Doktorandenworkshop der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission

Ort
Olomouc
Veranstalter
Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Historikerkommission
Datum
13.10.2016 - 16.10.2016
Von
Niklas Zimmermann, IGK "Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts", Ludwig-Maximilians-Universität München

In Verbindung mit ihrer jährlichen Sitzung lud die Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Historikerkommission Nachwuchswissenschaftler zu einem Doktorandenworkshop an die Palacký-Universität Olmütz (Olomouc) ein. MILOŠ ŘEZNÍK (Warschau), der Vorsitzende der tschechischen Sektion, eröffnete am Freitagvormittag die Veranstaltung und erklärte, dass es sich die Historikerkommission zur Aufgabe gemacht hat, die Kommunikation zwischen jungen Forschenden und etablierten Wissenschaftlern aus Tschechien, der Slowakei und Deutschland herzustellen. Dabei würden Projekte vorgestellt, die sich schon auf der Zielgeraden befänden, aber auch viele, deren Autoren noch ganz am Anfang stünden.

Nachdem JAROSLAV MILLER (Olomouc) als Rektor der Universität die Gäste in die Geschichte der im Zuge der Rekatholisierung als Jesuitenkolleg entstandenen Palacký-Universität einführte, war die Bühne für die insgesamt 16 Nachwuchsforschenden aus den Bereichen Geschichte, Kunstgeschichte und Soziologie frei: Den Auftakt machte KAI WENZEL (Görlitz/Berlin) mit seinem Dissertationsprojekt „Konfessionelle Codierungen im mitteleuropäischen Kirchenbau der Frühen Neuzeit“, in der er anhand von Beispielen aus Böhmen und Süddeutschland Elemente und Strategien konfessioneller Codierungen im Kirchenbau um 1600 untersucht. Auf Wenzel folgte VÁCLAV SMYČKA (Prag), der sich anhand von Narrativen über „Fortschritt“ und „Verspätung“ mit den „temporalen Aspekten der Interkulturalität in Böhmen um 1800“ befasst. Er fragt einerseits nach den Akteuren der Narrative, andererseits danach, welche Funktionen diese erfüllten.

ANGELIKA HERUCOVÁ (Bratislava) stellte ihr Projekt „Jonáš Záborský and His Mentions of Palatines“ zur Diskussion, das sich auf ein erst vor wenigen Jahren publiziertes Werk des slowakischen Adeligen Jonáš Záborský (1812-1876) bezieht. Herucová untersucht diese alternative Geschichte des Königreichs Ungarn auf ihre Thesen und Interpretationen. JAN MAREŠ (Prag) präsentierte sein Dissertationsvorhaben über den Marxismus der Reichenberger Sozialisten des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum seiner Arbeit stehen die Zeitschrift „Freigeist“ und die Frage, welche Spielart des Marxismus den Arbeitern in diesem Blatt vermittelt wurde und welchen Einfluss die Nationalitätenfrage auf die Theorie und die politische Sprache der Sozialisten hatte. ZUZANA HAJACHOVÁ (Bratislava) zeigte mit der Vorstellung ihres Projektes „Reflection of T.G.Masaryk and the First Czechoslovak Republic in Slovak History Schoolbooks (1918-1945)“ auf, dass die Rolle der Schulbücher in der Prägung des historischen Gedächtnisses einer Nation nicht unterschätzt werden darf.

In der Nachmittagssektion stellte DENISA NEŠŤÁKOVÁ (Bratislava) ihre Arbeit mit dem Titel „Arab-Jewish Relations through the Experience of the German Settlers during the British Mandate for Palestine“ vor, die sich mit dem zunehmenden Antisemitismus und seinen Ausprägungen unter den deutschen Templern in Palästina beschäftigt. Als nächste präsentierte KRISTIN WATTEROTT (Berlin) zu „Surrealismus in der Tschechoslowakei in den 1970er- und 1980er-Jahren“. Watterott analysiert die Kunstaktionen der Prager Surrealisten, die während der Normalisierung in privaten Räumen wirkten, und fragt einerseits nach den Mitteln, mit denen künstlerische Freiheit erreicht werden sollte und andererseits nach der kunstästhetischen Bedeutung der Aktionen.

Die Veranstaltung ging mit zwei Präsentationen weiter, die sich – im weiteren Sinne – mit den deutsch-tschechischen Beziehungen befassen. NIKLAS ZIMMERMANN (München) führte in sein Projekt „Vertriebene Katholiken als Wegbereiter der deutsch-tschechischen Verständigung? Die Ackermann-Gemeinde von 1946 bis 2004“ ein. Diese Organisation, so hob er hervor, bewegte sich stets im Spannungsfeld zwischen einer sudetendeutschen „Volksgruppe“ und einer religiösen Glaubensgemeinschaft. ALEXANDER ZINN (Erfurt) fragt in seinem Projekt „Nur ein ‚Vorwand‘?“ nach der Bedeutung der Homosexualität für Entstehung und Zerschlagung des Kameradschaftsbundes (KB) durch die Nationalsozialisten. Dabei möchte er klären ob das Narrativ des „Vorwandes“ und der damit konstruierte Gegensatz von „Homosexualität“ und „Politik“ tatsächlich haltbar ist.

Es folgten Projektpräsentationen aus der Zeitgeschichte: Eine Medienanalyse hat DARINA VOLF (München) für ihre bereits abgeschlossenen Dissertation „Von Zwergen und Riesen“ unternommen. Mit der Untersuchung der Amerika- und Sowjetunionbilder in der Tschechoslowakei zwischen 1948 und 1989 hat sie nachgewiesen, dass es der KSČ nicht gelang, die in der Gesellschaft herrschenden Vorstellungen von „Ost“ und „West“ vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen.

Am Samstag fuhr JÁN ONDRIÁŠ (Bratislava) fort. Er arbeitet über die Versuche von DDR-Bürgern, über die westliche Slowakei illegal nach Ungarn oder Österreich zu gelangen und wertet für die Jahre zwischen 1969 und 1989 empirisches Material zu diesen „Grenzverletzungen“ aus. Mit einem Projekt zur bundesdeutschen Geschichte schloss MARTINA BENČURÍKOVÁ (Bratislava) an. Unter dem Titel „Antwort auf die Bedrohung durch den Terrorismus im Rahmen eines liberalen demokratischen Staates“ befasst sie sich mit dem Interessenkonflikt zwischen Gefahrenabwehr und freiheitlichem Rechsstaat, dem sich die westdeutsche Regierung und Gesellschaft zwischen 1974 und 1982 ausgesetzt sahen. BRIGITTA TRIEBEL (Leipzig) stellte ihr Projekt „Als Nation(en) in die Welt? Die internationalen Kulturbeziehungen der Tschechoslowakei seit den 1970er-Jahren“ vor, welches den bisher wenig beachteten slowakischen Aspekt in den tschechoslowakischen Kulturbeziehungen zu Entwicklungsländern in Asien und Afrika untersucht.

Nach einer Pause fanden die drei letzten Projektvorstellungen statt: BARBORA PECKOVÁ (Prag) geht dem Antikommunismus in Tschechien, der Slowakei und Deutschland 1989 und seinem Einfluss der politischen Landschaften der drei Länder nach. Mit Karl Jaspers „Idee der Universität“ befasst sich MARTIN BOJDA (Prag). Den Schlusspunkt setzte MATEJ IVANČÍK (Bratislava) mit seinem Projekt „British Historiography and Methodological Approaches to the Analysis of Britain’s Entry to the First World War. Interpretations of the Cause of the Conflict“, in dem die diskursiven Praktiken analysiert, mit denen britische Historiker die Ursachen des Ersten Weltkriegs behandelten.

In der Schlussdiskussion am Samstagnachmittag zogen die Promovierenden und Kommissionsmitglieder ein Fazit: Eine neue Generation von Forschenden sei methodisch weiter als noch vor vier Jahren beim Workshop in Bratislava, konstatierte CHRISTOPH CORNELIßEN (Frankfurt am Main), Vorsitzender der deutschen Sektion der Historikerkommission. Das Format des Workshops, der für die unterschiedlichsten Themen, Methoden und Epochen offen war, empfanden einige der Promovierenden aber als problematisch. Gerade für junge Forschende sei es schwierig, über Projekte zu diskutieren, mit deren Rahmenbedingungen man nicht vertraut sei. Dem setzte Miloš Řezník entgegen, dass es das Anliegen der Kommission sei, die ganze thematische Vielfalt der im deutsch-tschechisch-slowakischen Kontext laufenden Untersuchungen abzubilden. Der Workshop, so Řezník, erfülle damit eine andere Funktion als eine Fachtagung.

Konferenzübersicht:

Miloš Řezník (Warschau): Begrüßung und Einführung

Jaroslav Miller (Olmütz): Grußwort des Rektors der Palacký-Universität Olmütz (Olomouc)

Kai Wenzel (Görlitz/Berlin): Elemente und Strategien konfessioneller Codierungen im mitteleuropäischen Kirchenbau der Frühen Neuzeit

Václav Smyčka (Prag): Narrative des Fortschritts und der Verspätung. Die temporalen Aspekte der Interkulturalität in Böhmen um 1800

Angelika Herucová (Bratislava): Jonáš Záborský and His Mentions of Palatines

Jan Mareš (Prag): Zur Rezeption des Marxismus am Beispiel der reichenbergischen Sozialisten des 19. Jahrhunderts

Zuzana Hajachová (Bratislava): Reflection of T. G. Masaryk and the First Czechoslovak Republic in Slovak History Schoolbooks (1918-1945)

Denisa Nešťáková (Bratislava): Arab-Jewish relations through the experience of the German settlers during the British Mandate for Palestine (Working title of the PhD thesis)

Kristin Watterott (Berlin): Surrealismus in der Tschechoslowakei in den 1970er und 1980er Jahren

Niklas Zimmermann (München): Vertriebene Katholiken als Wegbereiter der deutsch-tschechischen Verständigung? Die Ackermann-Gemeinde von 1946 bis 2004

Alexander Zinn (Erfurt): "Nur ein "Vorwand"? Die Bedeutung der Homosexualität für Entstehung und Zerschlagung des sudetendeutschen "Kameradschaftsbundes"

Darina Volf (München): Über Riesen und Zwerge: Tschechoslowakische Amerika- und Sowjetunionbilder von 1948-1989

Ján Ondriáš (Bratislava): Die Versuche der DDR-Bürger, die Staatgrenze in der Westslowakei nach Österreich und Ungarn illegal zu überqueren (1969–1989). Forschungsergebnisse

Martina Benčuríková (Bratislava): Antwort auf die Bedrohung durch den Terrorismus im Rahmen eines liberalen demokratischen Staates – die Bundesrepublik Deutschland und Antiterrormaßnahmen der Jahre 1974–1982

Brigitta Triebel (Leipzig): Als Nation(en) in die Welt? Die internationalen Kulturbeziehungen der Tschechoslowakei seit den 1970er Jahren

Barbora Pecková (Prag): Anticommunism in the Czech, Slovak and German Political Culture after the Year 1989

Martin Bojda (Prag): Die Idee der Universität nach Karl Jaspers

Matej Ivančík (Bratislava): British Historiography and Methodological Approaches to the Analysis of Britain´s Entry to the First World War. Interpretations of the Cause of the Conflict

Zitation
Tagungsbericht: Doktorandenworkshop der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission, 13.10.2016 – 16.10.2016 Olomouc, in: H-Soz-Kult, 10.12.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6874>.