständler) teils überrannt, teils überrascht wurden.

Wenn die Fragen zur sekundären Analyse in dieser Sektion nicht vollständig beantwortet wurden, dann ist das dem guten Grund geschuldet, dass es immer noch keine Projektergebnisse in diesem Bereich gibt.[5] Es ist anzunehmen, dass sich dies bald ändert. Und es ist – im Gegensatz zu französischen Oral-History-Projekten, deren Interviews gleich archiviert und mit einer 30jährigen Sperrfrist belegt werden – zu hoffen, dass lebensgeschichtliche Interviews in Deutschland weiterhin geführt, reflektiert, analysiert und veröffentlicht werden.

In der Sektion „Glauben, was man hört. Hören, was man glaubt? Zeitgeschichtliche Potenziale von Interviews und Oral History“ stand die Historisierung der Oral History im Vordergrund.[6] Mit der Sektion sollte gezeigt werden, dass der Umgang mit Interviews und mündlichen Quellen eine längere Tradition in der Geschichtswissenschaft hat, Fragen der Bedeutung von Subjektivität also nicht nur an mündliche Quellen gestellt werden. Zugleich sollte sie ein Anstoß sein, um über die Chancen und Anforderungen einer Zweitauswertung von Interviewbeständen nachzudenken. Denn dabei entstanden (und entstehen weiterhin) mündliche Quellen, die über die Epoche der Mitlebenden und damit der Zeitgeschichte hinausweisen. Und schließlich sollte mit einem aktuellen Oral-History-Projekt auf die Notwendigkeit der historischen wie auch der biographischen Kontextualisierung dieser subjektiven Quellen und die besondere Eignung dieses methodischen Ansatzes für die Migrationsgeschichte hingewiesen werden.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Linde Apel (Hamburg) / Knud Andresen (Hamburg)

Knud Andresen (Hamburg): Moderation

Linde Apel (Hamburg): Einführung

Anke te Heesen (Berlin): “To climb into other people’s heads”. Oral History and the History of Science in the 1960s

Franka Maubach (Jena): Unerhörte Begebenheiten: LUSIR und die Innovationskraft der frühen Oral History

Andrea Althaus (Hamburg): Migrationserzählungen. Zum Zusammenhang von Lebensgeschichte und Geschichte

Julia Obertreis (Erlangen): Kommentar

Anmerkung:
[1] Siehe unter https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/20178 und https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/20179 (13.11.2016).
[2] Ein internationales Oral-History-Komitee soll bei der Generalversammlung des International Committee of Historical Sciences in Moskau im Februar 2017 gewählt werden. Siehe dazu Miroslav Vaněk, Evening oral history session, in: The Czech Historical Review 4 (2015), 1226-1227.
[3] Siehe Annette Leo / Franka Maubach (Hrsg.), Den Unterdrückten eine Stimme geben? Die International Oral History Association zwischen politischer Bewegung und wissenschaftlichem Netzwerk, Göttingen 2013.
[4] Sich auf die mühsame und langwierige Methode der Oral History einzulassen bedeutet, lebensgeschichtliche Selbsterzählungen von Personen über viele Stunden und innerhalb eines streng methodischen Settings zu erfragen. Dabei ist der Historiker im moralischen, datenschutzrechtlichen, historischen und wissenschaftlichen Sinn für seine selbst erzeugte Quelle verantwortlich, die perspektivisch archiviert und damit öffentlich zugänglich gemacht werden soll. Dieser Prozess veranschaulicht, wie unterschiedliche Rollen und Funktionen „Interviewpartner“ und „Zeitzeugen“ für die Forscher übernehmen. In diesem Sinne werden Public History und der Umgang mit Zeitzeugen für historische Publikationen allzu oft mit Oral History und ihrem Umgang mit Interviewpartnern verwechselt. Siehe über die Figur des Zeitzeugen, die Normen und die Nivellierung der Erinnerungskultur, Martin Sabrow, Tagungsbericht: HT 2006: Der Zeitzeuge. Annäherung an ein geschichtskulturelles Gegenwartsphänomen, 19.09.2006–22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 10.10.2006, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1193 (13.11.2016); die Internetseite Zeitpfeil unter http://www.arbeit-mit-zeitzeugen.org/ (13.11.2016) und der Sammelband von Christian Ernst (Hrsg.), Geschichte im Dialog? Schwalbach 2014.
[5] Siehe dazu Matthias Frese / Julia Paulus, Zeitzeugenschaft und mündliche Erinnerung. Chancen und Probleme der Sekundäranalyse von Interviews und Ego-Dokumenten zum zweiten Weltkrieg und zur Nachkriegszeit, Westfälische Forschungen 65 (2015).
[6] Siehe zu der Geschichte der Oral History in den USA die special section „Looking back, looking forward: Fifty years of Oral History” der Oral History Review 43,2 (2016).

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Glauben, was man hört. Hören, was man glaubt? Zeitgeschichtliche Potenziale von Interviews und Oral History, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 19.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6845>.
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Veröffentlicht am
19.11.2016
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