Ort
Graz
Veranstalter
Christian Bachhiesl / Stefan Köchel, Universität Graz
Datum
10.11.2016 - 12.11.2016
Von
Christian Bachhiesl, Universität Graz

Der Kongress „Intuition und Wissenschaft“ widmete sich der Bedeutung von Intuition in verschiedenen Zweigen der Natur- und Geisteswissenschaft. Vor allem drei Fragestellungen standen im Fokus:

1) Welche Rolle spielt Intuition im Entwicklungsgang der einzelnen Wissenschaften, was kann aus wissenschaftshistorischer und epistemologischer, also gewissermaßen externer Perspektive zur Intuition in den Wissenschaften gesagt werden?

2) Was haben einzelne Wissensfelder und Wissenschaftsdisziplinen zur Intuition zu sagen? Welche Definitionen bieten sie an? Wie sieht die sozusagen interne Perspektive aus, gibt es so etwas wie „angewandte Intuition“ in den Wissenschaften?

3) Kann Intuition eine Rolle als Bindeglied zwischen wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Erkenntnisformen und Vorstellungswelten spielen?

Hier sollen nur einige Schwerpunkte und Highlights des Tagungsgeschehens zusammengefasst werden: Die Rolle der Intuition in erkenntnistheoretischer und wissenssoziologischer Hinsicht war schon im eingangs gehaltenen Vortrag von STEFAN KÖCHEL (Graz) Thema, wobei auf tiefenpsychologische Deutungsmuster ebenso wie auf den Platz, den Intuition im gegenwärtigen wissenschaftliche Betrieb (nicht) einnehmen kann, Bezug genommen wurde.

Einer der im Fokus stehende Themenbereiche war die Frage, ob Intuition naturalistisch-reduktionistisch erklärt werden kann, also als simple Begleit- oder Folgeerscheinung der Evolution, oder ob naturwissenschaftliche Parameter von der Intuition nicht vielmehr schlichtweg gesprengt werden. Diese Fragestellung klang immer wieder in Vorträgen und Diskussionen an, wurde aber explizit in der auf den Vortrag des Zoologen HEINRICH RÖMER (Graz), der verschiedenen Hinweisen auf Intuition im Tierreich gewidmet war, diskutiert; vor allem der Psychiater und Philosoph OMID AMOUZADEH-GHADIKOLAI (Graz) wies hier auf die Möglichkeit von Verkürzungen hin, die eine Verständigung von Natur- und Geisteswissenschaften nur scheinbar gestatten. ANDREAS BEILHACK (Würzburg) hingegen betonte das fruchtbare Miteinander von natur- und geisteswissenschaftlichen Epistemologien und Methoden. Es war, nebenbei bemerkt, Heinrich Römer, der darauf hinwies, dass bei der Diskussion von Intuitionen dieselben gerne mit bloßen Spekulationen verwechselt würden. In seinem wissenschaftshistorischen Vortrag „… und versank in Halbschlaf“ wies auch ALOIS KERNBAUER (Graz) auf diesen Umstand hin, und auch auf die Seltenheit von sozusagen „echten“ Intuitionen.

Die Vortragenden brachten verschiedenste Beispiele von Intuition bei, die in der Wissenschaft wirksam wird. Nach klassischen wissenschaftshistorischen Beispielen (der „Entdeckung“ von Kekulés Benzolring etwa, oder von Watsons und Cricks DNA-Doppelhelix) wurde aus musikwissenschaftlicher Sicht auf Intuitionen fokussiert, so unter anderem von ERICA BISESI (Stockholm), die die Funktionen der Intuition bei der Komposition, Aufführung und beim Hören von Musik untersuchte. Auf Intuitionen in den Literaturwissenschaften wurde sodann ebenso eingegangen wie auf die literarische Diskussion von Intuitionen in Romanen. Hervorgehoben sei hier der Vortrag „Künstlerische vs./und naturwissenschaftliche Intuition in Daniele Del Giudices Roman Atlante Occidentale“ von DORIS PICHLER (Graz), der es gelang, die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten von (literarisch gebrochenem) naturwissenschaftlichem und literarischem Habitus herauszuarbeiten.

In weiterer Folge wurde die Bedeutung von Intuition in diversen Fachwissenschaften wie etwa Biomedizin, Sozialpsychologie oder Physik diskutiert. Auch die Bedeutung, die manche Philosophen der Intuition im Erkenntnisprozess zumessen, wurde eingehend diskutiert – die intuitionsbezogenen Konzepte vom Kant, Husserl, Heidegger und Jaspers standen hier im Zentrum. Mit der sogenannte „irrationalen Erkenntnislehre“ von Richard Müller-Freienfels rückte CHRISTIAN BACHHIESL (Graz) eine epistemologische Theorie und den Versuch ihrer Anwendung in einer konkreten (Pseudo-) Wissenschaftsdisziplin, der Kriminalbiologie des Adolf Lenz, ins Licht der Betrachtung. Hierzu ist festzuhalten, dass Intuition wohl einen Erkenntnismodus darstellt, nicht aber als Methode in den Einzelwissenschaften taugt – eben aufgrund ihres durchaus unmethodischen Charakters.

Es wurden intuitive Arbeitsschritte bei mehr oder weniger bekannten Gelehrten durchleuchtet, hier seien beispielsweise Theodor Piderit und Oswald Spengler genannt. Die Bedeutung der Intuition in der Strafrechtswissenschaft wurde im Hinblick auf zwei konkrete Themen erörtert, nämlich die freie Beweiswürdigung des Strafrichters und das sogenannte „gesunde Volksempfinden“, das in der NS-Strafjustiz eine Generalklausel darstellte, die ein mehr oder weniger intuitiv fundiertes richterliches Abwägen erlauben sollte, sich faktisch aber in bloßer ideologisch gesteuerter Willkür erschöpfte.

Gegen Ende dieses kurzen Überblicks seien zwei Vorträge herausgehoben, die nach Auffassung der Veranstalter in besonderem Ausmaß Einsichten in die Intuition und ihre Rolle in der Wissenschaft gewährten: Der Theologe BERNHARD KÖRNER (Graz) führte am Beispiel der Mystik Chiara Lubichs und der darauf aufbauenden Theologie Klaus Hemmerles aus, wie „Mystik zur Philosophie“ werden kann, wie also Intuition sehr wohl zur Grundlage von systematischem philosophischen und wissenschaftlichen Denken werden kann, wenn sie sozusagen gelingt. Dieses Gelingen bedeutet aber auch, dass sie rechtzeitig aufhört, ihre Rolle zu spielen und einer argumentativen, rational nachvollziehbaren Denkweise Platz lässt.

Mit dem Keynote-Beitrag „Konkretes Erkennen: Plädoyer für ein Denken mit den Händen“ spannte CORNELIUS BORCK (Lübeck) einen Bogen von den epistemologischen Erwägungen Henri Bergsons über die Physiologie Claude Bernards bis hin zum Kunstschaffen der Dadaistin Hannah Höch. Dabei stellte er heraus, dass intuitiv geleitetes Erkennen nicht nur eine epistemologische, sondern auch eine gewissermaßen zerstörerische Dimension aufweist und somit auch zur Gestaltung neuer Realitäten führt.

Die Tagung „Intuition und Wissenschaft“ hat zu erhellenden interdisziplinären Einsichten geführt. Die Teilnehmer haben nicht nur als Vertreter und Vertreterinnen ihres jeweiligen Faches ihre Standpunkte referiert (und damit stilsicher aneinander vorbei geredet), sondern den aktiven Austausch gesucht und ins Werk gesetzt. Dass die Grundkenntnisse betreffend die jeweils anderen Fächer beachtlich hoch waren, bedingte die außergewöhnliche Fruchtbarkeit dieser interdisziplinären Gespräche, die sich vor allem in den Diskussionen ereigneten. Als Fazit kann vorerst festgehalten werden, dass Intuitionen in den unterschiedlichen Wissenschaftszweigen sehr wohl ihre Rolle spielen, dass sie aber kaum rational greifbar und lenkbar sind. Die Bereitschaft, auf Intuitionen zu achten, mag für Forscher welcher Couleur auch immer hilfreich sein, um den Forschungsprozess anzustoßen oder aus einer Sackgasse herauszuführen. Wissenschaft wird daraus aber erst dann, wenn diese Intuitionen mit Methode und Konsequenz einer Rationalisierung zugeführt werden. „Gelingen“ Intuitionen im außerwissenschaftlichen Bereich auch ohnedem, so ist für die verschiedenen Bereiche der Wissenschaft nachträgliche Rationalisierung von eminenter Wichtigkeit, um Nachvollziehbarkeit und Überprüfung zu gewährleisten. Intuitionen sind Teil des Lebensvollzugs – und ebendies ist auch die Wissenschaft. Das Ineinanderwirken von wissenschaftlicher Methodik und intuitivem Erkennen bleibt ein Feld, das einem weiterenm epistemologischenm Beackern harrt. Der aus dieser Tagung hervorgehende Tagungsband, dessen Publikation für Ende 2017 ins Auge gefasst ist, wird diesbezüglich Einiges zu bieten haben.

Konferenzübersicht:

Sektion Einführung in die Thematik, Wissenschaftsgeschichte

Stefan Köchel (Graz): Das Wagnis der Intuition

Elmar Schübl (Graz): Die Rolle der Intuition im Erkenntnisprozess

Alois Kernbauer (Graz): „… und versank in Halbschlaf.“ – Zur Frage kreativer Erkenntnisgewinnung in der Wissenschaftsgeschichte

Bernhard Schrettle (Graz): Postprozessuale Archäologie und Intuition: Alte und neue Methoden einer archäologischen Hermeneutik

Sektion Literatur- und Musikwissenschaft

Manfred Mayer (Graz): Intention, Intuition, Illusion. Notizen zu Mitteln und Zielen von Kunstfälschern

Doris Pichler (Graz): Künstlerische vs./und naturwissenschaftliche Intuition in Daniele Del Giudices Roman Atlante Occidentale

Thomas Weitin (Darmstadt): Thinking slowly. Digitale Literaturwissenschaft als Labor des langsamen Denkens

Erica Bisesi (Stockholm): Intuition und Musikwissenschaft: Überbrückung der Kluft zwischen Natur und Kreativität / Intuition and Musicology: Bridging the gap between nature and creativity

Susanne Kogler (Graz): Intuition und Rationalität. Anmerkungen zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft

Keynote Lecture

Cornelius Borck (Lübeck): Konkretes Erkennen: Plädoyer für ein Denken mit den Händen

Sektion Medizin und Naturwissenschaft

Andreas Beilhack (Würzburg): Intuition in der biomedizinischen Forschung

Sonja Maria Bachhiesl (Graz): Existentielle Intuition

Heinrich Römer (Graz): Welche Hinweise gibt es für Intuition im Tierreich?

Ursula Athenstaedt (Graz): Intuition aus sozialpsychologischer Sicht: Unbewusste vs. bewusste Prozesse als Grundlage für Verhalten, Fühlen und Denken

Omid Amouzadeh-Ghadikolai (Graz): Intuition, Idealtypus und Psychopathologie

Sektion Philosophie und Epistemologie

Rudolf Mösenbacher (Graz): Intuitive und diskursive Vorstellungen. Überlegungen zu einem Spannungsverhältnis in der theoretischen Philosophie Immanuel Kants

Sonja Rinofner-Kreidl (Graz): Warum Husserls Anschauungsprinzip nicht dogmatisch ist

Martin Weiss (Klagenfurt): Formen nicht-propositionalen Wissens bei Martin Heidegger

Raimund Pils (Graz): Unbeobachtbare Entitäten in der Physik: Intuition, Anschaulichkeit und Common Sense

Christian Bachhiesl (Graz): Erkenntnismodus oder Methode? Wissenschaftshistorische Überlegungen zum epistemischen Stellenwert der Intuition

Bernhard Körner (Graz): Wenn Mystik zur Philosophie wird. Klaus Hemmerle und seine Thesen zu einer trinitarischen Ontologie

Wolfgang Brumetz (Graz / Leoben): Lacan avec Hintikka: psychoanalytische Theorie zwischen Intuition und Formalisierung

Sektion Ideengeschichte

Werner Felber (Dresden): Intuition bei der ‚Entdeckung der Seele‘ durch Carl Gustav Carus – Epistemologische Überlegungen zum Unbewussten

Susanne Ruprechter (Graz): Seelentätigkeiten im Mienenspiel erkennen. Die intuitive Erkenntnisgewinnung in der Physiognomik Piderits

Eva Ulrich (Graz): Zwischen angewandter Intuition und entfesseltem Schreibstil. Oswald Spengler und „Der Untergang des Abendlandes“

Sektion Recht

Benjamin Galler (Graz): Irrationale Strafrechtsbegründung in der NS-Diktatur – Zur Genese von Begriff und Konzept des „gesunden Volksempfindens“

Benjamin Koller (Graz): Der Grundsatz der freien Beweiswürdigung im Strafverfahren

Zitation
Tagungsbericht: Intuition und Wissenschaft, 10.11.2016 – 12.11.2016 Graz, in: H-Soz-Kult, 19.01.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6935>.
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Veröffentlicht am
19.01.2017