HT 2016: Opferbilder. Viktimisierung im transepochalen und interkulturellen Vergleich (1400–2000)

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Anne Mariss, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

Zu Beginn der Sektion stellte die Frühneuzeithistorikerin HARRIET RUDOLPH (Regensburg) den Begriff der „Viktimisierung“ [1] als ein interdisziplinäres Forschungskonzept vor, das nach den Konstruktionsbedingungen und Verbreitungsmechanismen von Opferbildern sowie nach den gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen von Opferschaft im historischem Wandel fragt. Der Begriff der ‚Viktimisierung‘ bezieht sich dabei nicht allein auf jene Handlungen, durch die eine Person oder Personengruppe einen Schaden erleidet, sondern vor allem auf jene gesellschaftlichen Deutungsprozesse, in deren Zuge geschädigte Menschen als Opfer etikettiert werden. Opferschaft wird somit nicht einfach erlitten, sondern diskursiv in der Wahrnehmung der Betroffenen, anderer Akteursgruppen, von Institutionen oder Öffentlichkeit hergestellt oder auch bestritten (Deviktimisierung). Rudolph hob die transepochalen Dimensionen dieses Phänomens hervor: Bereits in der Vormoderne nachweisbare Vorstellungen, Bilder, Symbole von Opferschaft würden in späteren Epochen reaktiviert und dabei semantisch aktualisiert, um Authentizität und Legitimität von Opferansprüchen zu bestärken. Eine zentrale Rolle für die Ausformung von Opferbildern wies Rudolph interkulturellen Kontakten zu, welche die gesellschaftliche Reflektion über eigene und fremde Gewalttaten und deren Opfer ab dem Spätmittelalter erheblich dynamisierten. Die Geschichte der Opferschaft sei deshalb als Verflechtungsgeschichte zu schreiben, wobei zugleich nach Prozessen der Globalisierung, aber auch Nationalisierung von Opferbildern zu fragen sei. Eine Herausforderung für die wissenschaftliche Untersuchung von Opferbildern sieht Rudolph darin, sich eigener Betroffenheitsgesten zu enthalten und einer politischen Instrumentalisierung durch bestimmte Akteursgruppen zu entziehen.

In seinem Vortrag zum spätmittelalterlichen Kreuzzugsdiskurs analysierte der Historiker NORMAN HOUSLEY (Leicester) die Instrumentalisierung von Opfervorstellungen für die finanzielle und personelle Unterstützung aktueller Kreuzzugspläne. Dabei lässt sich ein historischer Wandel dieses bis in die Neuzeit wirkmächtigen Diskurses feststellen. Zu Beginn der Kreuzzüge wurden diese mit dem Leiden von christlichen Pilgern und von im Osten lebenden Christen als unschuldige Opfer, die es gegen feindliche Übergriffe der Feinde Christi zu schützen galt, legitimiert. Die auch gewaltsame Verteidigung dieser Opfer wurde als Gebot christlicher Nächstenliebe dargestellt, das auch die Bereitschaft zum Selbstopfer umfasste. Später rückte dann der Schutz heiliger Stätten mehr und mehr in den Vordergrund, zumal den griechisch-orthodoxen Christen im osmanischen Reich eine Mitschuld an ihrem Schicksal zugeschrieben wurde. Argumentativ wurde dieser Opferdiskurs durch ein stark negativ aufgeladenes Stereotyp des Türken gestützt, dessen Verhalten gegenüber den Christen als äußerst ‚brutal‘ und ‚blutrünstig‘ charakterisiert wurde und der die Manifestationen der christlichen Kultur in den neu eroberten Gebieten bewusst vernichtete. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts wurden Türken vermehrt nicht nur als Ungläubige qualifiziert, sondern auch als ethnisch different begriffen, wobei man ihre nun als ‚barbarisch‘ adressierten Wurzeln in Asien lokalisierte. Begünstigst wurde die Verbreitung dieses Opferdiskurses, über den nun vor allem auch Spenden akquiriert werden sollten, durch das neue Medium des Buchdrucks. Über Berichte, vor allem aber über Bilder wurde das Leid von Christen im Zuge der osmanischen Expansion nach Europa in Szene gesetzt und damit zur Verteidigung der Christenheit gegen den türkischen Erzfeind aufgerufen.

Die Kunsthistorikerin MARGIT KERN (Hamburg) widmete sich in ihrem Vortrag transkulturellen Imaginationen des Opfers in der spanischen Kunst in der Frühen Neuzeit. Schon bald nach der ‚Entdeckung‘ der Neuen Welt kursierten in Europa zahlreiche Darstellungen von ‚barbarischen‘ Menschenopfern in den indianischen Kulturen, wie in den Kupferstichen der Verlegerfamilie de Bry. Angesichts des brutalen Vorgehens der Konquistadoren in der neuen Welt geriet die dichotome Gegenüberstellung von europäischer Zivilisation versus amerikanische Barbarei allerdings schnell ins Wanken. Innerhalb dieser kritischen Diskurse wurde die Schuld der europäischen Aggressoren häufig mit der Unschuld der indigenen Opfer kontrastiert. Die Auseinandersetzung mit den prä-hispanischen Kulturen, so die zentrale These Kerns, führte zu einem Reflexionsprozess über die eigene Opferkultur, auch wenn dieser ‚koloniale‘ Auslöser nicht als Teil des Diskurses wahrgenommen wurde. Virulent wurde dies insbesondere dort, wo die Legitimität der Opfer umstritten war, wie bei den spanischen „juego de toros“, den Stierkämpfen, die immer wieder Opfer unter Kämpfern und Zuschauern forderten. Zeitgenössische Kritiker, darunter vor allem Geistliche und Ordensmänner wie der Jesuit Pedro de Guzman, prangerten an, dass sich Europa aufgrund dieser sinnlosen Menschenopfer zu Unrecht als frei von ‚barbarischen‘ Opferritualen begreife. Diese Sichtweise führte auch zu einer Konjunktur der Darstellung antiker Gladiatorenspiele, deren Opfer nun wirkmächtig ins Bild gesetzt wurden. Auf diese Weise wurden zeitgenössische Hierarchisierungen zwischen dem Grad an Zivilisierung, welcher der antiken, der spanischen und der indigen-amerikanischen Kultur jeweils zugeschrieben wurde, in Frage gestellt.

Die Historikerin JOANNA SIMONOW (Zürich) analysierte in ihrem Vortrag mediale Inszenierungen indischer Hungersnotleidender in politischen und humanitären Diskursen der 1940er-Jahre. Am Beispiel der Region Bengalen verdeutlichte Simonow die Dramatik der Hungersnot, auf welche die Presse jedoch vergleichsweise spät reagierte. Erste Bilder von Hungersopfern erschienen in einer Sonderausgabe der englischsprachigen, durch p0litische und akademische Eliten stark rezipierten Zeitung The Statesmen im Jahr 1944. Die Fotografien zeigten skelettierte Körper, halbnackte oder nackte Verhungernde, vorzugsweise Familien, bzw. Frauen mit ihren Kindern. Durch den appellativen Charakter dieser Fotographien, deren Protagonisten die Betrachterinnen oft direkt anschauten, entstand eine Art Komplizenschaft zwischen Presse, Leser/innen und Opfern. Darstellungen dieser Art inszenierten eindrücklich die Hilflosigkeit und Verzweiflung der Betroffenen. Sie sollten schockieren und Mitleid bei den Betrachter/innen erzeugen, um diese zu Spenden zu animieren. Dabei nahm die Berichterstattung Rekurs auf das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl: Nicht nur die im Kampf gegen das faschistische Deutschland vereinten Briten gehörten zum Empire, sondern auch die verhungernden Inder/innen. Sie diente als Medien der Kritik an der britischen Regierung, der vorgeworfen wurde, die Krise nicht aus der Welt zu schaffen bzw. durch Missmanagement überhaupt erst erzeugt zu haben und einen ökonomischen Krieg gegen die indische Bevölkerung zu führen. Der Opferdiskurs im Zuge der Hungerkriese kann damit als Teil des Widerstandes gegen die Kolonialmacht Großbritannien betrachtet werden, der 1947 in der Unabhängigkeit Indiens mündete.

Die vielfältigen Konstruktionen von Opferschaft im Zuge der Jugoslawien-Kriege, besonders des Massakers von Srebrenica im Jahr 1995 [2] adressierte der Vortrag des Sozialanthropologen GER DUIJZINGS (Regensburg). Die große Herausforderung bei der Erforschung dieser Thematik auf lokaler Ebene liegt nach Duijzings in der historischen Rekonstruktion von Kriegsverbrechen und deren variierenden Interpretationen mithilfe von Zeitzeugenberichten, die voraussetzen, dass Täter und Opfer aussagebereit sind. Bei den Interviews von serbischen Zeitzeugen und Zeitzeuginnen wurde sehr schnell deutlich, dass das Massaker von Srebrenica entweder totgeschwiegen oder aber das Verhältnis von Tätern und Opfern umgekehrt wurde. Nicht die bosnischen Männer und Jungen waren die Opfer in diesem Krieg, sondern vielmehr das Volk der Serben, das als ‚ewiges‘ Opfer („eternal victimization“) charakterisiert wurde. Dabei griff man auf durch die serbische Kirche kultivierte Viktimisierungsnarrative zurück, die sich mit Blick auf lange zurückliegende Ereignisse wie die Schlacht auf dem Amselfeld 1389 und die Zeit der osmanischen Herrschaft als „suffering church“ wahrnahm. Im 19. Jahrhundert wurde dieses religiös konnotierte Leiden in den aufkommenden serbischen Nationalismus integriert, welcher die Viktimisierung Serbiens zum Topos der eigenen Selbstbeschreibung erhob und mit dem Verweis auf jüngere Ereignisse wie das Agieren der Ustasha im Zweiten Weltkrieg oder die Situation der griechisch-orthodoxen Kirche unter dem kommunistischen Regime unterfütterte. Dieser Opfermythos diente als Rechtfertigung für das Massaker an den bosnischen Muslimen, die im Sinne eines „Amselfeld in the active mood“ einer „Endlösung“ zugeführt werden sollten, in deren Ergebnis das mittelalterliche serbische Reich wiederauferstehen und historisches Unrecht korrigiert werden würde.

In der abschließenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob es für die Konstruktion von Opferschaft nicht zwingendermaßen immer auch einen Täter brauche. Dagegen wendete die Sektionsleiterin ein, dass der methodologische Gewinn des Forschungskonzepts „Viktimisierung“ gerade darin bestehe, den Fokus von der einseitigen Fixierung auf die Täter wegzulenken und die Rolle von Tätern und Opfern im Prozess der Viktimisierung als komplementär zu begreifen, wobei – wie mehrere der Vorträge zeigten – Opfer-Täter-Verhältnisse im Zuge von Opferdiskursen vielfach umgekehrt werden. Eigene Opferwahrnehmungen bilden dann die Grundlage für die eigene „agency“: Sie legitimieren die Anwendung von Gewalt und damit die Schaffung neuer Opfer, wie dies im Kontext des neuzeitlichen, keineswegs nur islamischen Terrorismus zu beobachten ist. Diskutiert wurde auch die Reaktivierung religiöser Motive in neuzeitlichen Opferdiskursen, so etwa im Kontext der indischen Hungerkrise, welche auf tradierte Darstellungsformen des Opfers in der europäischen Geschichte und damit auf transepochale Dimensionen dieses Phänomens verweist. Diese wurden in der Auseinandersetzung mit außereuropäischen, nichtchristlichen Kulturen aber teilweise semantisch umgedeutet. Eine wichtige Rolle spielt auch der Voyeurismus von Rezipientengruppen, der durch die formale Ästhetisierung von Opferbildern bedient wird, welche einerseits deren emotive Kraft verstärken soll, andererseits aber die Distanz zwischen Opfer und Betrachter/in erhöhen kann. Dieser Sachverhalt verweist auf die Ambivalenz von Opferbildern, die vielfältige Interpretationen und politische Instrumentalisierungen ermöglichen. Dabei gilt es auch, die medialen Aufmerksamkeitswellen von bzw. Aufmerksamkeitsschwellen für Opferbilder(n) samt ihrer jeweiligen Bedingungsfaktoren zu untersuchen, welche Aufschluss über den gesellschaftlichen Umgang mit Opfergruppen geben.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Harriet Rudolph (Regensburg)

Harriet Rudolph (Regensburg): Viktimisierung als interdisziplinäres Forschungskonzept

Norman Housley (Leicester): Opfer der Gewalt als politisches Argument im spätmittelalterlichen Kreuzzugsdiskurs

Margit Kern (Hamburg): Entangled Histories. Transkulturelle Imaginationen des Opfers in der Antikenrezeption der Frühen Neuzeit

Joanna Simonow (Zürich): Die mediale Inszenierung indischer Hungersnotleidender in politischen und humanitären Diskursen der 1940er Jahre

Ger Duijzings (Regensburg): Viktimisierung im Kontext der militärischen Konflikte im ehemaligen Jugoslawien im 20. Jahrhundert

Anmerkungen:
[1] Für die Zeitgeschichte vgl. etwa Arnd Bauerkämper, Das umstrittene Gedächtnis. Die Erinnerung an Nationalsozialismus, Faschismus und Krieg in Europa seit 1945, Paderborn 2012; Martin Sabrow, Heroismus und Viktimismus. Überlegungen zum deutschen Opferdiskurs in historischer Perspektive, in: Potsdamer Bulletin für zeithistorische Studien 43/44 (2008), S. 7-20.
[2] Siehe dazu zuletzt Matthias Fink, Srebrenica. Chronologie eines Völkermords oder Was geschah mit Mirnes Osmanović?, Hamburg 2015.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Opferbilder. Viktimisierung im transepochalen und interkulturellen Vergleich (1400–2000), 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 03.12.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6859>.