The Blood Libel Then and Now. The Enduring Impact of an Imaginary Event

Ort
New York
Veranstalter
YIVO Institute for Jewish Research
Datum
09.10.2016
Von
Nicole Grom, Bamberg

Die Ritualmordlegende – also die mit Elementen der Hagiographie vorgebrachte Beschuldigung, Juden töteten zu Ostern Christenknaben, um die Passion Christi verhöhnend zu reinszenieren und ihnen Blut zu allerlei magischen und rituellen Zwecken abzuzapfen – stellt eine der langlebigsten Lügen in der Geschichte Europas dar. Doch das eigentlich Gefährliche an diesem Phantasma ist, dass es sich den Rang eines kulturellen Deutungsmusters erstritt, zeitweise auch kirchlicherseits quasi normative Geltung besaß und sich trotz (oder gerade wegen?) seines augenfälligen Anachronismus je nach Bedarfsfall im Rückgriff auf vermeintliches religiöses oder kulturelles Wissen offenbar mühelos revitalisieren lässt, um gegen Juden mobil zu machen.

Diesem Phänomen ausführlicher nachzugehen, hat sich das YIVO Institute for Jewish Research in dieser eintägigen Konferenz zum Ziel gesetzt. So verspricht das Programmheft fundamentale Einblicke durch die Tagung: „It focuses on cultural memory: how cultural memory was created, elaborated, and transmitted even when based on no actual event“.

JONATHAN BRENT (New York), der Geschäftsführer des YIVO, stellte in seiner Einführung die Frage, weshalb sich namhafte Gelehrte heutzutage überhaupt historischer Mordgerüchte annähmen – eines Themas also, das doch in die Mottenkiste der Geschichtswissenschaft gehöre. Dass antijüdische Lügen jedoch nach wie vor höchste Brisanz besitzen, belegt er etwa anhand von Vorkommnissen in Chicago Ende der 1980er-Jahre, wo zur Hochzeit der Aids-Angst jüdischen Ärzten unterstellt wurde, sie spritzten schwarzen Babys das Aids-Virus. Brent schloss mit der Zuspitzung: „Why does everybody hate the Jews?“

Die erste Sektion eröffnete E. M. ROSE (Cambridge), die mit dem Buch „The Murder of William of Norwich“[1] eine Studie zu jenem angeblichen Ritualmordfall um 1150 vorgelegt hat, der – zumal mit einer voll funktionstüchtigen Heiligenvita ausgekleidet – die exemplarische Basis für die weitere Tradierung der ‚Legende‘ bildete. Rose sieht die frühen westeuropäischen Mordbeschuldigungen des Hochmittelalters, die in religiöse Verehrung der zu christusgleichen Opfern stilisierten Knaben mündeten (etwa Werner von Oberwesel, 13. Jahrhundert) als komplexe Resultate politischer Umstände, fiskalischer Bedürfnisse sowie judenfeindlicher Bibelkommentare. Verfügbar blieb der Stoff über die Jahrhunderte etwa durch Nachspielen, Erzählen und Singen einschlägiger Szenen. Nach Ansicht der Historikerin gehört es zu den Mythen um den Mythos Ritualmord, dass er als Ausdruck christlich-jüdischer Rivalität bereits in der Antike entstanden sei. Dem ist entgegenzuhalten, dass sich etwa schon in einer dem Kirchenlehrer Athanasios von Alexandrien (4. Jahrhundert) zugeschriebenen Predigt die Aussage findet, die Juden von Beirut hätten an einem Christusbild, das schließlich zu bluten beginnt, die Passion Christi nachvollzogen. Auch Roses These, es ließen sich stets politische Motivationen eruieren, muss in dieser Absolutheit (und angesichts einer Vielzahl gänzlich anders gelagerter Fälle) stark angezweifelt werden.

BARBARA WEISSBERGER (Minneapolis) verortete ihren Vortrag im Umfeld der Vertreibung der Juden aus Kastilien und Aragón (1492), die ein Jahrtausend der Koexistenz von Christen und Juden beendete. Ihr ging eine massive Welle von Zwangskonversionen voraus, die die Gruppe der ‚conversos‘ entstehen ließ. Diese rückten als neugetaufte Christen – im Gegensatz zu ihren ehemaligen jüdischen Glaubensbrüdern – in den Fokus der Inquisition, die sie des Judaisierens verdächtigte und in das rassistische Konzept der ‚limpieza de sangre‘ (‚Reinheit des Blutes‘) einspannte, das die ‚alten‘ von den ‚neuen‘ Christen schied. Vor dem Hintergrund einer Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens rollte Weissberger den angeblichen Ritualmordfall des ‚Santo Niño de la Guardia‘ (1487–88) auf, den sie für einen wesentlichen Motor für die Vertreibung der Juden hält: Ein weiteres Zusammenleben der Religionen habe Königin Isabel als identitätszerstörend für die entstehende Nation betrachtet. Noch Franco, ein Bewunderer Isabels, konnte sich innerhalb der Ideologie des Nationalkatholizismus diesen Mythos politisch zunutze machen.

Den Ausgangspunkt für MAGDA TETER (New York) in Sektion 2 bildete der spektakuläre Fall des angeblich von Juden zu Tode gequälten Knaben Simon von Trient (1475), dessen Nachwirkungen so gewaltig wie katastrophal waren. Denn die Ritualmordlüge feierte ihre Hochzeit nicht etwa im Mittelalter, sondern ab der Frühen Neuzeit, befördert durch die multiplikatorische Wirkung des Buchdrucks. So wurde die ‚Passio‘ des dreijährigen Simon etwa durch Flugblätter kolportiert. Auch die Ikonographie der vorgeblichen Ritualmorde und ihrer ‚Märtyrer‘, die die Geschehnisse erst ‚greifbar‘ werden ließ, sei durch die Trienter Causa maßgeblich geprägt worden – nur hätte man gerne noch erfahren, wie diese denn aussah. Die Machinationen einer fanatischen Gruppe um Fürstbischof Johannes Hinderbach führten letztlich zur Ermordung zahlreicher unschuldiger Juden, zur Aufnahme des ‚Simon beatus‘ in das Martyrologium Romanum (1584; Streichung erst im 20. Jahrhundert), zu einer quasi institutionalisierten Absegnung von Judenpogromen und zur Etablierung einer Reihe weiterer ‚Ritualmord‘-Kulte, deren wirkmächtigster wohl um ‚Anderl von Rinn‘ (Tirol) kreiste. Selbst die Aufklärung, die mit jeglichem ‚Aberglauben‘ scharf ins Gericht ging, habe die Fälle als Ausdruck jüdischen Hasses gegen Christen interpretiert.

Im Anschluss sprach DAVID KERTZER (Providence) über das ideelle Bündnis zwischen dem katholischem Antijudaismus und dem italienischem Faschismus. Der Versuch des Vatikans, im Dokument „Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoah“ (1998) die Dämonisierung der Juden innerhalb eines rassistisch geprägten Antisemitismus und eines religiös-kulturellen Antijudaismus als zwei getrennte Phänomene zu betrachten, führe in die Irre. Gerade die katholische Kirche sei wegweisend bei der Schaffung und Verbreitung negativer Judenbilder gewesen, die in der Mussolini-Ära den Boden für Ausgrenzung und Rassengesetze bereiteten. Anhand vatikannaher Publikationen (L’Osservatore Romano, La Civiltà Cattolica) und des faschistischen Blattes ‚La difesa della razza‘ illustrierte Kertzer die propagandistische Verstrickung Roms in die ‚moderne‘, rassistisch fundierte Verteufelung der Juden. Hierbei wurde der Ritualmordvorwurf – verquickt mit dem ebenfalls dämonisierten Beschneidungsritus – im Rückgriff auf jahrhundertealte Darstellungen erneut reaktiviert.

Sektion 3 eröffnete HILLEL KIEVAL (St. Louis). Er führte aus, dass im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert – nach einer ‚Ruhezeit‘ von etwa 300 Jahren – wieder Gerichtsprozesse, die Juden des Ritualmords überführen sollten, in Mitteleuropa stattfanden. Das 19. Jahrhundert habe die massenwirksame Revitalisierung des obsoleten Stoffes eingeläutet, der dieselbe Lüge unter aufgeklärten Vorzeichen barg. Dass man in dieser Sache nun wieder über Juden zu Gericht saß, sei durch neue, rationale ‚Spielregeln‘ ermöglicht worden, da der alte psychologisch-kulturelle Einstellungskomplex keinen objektivierbaren Erkenntnisgewinn habe erbringen können. Kieval machte diese neuen Spielregeln anhand der spektakulären Prozesse von Tiszaeszlár (ab 1882) und Polná (ab 1899) in veränderten juristischen und medizinischen Parametern aus, etwa dem Umgang mit Indizien sowie Erkenntnissen der Forensik, um so zu einer Art Epistemologie des modernen Ritualmordprozesses zu gelangen, die fast zwangsläufig diffus blieb – hieße dies doch, vermeintliches kulturelles ‚Wissen‘ in wissenschaftliches Wissen zu transformieren.

ELISSA BEMPORAD (New York) widmete sich den Nachwirkungen der prominenten Beilis-Affäre (ab 1911), einer zum Zwecke der Konsolidierung zaristischer Macht instrumentalisierten Ritualmordbeschuldigung. Unter den Sowjets, die den Antisemitismus des ‚alten‘ Systems aus ihrer Ideologie verbannt hätten, habe die Legende – ein Auswuchs der Religion, die wiederum als Emblem der herrschenden Klasse galt – als quasi-volkstümliche Unterströmung fortgelebt. Diese sei jedoch ironischerweise von den Sowjet-Propagandisten selbst genährt worden, die in ‚Anti-Religions-Museen‘ eben auch den Irrglauben des Ritualmords thematisierten und so der Idee einen weiten Radius verschafften. Auch sei die ‚kanonische‘ Erzählung, in der Knaben als Opfer figurierten, einer säkularisierten Umdeutung unterworfen worden, die auf junge Frauen fokussierte. Dies liege wesentlich in der Auflösung hergebrachter sozialer Strukturen und Arbeitsbedingungen, dem Aufstieg von Juden in einflussreiche Positionen sowie der Emanzipation der Frau begründet – also einem Konglomerat von Erschütterungen, das Angst einflößte und Geschichten entstehen ließ, mit denen Kontrolle über die eigene Gruppe (und die eigenen Frauen!) erlangt werden sollte.

Als letzter Redner thematisierte RAPHAEL ISRAELI (Jerusalem) in Sektion 4 die Ritualmordbeschuldigung innerhalb der islamischen Welt. Tatsächlich konnte die ‚Legende‘, ein autochthon europäischer Stoff, auch im muslimischen Kulturbereich Fuß fassen. Israeli ging von der These aus, dass unter den Arabern lebende Christen die Erzählung befördert hätten, um ihre Loyalität zu den Landesherrschern kundzutun. Dadurch sei eine neue Qualität des arabischen Antisemitismus entstanden. Leider führte Israeli keinen Fall genauer aus. Es wäre durchaus von Interesse gewesen, wie die per se schon unsinnige Behauptung auf Moslems ausgreifen konnte, die somit ja – eine Potenzierung des Aberwitzes – christushassenden Juden zum Opfer gefallen wären. Anhand aktueller Kontextualisierungen der Legende im islamischen Raum versuchte der Referent, das vitale Eigenleben dieses Phantasmas unter Beweis zu stellen. So habe sich etwa der ‚Mordtermin‘ Pessach zu Purim gewandelt, die angeblich mit Kinderblut gebackenen Matzen seien zu alltäglichen Plätzchen mutiert. Als höchst problematisch erweist sich Israelis Ansicht, dass schlichtweg alle Anschuldigungen gegen Juden Derivate der Ritualmordlüge darstellten – so auch die Bezichtigung von Palästinensern, Juden versteckten Sprengstoff in Kinderspielzeug.

Keine Frage: Richtig und wichtig war es, eine Konferenz zu diesem Thema zu veranstalten, gibt der Ritualmordvorwurf doch einen erschreckenden Einblick in die Langlebigkeit und Vitalität von Stereotypen. Andererseits: Während die Tagung für einen Laien sicher den Grundstein für eine weitere Beschäftigung hat legen können, wurden hauptsächlich Inhalte referiert, die dem Eingeweihten hinlänglich bekannt sein dürften. Allzu sehr vertieften sich die Referenten in ihren je eigenen historischen Ausschnitt des Puzzles, ohne letztlich den ‚roten Faden‘, die Wege und Tradierungsstrukturen des Stoffes aufnehmen zu können. Etwa wäre der Verweis auf die kraftvolle Umkehr der Diffusionsrichtung der ‚Legende‘ von Ost- nach Westeuropa hilfreich gewesen; auch den Umstand, dass bereits seit dem Hochmittelalter (und nicht erst ab Ende des 19. Jahrhunderts) weibliche ‚Opfer‘ einen Platz innerhalb des Konstruktes erhielten, hätte man ausführen müssen, da diese Nebenlinie der Erzählung später nur mit modernen Akteuren bespielt wurde. Die Hoffnung, Einsichten in den zentralen Bedeutungsträger ‚Blut‘ zu erlangen, währte nur kurz, als Israeli es zur „expression of witchcraft“ erklärte, ohne weiter darauf einzugehen. Ohnehin hätte man sich neben rein historischen Standpunkten auch anthropologische und vor allem theologische Kontextualisierungen gewünscht. Es geht nicht an, in dieser Frage so gänzlich auf kirchenhistorische Ausführungen zu verzichten, wie es am YIVO geschehen ist – zu essentiell sind ekklesiale und frömmigkeitsgeschichtliche Entwicklungen wie die Transsubstantiationslehre, Blutmystik, die Verehrung Christi als Jesusknabe sowie das damit verbundene kulturelle Konzept der ‚Unschuld‘ (besonders von Knaben). Hochinteressante Anmerkungen aus dem Publikum, etwa zum verwandten Vorwurf angeblicher Hostienschändungen durch Juden oder zur Rolle des Protestantismus, deren Erörterung weiterführende Einsichten hätte bringen können, wurden in den Fragerunden und der finalen Roundtable-Discussion mehr oder weniger abgeblockt. Man konnte sich zudem des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass sich die US-amerikanische Geisteswissenschaft hier selbst ein wenig zelebrierte, ohne auf die Erträge europäischer Fachleute zu blicken. Und offen gesagt: Beim New Yorker Kongress, der eher bebilderte denn thesenhaft zuspitzte, kam – von Weissbergers Vortrag abgesehen – nicht allzu viel zur Sprache, was nicht etwa Stefan Rohrbacher und Michael Schmidt[2] bereits 1991 als Grundidee angelegt oder aber treffender ausgeführt hätten.

Konferenzübersicht

Jonathan Brent, YIVO Executive Director: Welcome:

Session 1:

E. M. Rose (Harvard University, Cambridge): The Origins of the Blood Libel in Medieval Western Europe (1150-1500)

Barbara Weissberger (University of Minnesota, Minneapolis): Political Uses of Spain’s Blood Libel Myth: Queen Isabel and her Successors

Session 2:

Magda Teter (Fordham University, New York): What's New in the Early Modern Period? Blood Libel after Trent 1475

David Kertzer (Brown University, Providence): Italy and the Church: Reinventing the Medieval in Fascist Italy

Session 3:

Hillel Kieval (Washington University, St. Louis): Modernity, Science, and Ritual Murder: Toward a Phenomenology of 'Modern' Ritual Murder Trials

Elissa Bemporad (Hunter College, New York): Beyond Beilis: The Blood Libel Under the Soviets

Session 4:

Raphael Israeli (Hebrew University, Jerusalem): The Blood Libel in the Islamic World
Roundtable Discussion

Anmerkung:
[1] E. M. Rose, The Murder of William of Norwich. The Origin of the Blood Libel in Medieval Europe, New York 2015.
[2] Stefan Rohrbacher / Michael Schmidt, Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile, Reinbek bei Hamburg 1991.

Zitation
Tagungsbericht: The Blood Libel Then and Now. The Enduring Impact of an Imaginary Event, 09.10.2016 New York, in: H-Soz-Kult, 14.12.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6879>.