Nachwuchskolloquium des Forschungsverbundes FUER (Förderung und Entwicklung reflektierten und selbstreflexiven Geschichtsbewusstseins)

Ort
Rostock
Veranstalter
Oliver Plessow, Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte, Historisches Institut, Universität Rostock
Datum
14.10.2016 - 15.10.2016
Von
Dennis Erk, Universität Kassel; Julia Thyroff, Universität Basel; Christopher Wosnitza, Universität Paderborn

Vom 14.10.-16.10.2016 fand zum siebten Mal das Nachwuchskolloquium des Forschungsverbandes FUER (Förderung und Entwicklung reflektierten und selbstreflexiven Geschichtsbewusstseins) statt. Die Mitglieder der geschichtsdidaktischen Forschungsgruppe treffen sich in regelmäßigen Abständen im Wechsel an den beteiligten Hochschulstandorten (Aarau, Basel, Eichstätt-Ingolstadt, Hamburg, Kassel, Köln, Paderborn, Rostock und Salzburg). In diesem Herbst war die Gruppe an der Universität Rostock zu Gast. Das Kolloquium bietet dem geschichtsdidaktischen Nachwuchs die Möglichkeit, aktuelle Qualifikationsarbeitsvorhaben zu präsentieren, um sie anschließend intensiv diskutieren zu können. Dabei werden immer wieder empirische, aber auch theoretische Projekte in unterschiedlichen Stadien des Arbeitsprozesses vorgestellt. Je nach Stadium des Vorhabens können etwa erste Konzeptionen, Zwischenergebnisse, methodische Überlegungen, aber auch Endergebnisse präsentiert werden. Die den einzelnen Referenten eingeräumten Zeitkontingente von neunzig Minuten beinhalten einen Vortrag, an den sich die Diskussion mit den Anwesenden anschließt. Die Vorstellung der/des Referierenden und seines/ihres Projekts sowie die Moderation der sich anschließenden Diskussion werden durch die Nachwuchswissenschaftler/innen übernommen, denen auch innerhalb der Diskussion das erste Wort eingeräumt wird. Dieser Umstand und die aus den regelmäßigen Treffen resultierende Kontinuität führen zu einer produktiven und vertrauensvollen Arbeitsatmosphäre, innerhalb derer in Rostock fünf laufende Dissertationsprojekte präsentiert wurden.

Im ersten Vortrag berichtete DENNIS ERK (Kassel) über den Fortgang seines Forschungsprojekts zu den Geschichtsvorstellungen von Reenactment-Darstellenden. Nach einem zusammenfassenden Überblick skizzierte Erk, wie er die Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen, aus denen sich sein Untersuchungsdesign speist, in einer ersten Pilotierung zusammenführen möchte. Erks Analysefokus liegt dabei vor allem auf der Akquise und Verarbeitung geschichtskultureller Inhalte innerhalb der Reenactment Gruppen. Das komplexe Theoriegebilde aus geschichtsdidaktischen, theaterwissenschaftlichen und soziologischen Ansätzen wurde im Anschluss an den Vortrag ebenso diskutiert wie die Erhebungsmethoden der Pilotierungsphase.

NICOLAI WEIGEL (Kassel) eröffnete den zweiten Tag mit seinem Vortrag zum aktuellen Stand seines Projekts zum Einsatz kontrafaktischer Darstellungen im Geschichtsunterricht. Die Erkenntnisse seiner Pilotphase nutzend, präsentierte Weigel das Untersuchungsdesign für die Haupterhebung. Neben den Forschungszielen der Erhebung ging er dabei auf die inhaltlichen Herausforderungen sowie die antizipierten Ergebnisse ein. Dabei stehen vor allem die Bewertung kontrafaktischer Darstellungen und die angestoßenen historischen Denkprozesse im Zentrum seiner explorativen Studie. In der anschließenden Diskussion wurden die Erhebungsmethodik und insbesondere die Frage nach geeignetem Beispielmaterial für kontrafaktische Darstellungen zum Gesprächsgegenstand.

MARTIN NITSCHE (PH FHNW) erforscht geschichtstheoretische und geschichtsdidaktische Beliefs bei (angehenden) Geschichtslehrpersonen und fragt nach deren Erkennbarkeit im Geschichtsunterricht. Im Vortrag zeigte der Referent die Herkunft seiner Konstrukte in ihren theoretischen und empirischen Bezügen und präsentierte Ergebnisse seiner Datenanalyse, in der quantitative und qualitative Zugänge kombiniert werden. Überlegungen zu einer sinnvollen Verknüpfung der beiden Perspektiven bildeten dann auch das Hauptanliegen des Vortrags sowie der anschliessenden Diskussion. An Beispielen legte der Referent dar, wie er inhaltsanalytische Auswertungen der videografierten Unterrichtslektionen auf Befunde aus der quantitativen Teilstudie rückbezieht und dann auch zur induktiven Ergänzung vorhandener Befunde einsetzen möchte, und stellte seine Überlegungen zur Diskussion.

JULIA THYROFF (Universität Basel) erforscht Aneignungsweisen beim Besuch einer historischen Ausstellung, indem sie prozessbegleitendes lautes Denken einsetzt und das entstandene Datenmaterial inhaltsanalytisch auswertet. Hierzu präsentierte sie erste Ergebnisse ihrer laufenden Datenanalyse, in der sie das Ziel verfolgt, Strukturen des Denkens von Museumsbesuchenden zu identifizieren und zu modellieren. Sie stellte hierzu anhand von Beispielen aus dem Datenmaterial einen Modellvorschlag vor und zeigte dessen Genese. Im Anschluss an den Vortrag wurde dieser Modellvorschlag diskutiert, über Anschlusspunkte zu existierenden Theorien historischen Denkens nachgedacht und die Spezifika des durch lautes Denken gewonnenen Datenmaterials erörtert.

Erstmalig stellte CHRISTOPHER WOSNITZA sein Projekt vor, in dem er sich mit Beiträgen von Jugendlichen zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2014/2015 „Anders sein. Außenseiter in der Geschichte.“ beschäftigt. Er wies darauf hin, dass es sich bei den Wettbewerbsbeiträgen um umfangreiche historische Narrationen handelt, die im Idealfall als Ergebnisse historischen Lernens aufgefasst werden können, während dessen es potentiell zu Prozessen historischen Denkens gekommen ist. Davon ausgehend ist das Ziel des Projekts die Erfassung und Analyse der sich in den Beiträgen äußernden Formen und Ausprägungen historischen Denkens. In seinem Vortrag stellte er auch den aktuellen Stand seiner Überlegungen zur Analyse und Kategorisierung der verwendeten Narrationen vor, die unter Berücksichtigung eines Mixed-Methods Ansatz bearbeitet werden sollen.

Das Kolloquium beinhaltete über die fünf skizzierten Beiträge und deren Diskussion hinaus außerdem ein Rahmenprogramm. Zum Auftakt besuchten die Teilnehmenden am ersten Tag die Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi U-Haft in Rostock. Die Abrundung der eineinhalbtägigen Zusammenkunft erfolgte dann in Form einer gemeinsamen Abschlussdiskussion, in der die Teilnehmenden den Stand der geschichtsdidaktischen Geschichtskulturforschung erörterten. Das nächste FUER-Nachwuchskolloquium wird voraussichtlich im März 2017 an der Universität Paderborn stattfinden.

Konferenzübersicht:

Dennis Erk (Universität Kassel): "Authentisches" Geschichtstheater - Vom Umgang mit geschichtskulturellen Vorstellungen im Reenactment

Nicolai Weigel (Universität Kassel): Ein anderer Weg - Aufbau und Ablauf der empirischen Erhebung zum Umgang mit kontrafaktischen Narrationen

Martin Nitsche (PH FHNW): Beliefs von Geschichtslehrpersonen - Zur Verknüpfung quantitativer und qualitativer Daten

Julia Thyroff (Universität Basel): Strukturen des Denkens im Museum. Erste Analyseergebnisse und Modellierungsvorschlag

Christopher Wosnitza (Universität Paderborn): Formen historischen Denkens Jugendlicher in Beiträgen zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2014/2015 'Anders sein. Außenseiter in der Geschichte'

Diskussion zum Thema "Geschichtskultur - zum Stand der Diskussion"

Teilnehmer/innen des Kolloquiums

Bodo von Borries (Universität Hamburg)
Martin Buchsteiner (Universität Greifswald)
Dennis Erk (Universität Kassel)
Martin Nitsche (PH FHNW)
Christine Pflüger (Universität Kassel)
Oliver Plessow (Universität Rostock)
Jan Scheller (Universität Greifswald)
Laura Tack (Universität Rostock)
Julia Thyroff (Universität Basel)
Nicolai Weigel (Universität Kassel)
Christopher Wosnitza (Universität Paderborn)
Béatrice Ziegler (PH FHNW)

Zitation
Tagungsbericht: Nachwuchskolloquium des Forschungsverbundes FUER (Förderung und Entwicklung reflektierten und selbstreflexiven Geschichtsbewusstseins), 14.10.2016 – 15.10.2016 Rostock, in: H-Soz-Kult, 09.12.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6872>.
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Veröffentlicht am
09.12.2016
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