Klientelismus, Korruption und Soldgeschäfte in der Frühen Neuzeit. Tagung zum Abschluss der Erschliessung der Acta Helvetica der Zuger Familie Zurlauben

Ort
Aarau
Veranstalter
Kaspar von Greyerz, Basel; André Holenstein, Bern; Andreas Würgler, Genf
Datum
28.10.2016 - 29.10.2016
Von
Cécile Huber / Sarah Rindlisbacher / Benjamin Ryser, Historisches Institut, Universität Bern

Zum Abschluss des Editionsprojekts „Acta Helvetica“ fand am 28. und 29. Oktober 2016 in Aarau die wissenschaftliche Tagung „Klientelismus, Korruption und Soldgeschäfte in der Frühen Neuzeit“ statt. Die drei Themen zogen sich als roter Faden sowohl durch die Geschichte der eidgenössischen Eliten als auch durch die im Rahmen des Projekts erschlossenen Quellen und sollten daher kritisch diskutiert werden. Die „Acta Helvetica“ bestehen aus rund 35.000 Einzeldokumenten – darunter Briefe, Abrechnungen, Notizen und mehr – in 186 Bänden aus dem Besitz der Zuger Familie Zurlauben, die durch einen „Zufall der Geschichte“, so ANDREA VOELLMIN (Aarau), an ihrem heutigen Aufbewahrungsort, der Kantonsbibliothek Aargau, gelandet sind. Der imponierende Quellenbestand umfasst insbesondere Akten des späten 17. und 18. Jahrhunderts und lässt einen tiefen Einblick sowohl in die politische Geschichte der Alten Eidgenossenschaft als auch in die Alltagsgeschichte einer bedeutenden eidgenössischen Militärunternehmer-Familie sowie deren Verflechtung in frühneuzeitliche Klientelsysteme zu. Die Quellenerschließung im Rahmen dieses „Dinosaurierprojekts“ (BRUNO MEIER (Baden)) dauerte von 1973 bis zum Januar 2015. Den Veranstaltern der Tagung (Kaspar von Greyerz, Basel; André Holenstein, Bern; Andreas Würgler, Genf) war es ein Anliegen, keine nationalgeschichtliche Konferenz abzuhalten, sondern aufzuzeigen, dass „Klientelismus, Korruption und Soldgeschäfte“ als transnationale Praktiken zu verstehen und erörtern sind.

Die erste Sektion „Freundschaft, Patronage, Korruption – Europäische Perspektiven“ führte folglich vor Augen, dass es sich bei „Klientelismus“ um ein europäisches Herrschaftsprinzip der Frühen Neuzeit handelte. Im ersten Referat widmete sich LOTHAR SCHILLING (Augsburg) dem Klientelismus der französischen Könige vor 1715. Dabei betonte er sowohl die Chancen und Risiken klientelistischer Beziehungen als auch die unklar definierten Gegenverpflichtungen, die Klienten zu leisten hatten. Erst die Langfristigkeit einer Patron-Klient-Beziehung führte zu einer positiven Bilanz für beide Seiten und damit zum lukrativen Ausgang. Die französischen Könige entwickelten ihr Klientelnetzwerk meist parallel zum Aufbau des Ämterwesens. Das war sowohl bei Franz I. (1494–1547) als auch bei Ludwig XIV. (1638–1715) zu beobachten. Schilling gelang es aufzuzeigen, dass Patronage die Basis der Herrschaftsausübung und der zentrale Faktor für die Beweglichkeit und Bindung der Herrschaft der französischen Krone war.

Das Patronage- und Klientelsystem der römischen Kurie schilderte BIRGIT EMICH (Erlangen) in ihrem Beitrag zur „Kulturgeschichte der Verwaltung“. Emich präsentierte die These, dass die „Formalisierung des Informellen“ das „Betriebsgeheimnis der frühneuzeitlichen Bürokratie“ gewesen war. Dazu wurde in Rom beispielsweise für den Kardinalnepoten ein eigenes Patronage-Sekretariat geschaffen, das parallel zum Staatssekretariat funktionierte und denselben Arbeitsablauf kannte. An diesem Beispiel konnte Emich zeigen, dass sich Formalität und Informalität wechselseitig strukturierten und stark voneinander abhängig waren: So ermöglichte der Prozess der Formalisierung der Informalität neue Räume. Erst finanzielle Gründe stoppten die wechselseitige Abhängigkeit von Formalität und Informalität, als das Amt des Kardinalnepoten 1692 abgeschafft wurde.

Der folgende Vortrag von ROBERT BERNSEE (Göttingen) konzentrierte sich auf den Wandel von Korruption und personaler Verflechtung in Bayern und Preussen Ende des 18. Jahrhunderts. Korruptionsdebatten fanden dank der Intensivierung der öffentlichen Kommunikation und der Entstehung von patriotischen Gesellschaften vermehrt statt. Sie dienten den Landständen vor allem dazu, die Ämterkäuflichkeit unter dem Fürsten zu kritisieren und damit gewisse Machtansprüche zu delegitimieren. Dabei gerieten die Initianten der Debatten jedoch meist selbst ins Visier der Kritik, wie Bernsee am Beispiel der Illuminati verdeutlichte. Die Transformation von Korruption und personaler Verflechtung führte der Referent darauf zurück, dass die Bindungsmittel Stand, Konfession und Familie durch Gesinnung und Bildung abgelöst wurden.

Die zweite Sektion der Tagung fokussierte auf die Thematik „Klientelismus und Korruption in der alten Eidgenossenschaft“ und beinhaltete Beiträge von vier Referent/innen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit (französischen) Pensionen auseinandersetzten. Während sich die erste Vortragende mit der Verteilung des Geldes als Themenkomplex innerhalb eines aufklärerischen Diskurses befasste, wechselten die nächsten drei Referent/innen in die Innenperspektive und diskutierten konkrete Beispiele eidgenössischer Akteure. SIMONA SLANICKA (Bern) fokussierte in ihrem Beitrag auf zahlreiche Voten aufklärerischer Staatstheoretiker in Bezug auf Demokratie und präsentierte die Französische Revolution als generellen „Antikorruptionsdiskurs“, welcher das Pensionswesen aufgrund seiner stabilisierenden Funktion innerhalb der „alten Oligarchien“ ablehnte. Das schleichende Ende des Pensionenwesens verortete Slanicka parallel zur sukzessiven Absetzung der alten Eliten in der nachrevolutionären Schweiz.

Im Gegensatz dazu deutete DANIEL SCHLÄPPI (Bern) in seinem Vortrag die französischen Pensionen in Zug nicht per se als Korruption, sondern vielmehr als Teil des Zuger Alltagslebens mit einer quasi selbstverständlichen Erwartungshaltung an die Distribution des Geldes. Anhand zahlreicher Beispiele legte Schläppi dar, dass Pensionen als „öffentliches, hochgradig symbolisches Handlungsfeld“ sowie als „Gemeingut“ verstanden werden können. Anstatt von Korruption könnte man auch, die „semantische Korsette“ überwindend, von Kompensation sprechen: So gesehen wird der in der Peripherie ausgeteilte Pensionenanteil zur Dividende für die Unterstützung des Patrons. Anstatt einer heimlichen Angelegenheit wurde in Zug das Austeilen der Jahrespensionen mittels eines Volkfestes begangen, und die Zuger Ratsprotokolle zeigen einen pragmatischen Umgang mit dem fremden Geld. Dementsprechend kann man die Pensionen auch als „Spielgeld des Rates“ verstehen, mit welchen – je nach Gutdünken und Relevanz – unter anderem neue Amtstrachten finanziert, offene Rechnungen beglichen und Spenden ausgeteilt werden konnten. Der Entzug der Pensionen konnte folgerichtig auch als Druckmittel und Sozialkontrolle eingesetzt werden. Interessanterweise können die Pensionen als Agens institutioneller Innovation betrachtet werden, denn die Pensionenlisten wurden offengelegt und in der Kanzlei archiviert.

Der dritte Referent ANDREAS AFFOLTER (Bern) befasste sich mit den Bedingungen und Ausprägungen klientelistischer Beziehungen zwischen eidgenössischen Akteuren und dem in Solothurn von 1716 bis 1726 tätigen französischen Ambassadoren D’Avaray. Dabei betonte Affolter die Asymmetrie dieser Beziehungen, welche in den Quellen semantisch greifbar ist, bezüglich sozialen Status und Ressourcen. Ein Klient konnte Einfach- oder Mehrfachbindungen zu einem Patron eingehen, wobei diese oft über mehrere Generationen gepflegt und ohne Ehrverlust nicht gekündigt werden konnten. Trotzdem war die Reziprozität keinesfalls immer gewährleistet und es kam in Einzelfällen zu Pensionenbezügen, obwohl die betreffende Klientel keine Gegenleistung erbrachte. Nicht alle Orte akzeptierten Patronagebeziehungen gleichermaßen; während in den katholischen Orten keine Maßnahmen zur Geheimhaltung der lokalen Magistraten-Gesandten Kommunikation existierten, wurde in Bern beispielsweise die Korrespondenz durch den Geheimen Rat überwacht, was zu Verschlüsselungstechniken führte.

Die zweite Sektion wurde durch den Beitrag von KATRIN KELLER (Zürich) abgerundet, die auf die Verteilung der Pensionen in Zug fokussierte. Die Familie Zurlauben verfolgte schon früh die Strategie, das lukrative und prestigeträchtige Amt des Pensionenausteilers als familieninterne Ressource zu halten: Über eine Zeitspanne von knapp 130 Jahren blieb das Amt in der Familie und ermöglichte eine äußerst breitenwirksame Bewirtschaftung ihrer lokalen Klientel. Anhand der komplett überlieferten Pensionsverteilungen aus dem Jahr 1670 konnte Keller einen Teil dieses Klientelsystems aufzeigen und in erarbeiteten Statistiken graphisch visualisieren. Dabei erhellte Keller die Komplexität des Pensionensystems und erläuterte die verschiedenen Arten von Pensionen.

Die dritte Sektion zum Thema „Frühneuzeitliches Soldgeschäft in- und ausserhalb der Eidgenossenschaft“ beschäftigte sich mit Ansätzen einer „neuen Militärgeschichte“, die sich in den letzten Jahren durch die Aufnahme von Konzepten und Strömungen aus der Kultur- und Sozialgeschichte erfolgreich erweitern und auffrischen konnte. In den Beiträgen nahmen demzufolge die Stellung der einfachen Söldner, die Fremden Dienste als Geschäftsmodell und die Familie als zentraler Handlungsrahmen für das solddienstliche Verwandtschaftsunternehmen eine wegweisende Rolle ein. In seinem als Keynote-Lecture konzipierten Vortrag widmete sich MARIAN FÜSSEL (Göttingen) den unterschiedlichen Rekrutierungspraktiken in Europa von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis zum Wiener Kongress und thematisierte dabei die Genese des stehenden Söldnerheers. Insbesondere stellte er – als spezifische Form der Rekrutierung – das Kantonsystem vor, das als Versuch gewertet werden kann, den Widerspruch zwischen stehendem Heer und Söldnerheer aufzuheben. Das besonders in Preussen, Hessen-Kassel und Österreich gebräuchliche System verpflichtete ein klar definiertes Gebiet („Kanton“) zur Lieferung einer bestimmten Anzahl von Männern für den Militärdienst, welche in Friedenszeiten in ihrem Heimatgebiet bäuerlichen Tätigkeiten nachgehen durften. Füssel plädierte dafür, das Kantonssystem weder als Modernisierungserscheinung noch als Vorform der allgemeinen Wehrpflicht zu interpretieren, sondern als genuin frühneuzeitliche, vormoderne Form der Rekrutierung und des Ausgleichs.

Im folgenden Referat präsentierten RUTH WÜEST (Aarau) und URSPETER SCHELBERT (Zug) den Bestand der „Acta Helvetica“ innerhalb der Zurlaubiana, der als Ausgangspunkt für die Tagung diente. Schelbert stellte überblicksartig die Familie Zurlauben vor, die seit der Einbürgerung des Geschlechts 1488 bis zu dessen Aussterben im Jahr 1799 die Geschicke des Kantons Zug maßgeblich mitbestimmte, bevor er sich deren schriftlichem Nachlass zuwandte. Die „Acta Helvetica“ wurden als disparater Aktenberg vorgestellt, der mehrmals – meistens jedoch erfolglos – das Ziel von Erschließungsarbeiten im 19. und 20. Jahrhundert war, bevor das jüngste Projekt von 1973 bis 2015 die Aufgabe schließlich meistern konnte. Im Folgenden skizzierte Wüest die neuesten Entwicklungen der „Acta Helvetica“ als Projekt der Digital Humanities, darunter deren digitale Erschliessung sowie Übertragung auf die sich noch in Arbeit befindliche Zurlaubiana-Website bis 2017.

Im ersten von drei auf die Familie Zurlauben fokussierten Beiträgen widmete sich NATHALIE BÜSSER (Zürich) dem Soldgeschäft als erblichem Verwandtschaftsunternehmen. In ihren Ausführungen zeigte sie auf, wie die Geschlechterforschung und die neuere Familienforschung neuartige Sichtweisen auf die Familie als multirelationales Geflecht und Teil eines komplexen Ressourcenpools ermöglichen. Einer durch genealogische Medien stark auf die männlichen Nachkommen fokussierten Patrilinearität der Familie Zurlauben stellte Büsser die Praxis der Eingebundenheit von Frauen in die kollektive Familienorganisation entgegen. Sie konnte zeigen, dass mehrere weibliche Mitglieder der Familie Zurlauben als Mitbesitzerinnen und Werberinnen auf zentrale Weise in das Soldgeschäft – das als wichtige Ressource im Rahmen des Familienbesitzes zu verstehen ist – eingebunden waren.

Ebenfalls mit bislang vernachlässigten Mitgliedern der Familie Zurlauben beschäftigte sich der anschließende Vortrag von DOMINIK SIEBER (Zürich). Viele Abkömmlinge schlugen eine kirchliche Laufbahn als Abt oder Äbtissin ein und Sieber zeigte anschaulich, wie sich die geistlichen Karrieren mit dem Solddienst ergänzten. Als Beispiel für seine Ausführungen diente das Kloster Rheinau, das mehrfach von männlichen Mitgliedern aus der Familie Zurlauben geleitet wurde. Besonders in Zeiten der personellen Knappheit in den Zurlauben’schen Kompanien setzten sich Äbte aus der Familie Zurlauben als Werber für die Auffüllung der familieneigenen Kontingente in französischen Diensten ein. Diese Verbindung zwischen Kirche und Militär demonstriert die Wichtigkeit der innerfamilialen Aufgabentrennung, wo Familienbesitz als Kollektiveigentum verstanden wurde.

Im letzten Referat der Sektion thematisierte PHILIPPE ROGGER (Bern) wirtschaftshistorische Aspekte des Solddienstunternehmertums, ausgehend vom Kompaniebesitz als wichtigster Einheit für die Unternehmenspolitik. Am Beispiel des Hauptmanns Beat Jakob II. Zurlauben illustrierte er die Notwendigkeit einer genauen Buchführung über Einnahmen sowie Ausgaben einer Kompanie und konnte aufzeigen, wie für ein erfolgreiches Bewirtschaften finanzielle Ressourcen und gute Beziehungen zu liquiden Partnern nötig waren. Hervorgehoben wurde auch die Bedeutung der Familie als wirtschaftlicher Solidarverband, der für die Minimierung des ökonomischen Risikos – unter anderem durch die Möglichkeit einer intergenerationellen Verschiebung von Schulden – wichtig war.

In einem zweigeteilten Schlusskommentar wurden abschließend die beiden übergeordneten Konzepte Klientelismus und Korruption auf einer theoretischen Ebene diskutiert. Im ersten Teil ging ULRICH PFISTER (Münster) auf die wichtigsten Eckpunkte des Klientelismus als Praxis ein. Eingangs betonte er die Wichtigkeit einer klaren Bestimmung des Begriffs und hob dabei neben den gängigen definitorischen Merkmalen des Klientelismus die multiplexen Beziehungen im Sinne von „Interlocking Markets“ sowie den allgemein sehr breiten Interaktionsrahmen des Patron-Klient-Verhältnisses hervor. Als Variablen dieser Beziehungsform nannte Pfister die Unterschiede in der vertikalen Tiefe, das Ausmaß der Konkurrenz um knappe Güter und als letzten Punkt die bislang zu wenig erforschte Gesamtheit der jeweils in die Klientelbeziehung miteinbezogenen Gütern; zu Recht wies er darauf hin, dass gerade Art, Umfang und Gegenstand des Gütertauschs oftmals nur schwierig zu bestimmen sind. Als strukturelle Nachbarschaft des Klientelismus machte Pfister die Spezifizierung von Verpflichtungen, die Verwandtschaft und schließlich die Korruption als Praxis fest. Zum Schluss wurden die Faktoren genannt, die den Klientelismus einhegten und begrenzten: Dazu gehörten der Wegfall von manipulierbaren Gütern, die Delegitimierung von Klientelismus als Korruption sowie der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel und die damit einhergehende Entstehung von alternativen politischen Aggregationsformen und die Entflechtung sowie Ausdifferenzierung der Märkte.

Im Anschluss daran widmete sich NIELS GRÜNE (Innsbruck) der Ebene der Wahrnehmung, Bewertung und Zuschreibung von Patronage und Korruption. Beide Termini dienten in klientelären Netzwerken situativ als Etikettierung von Legitimität beziehungsweise Devianz, gezielt gekennzeichnet durch den Modus der gewählten Semantik. Aufgrund der Unschärfe der Patronagebeziehungen und mangels unmittelbarer Sanktionsmöglichkeiten entstand ein erhöhter Bedarf an kommunikativen Mitteln, die als regulatives Element eingesetzt werden konnten. Im Diskurs konnten sowohl soziale Normen mit individuellem Bezug (z.B. Verwandtschaft) sowie Normen das Gemeinwohl betreffend eingesetzt und rhetorisch inszeniert werden. Diese zwei Normenkomplexe konnten koexistieren, bargen aber auch Konfliktpotential und Konkurrenz. So konnte Patronage sowohl als legitime Teilhabe an gemeinen Ressourcen, als auch als eigennützige Bedienung der Eliten verstanden werden. In diesem Zusammenhang warf Grüne die wichtige Frage auf, inwiefern die einzelnen empirischen Ergebnisse der transnationalen Klientelismusforschung als übergeordnete Referenzen dienen können, oder ob nicht doch die Disparität der politischen Kulturen im Umgang mit klientelistischen Praktiken überwiege. Mit Blick auf die Eidgenossenschaft stellt sich beispielsweise die Frage, ob im Unterschied zur vertikalen Praxis einer Monarchie die genossenschaftlich-korporative Variante der Patronage grundsätzlich – in der Innenschau – eine grössere Legitimitätskraft besass. Um 1700 verdichtete sich die Kritik an klientelären Beziehungen, was aber keinesfalls einen Systemwechsel zur Folge hatte. Vielmehr verschoben sich die Grenzen der öffentlichen Sagbarkeit und der Druck zur Geheimhaltung von Beziehungen und Praktiken stieg.

Konferenzübersicht:

Begrüssung
Andrea Voellmin (Bibliothek und Archiv Aargau) ; Bruno Meier (ehem. Kommission zur Erschliessung der Acta Helvetica)

Einführung
Kaspar von Greyerz (Basel)

Erste Sektion: Freundschaft, Patronage, Korruption – Europäische Perspektiven
Vorsitz: André Holenstein (Bern)

Lothar Schilling (Augsburg): Patronage im frühneuzeitlichen Frankreich

Birgit Emich (Erlangen): „Der Hof ist die Lepra des Papstums“ (Papst Franziskus): Patronage und Verwaltung an der römischen Kurie der Frühen Neuzeit

Robert Bernsee (Göttingen): Korruption und personale Verflechtung in Bayern und Preussen am Ende des 18. Jahrhunderts

Zweite Sektion: Klientelismus und Korruption in der alten Eidgenossenschaft
Vorsitz: Kaspar von Greyerz (Basel)

Simona Slanicka (Bern): Korrupte Eliten? Der Blick aufklärerischer Staatstheoretiker auf das politische System des eidgenössischen Ancien Régime

Daniel Schläppi (Bern): Fremdes Geld im Land kann allerhand. Korruption oder Distribution, Gratifikation, Innovation, Konsumtion, Legitimation und Manipulation

Andreas Affolter (Bern): Spielarten klientelistischer Beziehungen zwischen französischen Ambassadoren und Eidgenossen

Katrin Keller (Zürich): Die Verteilung französischer Pensionen in Stadt und Amt Zug am Beispiel der Zurlauben (ca. 1640er bis 1720er Jahre)

Podiumsdiskussion „Korruption im 21. Jahrhundert“
Moderation: Susanne Brunner (Zürich)
Mark Pieth (Basel) / Valentin Groebner (Luzern) / Lucy Koechlin (Basel) / Phil. Gerhard (Bern)

Dritte Sektion: Frühneuzeitliches Soldgeschäft in- und ausserhalb der Eidgenossenschaft
Vorsitz: Andreas Würgler (Genf)

Marian Füssel (Göttingen): Keynote: Stehende Söldner-Heere? Europäische Rekrutierungspraktiken im Vergleich (1648–1815)

Ruth Wüst (Aarau) / Urspeter Schelbert (Zug): Die Metamorphose eines Archivs. Die Zurlaubiana geht online

Nathalie Büsser (Zürich): Klare Linien und komplexe Geflechte: Die Zurlauben’sche Familienorganisation und das Soldgeschäft als erbliches Verwandtschaftsunternehmen.

Dominik Sieber (Zürich): In der kirchlichen Etappe. Eigene Geistliche, fromme Geschenke und das Soldgeschäft der Zurlauben (1. Hälfte 18. Jahrhundert)

Philippe Rogger (Bern): Kompaniewirtschaft, Verflechtungszusammenhänge, familiale Unternehmenspolitik - Die Zurlauben als Militärunternehmer auf den eidgenössischen Gewaltmärkten um 1700

Ulrich Pfister (Münster) / Niels Grüne (Innsbruck): Schlusskommentar

Zitation
Tagungsbericht: Klientelismus, Korruption und Soldgeschäfte in der Frühen Neuzeit. Tagung zum Abschluss der Erschliessung der Acta Helvetica der Zuger Familie Zurlauben, 28.10.2016 – 29.10.2016 Aarau, in: H-Soz-Kult, 03.02.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6970>.