Neuere Tendenzen der umweltgeschichtlichen Forschung

Ort
Göttingen
Veranstalter
Graduiertenkolleg Interdisziplinäre Umweltgeschichte, Georg-August-Universität Göttingen
Datum
02.12.2004 - 03.12.2004
Von
Richard Hölzl, Göttingen; Isabelle Knap, Göttingen; Mathias Mutz, Göttingen

Seit dem 1. Juli 2004 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft an der Georg-August-Universität Göttingen das Graduiertenkolleg 1024 „Interdisziplinäre Umweltgeschichte“. Anläßlich der Eröffnung fand am 2. und 3. Dezember 2004 in der Abteilung Historische Anthropologie und Humanökologie in Göttingen ein Workshop mit dem Titel „Neuere Tendenzen der umweltgeschichtlichen Forschung“ statt. Die vier eingeladenen ReferentInnen Verena Winiwarter (Wien), Günter Bayerl (Cottbus), Joachim Radkau (Bielefeld) und Rolf Peter Sieferle (St. Gallen) setzten sich in jeweils einstündigen Beiträgen mit Epochenbildung, mit heuristischer Modellbildung und deren praktischer Umsetzung sowie mit konzeptionellen Entwürfen interdisziplinären Arbeitens im Bereich der Umweltgeschichte auseinander. Die den Beiträgen folgenden Diskussionen wie auch die abschließend veranstaltete Gesprächsrunde aller TeilnehmerInnen veranschaulichten eindrucksvoll den gemeinsamen Diskussionszusammenhang und die gemeinsame, obschon facettenreiche Perspektive Forschungsfeldes Umweltgeschichte.

Joachim Radkau leitete seinen Beitrag denn auch mit der Frage nach der Existenz eines speziell der Umweltgeschichte eigenen Gegenstandes ein, um diese dann vorsichtig zu verneinen. Umweltgeschichte zeichne sich vor allem durch eine spezielle Perspektive, durch Fragestellungen und Hypothesen gegenüber Untersuchungsgegenständen aus, die sie mit einer Reihe von Nachbarfächern teilt, so etwa der Sozialgeschichte, der historischen Geographie oder der Paläobiologie. Joachim Radkau betonte zunächst die Bedeutung der Anschlußfähigkeit an allgemeinhistorische Prozesse und Strukturen. Aufgrund ihrer speziellen Fokussierung auf die Mensch-Umweltbeziehung und ihrer langfristigen Untersuchungszeiträume seien für die Umweltgeschichte Epochenbildung und Periodisierung zentral. Dabei sprach er sich in Abgrenzung zu dem Begriff der ‚ökologischen Revolution’, der von Carolyn Merchant in die Diskussion eingebracht wurde, dafür aus, evolutionäre Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt herauszustellen.[1] Als Beispiel könne hier der Urbanisierungsprozeß gelten, der auch zeige, daß ein Evolutionsmodell nicht notwendig zu harmonistischen Interpretationsmustern führe. Radkau stellte sodann einen institutionellen Ansatz als Gliederungsprinzip vor, den er in seiner Weltgeschichte der Umwelt „Natur und Macht“ bereits erfolgreich anhand von Wasserbau- und Waldbewirtschaftungsregimen und der zugrundeliegenden sozialen Verfaßtheiten angewandt hatte.[2] Im Rückgriff auf Max Weber schlug Joachim Radkau vor, diesen institutionellen Ansatz durch eine mentalitätsgeschichtliche Perspektive zu ergänzen, die den „Wandel der menschlichen Natur“, wie ihn Weber in seiner Protestantischen Ethik beschrieben hatte, miteinbeziehe. Die Bedeutung dieser Denkfigur für die Umweltgeschichte illustrierte Radkau am Beispiel der Interaktion von Urbanisierung, der Zunahme ‚neurasthenischer’ Erkrankungen und der beginnenden Naturschutzbewegung in Deutschland nach 1880. Als interdisziplinäre Komponente eines umfassenden umwelthistorischen Gliederungsprinzips forderte Joachim Radkau ein Modell ökologischer Kettenreaktionen ein, so daß sich ein triadisches Schema interagierender Prinzipien ergab: Aneinander gekoppelt bilden gesellschaftliche Institutionen und technologische Möglichkeiten (1), ökologische Kettenreaktionen (2) und schließlich der „Wandel der menschlichen Natur“ (3), die Fundamente eines heuristischen Dreiecks, das eine ganze Reihe neuer Fragestellungen für die Umweltgeschichte ermöglichen könnte. Die von Radkau vorgeschlagene Triade würde möglicherweise zur Integration historisch-anthropologischer Aspekte führen, wie sie, so Radkau, etwa in der Jagdgeschichte zu finden seien.

„Auf dem Boden der Tatsachen?“, so lautete der provokante Titel des Vortrags von Verena Winiwarter, die den Workshop-TeilnehmerInnen neben einem Einblick in ihre Forschungen zur Umweltgeschichte der Böden vor allem ein theoretisches Modell der Interaktion von Mensch, Natur und Kultur vorstellte.[3] Ausgehend von einer Definition, der zufolge Umweltgeschichte versuche, nicht-anthropozentrische Narrative der Interaktion zwischen Natur und Gesellschaft bereitzustellen, gelte es, die umweltgeschichtliche Forschung vor allem aus interdisziplinärer Perspektive zu begreifen. Hierfür sei wiederum, was besonders an der Geschichte des Bodens deutlich werde, ein tragfähiges Modell der Interaktion von Natur und Kultur nötig. An der Schnittstelle dieser beiden Systeme agiere der Mensch, bzw. die biophysikalischen Strukturen der von ihm konstituierten Gesellschaften. Am Beispiel des Bodens machte Winiwarter nun deutlich, wie in einem ständig rückgekoppelten Prozeß der Mensch Arbeit an der Natur verrichte (1), andererseits (Sinnes-)Erfahrungen aus ihr ableite (2), die Natur wiederum als Repräsentation in den Bereich Kultur überführe (3) und aus der Kultur schließlich neue Programme der Bearbeitung des Bodens an die Natur herantrage (4). Zugleich würden gerade sinnliche Erfahrungen der Natur durch kulturelle Konzepte gefiltert. Beispielsweise wies der Kulturtheoretiker Thompson den Einfluß unterschiedlicher Naturkonzepte auf den Lebensstil nach.[4] Gebremster Wettbewerb und ein symmetrisches System gesellschaftlicher Transaktion etwa treten häufig mit einer egalitären Konzeption von Natur auf, die letztere in einem Zustand des prekären Gleichgewichts wahrnehme. Schließlich sei bei der Betrachtung von Repräsentationen von Natur und Programmen zum Umgang mit ihr in Texten und Bildern der ‚gesellschaftliche Kontext’ entscheidend. So wurden in spätmittelalterlichen Buchillustrationen Berge als gefrorene Flammen dargestellt, was sich durch zeitgenössische Theorien zur Entstehung von Gebirgen erklärt. Ausweis der didaktischen Fähigkeiten der Referentin war schließlich der Versuch, die Geschichte des Bodens aus der Sicht eines Tausendfüßlers darzustellen, deren Epochen z. B. vom Zeitalter des bloßen Fußes zum Zeitalter des Grabstocks, oder vom Zeitalter der Drillmaschinen zum Zeitalter des Traktors wechselten. Zusammenfassend betonte Verena Winiwarter ausdrücklich, daß eine Geschichte des Bodens notwendigerweise interdisziplinär sein müsse, daß sie eine Geschichte der Wahrnehmungen, Interpretationen und Programme brauche, die eine größtmögliche Vielfalt an Kontexten des Bodenwissens voraussetze, daß sie sich kritisch auf aktuelle umweltpolitische Diskussionen beziehen müsse und daß endlich die womöglich nicht-anthropozentrische Form der Erzählung entscheidend sei.

Im dritten Vortrag setzte sich Rolf Peter Sieferle mit dem unterschiedlichen Umgang mit natürlichen Ressourcen in verschiedenen Gesellschaftstypen auseinander. Dabei unterschied er drei Typen von Gesellschaften, die es in der Menschheitsgeschichte bis heute gegeben habe. Die Frage, ob diese Gesellschaften bei ihrem Umgang mit den natürlichen Ressourcen nachhaltig gewirtschaftet haben, spielt dabei eine wichtige Rolle. Die unterschiedlichen Energieversorgungssysteme nannte Sieferle sozialmetabolische Regime.[5] Der erste Gesellschaftstyp, den Sieferle benennt, sind die Jäger und Sammler. Diese Gesellschaften, die sich vor mehreren 100.000 Jahren formierten, haben sich mehr oder weniger passiv in existente Solarenergieflüsse eingeschaltet, ohne zu versuchen, diese Flüsse zu kontrollieren. Da diese Gesellschaften keine Materialienmengen von nennenswerten Größenordnungen förderten und umsetzten, kam es nicht zu Deponieproblemen. Lediglich im Bereich der Biodiversität ereigneten sich teilweise dramatische Rückgänge, da Völker, die von der Jagd leben, prinzipiell in der Lage sind, ihre Beute zu überjagen und auszurotten. Der zweite Gesellschaftstyp ist die Agrargesellschaft. Das Zeitalter der Agrargesellschaften begann vor etwa 10.000 Jahren, und zwar unabhängig voneinander an verschiedenen Stellen der Erde. Vor etwa 200 Jahren ging diese Phase zu Ende, wobei manche Elemente dieses Gesellschaftstyps bis ins 20. Jahrhundert hinein anzutreffen sind. In den ersten drei- bis fünftausend Jahren dieses Zeitabschnitts gab es eine sehr große evolutionäre Dynamik, wobei sich verschiedene agrarische Zivilisationen herausbildeten. In den letzten 5.000 Jahren hat dieser Gesellschaftstyp sich wenig verändert und ist in sich relativ stabil geblieben. Die Agrargesellschaften haben versucht, die Solarenergieflüsse zu kontrollieren. Erstens taten sie dies, indem sie sich in natürliche Ökosysteme, vor allem die der Vegetation, einschalteten und diese so umgestalteten, daß sie den größten Nutzen von den gewonnenen Flächen hatten (z.B. bei der Nutzung der Wälder und in der Landwirtschaft). Zweitens hat man mechanische Geräte benutzt, die auf Wind- und Wasserkraft ausgerichtet waren. Auch wenn man den Umfang der Energieströme nicht ändern konnte, hat man versucht, die Nutzung zu vergrößern und zu verbessern, etwa durch das Segelschiff (Transport) und die Wassermühle. Allerdings war die dauerhaft verfügbare Energiemenge äußerst gering. Die Agrargesellschaften hatten ständig mit Energiemangel und Knappheit zu kämpfen, was dazu geführt hat, daß sie zwangsläufig nachhaltig wirtschaften mußten. Vor ca. 200 Jahren wurde das Problem der Energieknappheit mit dem Beginn des industriellen Zeitalters „gelöst“. Die Erschließung von fossilen Energieträgern (Kohle, Erdöl, Erdgas etc.) ermöglichte zum ersten Mal die Entwicklung und Umsetzung von Wirtschaftsweisen, die vom Problem der Energieknappheit weitgehend abgekoppelt schienen. Ein Kernpunkt dieses sozialmetabolischen Prozesses beruht jedoch auf dem Verbrauch einer endlichen Menge von Ressourcen und ist damit also prinzipiell nicht nachhaltig. Dieser Zeitabschnitt ist noch lange nicht abgeschlossen. Im Moment befinden wir uns mitten in diesem Übergangsprozeß, den Sieferle die industrielle Transformationsgesellschaft nannte. Einer der gravierendsten „Nebeneffekte“ dieses Prozesses sind die Pollutions- und Deponieprobleme und die drohende Knappheit der Ressourcen. Die Umweltzerstörung führt weiter zu einer global rasant abnehmenden Biodiversität, die durch die dramatische Zunahme der Weltbevölkerung noch gesteigert wird. Die Frage, wohin die sogenannte Transformationsgesellschaft führen wird, ist unklar. Was wir brauchen, ist ein nachhaltiges System, das man dauerhaft betreiben kann. Inwiefern dies ein utopisches Konzept ist, wird die Zukunft zeigen.

Im vierten und letzten Vortrag schlug Günter Bayerl, angeregt durch seine Beschäftigung mit dem (Industrie-)Kulturlandschaftswandel in der vom Braunkohlebergbau geprägten Niederlausitz vor, aus der Perspektive der Deindustrialisierung zu neuen Bewertungen der Industrialisierung zu kommen.[6] Ausgehend von seinen Forschungsthesen zu Industrieller Evolution und Ökonomisierung von Natur im 18. und 19. Jahrhundert skizzierte er ein Entwicklungsmodell, nach dem Landschaft durch gesteigerten Zugriff auf Natur seit der Entstehung des klassischen Industriesystems zunehmend zu technologischen Habitaten in Form von Industrierevieren und Ballungsräumen oder sanierter und regulierter ‚Quasi’-Natur verwandelt worden sei. Dabei forderte Bayerl von der umweltgeschichtlichen Forschung eine stärkere Beachtung der speziellen Erfahrungen Ostdeutschlands vor und nach der Wende, wobei er auch auf das Phänomen eines Umweltschutzes durch Stillstand aufgrund von Industriestilllegung und Bevölkerungsabwanderung verwies. Gleichzeitig betonte er die Notwendigkeit fundierter vergleichender Arbeiten etwa zu den altindustriellen Regionen der alten Bundesrepublik und den deindustrialisierten Gebieten in den neuen Bundesländern. Bayerl stellte schließlich den Wandel der Kulturlandschaft als einen möglichen ‚harten Kern’ der Umweltgeschichte in den Mittelpunkt seiner Forschungsanregungen. Hierzu bediente er sich eines pragmatischen heuristischen Modells, welches empirische Studien in einem Dreieck aus „natürlichem Dargebot“ – „Technologie“ – „Mensch“ verortet.

Die vom DFG-Graduiertenkolleg „Interdisziplinäre Umweltgeschichte“ als Veranstalter erhoffte methodische und inhaltliche Einführung in die neueren Tendenzen der Umweltgeschichte erwies sich Dank kompetenter ReferentInnen als großer Erfolg. Den TeilnehmerInnen wurden nicht nur anschlußfähige theoretische Modelle vorgestellt. Sie erhielte von den ReferentInnen auch wertvolle Hinweise für den praktischen Einstieg in die umwelthistorische Forschung.

Anmerkungen:
[1] Carolyn Merchant, Ecological Revolutions: Nature, Gender, and Science in New England, Chapel Hill 1989.
[2] Joachim Radkau, Natur und Macht – Eine Weltgeschichte der Umwelt, München 2000.
[3] John McNeill und Verena Winiwarter, Breaking the Sod. Humankind, History and Soil, in: Science 304 (2004), S. 1627-1629.
[4] Michael Thompson, Richard Ellis und Aaron Wildavsky, Cultural Theory, Boulder 1990.
[5] Rolf Peter Sieferle, Nachhaltigkeit in universalhistorischer Perspektive, in: Wolfram Siemann und Nils Freitag (Hrsg.), Umweltgeschichte. Themen und Perspektiven, München 2003, S. 39 – 60.
[6] Günter Bayerl, Kulturlandschaften – Erbe und Erblasser: Die Niederlausitz als bedeutsames Erbe?, in: Deutsche UNESCO-Kommission e.V. / Brandenburgische Technische Universität Cottbus (Hrsg.): Natur und Kultur. Ambivalente Dimensionen unseres Erbes. Perspektivenwechsel / Nature and Culture. Ambivalent Dimensions of our Heritage. Change of Perspective, Cottbus 2002.

Kontakt

DFG-Graduiertenkolleg 1024 „Interdisziplinäre Umweltgeschichte“
Prof. Dr. Bernd Herrmann
Abteilung Historische Anthropologie und Humanökologie
Institut für Zoologie und Anthropologie
Bürgerstraße 50
37073 Göttingen

Tel. 0551-393639, Fax. 0551-393645
E-Mail: anthro@gwdg.de

Zitation
Tagungsbericht: Neuere Tendenzen der umweltgeschichtlichen Forschung, 02.12.2004 – 03.12.2004 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 06.02.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-698>.
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Veröffentlicht am
06.02.2005
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